Ausgabe 2023/1

Den Frieden befreien. Schritte in die Aktivität

Text und Bild : Dolores Zoé Bertschinger / 01.06.2025

Ich erinnere mich nicht, wie, wann und durch wen genau ich vom Überfall der russischen Armee auf die Ukraine erfahren habe. Aber an die Gefühle, die mich selbst im Februar 2022 befielen und die ich mit meinen feministischen Freundinnen teilte, erinnere ich mich noch ganz genau: Ohnmacht, Ratlosigkeit und dann Apathie – eine Apathie, die sich auch durch die Demonstrationen, Sammelaktionen und Gespräche, die den Frühling prägten, lange nicht auflöste. Am 26. Februar malte meine Freundin Lou-Salomé Heer an das Fenster des FrauenZentrums/der fraum eine schwungvolle Friedenstaube. Darunter klebte sie eine Kopie des Einbands von „Friedfertig und widerständig“ (2006), dem Buch über die Frauen für den Frieden Schweiz. (Siehe Bild)

In unserem Gruppen-Chat reagierte ich auf ihr Foto so: „Mega gut, dass du den Faden zur Frauenfriedensbewegung spannst! In diesen apathischen Tagen hab ich tatsächlich irgendwann gedacht: ‘Und was machen wir jetzt? Wir müssen wieder bei der WILPF und den Frauen für den Frieden ansetzen und lernen, wie diese Frauen sich engagiert, vernetzt, einander getröstet und ermutigt und Kraft geschöpft haben!’“ WILPF steht für „Women’s International League for Peace and Freedom“.

Gesagt, getan. Laura Lots, Léa Burger und ich liefen an einem Freitagabend im März zielstrebig über den Fraumünsterplatz und stellten uns zu den Frauen für den Frieden, die dort noch immer alle zwei Wochen für den Frieden schweigen und Flugblätter verteilen. Im öffentlichen Raum eine Viertelstunde lang zu schweigen, war ein spezielles Erlebnis. Gegenüber den vielen Geräuschen von schnatternden Tourist:innen, quietschenden Autoreifen und Fahrrädern, die über die Pflastersteine schepperten, wurde das gemeinsame Schweigen zu einer radikalen, ja extremen Praxis, die mich beeindruckte.

Über diese Form des Protests und der Praxis für den Frieden wollten wir mehr erfahren und luden zu einem öffentlichen Austausch mit den Frauen für den Frieden und den Frauen der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) in Zürich. Ein Anfang war gemacht.

Eine Entdeckung: Frieden als zentrales Anliegen

In den Folgemonaten beschäftigte ich mich eingehender mit den Frauen für den Frieden: Ich las in der Autobiographie von Marga Bührig, einer ihrer Mitbegründerinnen, und ich staunte über die Vielfalt ihrer Projekte, die alle im Buch „Friedfertig und widerständig“ dokumentiert sind. Ich führte ein langes Gespräch mit Agnes Hohl, der langjährigen Präsidentin der Frauen für den Frieden, und besuchte einen Austausch mit ihr und Caroline Krüger, einer der Frauen vom Labyrinthplatz, der in Zürich mitten in der ehemaligen Kaserne liegt. Langsam dämmerte es mir: Frieden war schon immer eines der zentralen Anliegen der Frauenbewegung gewesen und war es immer noch. Warum war mir das nie aufgefallen? Warum brauchte es für mich den Krieg in der Ukraine, um das zu entdecken?

Während meines Studiums an der Universität Zürich ab 2009 engagierte ich mich an der Autonomen Schule Zürich (ASZ) in der Bildungsarbeit und der Migrationspolitik. 2013 gründete ich an der Theologischen Fakultät eine Feministische Lesegruppe und wählte eigenhändig Schriften und Reden von Clara Zetkin aus, einer der „Urmütter“ der Frauenfriedensbewegung. Aber weder bei der ASZ noch beim Lesen von Zetkins Texten stand für mich der Frieden im Fokus. Später lernte ich die Frauen vom Labyrinthplatz kennen und ich führte mit anderen zusammen in der fraum* die Gesprächsreihe durch: „Sie zum Beispiel – Frauen machen Geschichte(n) – jetzt!“. Nie, aber wirklich nie hat mich in diesem Zusammenhang das Thema Frieden interessiert. Wahrscheinlich war der Frieden schon irgendwie da, nämlich als Selbstverständlichkeit: So wie sich all die Frauen, deren Texte ich las und deren Lebensgeschichten ich hörte, feministisch engagierten, Bücher schrieben, sich weltweit vernetzten und Kinder grosszogen, so engagierten sie sich halt auch für den Frieden. Etwas ganz Normales, Alltägliches.

Plötzlich den Frieden sehen und hören

Was aber genau ist passiert, dass mit dem Ukrainekrieg der Friede seine Selbstverständlichkeit verlor, dass ich zusammen mit meinen feministischen Freundinnen neu herausfinden musste, was er eigentlich bedeutet? Diese Verschiebung, die eine (erneute) Suche notwendig machte, erläutert die italienische Philosophin Chiara Zamboni in ihrem Buch „Denken in Präsenz“ (2013). Ihre Erklärung setzt bei der Alltagssprache an, in der wir alle denken. Ihres Erachtens gibt es Momente, in denen „sich die Worte und die Realität, die bis zu diesem Augenblick aufeinander verwiesen haben, nicht mehr entsprechen. Die sprachlichen Gewohnheiten, die als Brücke gedient haben, sind unwirksam geworden. Etwas aus dem Gewebe des Realen bleibt stumm und dunkel.“

Wenn sich eine solche Divergenz von Sprache und Realität ergibt, wird es notwendig, „neu über die Bedeutung von Begriffen nachzudenken, die wesentlich für unser Leben sind, wie ‘Zeit’, ‘Subjektivität’, ‘Existenz’, ‘Politik’ und so weiter.“ Dieser Aufzählung kann ich nach der Erfahrung des Frühlings 2022 den Frieden hinzufügen. Frieden ist absolut wesentlich für unser Zusammenleben, aber in der Regel fragen wir nicht genauer nach, was er für unser je individuelles Leben – unseren Alltag – bedeutet. Mit dem Ukrainekrieg war etwas geschehen, „für das zwar durchaus Worte in der Sprache zur Verfügung stehen, für das es aber trotzdem keine Worte zu geben scheint.“ Mit dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine verschoben sich also, um mit Chiara Zamboni zu denken, die Worte und die Realität, die bis zu diesem Augenblick für mich ganz selbstverständlich aufeinander verwiesen hatten.

Tatsächlich merkten wir feministischen Freundinnen im Februar, wie wir um Worte rangen, um diese neue Realität zu beschreiben – ganz aktuell tun wir das auch wieder aufgrund der feministischen Revolution im Iran. Mit Hannah Arendt meint Zamboni, dass Denken immer dann nötig wird, wenn wir in Ereignisse verwickelt werden, die uns gefangen nehmen und aus denen wir uns dann wieder herausarbeiten müssen: „Das Denken ermöglicht die Befreiung eines Begehrens, das sonst von sich aufdrängenden Vorstellungswelten blockiert bliebe, die durch Geschehnisse hervorgerufen wurden, die die Seele verdunkeln.“

Auch wenn ich hier in Zürich nicht direkt vom Krieg betroffen war und bin, so hat der Angriff der russischen Armee auf Menschen, Infrastruktur und Militär der Ukraine doch meine Seele verdunkelt. Für einige – zugegebenermassen wenige – Tage hing ich dauernd am Handy, las und hörte Nachrichten (hingegen schaute ich bewusst keine) und konnte mich kaum mehr aus der medialen Berichterstattung über diesen Krieg befreien. Dieses Gefangensein äusserte sich in der Apathie, die ich damals gegenüber meinen Freundinnen benennen konnte.

Aber die fernen kriegerischen Realitäten in der Ukraine waren nicht die einzigen, die sich uns aufdrängten. Am 4. März teilte Lou-Salomé in unserem Chat den Link zu einer Botschaft des Bundesrates, der unter anderem eine „bedarfsorientierte Wehrpflicht“ für Frauen prüfe. Auch aus dieser ganz nahen militärischen Politik mussten wir einen Ausweg finden. Das Gespräch mit den Frauen für den Frieden und der WILPF war unser Anfang, uns aus der Enge, die unser Denken blockierte, herauszuarbeiten und den Frieden aus seiner militaristischen Festschreibung zu befreien.

Frieden ist keine Antithese zum Krieg

Von den italienischen Differenzfeministinnen, zu denen auch Chiara Zamboni gehört, habe ich gelernt, „grosse“ Begriffe wie „Politik“, „Begehren“ oder „Freiheit“ im Gespräch und im Zusammendenken mit anderen Frauen für mich neu zu bestimmen. Dank der Anregung der Friedensfrauen und dem Austausch mit meinen feministischen Freundinnen ist 2022 der Begriff „Friede“ zu diesen hinzugekommen. Dank ihnen habe ich gelernt, den Frieden von unserem alltäglichen Leben und unserer feministischen Praxis her zu verstehen – und nicht als etwas Theoretisches, Idealistisches, Utopisches, als Antithese zum Krieg, der so vielen Menschen aufgezwungen wurde und wird.

Dank ihnen sehe ich heute, wie stark Friede den Herzschlag der Frauenbewegung auch bei uns immer noch bestimmt. „Ni una menos“ ist eine Bewegung gegen Femizide und Gewalt an Frauen – und also für den Frieden. In einer durchorganisierten Stadt wie Zürich einen so schönen, langlebigen, sozial offenen Ort zu gestalten wie den Labyrinthplatz, ist ein Engagement für ein friedliches Miteinander. Kinder lehren, mit Enttäuschungen, Frustration und Konflikten konstruktiv umzugehen, ist ein ganz alltäglicher Einsatz für den Frieden.

Frauen wie wir, die an die jahrtausendealte Frauenfriedensarbeit anknüpfen wollen, tun das auch heute noch manchmal mikroskopisch klein und alltäglich, sodass wir es selber kaum bemerken, manchmal unter dem Einsatz all unserer Geduld und Nerven, manchmal mit Musik, Tanz, Lust und Freude und manchmal mit lauten Stimmen voller Wut und Mut. Das ist der Friede der Frauen, den ich im Frühling 2022 entdeckt habe. Im Herbst 2022 ging ich mit meinen Freundinnen wieder an eine Demo, diesmal zur Unterstützung der feministischen Revolution im Iran. Und auch wenn ich dort auf der Strasse aus vollster Überzeugung „Frauen, Leben, Freiheit!“ rief, so sang es innerlich doch in mir: „Frauen, Frieden, Freiheit!“

Literatur

Zamboni, Chiara: Denken in Präsenz. Gespräche, Orte, Improvisationen, Rüsselsheim: Christel Göttert 2013.