Bei uns zu Hause steht ein alter Ordner aus dem Jahr 1983. Kürzlich habe ich ihn wieder entdeckt. Der Ordner enthält etliche Dokumente zum Thema Kriegsdienst, unter anderem ein Schreiben an den Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer beim Kreiswehrersatzamt in Süddeutschland. In einem mehrseitigen Brief hat damals ein Gymnasiast seine persönlichen Gewissensgründe dargelegt, warum er den Kriegsdienst verweigern wollte. Das Schreiben ist voller Bibel-Zitate, Stellen aus dem Buch Genesis und Exodus, aus dem Buch Jesaja, aus dem Matthäusevangelium und aus dem Römerbrief. Mit den Bibelzitaten wollte der Schüler erklären, dass ihm der Waffengebrauch nicht möglich war. Eines der Bibelzitate war die siebte Seligpreisung der Bergpredigt: «Selig, die Frieden stiften – sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.» (Matthäus 5,9) Als Christ, schrieb der Schüler, bin ich von Christus dazu aufgerufen, Frieden zu stiften.
Frieden sichern
So fremd mir ein solcher Umgang mit Bibelversen ist, bin ich dennoch beeindruckt. Für diesen Schüler damals war die Bibel das Fundament, auf dem er ging. Die Bibelverse sagten ihm, was richtig war und was falsch und wie er seine Lebensentscheidungen fällen sollte. In dem alten Orden befinden sich allerdings noch ganz andere Dokumente: Merkblätter und Broschüren der Bundeswehr, ebenfalls aus dem Jahr 1983. Sie wurden damals an alle Schüler wehrpflichtigen Alters verschickt. Ein handliches grünes Heftchen, flott geschrieben für die damalige Zeit, legte dar, warum sich die Bundesrepublik Deutschland für die allgemeine Wehrpflicht entschieden hatte und zwar aus dem einzigen Grund, den Frieden zu sichern. Damals war das Ende des Kalten Krieges noch nicht absehbar. «Frieden kann zur Zeit nur auf der Grundlage militärischen Gleichgewichts erhalten werden», heisst es in der Broschüre. «Jeder andere Weg würde dieses Ziel verfehlen und könnte in einer Katastrophe enden.»
Eine christliche Haltung
Die Unterlagen der Bundeswehr katapultieren mich zurück ans Ende meiner eigenen Schulzeit. «Gehst du zum Bund?», fragten sich die Jungs untereinander. «Oder machst du Zivildienst?» Die meisten meiner Schulfreunde hatten vor, Zivildienst zu machen. Doch es gab auch Schulkollegen, die sich für die Bundeswehr verpflichteten, und manche dieser Kollegen taten dies aus einer christlichen Haltung heraus. Die Wehrpflicht stand für sie vollkommen in Einklang mit ihren christlichen Werten. «Christsein» allein war damals keinesfalls ausschlaggebend dafür, wie sich junge Leute in Westdeutschland der Wehrpflicht gegenüberstellten. Dieselben Bibelverse, die in den Anträgen zur Kriegsdienstverweigerung zitiert wurden, konnten auch ganz anders gedeutet werden. Sogar die Seligpreisung der Friedensstiftenden konnte so und so interpretiert werden. Ja, vielleicht sind wir als Christen aufgerufen, den Waffengebrauch zu verweigern, aber vielleicht ist es ja auch gerade umgekehrt: Vielleicht, höre ich die Stimme eines Freundes einer Freundin von damals, vielleicht ist es gerade meine Pflicht als Christ, bereit zu sein, die Waffe zu benutzen, um den Frieden zu sichern.
Gewaltlosigkeit
Heute ist es schwer vorstellbar, dass Bibelverse in öffentlichen Debatten eine Rolle spielen. Doch in den 1980er Jahren hatte die siebte Seligpreisung der Bergpredigt gesellschaftliche Resonanz. Es ging dabei nicht nur um die Frage der Wehrpflicht, sondern auch um andere kontroverse Themen wie die atomare Aufrüstung und den NATO-Doppelbeschluss, die Aufstellung nuklearer Mittelstreckenraketen in Westeuropa. «Selig, die Frieden stiften.» In kirchlichen Denkschriften und Stellungnahmen wurde um die Bedeutung dieses Verses gerungen. Im Zentrum stand die Frage, ob und wie die Seligpreisung eine bestimmte politische Haltung untermauern oder einfordern konnte. Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti hatte bereits in den 60er Jahren eine politisch engagierte Deutung der Seligpreisungen vorgespurt. «Gewaltlosen hat Jesus die Erde versprochen», dichtete Marti. In meinem eigenen Umfeld, unter Freundinnen und in der Familie, schien die politische Botschaft der Seligpreisungen glasklar: keine nukleare Aufrüstung. Kein militärischer Einsatz. «Frieden schaffen ohne Waffen.»
Den Frieden sichern
Doch es gab auch kirchliche Gegenbewegungen. In einer wichtigen Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1981 wurde erklärt, dass die Unterstützung nuklearer Aufrüstung sich sehr wohl und entgegen aller Behauptungen damaliger Friedensaktivist:innen im christlichen Sinne rechtfertigen lasse. «Die Kirche muss auch heute … die Beteiligung am Versuch, einen Frieden in Freiheit durch Atomwaffen zu sichern … weiterhin als eine für Christen noch mögliche Handlungsweise anerkennen.» Dieser Satz aus der EKD-Denkschrift «Frieden wahren, fördern und erneuern» ging damals durch die Öffentlichkeit und wurde heftig debattiert. In Fragen der Friedenspolitik ist die Bibel eben doch nicht das Fundament, auf dem sich Christ:innen jederzeit eine klare Meinung bilden können. Die siebte Seligpreisung ist viel eher wie eine Fahne im Wind. Sie kann sich in die eine oder die andere Richtung drehen.
Die Friedfertigen
Es fängt bei der Übersetzung an. In meiner Konfirmationsbibel, eine Lutherausgabe aus dem Jahr 1975, lautete der Vers: «Selig, die Frieden stiften.» 1984 erschien jedoch eine neue Übersetzung und verlieh der siebten Seligpreisung prompt einen weniger politischen, weniger scharfen Ton: Selig nicht, die Frieden stiften, sondern: «Selig sind die Friedfertigen.» Eine friedfertige Person ist etwas anderes als Menschen, die den Frieden stiften. Auch in der damals geltenden Zürcher Bibel las man von der «Seligpreisung der Friedfertigen». Erst im Jahr 2007 wurden aus den «Fried-fertigen» wieder diejenigen, die Frieden stiften. Eine absolut notwendige Korrektur, sagt mein Pfarrkollege Herbert Kohler, der mitübersetzt hat, denn das griechische Wort ereinopoioi – drückt eine aktive Handlung aus. Die Ereinopoioi – das sind, wörtlich übersetzt, diejenigen, die den Frieden machen. Bibelverse sind manchmal wie ein rutschiger Boden. Wenn du nicht aufpasst, fällst du hin und verlierst die Orientierung.
Unpolitisch
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die politische Brisanz der siebten Seligpreisung immer wieder abgeschwächt. Mit einigen wichtigen Ausnahmen wie dem religiösen Sozialismus führten Bibelverse nicht dazu, gegen militärische Gewalt zu protestieren. Aus der Zeit des 1. Welt-kriegs sind uns stattdessen Predigten überliefert, in denen behauptet wurde, eine Seligpreisung biete ja, wie man wisse, generell keinerlei Handlungsanweisung. Die Bergpredigt als Ganzes sei prinzipiell unerfüllbar. Später in der NS-Zeit wurde die siebte Seligpreisung manch-mal so paraphrasiert, dass ihre Bedeutung ganz im persönlichen oder zwischenmenschlichen Bereich blieb. Selig sind die, die durch ihr ganzes stilles, selbstloses, liebendes Wesen eine Atmosphäre der Harmonie um sich verbreiten. Das schrieb der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler im Jahr 1943 – also in einer der friedlosesten Zeiten, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Bibelverse haben es manchmal schwer. Jeder und jede kann sich ihrer bemächtigen, sie verdrehen, einem schönen starken Wort die Kraft nehmen, es eindämmen und verharmlosen, banalisieren und sich trotzdem christlich nennen.
Verstaubt
Und was fangen wir heute an mit der Seligpreisung? «Selig, die Frieden stiften.» Welche Rolle spielt dieser Vers angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine? Macht es überhaupt noch Sinn, friedensethische Fragen zu Waffenlieferungen und Militäreinsätzen mit Bibelversen in Verbindung zu bringen? Die Tradition der christlichen Friedensethik, in die ich hineingeboren wurde, die mich geprägt hat, der ich vertraut habe, trägt nicht mehr. Zwar hielt die bekannte deutsche Kirchenfrau und Theologin Margot Kässmann kürzlich in einem Interview der Zeit-schrift Junge. Kirche an ihrer konsequent pazifistischen Haltung fest. «Als Christin», schrieb sie, «fühle ich mich der Botschaft Jesu verpflichtet: Selig sind, die Frieden stiften.» Für viele andere Kolleg:innen, die in der Friedensbewegung gross geworden sind, ist eine solche Haltung nicht mehr möglich. Mir selbst geht es so. Allein der Versuch, mir mithilfe der siebten Seligpreisung eine politische Meinung bilden zu wollen, scheint mir beinahe absurd. Bibelverse tun mir leid. Sie liegen in der Ecke und verstauben, weil sich niemand mehr für sie interessiert.
Lange her
Was bleibt, ist die Erinnerung. Ich schaue auf den alten Brief an das Kreiswehrersatzamt aus dem Jahr 1983 mit seinen vielen Bibelzitaten: «Selig, die Frieden stiften …» Tja, sagt mein Mann, der den Brief damals geschrieben hat. Das ist lange her. Vieles würde er heute ganz anders formulieren und trotzdem: Er hat damals etliche Monate seines Lebens mit der Frage des Kriegsdienstes gerungen, die Bibel an seiner Seite. Dem Antrag wurde stattgegeben und mein Mann absolvierte nach der Schule mehrere Jahre Zivildienst in einem Pflegeheim, was sein ganzes weiteres Leben und indirekt auch mein Leben entscheidend geprägt hat.