Letzten Herbst lud eine Kantorei unter dem Titel PEACE PLEASE – VERLEIH UNS FRIEDEN GNÄDIGLICH zu einem Abend mit «intonierten Bitten für Frieden und Menschlichkeit» ein. Der Flyer, eine Bildcollage mit Friedenssymbolen, ganz in Blau und Gelb gehalten, war in meinem elektronischen Briefkasten gelandet. «Eine Einladung zum Frieden!», denkt es in mir. Ich lese den Begleittext: «Martin Luther lebte in einer Zeit, in der ‹bad news› an der Tagesordnung waren. 1529 wurde Wien durch die Türken belagert und die Sorge in der Bevölkerung Europas war gross», lauten die ersten zwei Sätze. Und weiter: «In Luthers ‹Verleih uns Frieden› steckt einerseits die Bitte um Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Papst und den Türken, aber auch der Aufruf, den Frieden in sich selber zu suchen.» Es seien berechtigte menschliche Bedürfnisse wie Selbstbehauptung sowie die Sehnsucht, gesehen und ernst genommen zu werden, die zu Konflikten und zu Krieg führten. Problematisch würden sie dort, wo «das rechte Mass» verloren gehe. Irgendwie schwingt für mich da plötzlich viel Selbstgerechtigkeit mit: Sind es nicht per se die anderen, die das rechte Mass überschreiten? Man selbst ist doch immer friedfertig! Es sind «die Feinde», die diesen Frieden stören, vor allem «die Türken», so scheint es mir. Der Text provoziert mich, grenzt mich aus, macht mich «zur Feindin». Da werden alte Feindseligkeiten durch selektive Erinnerung aktiviert. Wenn mit «den Türken» «die Muslime» gemeint sind, bin ich mitgemeint. Luther, der Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden? Vergessen, dass er ein Radikaler war? Einer, der verächtlich über alles Jüdische, Islamische, Katholische, Täuferische sprach und handelte? Luther – einer, der das rechte Mass nicht überschritt? Echt? Ich muss protestieren und darauf aufmerksam machen, wie viel Konfliktpotential in so einem Kon-Text steckt, wie er Unfrieden schafft. Ich haue in die Tasten und – lösche mein Schreiben sofort wieder. Streit zu unterlassen, auf Provokation nicht immer zu reagieren, scheint mir plötzlich der wirkliche Beitrag, den ich für den Weltfrieden und für meinen eigenen leisten kann.
Ausgabe 2023/1
Editorial Frieden
Autor:innen
von Amira Hafner-Al Jabaji
Muslimische Islamwissenschaftlerin. Seit über dreissig Jahren in der interreligiösen Arbeit tätig. Bei FAMA seit 2021.