Ausgabe 2023/1

In Frieden mit Noah / Nūḥ

Nach einem gemeinsamen theologischen Online-Bildungsanlass zu Noah/ Nūḥ in Koran und Bibel blicken die beiden Kursleiterinnen zurück und ordnen ihre Zusammenarbeit ein.
von Luzia Sutter Rehmann, Amira Hafner-Al Jabaji / 10.06.2025

Liebe Luzia
Vor einem Jahr, im Januar 2022, haben wir gemeinsam einen zweiteiligen Online-Kurs zu «Noah in der Bibel und im Koran» durchgeführt. Lass uns zurückblicken und fragen: Was haben wir miteinander bei der Vorbereitung erlebt? Zu welchen Befunden sind wir über Noah/Nūḥ gelangt? Und was hat das alles mit Frieden zu tun?

Ich erinnere mich an deinen Anruf: Du sagtest: «Ich hätte grosse Lust, mit dir gemeinsam einen christlich-muslimischen Bildungsanlass in Biel zu einem biblischen und koranischen Thema anzubieten.» In meinen Ohren ist ein solcher Satz ein Friedensangebot. Nicht, dass wir zuvor in einem Konflikt miteinander gewesen wären, das waren wir in keiner Weise. Doch eine Anfrage für ein gemeinsames Tun, ein gemeinsames Nachdenken hin zu einem gemeinsam festgelegten Ziel, das wir auch gemeinsam verantworten, setzt gegenseitiges Grundvertrauen, Achtung und ein Zutrauen voraus, dass es gelingen kann.

Liebe Amira
Nein, mir war nicht bewusst, dass meine Anfrage eine solche Wirkung hatte. Ich hatte einfach Lust, mit dir etwas zu machen. Und Lust auf etwas, das ich noch nie gemacht hatte.

Wir haben uns nach einigem Überlegen auf Noah/Nūḥ als eine zentrale Figur und Geschichte in der Bibel und im Koran geeinigt. Ausschlag dafür gab auch der Bezug zum Thema «Naturkatastrophe». Ein ungeahnt starker Zusammenhang stellte sich während unserer Vorbereitungszeit mit den heftigen Überschwemmungen im deutschen Ahrtal ein. Für uns wichtig war aber das Friedensthema im Kontext der Geschichte Noahs/Nūḥs. Du gabst mir 1Mose 6-9 an und wiest mich darauf hin, dass die Textstelle sehr viel länger und umfassender sei als allgemein bekannt. Nicht nur der Bau der Arche, die Beladung mit den Tieren und die Errettung vor der Flut als Happy End sind beschrieben. Die Geschichte erzählt, dass Noah zum tragischen Helden wird, abstürzt und als Säufer endet. Ich hob die Augenbrauen. Davon hatte ich zuvor noch nie gehört.

Ich kannte den koranischen Noah überhaupt nicht. Aber erstens wusste ich, dass du ihn mir als feministisch denkende Leserin bestimmt nahebringen konntest. Und zweitens hatte ich irgend-wie auch Vertrauen in Noah. Noah ist älter als alle Texte über ihn und grösser und komplexer.

Als du mich um die entsprechende Stelle im Koran batest, sagte ich: «Die Sure 71 ist die Sure Nūḥ, aber die reicht nicht. Denn ein wichtiger Teil der Geschichte Nūḥs ist auch in Sure 11 enthalten, und dann gibt es noch verteilt über den ganzen Koran etliche Verse, in welchen Nūḥ erwähnt wird oder in denen Bezüge zu ihm und seiner Geschichte hergestellt werden. Das ist sehr typisch für den Koran. Ich muss also erst einmal alle Textstellen heraussuchen und zusammenstellen.» Ich glaube, du hattest dir das weniger aufwändig vorgestellt und machtest dir ein Gewissen, dass für mich der Vorbereitungsaufwand ungleich höher sein würde als für dich. Auch das ein Zeichen des Friedens: deine Fürsorge für mich und dein Verständnis von Gleichheit und Gerechtigkeit. Ich wusste aber, dass interreligiöser Dialog als eine Bibel- und Koran-Arbeit nicht leicht zu haben ist, nicht bloss für mich, sondern auch für dich in der Vorbereitung und schliesslich auch für die (christlichen) Teilnehmenden. Ihnen muss ich viele verschiedene Textausschnitte zumuten, noch dazu aus einem Buch, dessen Entstehungsgeschichte, Aufbau, Struktur und Sprache ungewohnt, fremd und irgendwie doch auch nah sind, so dass das Be-Fremden und die Ver-Störung gar noch grösser sind.

Du musstest die Texte zusammensuchen. Das weckte meine Neugier. Du nimmst nicht einfach den Prof. Dr. Obererklärer, sondern suchst, setzt zusammen, vergleichst und präsentierst dann, was dich überzeugt. Also, das ist doch eine Vorbereitung, wie ich sie mir immer wünschen würde.

Ich las die Texte im Koran und jene in der Bibel. Und es faszinierte mich einmal mehr, wie die fabelhafte Geschichte des Noah/Nūḥ offensichtlich die gleiche in beiden Büchern ist und dennoch so unterschiedlich erzählt wird.

Ja, zuerst kam mir der Koran-Noah schon sehr fremd vor. Und ich merkte, dass ich Allah gegenüber sehr skeptisch eingestellt war. Das hat mich selbst befremdet, dass ich so kleinkarierte Erwartungen habe. Allah geht über alles hinweg, dachte ich, er lässt Noah irgendwie ins Messer laufen. Und dann las ich den Bibel-Noah und fand dasselbe. Adonaj wirkt zwar besorgt, ist aber auch nicht wirklich hilfreich. Er hat genug von den Menschen und will sie wegwischen. Er schickt Noah, um noch ein paar Leben zu retten. Noah tut, was er kann: Er arbeitet, plant, baut und rettet. Dass er am Ende erschöpft ist, betrunken in seinem Zelt am Boden liegt, passt. Wie soll er damit umgehen, dass er so viele nicht retten konnte? Du hast vom Konflikt-Management des Koran gesprochen, das hat mich fasziniert. Das eröffnete eine völlig neue Herangehensweise.

Solche Beobachtungen machten wir zusammen, ad hoc, im Gespräch. Vorher hatte ich das selbst noch nicht so klar gedacht. Dass Nūḥ und Noah Väter sind, ging mir eigentlich erst auf, als ich die Verzweiflung Nūḥs sah. Mir tat er unheimlich leid, wie er seinen Sohn sieht, der nicht auf ihn hört und vor seinen Augen untergeht. Er muss ihn gehen lassen, untergehen lassen und kann ihm nicht helfen. Da begann ich Noah neu zu verstehen. Noah wird ja als Vater eingeführt in 1Mose 5,32. Das Erste, was über ihn gesagt wird, ist, dass er drei Söhne hat. Es wird ganz anders erzählt, doch dahinter steht die Erfahrung, dass viele Eltern ihre Kinder nicht retten können. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist aber zentral in Bezug auf Katastrophe und Vernichtung von Zukunft. Das sehen Koran und Bibel so. Diese Geschichten werden von Eltern erzählt, die loslassen mussten, denen das Herz brach, weil sie liebten und ihre Liebe nichts am Unglück ändern konnte. Und dann blicke ich zu Allah/Adonaj und merke, dass es Gott auch so geht.

Wer die beiden Erzählungen apologetisch und als Konter-Texte liest, wird im «Eigenen» viel Schlüssiges, Eingehendes und Ansprechendes finden, während er/sie im «Anderen» viel Verwirrung, Unsinniges und «Unwahres» sieht. Wer diese beiden Erzählungen als Varianten mit unterschiedlichem Fokus erkennt, wird sie als komplementär verstehen und gerade dadurch zu neuen Erkenntnissen gelangen. Das hat mich immer schon zum Staunen und zum Nachdenken gebracht. Analogien zu entdecken, Differenzen nicht nur auszuhalten, sondern in ihnen auch Sinn zu entdecken. Solches beschert mir immer wieder Aha-Erlebnisse, die mich näher zu meinem Gegenüber führen, ohne dass ich mich von mir und meinen religiösen Anschauungen entfernt hätte.

Du hast mir die Erlaubnis gegeben, Amira, mich dem Koran-Noah zu nähern, meine biblisch-erprobten, aber gegenüber dem Koran völlig scheuen Fragen zu stellen. Weil du dich mitgefragt hast, konnte ich den neuen Text mit Freude lesen. Ich musste mich nicht erst belehren lassen, wie man den Koran liest, was man nicht tut, was jemanden verletzen könnte etc. Du hast meine Fragen einfach aufgenommen und dann haben wir zusammen den Text angeschaut. Das war plötzlich so einfach. Und ich gewann Vertrauen in mich als Leserin und in die Qualität des Textes. Der hält meine Fragen aus, er schüttelt sie nicht ab und er donnert mich nicht an. Sondern er enthält Türen und Ritzen, auch für mich.

Bei einem unserer Gespräche sagte ich zu dir: «Die Ge-schichten in der Bibel sind immer so konkret und anschaulich erzählt, richtige Storys eben. Der Koran dagegen ist viel abstrakter. Die Figuren, die Ereignisse und Handlungen sind oft nur angedeutet. Das, worauf der Fokus im Koran liegt, ist der Bezug zum Transzendenten, was in seiner Eigenart eben abstrakt und dem Weltlichen und Manifesten entzogen ist. Ich sage das feststellend, nicht wertend. Doch wenn man den biblischen Noah gewohnt ist, muss man geradezu ernüchtert darüber sein, wie der Koran diese Geschichte aufnimmt und wiedergibt.» Deine Reaktion überraschte mich kolossal: «Mich nervt manchmal die Detailbesessenheit der Bibel und damit auch unsere eigene. Ich erlebe, dass sie uns oft vom Wesentlichen wegführt. Da finde ich die Abstraktion im Koran geradezu wohltuend.»Das war so ein Aha-Moment: Das Feststellen von Unterschieden kann in Wertschätzung für das Eigene und für das Andere münden. Ich schätze die narrative Erzählweise der Bibel, die so anschaulich und damit einprägsam Geschichten erzählt. Für die Weitergabe dieser Geschichten ist das unabdingbar. Aber ich möchte den Transzendenzbezug, den der Koran immer wieder herstellt und als das Wesentliche betont, nicht missen.

Also mir gefällt das ja sehr mit dem Transzendenzbezug. Da hast du mich auf etwas Wichtiges aufmerksam gemacht. Es wäre zu einfach zu sagen, im Osten ist es spiritueller als im Westen oder der Westen denkt pragmatisch-detaillierter als der Osten. Daher hatte ich zuerst etwas Angst, dass meine Antwort so verstanden werden könnte. Aber auch da hat es uns geholfen, dass Bibel und Koran beide von Noah erzählen, nur anders. Beide Bücher erzählen ausgezeichnet. Beide Male geht es darum, mit der Angst vor dem Untergang, der Strafe, dem Ende umzugehen. Der Arche-Bauplan in der Bibel hat etwas sehr Praktisches, gar Humorvolles. In der Not sollte man einen Plan haben, nicht lamentieren. Der Koran scheint mir da gesetzter, mehr auf Würde bedacht. Er analysiert aber sozialkritisch, das hatte ich nicht erwartet: Er lässt deutlich erkennen, dass soziale Überheblichkeit, angesammelter oder vererbter Reichtum schädlich ist. Ich kann von beiden Perspektiven etwas lernen und möchte gerne weitere Koran- und Bibel-Geschichten miteinander lesen.