Ausgabe 2023/1

Hellhörig sein

Leben als Theologin in einem Land im Krieg
Text: Josée Ngalula / Übersetzung : Salomé Perret / 01.06.2025

Ich lebe in der Demokratischen Republik Kongo, einem sehr grossen Land mit vielfältigen Realitäten. Diese grosse Vielfalt führt dazu, dass in einem Teil des Landes Krieg herrscht und im anderen nicht. Ich lebe in jenem Teil, der nicht im Krieg ist. Jedoch lebe ich in ständiger Solidarität mit den Menschen meines Landes, die leiden, denn mein Land ist ein vereintes Land. Der Krieg in meinem Land heisst primär, dass Menschen in ländlichen Gebieten in Unsicherheit und im Terror bewaffneter Milizen leben: Jeden Moment können plötzlich bewaffnete Männer auftauchen, den Menschen ihr Eigentum entreissen, Häuser niederbrennen, wahllos Menschen töten und schliesslich junge Männer und Frauen als Sex- und Haussklaven in den Wald entführen. Diese Milizen nutzen dies aus, um nach den Schätzen des Landes zu graben, nach Gold und Coltan, und diese auf dem Schwarzmarkt den westlichen Mächten zu verkaufen. Sobald Gerüchte kursieren, dass sich die Milizen einem Ort nähern, gibt es riesige Bewegungen von Menschen, die ihr Hab und Gut zurücklassen und flüchten müssen, um sich in mehr oder weniger abgesicherten Ecken des Waldes zu verstecken. Danach heisst es, in dieser Unsicherheit, in Hunger und Unbehagen zu leben, bis die staatliche Armee kommt, um ihre Ortschaft abzusichern. Schliesslich kehren sie nach Hause zurück, um alles wiederaufzubauen.

Diese Unsicherheit lässt mich an die Angst denken – nicht die vom Kind Jesus, sondern die von Josef und Maria, als König Herodes beschloss, dass alle Kinder, die jünger als zwei Jahre alt waren, getötet werden sollten (Matthäus 2). Dies mag ein Gefühl der Auflehnung hervorrufen: Was tut Gott? Warum sein Schweigen? Warum hat das Kind Jesus, Sohn von Gott, nichts getan, um das Massaker der unschuldigen Kinder zu verhindern? Dies lässt mich an einen anderen Text der Evangelien denken: Als der Sturm tobte, schlief Jesus im Boot, während seine Jünger unter der Verzweiflung und der Angst vor dem Sturm litten. «Meister, kümmert es dich nicht, dass wir leiden?», sagten die Jünger zu Jesus. Maria und Josef konnten dies dem kleinen Jesus nicht sagen. In ihren Herzen haben sie diesen Satz vielleicht dennoch ausgesprochen, genauso wie all die Eltern, die sahen, wie die Soldaten des Herodes kamen, um ihre Kinder abzuschlachten.

Hier stellt sich mir die Frage der Erweckung, die im Hören und Schauen aus dem Glauben heraus liegt. Josef und Maria konnten Jesus retten, weil Josefs Herz ein Ohr besass und er den Engel hören konnte, als der ihn warnte. Er nahm die Warnung des Engels ernst und zog zu einem Ort, der ihm zwar fremd war, doch dafür sicherer. Die Menschen meines Landes, die es schaffen, den Massakern der bewaffneten Männer zu entkommen, sind diejenigen, die in ständiger Alarmbereitschaft sind, die aufmerksam auf die verschiedenen Stimmen achten, die sie vor der Gefahr warnen. Als Theologin lese ich aus ihrer Situation die menschliche und kollektive Verantwortung, auf das zu hören, was heutzutage der Stimme der Engel entspricht. Die Jünger, die auf dem Boot mit dem Sturm rangen, hörten auf die Stimme ihrer Herzen, die ihnen sagten: Weckt Jesus, auch wenn geschrieben steht, dass man sich mit Gott vor nichts zu fürchten braucht.

Welche sind die Stimmen, die heute zu uns sprechen in der Komplexität der Welt, um uns zu sagen: Prangert die Mächte an, die sich hinter den Kriegen und Unsicherheiten in Afrika verbergen? Um uns zu sagen: Ergreift Massnahmen, um die Zivilbevölkerung zu schützen? Setzt euch ein für mehr Gerechtigkeit in dieser Welt? Wenn wir wie Josef auf diese Stimmen hören, dann werden nicht nur die heutigen Äquivalente des kleinen Jesus sowie andere Kinder seines Alters in Sicherheit gebracht und gerettet, die von der menschlichen Bosheit bedroht werden, sondern es werden auch die Äquivalente des Herodes und der Stürme ausser Gefecht gesetzt, die die Schwachen dieser Erde bedrohen.