Ausgabe 2023/1

Das Täufertum, die Gewaltlosigkeit und die Rolle der Frauen

Text: Marie-Noëlle Yoder, Salomé Haldemann / Übersetzung : Barbara Kauffmann / 01.06.2025

Im 16. Jahrhundert steht die westliche Welt Kopf, sowohl in wirtschaftlicher als auch in religiöser und politischer Hinsicht. Das, was für lange Zeit als verbindlich galt, hat seine Gültigkeit verloren und Absolutheiten werden in Frage gestellt. Viele Menschen erlauben sich zu sagen, dass die Kirche einer Erneuerung bedarf. Manche schlagen einen Veränderungsprozess im Herzen der katholischen Kirche vor und andere wie Luther und Zwingli schaffen neue Verzweigungen des Christentums, indem sie sich von der katholischen Kirche abspalten. Während sich die einen Reformatoren gegen missbräuchliche Praktiken der Kirche richten, geht dies anderen Reformatoren wie Felix Manz und Konrad Grebel nicht weit genug. Die vorgeschlagenen Veränderungen reichen nicht aus. Ihre Bewegung nennt sich «Radikale Reformation» und geht noch einen Schritt weiter. Ihrer Ansicht nach muss die Kirche wieder ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen, und zwar als Gemeinschaft der Gläubigen. Jeder Mensch muss frei sein, der Kirche anzugehören (oder nicht). Der Eintritt in die Gemeinde erfolgt durch eine im Erwachsenenalter empfohlene Taufe in Verbindung mit dem Glaubensbekenntnis. Die meisten Christ:innen dieser Epoche waren bereits als Kinder getauft worden und entschieden sich daher für eine erneute Taufe, was ihnen später den Namen «Wiedertäufer» einbrachte. In der Schweiz leben die Täufer:innen heute unter dem Namen «Mennoniten», benannt nach einem ihrer Reformatoren, Menno Simmons. In den USA kennt man auch die Amischen.

Radikale Feindesliebe als treibende Kraft

Die so von staatlichen Zwängen frei gewordene Gemeinschaft, die nur bekennende Erwachsene aufnimmt, muss sich von der herrschenden politischen Macht emanzipieren und sich weigern, jemand anderem ausser Jesus die Treue zu halten. Dies zeigt sich im radikalen Gehorsam gegenüber seiner Lehre, die die Feindesliebe fordert (Matthäus 5,43-44) und demgemäss Petrus befiehlt, sein Schwert einzustecken (Johannes 18,11). Die Überzeugung der Täufergemeinde lautet: Das Reich Gottes kann nicht durch Gewalt kommen. Diejenigen, die auf Gewalt verzichten, um sich zu verteidigen, müssen auch akzeptieren, dass sie das ihr Leben kosten kann. Für diese Überzeugung haben die Täufer:innen einen hohen Preis bezahlt. Viele von ihnen wurden durch die Hand anderer Christen – Katholiken, Lutheraner, Reformierte – gefoltert, ertränkt und verbrannt. 500 Jahre später ist diese Überzeugung bei den Täufer:innen immer noch eine treibende Kraft.

Eine Überzeugung, viele Herausforderungen

Manche Mennonit:innen haben diese fundamentale Überzeugung sorgfältig bewahrt und sie in ihrem jeweiligen Kontext aktualisiert. Je nach Epoche und Möglichkeiten haben zahlreiche Täufer desertiert, gingen ins Gefängnis oder wurden Wehrdienstverweigerer. Die Täuferbewegung der Mennonit:innen war nicht immer vorbildlich, was ihr Verhältnis zur Gewalt betrifft. Manchmal, wie etwa bei den dramatischen Ereignissen in Münster Westfalen, griffen auch die Täufer zu den Waffen, um das Kommen des Reiches Gottes zu beschleunigen. Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben die Täufer:innen manchmal ihre theologischen und ethischen Wurzeln vergessen, um sie dann einige Jahrzehnte später wiederzuentdecken.

Das unterschwellige Dilemma der Täufer:innen ist auch 500 Jahre später noch aktuell: Wenn der Staat von den Christ:innen verlangt, Waffen zu tragen, in den Krieg zu ziehen und sogar zu töten, müssen sie dann gehorchen? Wie «liebt man seinen Feind», wenn man eine Waffe trägt, um ihn zu erschiessen? Können Christ:innen Waffen tragen, obwohl Jesus gekommen ist, einen anderen Weg aufzuzeigen und zu lehren?

Eine naive Überzeugung?

Müssen sich die Christ:innen verstecken, während sie den anderen die Sorge um die Probleme dieser Welt überlassen? Gewaltlosigkeit bedeutet nicht den Verzicht auf eine Reaktion, sondern eine Antwort, die sich weigert, in die Spirale der Gewalt einzusteigen und die Zerstörung des anderen voranzutreiben. Sie verzichtet auf den Gebrauch tödlicher Waffen. Angesichts der Überzeugung von Gewaltlosigkeit selbst im Krieg wird immer wieder die Frage gestellt: «Hat eine Person, die angegriffen wird, nicht das Recht, sich zu verteidigen?» Selbstverständlich, aber die Verteidigung muss kein Gegenangriff sein. Eine aggressive Person kann entweder entwaffnet werden wie ein Sohn im Familienstreit oder wie ein Feind, den es zu erschiessen gilt. Die Folgen werden unterschiedlich sein. Christ:innen sind dazu aufgefordert, Gewalt abzulehnen und sich stattdessen lieber für den Frieden einzusetzen. Das Matthäus-Evangelium verkündet, dass die Friedensstifter «Söhne und Töchter Gottes» genannt werden (Matthäus 5,9). Konfliktprävention ist eine tagtägliche Aufgabe, die sowohl in Zeiten des Friedens als auch in Krisenzeiten getan werden muss. Sie zielt darauf ab, einen Konflikt zu entschärfen und auf Deeskalation hinzuarbeiten, um das Abdriften in die Gewalt zu verhindern.

Gewaltlose Revolutionen sind wirksamer

Zwei Frauen, die nicht zum Kreis der Täuferbewegung der Mennonit:innen gehören, Erica Chenoweth, Politologin und Professorin an der Universität Harvard, und die Politikwissenschaftlerin Maria J. Stephan haben sich gefragt: Kann man dem Bösen gewaltlos widerstehen? Oder mit ihren Worten ausgedrückt, funktioniert ziviler Widerstand? Die beiden Frauen führten eine gross angelegte Studie durch und untersuchten 323 Konfliktfälle – davon 105 unbewaffnet und 218 bewaffnet. Sie machten dabei die Beobachtung, dass gewaltlose Revolutionen doppelt so effektiv sind als gewalttätige. Ihre Befunde publizierten sie im Buch «Why civil resistance works» (Columbia University, 2012). Gewaltloser ziviler Widerstand setzt andere Hebel in Bewegung als Gewalt. Ähnlich wie beim Kampfsport Aikido werden die Stützen eines ungerechten Systems ausfindig gemacht, um diese dann zu schwächen und zu neutralisieren. So wird das System von innen heraus erschüttert.

Die Rolle von Frauen

Frauen spielen eine wesentliche Rolle in aktiven Bewegungen der Gewaltlosigkeit. Während Männer sich immer noch für Krieg, Waffen und geopolitische Strategien interessieren, sind Frauen im Allgemeinen viel enger mit dem alltäglichen Geschehen in Beziehung und Familie verbunden. Die Mütter unter ihnen zeichnet oft eine Kombination aus Milde und Bestimmtheit aus, die notwendig ist, gewalttätige Krisen ihrer frustrierten oder müden Kinder zu meistern. In einer maskulin geprägten Gesellschaft haben sie nicht immer genügend Rechte, um andere zu etwas zu zwingen, und haben deshalb gelernt, die Beziehungen ohne Anwendung von Gewalt zu lenken und zu beeinflussen. Frauen sind sich eher der Gefahren bewusst, die gewalttätige Aufstände für sie und ihre Angehörigen bedeuten. Sie kennen die Verletzlichkeit und den Preis des Lebens. Sie kennen auch den Preis der Gewalt. Frauen leisten einen entscheidenden Beitrag im gewaltlosen Kampf. Sie profitieren dabei von zahlreichen Vorteilen dieser Art des Widerstandes. Wie Chenoweth und Stephan beobachten, benötigt der bewaffnete Kampf Training und Ausrüstung, gewaltloses Handeln hingegen ist mit dem Alltäglichen verwoben.

Der weibliche Körper im Widerstand

Am Beispiel des Staudammprojekts über dem Fluss Chicco lässt sich dies gut veranschaulichen. 1974, als auf den Philippinen das Kriegsrecht galt, drohte das Staudammprojekt über dem Fluss Chicco zahlreiche Dörfer zu überfluten. Vor dem Scheitern des bewaffneten Widerstands schlossen sich die Frauen der Umgebung zusammen. Hunderte von ihnen aus jeder Altersgruppe stiegen hinab, um den Bau zu unterbrechen. Als die Armee sie verhaften wollte, zogen sie sich plötzlich aus. Die Soldaten waren unfähig, auf nackte, wehrlose Frauen zu schiessen und ergriffen schliesslich die Flucht. Dem Einfallsreichtum für Formen des gewaltlosen Widerstandes sind also keine Grenzen gesetzt. Der Widerstand kann sich auf unterschiedlichste Art ausdrücken – als ein Schweigemarsch, ein Sexstreik, als ziviler Ungehorsam oder als Boykott.

Dauerhaft Frieden sichern

Diejenigen, die daran beteiligt sind, geniessen ein höheres moralisches Ansehen und gewaltlose Aktionen mobilisieren die Bevölkerung viel besser als Gewalttaten. Alle können mitmachen: Frauen, Kinder, Kranke und Alte. Der Preis einer gewaltlosen Handlung ist weniger hoch, sie ist schneller und birgt weniger Risiken. Es ist viel leichter, eine Familie oder eine Nation nach einem gewaltlosen Aufstand wiederherzustellen als nach dem Durchmarsch einer Kriegsmaschinerie. Mit Jesus als Meister und Lehrer aktualisieren die Täufer:innen Fragen rund um die Gewalt in den verschiedensten Situationen. Die Anfrage Jesu eröffnet Wege aus dem eingeschränkten Denkhorizont. Frauen spielen dabei eine wesentliche Rolle, sowohl was die Anfrage als auch die Umsetzung in die Tat betrifft. Böses kann nicht mit Bösem besiegt werden. Im Gegenteil, es wird nur noch grösser. Allein die Liebe kann eine dauerhafte Veränderung herbeiführen, das ist es, was Jesus gelehrt hat und wozu er Mensch geworden ist.