Ausgabe 2023/2

Die Menschen lügen. Alle.

Was Lüge ist und was nicht, dreht sich in der Psychiatrie manchmal um.

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©Ninosca Montufar Becerra, Peru.
von Marianne Reifers / 17.05.2025

Es gibt auch Tiere, die lügen, sie machen etwas vor, was sie nicht sind, zum Selbstschutz. Ich denke an das Chamäleon und andere. Sich wie ein Blatt tarnen, ohne selbst ein Blatt zu sein. Es ist eine Art von Lügen. Menschen in Bedrängnis machen das auch. Sie tarnen sich und machen etwas vor, was sie nicht sind. Sie lügen. Das braucht ziemlich viel Kraft. Gut zu lügen ist eine Kunst. Entdeckt zu werden ist eine Schmach oder gar lebensgefährlich. Als Lehrerin habe ich jeweils die Kinder montags erzählen lassen, was sie am Wochenende unternommen haben. Kevin hat die verrücktesten Geschichten hingelegt, um anderen zu imponieren. Er hat nicht gemerkt, dass er sich damit geschadet hat. Er hat mir leidgetan. Er hätte so gerne die Rolle des Anführers übernommen. Seine Lügengeschichten kamen nicht an, sie waren zu weit weg von der Realität.

Später, als Pfarrerin in einer Gemeinde, bin ich mit netten Lügen eingesalbt worden. Kevin, der Schüler, hatte mir leidgetan, folgende Lügen haben mich hilflos und aggressiv gemacht. Während des Konfirmandenunterrichtes hatte ich die Absicht, die Familie der Jugendlichen kennenzulernen, um ihre Beziehung zu unserer Gemeinde zu erfahren. Warum nur wurde ich meistens zum Nachtessen eingeladen? Ich wurde königlich bedient, so dass wir gar nicht mehr zu einem tieferen Gespräch gelangten. Man schwelgte im Erlesenen, der schwere Rotwein tat seine Wirkung. Wollten sie zeigen, dass in dieser Familie alles zum Besten bestellt war? Was darunter lag, hatte keine Worte. Ich fühlte mich getäuscht. Meine Vermutung war, dass das Reden über Glaubensfragen alle in Verlegenheit gebracht hätte. Die Zugehörigkeit zur Kirche wahrscheinlich nur gesellschaftlich bedingt. Man wollte ein schönes Fest für den Sohn, für die Tochter. Das hat man sich etwas kosten lassen!

Ich wechselte anschliessend in ein Pfarramt in der Psychiatrie. Obwohl ich da den verschiedensten Wahngebilden begegnete, fühlte ich mich doch nie belogen. Im Gegenteil, ich fühlte mich zuhause. Diese Geschichten dienten nicht dazu, mich einzulullen, es waren Fluchtgeschichten von Menschen in Not. Diesen konnte ich mich ohne Vorbehalt stellen. Ich lernte dank der ärztlichen Weiterbildung der Klinik, dass das Gehirn eines Menschen mit Schizophrenie Bilder anders verarbeitet als ein normales Gehirn. Die Bildabfolge ist sehr schnell und überschlägt sich, so dass ein Filmriss geschieht und die Interpretation einer eigenen Logik folgt. Ohne böse Absicht entsteht eine für Aussenstehende verwirrende Geschichte. Logisch nur für die Person, die sie kreiert hat. Sie scheint zu lügen, auch wenn sie es gar nicht tut. Diese Theorie hat mir geholfen, solche Wahnerscheinungen anzuhören, ohne sie zu bewerten. Ich versuchte ihnen zu folgen und hie und da einen Einschub zu machen: Was Sie da erlebt haben, muss Sie sehr aufgewühlt haben. Auf alle Fälle sagte ich nie: Da binden Sie mir aber einen Bären auf. Oder gar: Sie lügen! Ich hütete mich auch davor, in die Geschichte miteinzusteigen und vorzuschlagen: Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen, das ist ja kriminell. So hätte ich den Wahn bestärkt und wäre selber Teil davon geworden. Das hätte niemandem geholfen. Hilfe brachten Medikamente, welche das Gehirn verlangsamen. Das wiederum passte vielen Kranken nicht. Sie fühlten sich gehindert, leergefegt, ihrer Farben beraubt. Sie wehrten sich dagegen und liessen Medikamente verschwinden. Eine Pflegerin musste sie bei der Einnahme kontrollieren. Hier entstand dann die Lüge. Einige entwickelten schlaue Methoden, die Pille nur scheinbar zu schlucken, sie aber hinter den Weisheitszähnen zu verstecken, um sie dann mit dem Wasser der Toilette hinunterzuspülen. Weshalb ich das weiss? Es ist nicht einfach, mit einer Lüge zu leben. Die Seelsorgerin, an Schweigepflicht gebunden, ist da die richtige Person, wo man Lügen abladen kann, ohne verraten zu werden.

Ich wechselte anschliessend in ein Pfarramt in der Psychiatrie.
Obwohl ich da den verschiedensten Wahngebilden
begegnete, fühlte ich mich doch nie belogen.

Ich möchte mich noch bei Ihnen bedanken, dass sie mich von meinem Wahn befreit haben. Ich kann gar nicht das Christkind sein.

Eine Geschichte hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ich kam die Treppe hoch zur Privatstation, wo ich gleich würdig empfangen wurde von einer jungen Frau. Sie benahm sich wie die Dame des Hauses, wies mir einen Stuhl zurecht und bot mir vom lauwarmen Tee der Abteilung an. Ich erklärte ihr meine Funktion als Seelsorgerin. Ich hätte ein offenes Ohr für die Menschen. Darüber sei sie hoch erfreut, sagte sie, sie hätte nämlich eine spannende Geschichte für mich bereit. Sie begann umgehend mit Erzählen: Samstags habe ihre Mutter jeweils gearbeitet. Sie sei allein mit Vater zu Hause gewesen. Er habe mit ihr gespielt und auch Spiele erfunden. – Eines haben wir im Bad gespielt, Männchen und Weibchen. Das Männchen durfte das Weibchen fangen und es ausziehen. Mehr muss ich Ihnen nicht erzählen, das können Sie sich vorstellen. Am Ende des Spieles, wie durch ein Wunder, erklangen jeweils die Kirchenglocken. Das war wunderschön. Frisch angezogen bekam ich jeweils ein Nutellabrot und ein weiteres Spiel im Park. Die Mutter kam nach Hause und kochte das Mittagessen. – Über das Spiel im Badezimmer durfte sie mit niemandem reden, es sei geheim und ganz speziell. Sollte sie trotzdem losplappern, würde sie alles verderben und Vater wie Mutter verlieren und ganz allein im Wald leben müssen. Die Kirchenglocken hätten sie aber darauf gebracht, dass sie ganz speziell sei. Sie hätte nämlich am 24. Dezember Geburtstag. Wie das Christkind. Ja, sie sei das Christkind und sie sei gekommen, die Welt zu erlösen. Der Heilige Geist sei nämlich machtlos geworden und könne nichts mehr erreichen. Jetzt habe Gott sie geschickt, um alles in Ordnung zu bringen. Weil sie das aber nicht allein zuwege bringen könne, bestimme sie mich zu ihrer rechten Hand. Warum weinen Sie, Frau Pfarrer, das ist doch eine gute Geschichte! – Sie haben mir eine ganz traurige Geschichte mit lachendem Gesicht erzählt, da musste ich einfach an Ihrer Stelle für Sie weinen. Nun will ich aber etwas richtigstellen: Sie sind nicht das Christkind, nur weil sie am 24. Dezember geboren wurden. Wir wissen nämlich gar nicht, wann Jesus geboren wurde. Maria kannte den Kalender nicht. Damals wusste keine, wann sie Geburtstag hatte. Die Geburt eines Kindes wurde an wichtige Ereignisse gebunden. An den grossen Regen, an die Dürre etc. Das Weihnachtsfest wurde erst ein paar Hundert Jahre nach dem Kreuzestod Jesu auf diesen Tag im Dezember fixiert, um den Römern das Lichtfest streitig zu machen. Mitten im kalten Winter ging uns das Licht auf: Christus ist geboren. Nicht das genaue Datum ist wichtig, sondern dass er Mensch geworden ist und Menschen geliebt hat wie Sie. Jesus hätte auch geweint über Ihre Geschichte. Und sehen Sie, ich kann nicht Ihre rechte Hand sein und für Sie arbeiten. Ich arbeite schon zu 100% hier in der Klinik und komme an meine Grenzen. Mehr liegt einfach nicht drin. – Ich verabschiedete mich, innerlich sehr bewegt. Als ich sie wieder aufsuchte, war sie schon entlassen worden. Eine geraume Zeit später, ich war auf dem Weg in die Klinik, hielt ein rassiges Auto neben mir, die elegante Fahrerin mit Sonnenbrille liess die Scheibe herunter. Erkennen Sie mich noch, Frau Pfarrer? Ich staunte. Ich möchte mich noch bei Ihnen bedanken, dass sie mich von meinem Wahn befreit haben. Ich kann gar nicht das Christkind sein. Diese Einsicht hat mich so erleichtert und von falschen Vorstellungen befreit, dass ich mich viel besser fühle. Ich habe mich verliebt in eine Frau, wir leben zusammen und ich bin sehr glücklich. Dabei winkte sie mir, fuhr das Fenster hoch und brauste davon. Folgende Geschichte beendet meinen Rundgang in der Psychiatrie. Harry K. war kein beliebter Mensch. Er hatte eine mächtig übertriebene Ausstrahlung und war immer am Missionieren. Er sah sich als Missionar und konnte dann auch durch den Park hüpfen, um die Freude an Gottes Freude allen zu zeigen. Ich liess mich auf ihn ein und diskutierte auch kontrovers mit ihm über Bibelstellen. Das mag ihm nicht so gefallen haben. Er bildete sich darauf ein, dass ich der Teufel wäre. Ich fand das nicht lustig, nahm es aber auch nicht allzu persönlich. So traf ich ihn in einer Gruppe spazierend im Park. Er sah mich, tanzte auf mich zu und vollführte ein Ritual mit dem linken Bein und stiess dazu einen Fluch gegen Satan aus. Darauf liess ich ihn in Ruhe, mochte ich ihn doch nicht weiter reizen. – Einmal im Monat fand in der Klinikturnhalle ein ökumenischer Gottesdienst mit Abendmahl statt. Ich war erstaunt, Harry K. vor dem Gottesdienst anzutreffen. Er kam auf mich zu und sagte: Frau Pfarrer, ich habe Ihnen Unrecht getan. Sie sind nicht Satan. Ich kann aber nicht Gottesdienst feiern mit dieser Lüge zwischen Ihnen und mir. Ich brauche Ihre Verzeihung. Können Sie mir verzeihen? Ich bin so froh, dass Sie das eingesehen haben, Herr K. Hätten Sie mich fortan für Satan gehalten, wäre wohl jedes gute Gespräch zwischen uns erfroren. Nun aber ist wieder alles möglich. Ich verzeihe Ihnen! Worauf er mich umarmte, es tat mir grad weh, so fest. Die Wahrheit wird uns frei machen! Das habe ich erlebt. Harry K. und ich und viele mehr haben das Brot geteilt und aus dem Kelch getrunken und Frieden erfahren.