Ausgabe 2023/2

Szenen aus Peru. Die vielen Schichten der Wahrheit

Allzuoft werden Menschenleben unterschiedlich bewertet. Diese Ideologie der Ungleichwertigkeit macht aus „Anderen“ „Minderwertige“. Der Artikel erläutert die Problematik in Peru anhand vom Erlebnissen verschiedener Frauen. Heute, 2025, spitzt sich die Situation in Peru leider weiterhin zu. Das Land bewegt sich in Richtung Diktatur. Die im Artikel portraitierten Menschen – und mit ihnen viele mehr – treten weiterhin ein für Gerechtigkeit. Sie brauchen einen langen Atem.

Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
©Ninosca Montufar Becerra, Peru
von Margrit Egger / 13.04.2025

Peru brodelt. Seit Dezember 2022 gehen im ganzen Land täglich tausende von Menschen auf die Strasse. Gleichzeitig werden Strassenblockaden erstellt und Flughäfen besetzt. Was als Reaktion auf die Absetzung des peruanischen Präsidenten begonnen hat, wurde zu einem Aufstand gegen die enorme soziale Ungerechtigkeit im Land und je länger desto mehr ein Protest gegen einen schleichenden Demokratieabbau. Die Wut der Protestierenden ist gross. Polizei und Militär reagieren mit Machtdemonstration und enormer Gewaltbereitschaft. Die Bilder der Kämpfe zwischen Polizei und Demonstrant:innen gehen um die Welt, schaffen es auch in die Schweizer Medien. Noch in der Schweiz stosse ich Anfang Dezember auf die Bilder der Fotografin Ninoska Montufar Becerra. Ninoska lebt in Cusco, aufgewachsen ist sie in einer kleinen Stadt in der Nähe. Sie zeigt eine ganz andere Seite der in den Medien häufig als Mob wütender Männer dargestellten Proteste. Ja, auch ihre Fotos zeigen Wut und Empörung, der aber gewaltfrei Ausdruck gegeben wird. Und es sind vor allem Bilder von Gemeinschaft, Solidarität und Kraft. Sie zeigen Menschen, die ihren «sicheren» Ort verlassen haben mit der gemeinsamen inneren Abmachung, dieses Mal nicht unsichtbar gemacht zu werden. Ich skizziere die Geschichten von sechs Frauen und zwei Ortschaften und schaue von halbaussen auf die soziale Krise in Peru.

Brötchen, 11.2.2023

«Veinte panes» sag ich zum Mann, der hinter der Glasscheibe auf einem klapprigen Holzhocker sitzt und Zeitung liest. Er schaut auf, nimmt meinen 10-Soles-Geldschein entgegen. Dann tippt er etwas in die Kasse und legt Rückgeld und Kassenzettel auf den Tresen. Den Zettel strecke ich der mit Kopfhörern laut musikhörenden Angestellten hinter der Brotauslage zu. Zwanzig wunderbar duftende, frische Brötchen legt sie dafür in die Plastiktüte. Das alles geschieht automatisch, ohne viel lächeln oder sonstige Interaktion. Jede:r weiss, was zu tun ist. Mehr braucht es nicht.

Diese Morgenroutine ist mir lieb, wenn ich jeweils in Lima bin. Durch den noch frühen Tag die paar Strassen zur Bäckerei spazieren, voller Vorfreude auf den Geruch von frischen Brötchen und die so klaren Abläufe, die kein Erklären benötigen – mir das Gefühl vermitteln, angekommen zu sein.

Señora Gregoria, 15.2.2015

Wir feiern Mayas dritten Geburtstag. Ihre stolze Gotte hat sie und ihre Familie in ihr neues Penthouse eingeladen. Mitten in «San Isidro» mit Blick auf einen der wunderbaren Pärke, welche das Viertel der gehobenen Mittelklasse auszeichnen. Mayas Grossmutter ist dafür extra aus dem Städtchen Huanta nach Lima gereist: aus der «Chacra», dem kleinen Bauernhof in den peruanischen Anden, in die Millionenstadt. Sie wirkt verloren zwischen all den Gästen im «Kleinen Schwarzen» mit Champagnerglas und Häppchen in der Hand. Nur ab und zu spricht sie in der Andensprache Quechua ein paar Worte zu Maya. Sonst sitzt sie stumm auf einem Stuhl. Ich sehe eine gebrechliche, alte Frau und frage mich, wie viel sie mitbekommt von dem, was da um sie herum geschieht. Zum Bekanntenkreis von Mayas Mutter gehören viele Kulturschaffende. Sie sind stolz auf die kulturelle Vielfalt ihres Landes und berichten gerne in den sozialen Medien von ihren Reisen in abgelegene Gebiete Perus. Aber mit der alten Frau aus den Anden, die hier bei ihnen im Wohnzimmer sitzt, können sie nichts anfangen. Wie sie so dasitzt auf einem der Holzstühle neben den eleganten Sofas – in mir steigt das Bild der Anden-Frauen auf, die hier oft in öffentlichen Toiletten von Supermärkten anzutreffen sind: Stumm sitzen sie im Eingang auf einem Hocker und geben jeder eintretenden Frau ein wenig WC-Papier von der Rolle.

Sie sind stolz auf die kulturelle Vielfalt ihres Landes … aber mit der alten Frau aus den Anden, die hier bei ihnen im Wohnzimmer sitzt, können sie nichts anfangen.

Obwohl eine Wahrheitsfindungskommission die Beweislage sorgfältig aufgearbeitet hat, wurde bis heute nur ein kleiner Teil der Täter:innen verurteilt.

Los Cabitos, 14.2.2016

Ayacucho erwartet uns bei frühem Sonnenlicht und mit dieser kalttrockenen Höhenluft, die die Wangen rötet und die Lippen sprengt. Ein «colectivo» – etwas zwischen Taxi und Bus – bringt uns nach Huanta, wo wir Maya anlässlich ihres vierten Geburtstags besuchen. Unterwegs werde ich von meinem peruanischen Mann in die blutige Geschichte Perus eingeführt, die hier besonders tiefe Wunden hinterlassen hat. Ayacucho war eines der Zentren des internen bewaffneten Konflikts in den 80er/90er Jahren, der fast 70’000 Menschenleben forderte. Der Philosophieprofessor Abimael Guzmán hatte von hier aus die äusserst brutale Guerrillagruppe «Leuchtender Pfad» aufgebaut, welche das Land in Angst und Schrecken versetzt hat. Dementsprechend waren hier auch die nicht minder brutalen Vergeltungsmassnahmen des Militärs am stärksten zu spüren. Sinnbild dafür ist die berüchtigte Militärstation «Los Cabitos», die auch heute noch in Betrieb ist. Während dieser düsteren Jahre wusste man: Wer nach «Los Cabitos» kommt, wird gefoltert und «verschwindet». Der Grossteil der Bevölkerung lebte zwischen diesen beiden Fronten – in ständiger Angst, unverschuldet in Verdacht zu geraten. Dazu reichte es, sich für soziale Gleichheit einzusetzen oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, deutliche andine Gesichtszüge zu haben oder Quechua zu sprechen. Obwohl eine Wahrheitsfindungskommission die Beweislage sorgfältig aufgearbeitet hat, wurde bis heute nur ein kleiner Teil der Täter:innen verurteilt. Die versprochenen Entschädigungszahlungen für die zivilen Opfer wurden nur zu einem minimalen Teil ausbezahlt. Bis heute sind in Wirtschaft, Politik und Militär führende Positionen von Menschen besetzt, die Teil des bewaffneten Konflikts waren.

Señora Gregoria, 14.2.2016

Huanta liegt ein wenig tiefer als Ayacucho in der «Seja de Selva», also irgendwo zwischen Anden und Urwald. Im kleinen Hof angekommen, in dem Maya zusammen mit Mutter, Grosseltern und diversen Tieren wohnt, wird uns auf dem Holzherd ein erfrischender Cocatee zubereitet. Nach kurzer Zeit geht die Türe auf und es begrüsst uns eine strahlende, vor Kraft strotzende Señora Gregoria. Sie sei aufgehalten worden, entschuldigt sie sich in einwandfreiem, mit Akzent gefärbtem, Spanisch. Es sei kurz vor unserer Ankunft noch eine Nachbarin aufgetaucht, die ihren Rat und vor allem ihre weitherum bekannten Heilkräuter benötigte. Sagt es und hält uns zwei frischgepflückte Avocados hin – sie sei auf dem Heimweg noch kurz auf den Baum geklettert. Viel Zeit zum Plaudern hat sie aber nicht. Es reicht nur für einen Mate de Coca, dann muss sie los. Das Komitee für die Verteilung des Wassers entscheidet heute, welcher Hof wie viel Wasser erhält – als Vorsitzende darf sie da nicht zu spät kommen.

Yamileth, 9.1.2023

Die Lebensmittel sind knapp geworden in Juliaca, der auf gut 3800 m ü.M. gelegenen Stadt im Süden Perus. Schon einen Monat lang dauern die Strassensperren an. Die Preise sind in die Höhe geschnellt, die Regale leer. Die siebzehnjährige Yamileth macht sich gemeinsam mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester auf die Suche nach Lebensmitteln. Das Ziel ist ein Geschäft einige Häuserblocks vom Flughafen entfernt. So geraten sie mitten in die Tumulte rund um die Besetzung des Flughafens und den Polizeieinsatz, der siebzehn zivile Todesopfer zur Folge hat. Eines davon ist Yamileth. Sie sei mit der kleinen Schwester zurückgeblieben, habe über plötzliche Schmerzen im Bauch geklagt und sei tot zusammengebrochen. So erzählen es später die Eltern, die auch einen Monat später noch auf eine offizielle Entschuldigung und eine Untersuchung des Vorfalls warten.

Yesenia, 13.1.2023

Ein Post auf Facebook. Yesenia, eine junge Sängerin aus Ayacucho, die sich auf den traditionellen «Huayno» spezialisiert hat, bittet die online-Gemeinschaft um dringende Unterstützung. Ihre Schwester, Vizepräsidentin einer Bürger:innenvereinigung, war auf die Gedenkfeier der Opfer der Proteste eingeladen, um eine Rede zu halten. Als sie diese kurz verliess, wurde sie von Polizisten in Zivil verprügelt und verschleppt. Nach mehreren Stunden verzweifelter Suche dann die Nachricht: Sie wurde nach «Los Cabitos» gebracht. Weder der Familie noch Anwält:innen wird der Zugang erlaubt. Irgendwann fliegt ein Militärhelikopter los. Später wird sich herausstellen, dass Yesenias Schwester zusammen mit sechs ihrer Kolleg:innen nach Lima geflogen wurde, wo sie achtzehn Monate Untersuchungshaft erwarteten. Was genau illegal war an dem, was sie getan hat, weiss sie bis heute nicht.

Kelly, 28.1.2023

Kelly ist wütend. Als Betriebsingenieurin reist sie regelmässig durch ganz Peru, kennt das Land in all seinen Facetten. Als Künstlerin hat sie ihre andinen Wurzeln schätzen gelernt und nutzt sie als Grundlage für ihre Arbeit. Die Tatsache, dass in den Anden so viele Menschen umgebracht und unter Generalverdacht gestellt werden, während in Lima alles weiter geht, als sei nichts passiert, treibt sie auf die Strasse. Gekleidet in ein Patchwork aus traditioneller Kleidung stellt sie sich an eine Strassenkreuzung in Lima. Sie trägt einen Unterrock aus der Tracht von Huancayo in den zentralen Anden. Das Gesicht verdeckt sie mit der Maske eines Qhapaq Qolla, einem mystischen Wesen aus Cusco, das halb Lama, halb Mensch ist. Den Kopf bedeckt ein Filzhut aus dem Süden. In der Hand hält sie ein Plakat auf dem steht: «Wir sind die Enkelkinder jener Migrant:innen, welche die Diktatur nicht töten konnte. #neueKongressvorsitzende»
Egal, was kommt, sie steht still. Spricht kein Wort. Wartet und schaut, was passiert. Die Reaktionen gutsituierter Passantinnen im trendigen Miraflores und der Polizei im Zentrum Limas sind so erschreckend und aufwühlend, dass Kelly regelmässig Pausentage einlegen muss, um sie seelisch aushalten zu können. Noch immer ist das Bild einer wütenden Person in traditionell andiner Kleidung direkt mit dem Begriff des Terrorismus gekoppelt. Noch immer ist Terrorismusverdacht Entschuldigung für jegliche verbale und körperliche Gewalt.

Mayas Gotte, 30.1.2023

Mayas Gotte ist in Miraflores aufgewachsen, einem Viertel, in dem sich auch Tourist:innen problemlos durch die Strassen bewegen können. Als Kulturmanagerin reist sie gerne und bewegt sich vorwiegend in linksorientierten Kreisen, aber ihr Horizont ist klar hauptstadtorientiert und sie ist gut vernetzt in jenen gesellschaftlichen Kreisen, die über Macht im Land verfügen. Ich kenne sie deshalb als eine, die mit politischen Äusserungen sehr vorsichtig ist. Als Kelly ihr von ihren Erfahrungen bei den Demonstrationen berichtet, kann sie nicht glauben, dass dies in «ihrem» Quartier wirklich vorkommt. So begleitet sie Kelly einen Tag lang als stumme Frau mit Plakat und in Andentracht. Was sie an diesem Tag erlebt, verändert ihre Einstellung komplett. Seither ist auch sie Tag für Tag auf der Strasse.

Teresa, 15.2.2023

Im zehnten Stock in einem Hochhaus im ruhigen Quartier Magdalena knüpfen die Textilkünstlerin Teresa und ich an einem Quipu. Seit meiner Ankunft Anfang Februar dokumentieren wir in dieser Knotenschrift der Inka die Todestage und Lebensjahre der mindestens sechzig Todesopfer, welche die Proteste bis jetzt gefordert haben. Heute beginnen wir nun auch ihre Namen auf ein grosses Stück transparenten Stoff zu sticken: Beim Namen nennen wollen wir sie. Gleichzeitig übergibt Amnesty International ihren Bericht an die Präsidentin. Darin wird belegt, wie Polizei und Armee mit Waffen des Militärs teils wahllos in die Menge geschossen und in einzelnen Fällen auch gezielt Menschen umgebracht haben. So auch in Juliaca, am 9. Januar 2023. Die Untersuchung der Vorfälle wird von Seiten der Regierung in Lima noch immer be- und verhindert.

Brötchen, 16.2.2023

Wie jeden Morgen spaziere ich die paar Häuserblocks zur Bäckerei. Sehe dem Verkehr zu, der sich wie gewohnt in der Strasse staut, denke an den Tag, der vor mir liegt, an die Freunde, die heute zum Mittagessen kommen werden, und dass wir noch Butter einkaufen müssen für die Brötchen.