Was wirklich alles hinter einem so grossen Projekt steckt, merkt man oft erst, wenn man plötzlich selber mittendrin ist. So ging es mir mit dem Eurovision Song Contest. Mein erwachsenes Kind Nemo vertrat 2024 die Schweiz – und gewann den Wettbewerb. Und mit diesem Sieg begann für uns beide eine Reise, die weit über Musik hinausging.
Ich bekam Einblick in die gewaltige Maschinerie hinter dem Song Contest – und gleichzeitig auch in die Emotionen, Hoffnungen und Kämpfe, die dieser Wettbewerb auslöst. Der ESC ist weit mehr als ein Musik-Event. Er ist ein gesellschaftliches Brennglas, das zeigt, wie Europa zu Diversität steht – und welche Gruppen noch immer um Akzeptanz kämpfen müssen. 2024 stand dabei eine Community besonders im Fokus: non-binäre Menschen.
Der Song am Küchentisch
Doch der Reihe nach. Im Sommer 2023 zeigte mir Nemo zum ersten Mal den Song, der später die Schweiz vertreten sollte. Wir sassen mit Freund*innen am Esstisch, Dessertschüsseln vor uns, als Nemo sagte: «Ich glaube, ich habe einen Song für den Eurovision Song Contest geschrieben. Wollt ihr ihn hören?» Schon nach den ersten Takten war ich tief berührt – vom Inhalt, von der persönlichen Dimension des Songs und von Nemos Stimme, die alles trug. Und ich spürte sofort: Dieser Song hat das Potenzial, den ESC zu gewinnen. Er war anders, mutig, berührend – und er passte perfekt zu Nemos musikalischem Talent.
Von der Wohnzimmerparty zur Bühne
Zu diesem Zeitpunkt war ich selber nur eine gelegentliche ESC-Zuschauerin. Mit meinen queeren Freund*innen hatte ich den Wettbewerb über die Jahre immer wieder geschaut – mal gemütlich auf dem Sofa, mal in queeren Clubs in Berlin, zwischen glitzernden Outfits und ausgelassener Partystimmung.
Es waren vor allem meine schwulen Freunde, die mir die Begeisterung für den ESC vorlebten. Sie feierten die Show, die Kostüme, die übergrossen Inszenierungen – so wie sie auch Musicals oder Opern liebten. Der ESC war für sie immer auch ein Fest der Gemeinschaft und der europäischen Vielfalt.
Die Macht der Sichtbarkeit
Der Auftritt und Sieg von Conchita Wurst 2014 war ein entscheidender Moment, in dem sich die Show mit Politik und queerer Geschichte verflocht. Conchitas Triumph war nicht nur musikalisch, sondern auch queerpolitisch ein Meilenstein. Vielfalt und Anderssein wurden gefeiert – und für viele Menschen in ganz Europa wurde Conchita zum Symbol für Hoffnung, Sichtbarkeit und Stolz.
Ein Song als Statement
Im Februar 2024 wurde dann offiziell bekanntgegeben, dass Nemo die Schweiz vertreten würde. Und es war von Anfang an klar, dass dieser Song mehr sein würde als ein blosser Wettbewerbsbeitrag. Er war ein Statement für Authentizität, für die Freiheit, aus Geschlechternormen auszubrechen. Non-binäre Menschen, die bis dahin oft übersehen wurden, erlangten plötzlich Sichtbarkeit.
Nun mussten sich Medien, die über den grössten Musikwettbewerb der Welt berichteten, überlegen, wie sie über Nemo schrieben – jenseits von «er» oder «sie». Für viele war es das erste Mal, dass sie sich mit einer non-binären Person auseinandersetzen mussten. Diese sprachliche Herausforderung löste einen Prozess aus: Wie sprechen wir über Menschen, die sich nicht in das binäre Raster von Mann und Frau einfügen? Wer darf wie sichtbar sein?
Familie im Rampenlicht
Auch für uns als Familie veränderte sich alles. Plötzlich wurden wir Teil einer medialen Geschichte. Interviews, Fotos, Kommentare – wir waren sichtbar, ob wir wollten oder nicht. Und wir mussten lernen, mit dieser Öffentlichkeit umzugehen, ohne uns selbst zu verlieren. Denn mit der Sichtbarkeit kam auch der Hass.
Nemo wurde gleichzeitig gefeiert und angefeindet. Reaktionäre Kräfte schlugen mit der altbekannten Gender-Keule zurück: «Es gibt nur zwei Geschlechter!» In Kommentarspalten und auf Social Media prasselte ein Sturm von Hasskommentaren auf Nemo ein. Kaum auszuhalten. Und trotzdem blieb Nemo sich treu. Immer wieder stellte sich mein Kind hin und sagte: «Ich bin non-binär. Und das ist gut so.» Diese unerschütterliche Authentizität machte Nemo zur Projektionsfläche – für Hoffnung und Hass zugleich.