Ausgabe 2025/2

Mehr als ein Song Contest | Queere Identitäten am ESC

Der Eurovision Song Contest ist ein bunter Wettbewerb – und gleichzeitig ein politischer Schauplatz. Als Mutter von Nemo, der non-binären ESC-Gewinner*in 2024, habe ich aus nächster Nähe erlebt, wie Musik, Identität und Sichtbarkeit aufeinandertreffen – und wie viel Mut es braucht, sich authentisch zu zeigen.
Text: Nadja Schnetzler / 26.05.2025

Was wirklich alles hinter einem so grossen Projekt steckt, merkt man oft erst, wenn man plötzlich selber mittendrin ist. So ging es mir mit dem Eurovision Song Contest. Mein erwachsenes Kind Nemo vertrat 2024 die Schweiz – und gewann den Wettbewerb. Und mit diesem Sieg begann für uns beide eine Reise, die weit über Musik hinausging.

Ich bekam Einblick in die gewaltige Maschinerie hinter dem Song Contest – und gleichzeitig auch in die Emotionen, Hoffnungen und Kämpfe, die dieser Wettbewerb auslöst. Der ESC ist weit mehr als ein Musik-Event. Er ist ein gesellschaftliches Brennglas, das zeigt, wie Europa zu Diversität steht – und welche Gruppen noch immer um Akzeptanz kämpfen müssen. 2024 stand dabei eine Community besonders im Fokus: non-binäre Menschen.

Der Song am Küchentisch

Doch der Reihe nach. Im Sommer 2023 zeigte mir Nemo zum ersten Mal den Song, der später die Schweiz vertreten sollte. Wir sassen mit Freund*innen am Esstisch, Dessertschüsseln vor uns, als Nemo sagte: «Ich glaube, ich habe einen Song für den Eurovision Song Contest geschrieben. Wollt ihr ihn hören?» Schon nach den ersten Takten war ich tief berührt – vom Inhalt, von der persönlichen Dimension des Songs und von Nemos Stimme, die alles trug. Und ich spürte sofort: Dieser Song hat das Potenzial, den ESC zu gewinnen. Er war anders, mutig, berührend – und er passte perfekt zu Nemos musikalischem Talent.

Von der Wohnzimmerparty zur Bühne

Zu diesem Zeitpunkt war ich selber nur eine gelegentliche ESC-Zuschauerin. Mit meinen queeren Freund*innen hatte ich den Wettbewerb über die Jahre immer wieder geschaut – mal gemütlich auf dem Sofa, mal in queeren Clubs in Berlin, zwischen glitzernden Outfits und ausgelassener Partystimmung.

Es waren vor allem meine schwulen Freunde, die mir die Begeisterung für den ESC vorlebten. Sie feierten die Show, die Kostüme, die übergrossen Inszenierungen – so wie sie auch Musicals oder Opern liebten. Der ESC war für sie immer auch ein Fest der Gemeinschaft und der europäischen Vielfalt.

Die Macht der Sichtbarkeit

Der Auftritt und Sieg von Conchita Wurst 2014 war ein entscheidender Moment, in dem sich die Show mit Politik und queerer Geschichte verflocht. Conchitas Triumph war nicht nur musikalisch, sondern auch queerpolitisch ein Meilenstein. Vielfalt und Anderssein wurden gefeiert – und für viele Menschen in ganz Europa wurde Conchita zum Symbol für Hoffnung, Sichtbarkeit und Stolz.

Ein Song als Statement

Im Februar 2024 wurde dann offiziell bekanntgegeben, dass Nemo die Schweiz vertreten würde. Und es war von Anfang an klar, dass dieser Song mehr sein würde als ein blosser Wettbewerbsbeitrag. Er war ein Statement für Authentizität, für die Freiheit, aus Geschlechternormen auszubrechen. Non-binäre Menschen, die bis dahin oft übersehen wurden, erlangten plötzlich Sichtbarkeit.

Nun mussten sich Medien, die über den grössten Musikwettbewerb der Welt berichteten, überlegen, wie sie über Nemo schrieben – jenseits von «er» oder «sie». Für viele war es das erste Mal, dass sie sich mit einer non-binären Person auseinandersetzen mussten. Diese sprachliche Herausforderung löste einen Prozess aus: Wie sprechen wir über Menschen, die sich nicht in das binäre Raster von Mann und Frau einfügen? Wer darf wie sichtbar sein?

Familie im Rampenlicht

Auch für uns als Familie veränderte sich alles. Plötzlich wurden wir Teil einer medialen Geschichte. Interviews, Fotos, Kommentare – wir waren sichtbar, ob wir wollten oder nicht. Und wir mussten lernen, mit dieser Öffentlichkeit umzugehen, ohne uns selbst zu verlieren. Denn mit der Sichtbarkeit kam auch der Hass.

Nemo wurde gleichzeitig gefeiert und angefeindet. Reaktionäre Kräfte schlugen mit der altbekannten Gender-Keule zurück: «Es gibt nur zwei Geschlechter!» In Kommentarspalten und auf Social Media prasselte ein Sturm von Hasskommentaren auf Nemo ein. Kaum auszuhalten. Und trotzdem blieb Nemo sich treu. Immer wieder stellte sich mein Kind hin und sagte: «Ich bin non-binär. Und das ist gut so.» Diese unerschütterliche Authentizität machte Nemo zur Projektionsfläche – für Hoffnung und Hass zugleich.


Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
© Pedro J Pacheco

weltweit vernetzt

Zur gleichen Zeit konnte ich auch etwas Wunderschönes beobachten: Non-binäre Menschen auf der ganzen Welt fühlten sich zum ersten Mal gesehen. Sie fühlten sich repräsentiert. Auf Discord, wo sich Menschen mit gleichen Interessen zu Communities vernetzen, tauschten sich nonbinäre, trans und queere Jugendliche regelmässig mit Nemo aus. Da entstand echte Gemeinschaft – für viele die einzige, die sie hatten. Junge Menschen, die in ihrem Umfeld keine Vorbilder und kein Verständnis für ihre Identität fanden, spürten: Ich bin nicht allein. Wir sind viele. Uns gibt es, und wir gehen nicht weg.

Ein gemeinschaftliches Erlebnis

Diese Gemeinschaft entsteht auch rund um den Contest selber. Die Künstler*innen, die während Monaten auf ESC-Events unterwegs sind, lernen sich kennen, bauen Freund*innenschaften auf. Die Fans, die die Live-Shows besuchen, feiern nicht nur die eigenen Favorit*innen, sondern jede Person, die auf der Bühne steht. Da wird mitgesungen, mitgefiebert – und das mit einer Leidenschaft, die sich über Monate aufbaut. Fans analysieren Songs, diskutieren Beiträge in Foren, drehen Youtube-Videos – der ESC wird zur geteilten Leidenschaft.

Umso trauriger war für mich der Moment, als ich sah, wie die israelische Künstlerin Eden Golan 2024 ausgebuht wurde. Das war nicht der ESC, den ich kennengelernt hatte. Der ESC, den ich kannte, war ein Ort, wo jeder Beitrag – ob man ihn nun mochte oder nicht – mit Applaus begrüsst wurde.

Gesellschaft im Prozess

Der ESC zeigt nicht nur, welche Musik gerade angesagt ist. Er spiegelt auch, wie Europa mit Diversität umgeht. Wer wird gefeiert? Wer wird ausgegrenzt? Wer gilt als der Norm entsprechend, und wer darf anders sein? Der Contest erzählt immer auch die Geschichte unserer Gesellschaft.

Queere Sichtbarkeit ist kein Endpunkt, sondern ein ständiger Prozess. Nemo hat ein Fenster geöffnet – doch die Arbeit geht weiter. Jede Person, die sich sichtbar macht, ebnet den Weg für die nächste. Der ESC kann dabei eine Plattform sein – wenn wir ihn dazu machen.

Mein persönliches Fazit

Was ich aus diesem Jahr mitnehme, ist mehr als Stolz auf Nemo. Es ist das Wissen, dass Sichtbarkeit immer auch Widerspruch auslöst – aber dass sie genau deshalb so wichtig ist. Der ESC hat mir gezeigt, wie viel Kraft darin steckt, sich selbst treu zu bleiben, auch wenn es unbequem wird. Und wie viel Hoffnung darin liegt, dass eine queere Stimme aus der Schweiz gehört wird – weit über die Bühne hinaus.