Ich singe in einem Chor, und die Chorproben am Montagabend gehören zu den Höhepunkten meiner Woche. Auch wenn ich vor dem Aufbruch kurz nach sieben Müdigkeit und Unlust verspüre, so verändert sich das meist bereits während des Einsingens. Nach 90 Minuten fühle ich mich belebter und zugleich entspannter. In den Jahren, in welchen das Chorsingen keinen Platz fand in meinem Alltag, vermisste ich diese Stimmung ganz besonders.
Beim Schreiben dieses Textes denke ich an Momente, in denen der Gemeindegesang mich tief anrührte – als gestaltende Pfarrerin oder als Mitfeiernde. An Situationen aber auch, in denen ich es nicht schaffte, mitzusingen. Ich brachte die Worte, die einen Gott ver-herr-lichten, der meinen Vorstellungen so fremd ist, nicht über die Lippen.
Patriarchale Modernität
So ging es mir auch während meiner Lizentiatsarbeit, die ich zu der charismatischen Freikirche ICF schrieb. Im Zuge der Recherche besuchte ich etliche «Celebrations» und ertrug den Lobpreis mit seinen simplen, patriarchal-einfältigen Texten je länger je weniger. Mein tiefes Unbehagen gegenüber den vielerorts aufkommenden landeskirchlichen Lobpreis-Gruppen speist sich aus der Beobachtung, dass es Lobpreis bisher ausschliesslich im patriarchalen Sprech gibt, Modernität wird nur bei der Musik gesucht.
Und ich erinnere mich an die vielen Stunden, die ich in der Vorbereitung von Gottesdiensten nach Liedern suchte: Passen zum ganzen Gottesdienstgeschehen sollten sie, sowohl musikalisch als auch sprachlich. Und wenn möglich auch noch singbar sein, so dass die anwesenden Gottesdienstteilnehmenden dieses körperliche Eintauchen erleben konnten.
Hadern mit dem Reformierten Gesangbuch
Grundsätzlich liege ich mit dem Reformierten Gesangbuch mit meinen Anforderungen an den Gemeindegesang im Clinch. Ein Buch voller grösstenteils mehrerer Jahrhunderte alter Lieder, geschrieben fast ausschliesslich von Männern. Von Männern ohne jegliche Sensibilität für Diversität, sondern vielmehr mit der nicht hinterfragten Überzeugung, «der Mensch» meine den weissen, gebildeten, mittelalten Mann. Die Lieder zeugen von dieser Grundannahme. Auch die Übertragung auf das Göttliche ist geprägt von diesen Bildern, Gott als der Herr und Vater, der Mächtige, der da oben, im Himmel. Sünder, Schuld, Blut als häufige Worte, die für mich heute der Erklärung, Erläuterung und Einbettung bedürfen, damit sie nicht nichtssagend, abstossend oder verstörend sind. Da ich den Gemeindegesang als elementar sehe, als Teil der Verkündigung, wird es hier schwierig für mich.
Einen Umgang finden
Wie gehen wir also heute in unserem Feiern um mit diesen Liedern? Es gibt jene, deren Melodien wohlbekannt sind, die viele Menschen berühren und sie weiter in einen Raum der spirituellen Erfahrung ziehen: Die Texte verschwinden hinter der Melodie. Können wir das Problem entschärfen, indem die Lieder eingeführt, in ihrer Zeit und theologischen Tradition verortet werden, indem wir heutige Worte finden anstelle der schwierigen Worte des Liedes? Oder indem wir die alten Texte übersetzen in heutige Sprache und diese Übersetzungsarbeit erläutern? Um so möglichst vielen Menschen Zugang zu verschaffen, die Vertrautheit weiter zu gewähren den Einen und ein «Trotzdem» zu ermöglichen den Anderen? Ich tat dies immer wieder und stand damit zu einem weiteren Anliegen meinerseits im Widerspruch: Nicht zu viel moderieren und erklären, sondern den Gottesdienst fliessen, die verschiedenen Momente für sich stehen und wirken lassen. Auch im Widerstreit mit einer Eindeutigkeit, die einen würden es vielleicht Radikalität nennen, die ich im nicht-kirchlichen Kontext lebe, indem ich gewisse Lieder mit grosser Überzeugung aus meinem Repertoire gestrichen habe.
Neue Initiativen
Auch nehme ich wahr, dass die Melodien heute noch tragen, aber natürlich ebenso immer weniger Menschen bekannt und vertraut sind. Hier ist also der gleiche Abbruch zu beobachten – oder vielmehr: zu hören –, wie bei biblischen und liturgischen Texten. Wie sehr ergibt es Sinn, weiter an den Melodien festzuhalten? Vielleicht befinden wir uns auch hier in einem Übergang, in einem Sowohl-als-Auch.
Ich finde es sehr inspirierend, dass es Initiativen gibt, die sich all dieser Fragen annehmen, sie gemeinsam diskutieren und versuchen, Wege zu finden und neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Expertise wird gemeinsam erarbeitet und so können, wenn neue Gesangsprojekte initiiert werden, Fachpersonen ins Boot geholt werden, die einen geschlechter- und diversitätssensiblen Blick, aber auch eigene Erfahrung mitbringen: Es ist zwingend, dass Frauen*, nicht-weisse Menschen, Menschen mit Behinderungen und weitere marginalisierte Personen einbezogen sind in diese Projekte! Es reicht nicht, wenn diese Perspektiven von mittelalten, weissen Männern «mitbedacht» werden. Aktuell sind diese Personen noch an vielen wichtigen Schlüsselstellen und bestimmen die Agenda. Da wird es nicht anders gehen, als sich offensiv einzubringen mit der Forderung nach Repräsentation und Einbezug.
Inklusives Singen für eine inklusive Kirche
Diese Forderungen sind nicht neu. Und vielleicht gibt es ein bisschen Bewegung, aber es dürfte – und müsste – schneller Veränderung geben, Ausprobieren und Experimentieren. Und ich wünschte mir, neben dem Bewusstsein für die Problematik, auch mehr Freude am Neuen. Ich bin überzeugt, dass die Kirche nur gewinnen kann, wenn sie auch im Umgang mit ihrem Liedgut Erkenntnisse der feministischen und inklusiven Theologien ernst nimmt.
So soll, wenn übersetzt wird oder wenn neue Texte zu alten Melodien geschrieben werden, stets bedacht werden, welche hermeneutischen Entscheidungen gerade getroffen werden, im Zusammenspiel mit lyrischem Ermessen. Um ein Beispiel zu erwähnen: Es scheint mir absolut angemessen, bei der Übersetzung des wunderbaren, vertrauten Liedes «Der Mond ist aufgegangen» in der letzten Strophe für «Brüder», die sich in Gottes Namen hinlegen mögen, nach adäquaten anderen Worten zu suchen, die abbilden, welche Botschaft in diesem Gute-Nacht-Wunsch steckt. Auch Deutsch kann hier inklusiver gesungen werden, um Vielfalt abzubilden: Vielfalt der Glaubenden und Vielfalt der Glaubenserfahrungen.
Die singende Miriam
Als ich letztens einen Gottesdienst besuchte, wurde das Miriam-Lied gesungen. Mit einer Kraft, die ich so noch nie erlebt hatte. Da war ein tänzerischer Schwung, eine Freude, die die ganze Gemeinde mitzog. Die Organistin bereitete mit ihrer Begleitung einen Boden, auf welchem die Melodie und die Worte ihre Kraft und Botschaft entfalten konnten. Die Wichtigkeit von Kirchenmusiker:innen kann gar nicht überschätzt werden in diesem Entrümpeln, Anpassen, Ausprobieren. In der Gestaltung von Feiern, die Menschen berühren und bewegen möchten, geht es nicht ohne ihre Expertise und ihre Lust, sich einzulassen auf Neues. Besonders war auch die Verbindung dieser singenden Miriam mit der singenden Gottesdienstgemeinde. Eine Frau, die Gott lobt, ihre Stimme erhebt, und jetzt wieder verklanglicht von der Gemeinde wiedergegeben, neu erlebt wird. Die singende Miriam ist ein Beispiel für die Vielfalt biblischer Erzählungen von menschlichen Erfahrungen mit dem Göttlichen: Es ist ein so grosser Schatz da, der darauf wartet, ins Licht geholt und in Klang gebracht zu werden!
Ich liebe es zu singen. Wenn im Gottesdienst Wort und Musik auf eine Weise zusammen treffen, die einen Raum eröffnen, um im Singen göttliche Gegenwart zu erfahren, dann ist das ein Geschenk. Ich bin gespannt auf neue Arbeiten, die anerkennen, wie wesentlich es ist, vielfältige Erfahrungen ernst zu nehmen und sie auch in kirchlichen Liedern erklingen zu lassen.