Zelenkas Karfreitagsresponsorien sind ganz schön schwierig, aber auch abgründig schön. Später im Kirchenzentrum eröffnet unser Chorleiter die Probe mit einem leichten Einsingen, bevor wir tief eintauchen in die Texte aus Propheten und Evangelien, die von Jesu Leiden und Sterben singen. Verlassenheit, Bitternis, Einsamkeit erklingen im Raum. Nach der Probe gehe ich ruhig nach Hause. Ich fühle mich geerdet und gewappnet, um den Schmerz der Welt mitfühlen und die Nachrichten von morgen ertragen zu können. Die Welt und mich selbst erfahre ich durch das Singen. Vielleicht kann ich sogar sagen, sobald ich meine Stimme im Klang erhebe, werde ich Ich durch das Singen. Dies ist eine Erfahrung, die meine Eltern meiner Schwester und mir ermöglicht haben. Das Singen gehörte bei uns einfach dazu. Meine erste bewusste Erinnerung daran ist mit Resonanz verbunden. Als vierjähriges Mädchen stand ich voller Stolz auf dem Stuhl und sang dort im Hof des Pfarrhauses, begleitet von meinem Vater an der Gitarre, Volkslieder für die Frauen, die zum Frauenhilfenachmittag gekommen waren. Eins mit mir. Eins mit der Welt, die damals für mich bis vorne zur Kirche reichte, mitten im sozialistischen Deutschland.
Zusammen singen
Später als Schulkind im Westen gehörte ich als Neue in der Klasse durch das Miteinandersingen gleich dazu. Laut und lustig sang unsere Lehrerin mit uns Lieder über das Kochen und das Tanzen. Und dann kam ich in die Singschule unserer Kirchgemeinde. In einen richtigen Chor! Nun konnte ich nicht nur in der Schule und zuhause mit meiner Schwester im Treppenhaus singen, sondern jeden Montag mit 30 anderen Kindern. Laut und leise und manchmal auch ernst. Choräle, Motetten für Kinderchor und freie Stücke. Mit 13 Jahren wurde ich dann endlich bei den Älteren aufgenommen und durfte in die Jugendkantorei eintreten. Rechtzeitig zum Probenbeginn für Händels Messias. Nur wurden meine Freundin und ich in zwei verschiedene Stimmen gesteckt und mussten zwischen den älteren Mädchen singen. Die waren ja so viel besser als wir! Aber wir waren fleissig, fügten uns ein und sangen den Messias und das Dvorak-Requiem, die h-Moll-Messe und die Psalmen von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die Johannespassion und Arthur Honeggers König David und noch viel mehr.
Verbunden sein
Tief und tiefer sanken Klänge und Worte in meine Seele ein und nährten mich in der Zeit der Pubertät. Sie behielten mich im Lot. Was für ein Geschenk. Und ja: Es war fast wie ein Rausch. Ich konnte nicht genug bekommen, wollte noch mehr, gründete ein Doppelquartett mit, trat in einen Kammerchor ein und sang, als ob es um mein Leben ginge. Eins mit mir und der Welt, die inzwischen grösser geworden war. Verbunden mit Mitsänger*innen und Hörer*innen und verbunden mit der Tradition, die wir durch den Gesang in die Gegenwart trugen.
Die verbindende Kraft des Singens motivierte mich dazu, mich zwischen 14 und 16 Jahren zur Chorleiterin ausbilden zu lassen. Ich spürte, wie ich mit Charme und Technik den kleinen Projektchor für mich gewinnen und zum Klingen bringen konnte. Ermutigt durch meine Gesangslehrerin, die mich lehrte, auch da vorne ich selbst zu sein mit Stimme und Körper und Präsenz. In dieser Rolle erlebte ich die transformative Kraft der Musik. Ja. Das Singen kann unser Leben und die Welt verändern.
All das nahm ich mit für meine spätere Arbeit als Pfarrerin. Jetzt singe ich im Vokalensemble, im Gottesdienst und mit meiner Familie. Wir singen zusammen – Lieder der Liebe, der Gerechtigkeit Gottes, des Mitgefühls und der Solidarität, damit wir nicht verloren gehen in unserer Welt.
(1) In Anlehnung an Pina Bauschs Ausspruch «Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren». Zitiert nach dem gleichnamigen Wim Wenders-Film über Pina Bauschs Leben und Wirken.