Singen wurde im Laufe der Evolution ausgebildet, um Menschen und Menschengruppen zu organisieren. Als eine Art leibliches Mehrzweck-Tool kann es eingesetzt werden, um Emotionen wie Freude oder Schmerz auszudrücken, Angst zu lösen, sich zu einer Idee, einer Liebe, einem Verein zu bekennen, zu protestieren oder zu unterhalten. Insbesondere das gemeinsame Singen in Gruppen gilt als wichtige Kulturtechnik, um Gemeinschaft zu bilden und leiblich in Resonanz mit dem Kollektiv zu gehen. Durch Singen in Gruppen kann eine affektive Bindung zu Werten aufgebaut und mit anderen synchronisiert werden. Aber wo Gemeinschaft ist, ist auch Ausschluss, wo Einheit ist, entsteht indirekt auch Andersheit.
Grenzaushandlungen, Grenzüberschreitungen
Im August 2023 fand im Schweizer Juradorf Saint-Imier das Internationale Antiautoritäre Treffen statt. Mehrere Tausend Anarchist*innen aus der ganzen Welt debattierten über Herrschaftskritik, politische Praxis und kollektive Organisation. Unüberhörbar wehten politische Lieder durch die Strassen und füllten das gesamte Tal mit dem Soundtrack verschiedenster politischer Kämpfe aus den letzten Jahrhunderten. Die Affinität der Anarchist*innen zu chorischer Selbstorganisation ist auffällig, aber keine Überraschung. Schliesslich ist das gemeinsame Singen eine Praxis, in der die Möglichkeit zur Grenzüberschreitung – ein anarchistisches Kernanliegen – ausgelotet und organisiert wird. Die Stimme, als Schwellenphänomen zwischen Innen und Aussen, Begriff und Ausdruck, Idee und Körper wird eingesetzt, um das Verhältnis von Individuum und Kollektivität im wahrsten Sinne des Wortes zu bestimmen.
Singen als Ausdruck von Organisation
Jede singende Gruppe verkörpert die Aussage: «Wir sind organisiert, entschlossen und fähig, gemeinsam zu handeln». Entscheidend ist, nach welchem Prinzip oder mit welcher Intention das Singen organisiert wird. Suchen die Anarchist*innen von St. Imier nach möglichst antiautoritärer Selbstorganisation, gibt es an anderer Stelle Gesangsgruppen mit autoritär festgelegter Ordnung. Ob eine singende Gruppe sich selbst ausdrückt oder zum Instrument für eine (externe) Autorität wird, ist entscheidend, jedoch nicht immer eindeutig. Ob einzelne Stimmen im Chor präsent bleiben oder der individuelle Ausdruck sich in einem anonymen Gesamtklang aufhebt, ebenfalls.
Mehr als die Summe von Einzelstimmen?
Relationstheoretisch betrachtet können beim gemeinsamen Singen verschiedene Prinzipen zum Ausdruck gebracht werden: etwa Einheit oder Vielheit, Konzentration auf Identität, Erleben von Diversität oder ein Gefühl von Transzendenz. Die Stimme als intimes, persönliches Werkzeug beinhaltet viele Informationen über unseren körperlichen und psychischen Zustand und ist so Ausdruck unserer Individualität. Gemeinsames Singen hat transzendierende Wirkung, denn hier geht die einzelne Stimme über ihren begrenzten Ausdruck hinaus, lässt das Ego zurücktreten und ergibt mit den anderen Stimmen einen Klang, der mehr sein kann als die Summe seiner Einzelstimmen. Die singende Person erfährt sich als Teil eines Grösseren, hat Teil oder ist Teil einer, wenn auch temporären, Gruppenidentität.
Das einheitliche und das universale «Wir»
Sich einer gemeinsamen Melodie hinzugeben, hat eine ähnliche Funktion wie sich unter einer Flagge zu versammeln oder sich in symbolische Farben zu hüllen. Singen hat aber durch das erforderte persönlich-leibliche Engagement eine grössere emotionale Wucht. Es ist ein In-Beziehung-Gehen und schafft dadurch ein «Wir»-Gefühl. Hier lohnt sich ein genaues Hinhören, denn: Während ein universales «Wir» alle mit einschliesst, die mit-einstimmen wollen, kann ein definiertes oder gar elitäres «Wir» klar benennen, wer «wir» sind – und wer nicht. Während im ersten Fall eine Einladung zum Mitsingen und zur Teilhabe anklingt, hat im zweiten Fall das Singen, neben der Funktion der positiven Bestimmung des Eigenen, die Abgrenzung vom Anderen zum Ziel.
Wer singt, zeigt sich
Eine singende Gruppe zeigt ihre Existenz als soziales Konstrukt: als potentielle Verbündete, spielerische Gegnerin oder politischer Feind. Wie die Stimme viel über eine Person aussagt, enthält der chorische Ausdruck klangliche Informationen über Stärke und Motivation, über Werte und Stimmung. Nationalhymnen loben die Vorzüge und Werte des Landes und verlangen von den Singenden einen rein positiven Bezug, Fussballhymnen bestärken die Treue der Fans zu ihrem Verein und beschwören den Teamgeist. Singen wird zum Bekenntnis – kein Platz für Kritik oder Ambivalenz. Umso lauter der mediale Aufschrei, wenn dieses Bekenntnis nicht oder anders erfolgt, wie die Debatte um die Singpflicht bei Nationalspielen zeigt. Als der Fussballer Mesut Özil bei seinem DFB-Debut 2009 nicht die deutsche Hymne mitsang, löste dies eine feurige Debatte um Integration, Identität und Nationalstolz aus.
«Und wer’s nie gekonnt, …
… der stehle heimlich sich aus diesem Bund.» Ausschlüsse können auch über fehlende Fähigkeiten zur Partizipation produziert werden. Wie in der «Ode an die Freude» von Schiller besungen wird, vereint die Freude alle Menschen zu «Brüdern». Wer sich nicht in die Freude, die Freundschaft und den Gesang einfügen kann, soll sich aus dieser Gemeinschaft davonstehlen. Die zunächst tolle, bestärkende Botschaft bekommt durch diesen fast beiläufigen Nebensatz einen bitteren Unterton. Was bedeutet schon Solidarität, wenn diese in der Praxis ausschliesst? Was ermöglicht, konkret und im übertragenen Sinn, ein Mit-Ein-Stimmen? Neben der Zugänglichkeit zu Texten und Räumen spielt vor allem die Fähigkeit, Dissonanzen auszuhalten und Lieder zu wiederholen eine Rolle. Eine grosszügige Fehlerkultur und offene Kommunikation sind wichtig, sonst bleibt der Zugang zum «Wir» verschlossen.
Die singende Masse als Bedrohung
Das gemeinsame Singen dient vorrangig der Bildung einer Gruppenidentität, sendet aber auch eine Botschaft an «die Anderen» – und diese kann mehr oder weniger freundlich, kann Lockmittel oder Kampfansage sein. Neben der Sehnsucht nach einer im Gesang verschmelzenden Gemeinschaft muss also auch das Unbehagen der Ausgeschlossenen vor einer zu einer Einheit geschmiedeten, gesichtslosen und manipulierbaren Masse betrachtet werden. Wenn das «Wir», das durch den Gesang vereint wird, sich toxisch gegen das Andere wendet, wird es gefährlich, der Gesang bedrohlich, etwa wenn die Rechtsrock-Band Böhse Onkelz singt: «Wir steh’n in uns’rem Block / Und singen uns’re Lieder / Wir schwör’n auf uns’re Farben / Und machen alles nieder.» Das Werkzeug des Gruppensingens wird dann genutzt, um aufzuputschen, Stärke zu zeigen und Schwächere einzuschüchtern. Aber dieses Verhältnis kann auch umgewendet und das Werkzeug gegen die Stärkeren gedreht werden.
Die singende Revolution
Lieder spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle in politischen Kämpfen – insbesondere in jenen, in denen es Mut braucht, sich mit nichts als den eigenen Körpern einer Übermacht entgegenzustellen. Beispiele gibt es etliche, die singende Revolution in Estland sticht besonders hervor: 1988, in der Zeit der Perestroika, versammelten sich 300.000 Menschen, d.h. 20% der Bevölkerung, auf dem Sängerfestplatz Lauluväljak. Hand in Hand wurden von der Sowjetunion verbotene estnische Volkslieder und die estnische Hymne als Zeichen für den Wunsch nach staatlicher Unabhängigkeit gesungen. Ob in der portugiesischen Nelkenrevolution 1974, in Ägypten 2011 oder bei den georgischen Protesten 2024: Kollektiver Gesang wird im Protest vom Werkzeug zur Waffe, die die Bevölkerung ermutigt, aus der passiven Opferrolle herauszutreten und Autoritäten die Stirn zu bieten.
Singen als Waffe der Unbewaffneten
Nicht nur politische Lieder, auch Singen selbst kann zum widerständigen Akt werden. Hier wird die Verwandtschaft des Singens zum Lachen deutlich. Lachen kann, wenn man Nietzsche folgt, tödlich sein: «Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.» Auch Elias Canetti sieht im Lachen die mit einer symbolischen Tötung einhergehende Freude; ein Zeichen fehlender Angst, ein Zeichen der Nicht-Anerkennung von Machtverhältnissen. Da Singen wie Lachen als Werkzeug sowohl zum Erhalt von Macht als auch zu deren Subversion genutzt werden kann, sind singende Gruppen oder zum Singen animierende Einzelstimmen Gegenstand autoritärer Reglementierung. Die wohl krasseste Ausformung von Repression gegen die Stimme wurde 2024 von den Taliban in Afghanistan mit dem sogenannten «Tugendgesetz» verhängt. Frauen ist es seither verboten zu singen – auch zu Hause. Mit unzähligen Videos auf TikTok protestierten voll verschleierte Frauen singend gegen die neuen Regelungen. Singen kann lebensgefährlich sein.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing?
Dass Singen eine Waffe sein kann, wissen diejenigen, gegen die diese Waffe zielt. Das zeigen die bereits erwähnten Liedverbote, wie auch das von Regimen vorgeschriebene Liedgut. In Deutschland ist bis heute schmerzhaft zu spüren, wie die Nationalsozialisten, namentlich Joseph Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer, die gesamte Sangeskultur gleichschalteten, Liedgut zensierten und unliebsame Institutionen wie den Deutschen Arbeiter-Sängerbund verboten. Auch heute noch ist es kaum möglich, Deutsche – es sei denn, sie sind Christ*innen, Fussballfans oder Pfadfinder*innen – zum gemeinsamen Singen eines (Volks-) Liedes zu bewegen – sei es aus dem Grund der Unkenntnis dieser Lieder oder einem Unwohlsein der eigenen Singtradition gegenüber. Mit dem Wissen, dass etwa Häftlinge in NS-Konzentrationslagern das Volkslied «Alle Vögel sind schon da» singen mussten, bleibt das Lied eher im Halse stecken, als dass es zu einem schönen Singerlebnis führt.
Singen auf Befehl
Neben dem Nicht-Singen-Dürfen muss also auch das Singen-Müssen betrachtet werden. Als perfide Art der Gewaltausübung und Disziplinierung wird es in verschiedenen Abstufungen und Kontexten angewendet, um Machtverhältnisse zu etablieren und zu stärken. Singen-Müssen ist deshalb so schmerzhaft, da die Stimme als Ausdruck des individuellen bzw. kollektiven Willens und der Äusserung der Person bzw. der Gruppe gilt. Muss gesungen werden, wird Wollen und Tun einer Person auf intimer Ebene auseinander gerissen, was als eine Art Vergewaltigung und besonders demütigend empfunden werden kann, wie etwa Berichte von Überlebenden der NS-Konzentrationslager bestätigen. Was hier in einer extremen Form beschrieben ist, muss auch für harmlosere Kontexte mitgedacht werden. Singen sollte – ob in Schule, Gottesdienst oder Fussballstadion – nie mit Zwang einhergehen. Sich gegen die eigene Überzeugung mit einer Melodie gemein machen zu müssen, führt nicht zu einem Gefühl der Teilhabe, sondern zu einem Gefühl der Gefangenschaft.
Das Werkzeug des Singens pflegen
Singen ist ein mächtiges Werkzeug, das für oder gegen Menschen eingesetzt werden kann. Wie bei jedem Werkzeug sollte man sich daher damit beschäftigen, für welchen Zweck es genutzt wird. Es muss gepflegt werden, damit es zum richtigen Zeitpunkt einsatzfähig ist. Als Gesellschaft die Gesangskultur verwahrlosen zu lassen, kann durchaus als fahrlässig gelten. Singen kann ein Anker in lebensbedrohlichen Situationen sein. Zu Anfang des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine gingen Videos viral, in denen die Bevölkerung von Kyjiw und Lwiw in U-Bahn-Stationen Schutz suchte und Volkslieder sang. Ob eine ähnliche Situation in Deutschland möglich wäre, ist zu bezweifeln. Gemeinsames Singen schafft Zusammenhalt und Resilienz in Notlagen, dafür muss dieses Werkzeug aber im Alltag geschärft, geölt und der Umgang damit geübt werden.
Vielstimmigkeit gegen Eintönigkeit
Eine lebendige Sangeskultur ist gerade heute von grosser Bedeutung, auch als Strategie zum Aufbau von Widerstandskraft und Zusammenhalt in einer von Krisen erschütterten Gegenwart. Gerade in von Individualismus durchtränkten Gesellschaften sind Resonanzräume, in denen das Individuum zurück- und das Kollektiv hervortreten kann, wichtig. Nicht nur, weil man damit von Selbstoptimierung und Leistungsdruck entlastet wird, sondern weil darin Perspektiven auf Formen solidarischer, widerständiger Selbstorganisation aufscheinen und die gemeinsame Organisationskraft erlebt werden kann – ein vielstimmiges und organisiertes Signal gegen eine diktierte Eintönigkeit.