Welcher Ort kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie einen Pausenraum benennen müssten? Ist es das Schlafzimmer, die Raucherecke vor dem Büro oder der weitläufige Schulhof gleich ums Eck? In jedem Fall ist es ein Ort, der erst in Bezugnahme und Abgrenzung zu anderen Gesellschaftsräumen als möglicher Pausenraum fungiert. Oder anders gesagt, sind Räume nicht einfach da, sondern werden durch Bedeutungszuschreibungen einerseits und durch unsere Nutzungen andererseits hervorgebracht: Indem wir einen Ort als ‹Pausenraum› bezeichnen, wissen wir, dass in diesem Raum nicht gearbeitet werden soll. Weil wir darin tatsächlich nicht arbeiten, (re)produzieren wir im selben Moment diese Bedeutung. Mit diesen Vorüberlegungen als Navigationslinien im Hinterkopf begebe ich mich auf Spurensuche nach dem idealen Pausenraum.
Leistungsorientierte Freizeit
Wo und wie produzieren wir Pausen räume und wozu brauchen wir sie? In unserer Gesellschaft, so scheint mir, wird der Pausenraum zunehmend durch einen konsumorientierten Freizeit raum bedeutet: Lassen wir die Lohnarbeit liegen, gehen wir shoppen oder ins Kino, lassen uns massieren oder bekochen, fahren in die Ferien. Zur Steigerung des ‹eigenen Wohls› konsumieren wir viel eher, als dass wir wirklich pausieren würden, und optimieren unseren Geist und Körper – damit wir 6 auf dem Arbeitsmarkt leistungs- und wettbewerbsfähig bleiben. Es ist uns selten bewusst, dass die Logik einer neokapitalistischen Gesellschaft als Orientierung unserer gesamten Lebenswelt fungiert und entsprechend unsere Gestaltung der Freizeit beeinflusst. In den vermeintlichen Freiräumen reproduzieren wir ökonomische Strukturen, anstatt unterschiedliche auszuhandeln und andere Pausen räume zu schaffen.
Rauchen ist Arbeit
Nehmen wir das Beispiel der ‹Zigarettenpause› zwischen morgendlichen Besprechungen und dem Businesslunch. Bei genauem Hinsehen dient sie weniger der Pause an sich, sondern fällt zu Gunsten der Arbeit aus: Entweder wird die Rauchpause zur kurzfristigen ‹Erholung› genutzt. Was nach Pause klingt, dient letztlich aber der individuellen Effizienz, weil frau sich neue Frische für den Schreibtisch verspricht. Oder die Rauchpause dient dazu, im informellen und kleinen Kreis Entscheidungen zu fällen oder Informationen auszutauschen, die innerhalb der Sitzungszimmer keinen Platz haben. Vor allem Nicht-RaucherInnen bekommen diese Mechanismen zu spüren, wenn sie erst viel später von Entscheidungen erfahren oder realisieren, dass ihnen wichtige Informationen vorenthalten wurden. Rauchpausen müssten darum ‹Raucharbeiten› heissen und haben nicht im Geringsten etwas mit Pause zu tun!
Das WC als Pausenraum
Wo können wir also Pausenräume schaffen, ohne allzu sehr Strukturen des Arbeitsraums zu reproduzieren? Wenn wir Pause nicht bloss als Regenerierung von etwas Anstrengendem oder Mühsamem und schliesslich als Teil der Produktionsverhältnisse verstehen, sondern als etwas ausser halb, muss ich unweigerlich an Toiletten denken. Interessant sind Toiletten als Pausenraum auch deshalb, weil Geschlechterunterschiede eindeutige Repräsentationsformen annehmen und räumlich eingeschrieben bzw. abzulesen sind.
Mit Blick auf den öffentlichen Raum fällt auf, dass weitaus mehr Herren- als Damentoiletten zur Verfügung stehen. Bei der Suche nach dem nächst gelegenen WC für Frauen kann wc-guide.ch zwar hilfreich sein, das Ergebnis ist jedoch ernüchternd: In Zürich befinden sich beispielsweise zwischen Europaallee und Badenerstrasse vier Pissoirs und drei gemischte Toiletten. Für Männer gibt es also sieben, für Frauen hingegen nur drei Möglichkeiten zum Urinieren. Bei dieser Rechnung kommt mir der Gedanke: Nicht nur der Urin am Baum, auch Herrentoiletten markieren männliches Territorium.
Mehr Damentoiletten im öffentlichen Raum
Mit mehr Unisex- und vor allem Damentoiletten würden körperlich alltägliche Bedürfnisse von Frauen mehr Platz erhalten und sichtbarer gemacht werden. Natürlich hat frau noch andere Bedürfnisse, als im öffentlichen Raum zu urinieren, aber nicht umsonst wird im verlegenen Volksmund gesagt, eine Person müsse ihre ‹Notdurft› erledigen, wenn sie dringend aufs WC muss. Ja, es ist eine Not, wenn frau nicht pinkeln kann! Wie soll in diesem körperlich gestressten Zu stand überhaupt an Pause gedacht, geschweige denn welche erlebt werden? Ausserdem: Werden nicht häufig psychosomatische Gründe wie Stress als Auslöser für Morbus Crohn oder Reizdarmerkrankungen genannt? Zunehmend leiden Menschen und gerade junge Frauen an solchen und beklagen sich über das Verschwinden von öffentlichen Damentoiletten und dem damit einhergehenden individualisierten Handlungszwang. Ein Grund mehr, Damentoiletten als Rückzugsort in der Öffentlichkeit stehen zu lassen – und mehr Pause zu machen!
Vermeidlicher Pausenraum
Wie sieht es im halb-öffentlichen Raum mit den Toiletten als Pausenraum aus? Nehmen wir als Beispiel den Arbeitsplatz. Dort verhält es sich für Männer und Frauen gleichermassen wie mit der ‹Raucharbeit›: Entweder wird die Toilette zum informellen Austausch oder zur kurzweiligen ‹Erholung› genutzt. Während sich die einen nach dem Mittagessen aufs stille Örtchen zurückziehen, um einen Moment lang ungestört News zu lesen oder eine Runde Angry Birds zu spielen, nutzen die anderen eine zufällige Begegnung beim Hände waschen zur beiläufigen Diskussion wichtiger Dinge. So oder so kann ohne grosse Erklärungspflicht und ausgedehnt auf dem WC ‹pausiert› werden. Wer stellt schon das Ziel oder den Zweck in Frage, wenn jemand aufs Klo verschwindet?! Zu indiskret wäre eine solche Bemerkung, zu tabuisiert Themen rund um Körperflüssigkeiten.
Die private Kloschüssel
Dass wir um unsere Pause betrogen werden, merken wir spätestens dann, wenn die Kacke richtig am Dampfen ist. Dann nützen diese kleinen Erholungsinseln zwischendurch auch nichts mehr. Dann leiden wir an Verstopfung. Während die Rauchpause optional ist, müssen wir jeden Tag und sogar mehrmals aufs WC. Unser Körper zwingt uns also dazu, für einen Moment die Produktionsstrukturen zu verlassen. Vielleicht sind es diese Momente der körperlichen Bedürfnisse, die Pause jenseits einer Arbeitsstruktur ermöglichen. Ich will einen letzten Blick auf die Toilette als Pausenraum im Privatbereich werfen. Sie steht Frauen und Männern gleichwertig zur Verfügung: Abgeschirmt von der hektischen Aussenwelt können wir ungestört auf der Kloschüssel sitzen und die Zeit vergessen; endlich alleine, ohne Angst vor so genannt peinlichen Geräuschen und Gerüchen können wir in Gedanken versinken und träumen. Während es im Bauch rumort, entspannen im besten Fall auch unsere Hirnwindungen, dieses dem Darm so verblüffend ähnlich aussehende Geschlinge. Schon oft habe ich in solchen Momenten erlebt, dass plötzlich lang ersehnte Lösungen oder unerwartete Ideen Raum fanden und aufkeimten. Das WC wird zum Kreativlabor.
Auch das Private ist politisch!
Mein Aufruf soll nicht der einer WC-Revolution sein, auf dass sich alle auf ihren eigenen Topf zurückziehen. Es geht mir viel eher um das Schaffen einer Sensibilität dafür, dass unsere Gesellschaftsräume keine Selbstverständlichkeiten sind: Wir sind es, die sie (re)produzieren und deshalb auch verändern können. Wenn ich den Pausenraum nicht nur als Erholungsort, sondern als einen möglichst von kapitalistischen und patriarchalen Strukturen unabhängigen Raum begreife, dient mir die private Kloschüssel als Beispiel dafür, wie eigene Handlungen Einfluss auf gesellschaftliche Aushandlungsprozesse von Bedeutungszuschreibungen haben können. Die Toilette als Pausenraum ist dann nichts Solitäres, sondern Bestandteil eines grösseren Gefüges. Die Pause auf dem WC wird Anfangspunkt einer Handlungskette sein, wenn das stille Örtchen zum Ort des lauten Sinnierens wird; die Lange weile, die wir immer und überall mit Konsum und Genuss imperativen zu verdrängen versuchen, wird zum langen Verweilen; Potentialitäten beginnen zu treiben und zu spriessen. Schaffen wir also unsere arbeitsfreien Pausen räume und furzen um die Wette, auf dass Bakterienherde Utopien hervorbringen!