Ausgabe 2015/4

Zwischen den Jahren | Die zwölf Rauhnächte als Aus-Zeit

Zwischen den Jahren gibt es eine Zeitlücke, in der die Wirklichkeit dünnhäutig ist: Die zwölf Rauhnächte, oder kurz: die Zwölften, meint die Zeit zwischen Weihnachten und dem 6. Januar. Die Rauhnächte sind gewissermassen eine Zeit ausserhalb der Zeit. Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue ist noch nicht da.

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©Bowald-Oldenhage-Stark 2015
Text: Moni Egger / 15.06.2025

Zwischen den Jahren gibt es eine Zeitlücke, in der die Wirklichkeit dünnhäutig ist: Die Rauhnächte. Die zwölf Rauhnächte, oder kurz: die Zwölften, meint die Zeit zwischen Weihnachten und dem 6. Januar. Vielleicht geht die Zwölfzahl auf die unterschiedliche Länge von Mond- und Sonnenjahr zurück: Wenn beide Zählungen aufeinandertreffen, bleibt eine Lücke von elf Tagen oder eben zwölf Nächten. Auch heute noch bezeichnen wir diese Zeit als «zwischen den Jahren». Die Rauhnächte sind gewissermassen eine Zeit ausserhalb der Zeit. Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue ist noch nicht da.

Die dunklen Nächte

Aber nicht nur in temporaler Hinsicht bilden die Zwölften eine Aus-Zeit. Diese zwölf Nächte sind in unseren Breiten graden die längsten und dunkelsten des Jahres. Die Sonne hat sich zurückgezogen und macht sich bereit für den neuen Aufstieg. Der Mittwinter ist ein besonders heikler Moment. Er lässt schauerlich erahnen, wie die Welt aussähe, wenn es keine Sonne gäbe. Jetzt kommt alles darauf an, dass die Sonne wieder aufsteigt, dass sie den Kampf zwischen Licht und Finsternis gewinnt. Es scheint, als halte die Welt den Atem an, als stehe das Rad der Zeit einen Moment still, bevor es mit Schwung das neue Jahr abrollt.

Die heiligen Nächte

So ist es nicht verwunderlich, dass diese dunkle und gefährliche Zeit mit dem Göttlichen eng verbunden ist: Von Weih nachten als Geburt des Gottessohnes bis hin zur Epiphania, dem Fest der Erscheinung oder auch dem Fest der «Heiligen Drei Könige». Aber schon lange vor dieser christlichen Prägung war die Mittwinterzeit eine heilige Zeit, nämlich die Zeit von Frau Holle oder Frau Perchta, der grossen Göttin über Leben und Tod.

Die mächtige Frau

Frau Holle und Frau Perchta sind zwei Varianten derselben Figur. Ziemlich sicher steht dahinter eine grosse Göttin – so teilen die beiden die meisten Eigenschaften der germanischen Göttin Freya, die selbst auch auf ältere, vorgermanische Traditionen zurückgreift. In Märchen und Sagen zeigen sie sich als mächtige Frau, die das Wetter kontrolliert und den Lauf der Zeit steuert, die Menschen belohnt oder bestraft und von ihnen Achtung fordert. Beide treten in verschiedenen Gestalten auf – als junge, reife und alte Frau. Damit verbunden sind die Farben weiss, rot und schwarz, die Wachstum, Fülle und Vergehen und damit den Jahreskreis von Frühling, Sommer-Frühherbst und Spätherbst-Winter bezeichnen.

Die Rauhnächte markieren den Übergang von einem Jahr zum nächsten. Dieser wird mit je einem Holle-Fest eingeleitet und beendet. Der regional an unterschiedlichen Daten im Januar gefeierte «Bärchtelistag» erinnert heute noch daran. Der Name bezieht sich nicht auf einen heiligen Berchtold – so weit ist sich die Wissenschaft einig. Neben der im Schweizerischen Idiotikon vorgeschlagenen Deutung als mittelhoch deutsche Wiedergabe von Epiphanie liegt der Bezug auf Frau Perchta nahe. Ursprünglich war der 6. Januar der Tag der Percht, der Bärchtelistag damit der Abschluss der Zwölften.

Die Übergangsnächte

Wie jede Übergangs- oder Schwellenzeit sind auch die Zwölften eine gefährliche Zeit und von vielen Regeln und Tabus geprägt. Vor Beginn müssen die Altlasten aus dem alten Jahr abgebaut werden: Ausgeliehenes soll zurück zur Besitzerin, das Haus muss aufgeräumt sein, Schulden müssen zurückbezahlt werden. Was während der Zwölften getan und gelassen wird, hat Auswirkungen auf das eigene Wohl ergehen im kommenden Jahr. In diesen Tagen und Nächten darf etwa kein Rad verwendet werden, weil das Rad der Zeit ja still steht. Für Frauen bedeutet das insbesondere, dass sie nicht Spinnen dürfen (müssen?). Aber auch das Wäschewaschen ist verboten und auf keinen Fall darf Wäsche im Freien aufgehängt werden. Denn in diesen Nächten sind die Wesen aus der Anderswelt unterwegs, die sich sonst in der Wäsche verfangen könnten. Es sind die noch ungeborenen Seelen und die bereits Verstorbenen, die mit Frau Holle oder Frau Perchta über die Welt ziehen. Die Menschenfrauen stellen ihnen auf weiss gedeckten Tischen Speise und Trank bereit. Als Schwellenzeit sind die Zwölften der Anderswelt auch sonst sehr nah. In diesen Nächten können die Tiere sprechen. Die Rauhnächte sind der rechte Zeitpunkt, allerlei Zauber- und Arzneimittel herzustellen. Auch sind die Nächte durchsichtig für das Schicksal im kommenden Jahr. Sie verweisen durch Zeichen und Orakel auf zu erwartenden Reichtum oder Mangel, auf Liebe, Krankheit, Tod.

Die Nächte der heiligen Frauen

Noch im siebten Jahrhundert erwähnt der englische Mönch Beda Venerabilis, dass «die Nacht, die uns allerheilig ist, von den Nichtchristen Modranicht, das ist: Mütternacht» genannt wird. Ein weiterer Hinweis darauf, dass diese Zeit der Sonnen wende ursprünglich eine Frauenzeit war, findet sich im bekannten Kniereiterlied «Rite Rite Rössli», das in verschiedenen Varianten im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet ist. Immer erzählt es von drei Frauen, die spezifische schicksalsträchtige Tätigkeiten verrichten. In vielen Fällen wird von der dritten Frau gesagt, sie öffne eine Tür oder ein Tor, woraus die Sonne hervorkommt (oder etwas, das für die Sonne steht). So etwa:

Rite, rite Rössli,

z Bade staht es Schlössli,

 z Thun da staht es Tubehus,

lueget drei Mareie drus.

Di ersti spinnt Side,

Di zweiti schnätzlet Chride,

Di dritti macht es Türli uf,

Da chunt es guldigs Vögeli drus.

Die drei hier erwähnten Frauen können als die drei Gestalten der mächtigen Frau gedeutet werden, die Junge, Reife, Alte, die in weissen, roten und schwarzen Kleidern auftauchen. Die Spur der drei Frauen geht zurück bis weit in die griechische Antike, wo die drei Moiren, die Töchter der Nacht, als Schicksalsfrauen über Leben und Tod der Menschen bestimmen. Auch in der römischen und der germanischen Kultur erfüllen drei Frauen diese Funktion, es sind die römischen Parzen und die germanischen Nornen. Und auch Frau Perchta tritt zuweilen als die «drei Bethen» auf. Das Vertrauen auf diese weibliche Dreiheit muss im Volks glauben sehr stark gewesen sein, wie das Überleben des Motivs im Kniereiterlied und in zahllosen anderen Überlieferungen beweist. Ausserdem wurde das Motiv auch im Christentum aufgenommen, so etwa die drei Nothelferinnen Catharina, Margaretha, Barbara.

C+M+B

Die Namen dieser drei Schutzheiligen wiederum könnten ursprünglich hinter dem Haussegen stehen, der heute noch am 6. Januar von den sogenannten Sternsingern an die Eingangstüren der Häuser gemalt wird: 20*C+M+B+15. Im vorchristlichen Österreich wurden die Buchstaben auch als Kürzel für Chäs+Milch+Brot gedeutet, die Gaben, die in der letzten Rauhnacht für Frau Perchta bereitgestellt wurden. Die christliche Deutung liest hingegen: Christus Mansionem Benedicat (Christus segne dieses Haus). Oder volkstümlich auch: Caspar, Melchior, Balthasar – die Namen der sog. «Heiligen Drei Könige», wobei diese biblisch nicht belegt sind. Das Matthäusevangelium erwähnt lediglich «Sterndeuter / Weise aus dem Morgenland» (Matthäus 2,1). Die Bibel kennt also keine heiligen Könige und schon gar nicht deren Namen, die Dreizahl wurde erst viel später aus den drei Geschenken (Gold, Weihrauch, Myrrhe) abgeleitet. Spannenderweise wurden in der Tradition die drei «Könige» als Jüngling, reifer Mann und Alter dargestellt, von denen einer weiss-haarig ist, einer rot-haarig, einer schwarz-häutig. Feindliche Übernahme? Bewusste Verdrängung? Oder Aufnahme bewährter Traditionen in neue Überlieferungen?

Frauenfeste

Und doch hat sich in der katholischen Tradition im Weihnachtsfestkreis ein Frauenfest erhalten: Am 1. Januar – und damit genau in der Mitte der Zwölften – wird das Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert. Auch in anderen Punkten ist Maria gewissermassen in die Fussstapfen von Holle und Perchta getreten. Mit der Verbreitung des Christentums wurden im Volksglauben viele Eigenschaften dieser beiden Frauen auf Maria übertragen (insbesondere die positiven). Von nun an war Maria zuständig für Segen und Wohler gehen im Haus, für Fruchtbarkeit, ja sogar die Macht über das Wetter wurde ihr teilweise zugesprochen, woran zum Beispiel die Wallfahrtsorte «Maria zum Schnee» noch erinnern.

Ein ganz anderes Frauenfest gibt es in den ersten Januartagen in den aargauischen Gemeinden Fahrwangen und Meister schwanden. Der Legende nach haben im zweiten Villmergerkrieg 1712 die Frauen dieser Dörfer entscheidend zum Sieg der heimischen Armee beigetragen, indem sie durch lautes Lärmen eine aufziehende Unterstützungstruppe imitierten. Als Dank dafür haben die Frauen drei Tage erhalten, an denen sie «über das Mannevolch regieren» durften. Obwohl besagte Schlacht im Sommer gewonnen wurde, findet der jährliche «Meitlisonntag» jeweils Anfang Januar statt. Zufall? Oder doch eher ein Anknüpfen an eine uralte Tradition?

Zwischen den Jahren gibt es eine Zeitlücke, in der die Wirklichkeit dünnhäutig ist. Wenn die Zeit pausiert, öffnet sich Raum für Ahnungen, neue Zusammenhänge und leise Stimmen aus der Vergangenheit.

 

Literatur: