Ohne mich. Ich gehe. Das ist nicht mehr meine Kirche. Ich muss raus aus diesen Strukturen, in denen ich aufgewachsen bin. Sie nehmen mir die Luft zum Atmen. Ich habe zu viel erlebt. In meinem Körper steckt die Gewalt. Ich war ein kleines Kind. Es war nach einem Gottesdienst. Ich wollte nicht mit dem Mann mitgehen. Er hat mich mitgenommen in einen Nebenraum und dort angefasst. Die Tür ging auf und eine Frau schaute herein. Sie hat gesehen, was passiert – und ist einfach wieder gegangen. Und der Priester hat mich vergewaltigt.
Kein Platz für mich
Ich kann nicht bleiben. Es gibt für mich keinen Platz in der römisch-katholischen Kirche. Nichts von dem, was ich sonst noch in dieser Kirche erlebt habe, kann die Gewalt aufwiegen. Hinter der sexuellen Gewalt steckt strukturelle Gewalt. Denn entweder möchte Gott die Diskriminierung von Frauen und queeren Menschen – dann will ich mit diesem homophoben Sexisten nichts mehr zu tun haben. Oder aber Gott liebt alle ihre Geschöpfe, dann brauche ich andere Orte, um diese Verbundenheit zu erfahren und zu leben. Diese Kirche hat kein Recht auf mich. Ich wurde als Säugling in diese Kirche hineingetauft. Als Erwachsene habe ich sie bewusst verlassen. Dennoch besteht sie darauf, dass ihr Kirchenrecht weiterhin für mich gilt. Sie spricht mir damit meine Gewissensfreiheit ab. Es war die richtige Entscheidung zu gehen. Ich habe sie nie bereut. Nur so ist Freiheit spürbar, die mich atmen lässt. Manches konnte ich erst von ausserhalb verstehen. Ganz langsam kann sich auch etwas von den Verletzungen lösen, kann eine Spur von Heilung geschehen. Ausserdem erlebe ich Kirche jetzt anders: bunt und lebendig, mit Gleichberechtigung und Mitbestimmung, mit hart ausgefochtenen Diskussionen und wehender Geistkraft, mit Ecken und Kanten. Ich kann ich selbst sein. Plötzlich werden mir Fragen gestellt, die mich zuvor nie jemand gefragt hat: Bist du ordiniert? Willst du Pfarrerin werden?
Verweigerte Gerechtigkeit
So würde ich gerne zu meiner früheren Kirche sagen: Macht euren Scheiss doch allein, es geht mich nichts mehr an! Das kann ich aber nicht. Was ich erlebt habe, hat eine Verbindung geschaffen, die ich nicht einfach auflösen kann. Das Handeln dieser Kirche hat nach wie vor Auswirkungen auf mich. Ihr Umgang mit Überlebenden sexueller Gewalt wird durch ihre Strukturen geprägt: Gespräche mit fachlich so inkompetenten Ansprechpersonen, dass sie retraumatisierend sind; wochen- und monatelanges Warten auf Reaktionen, die gar nicht auf die gestellten Fragen eingehen; Spiritualität als Versuch, sich Sachfragen zu entziehen; keinerlei Informationen zu wichtigen Veranstaltungen und Entwicklungen; Aufarbeitungsstudien mit einem sehr männlichen Blick auf das Geschehene; nur Männer als Bischöfe und Generalvikare. Über ein Jahrzehnt nachdem völlig klar wurde, in welchem Umfang es sexuelle Gewalt in der römisch-katholischen Kirche gegeben hat, hat sich so wenig verändert. Weder werden Bischöfe durch repräsentative Wahlen bestimmt, noch können sie bei Fehlverhalten von den Mitgliedern ihrer (Erz-)Diözese abgesetzt werden. Die Deutsche Bischofskonferenz entscheidet über Entschädigungszahlungen für Betroffene – und verweigert sie. Nach einem langwierigen, intransparenten Verfahren werden nur geringe Summen ausgezahlt. Eine wirkliche Entschädigung, die wenigstens die materiellen Kosten, etwa durch Verdienstausfall, abdeckt, oder gar Schmerzensgeld gibt es nicht. Geld kann zwar nichts rückgängig machen, aber manches erleichtern. Das, was an Gerechtigkeit möglich wäre, verweigert diese Kirche.
Kein sicherer Ort
Wenn ich in der römisch-katholischen Kirche zu Gast bin und dort an Veranstaltungen teilnehme, ist es anstrengend. Es ist kein sicherer Ort für mich. Kaum jemand rechnet damit, dass Überlebende sexueller Gewalt anwesend sind. Das bedeutet einen oft ehrlichen, aber gleichzeitig harten Einblick in das, was Menschen in dieser Kirche denken. Da beschwert sich eine Ordensschwester, dass im Fernsehen immer wieder Priester, die gerade eine Hostie hochheben, oder ein Kruzifix gezeigt werden, wenn über sexuelle Gewalt berichtet wird. Damit würden die Medien das, was heilig ist, in den Schmutz ziehen. Das waren aber die Täter! Mir hat es so gutgetan, dass hier jemand meine Perspektive eingenommen hat. Auch ich verbinde – höchst unfreiwillig – ein Kreuz oder die Worte Jesu oft mit sexueller Gewalt. Da beginnt eine Frau in einer Austauschrunde ihre Ausführungen mit «So ganz unter uns, was ich schon immer mal zu diesem Missbrauchsthema sagen möchte …», und erklärt, dass sie nicht ständig davon hören möchte, sondern es lieber wieder so werden soll wie früher. Da wird dafür gebetet, dass Täter Heilung und Vergebung erfahren. Nicht nur hier ist Liturgie oft täterzentriert. Über einen gerade verstorbenen Bischof, der übergriffige Geistliche wieder in der Gemeinde eingesetzt hat, wird gesagt: «In seinem Leben war Licht und Schatten, wie bei jedem von uns.» Es fehlt eine Sprache, die Gewalt, Schuld und Verantwortung klar benennt. Es wird für diesen Bischof und für Betroffene gebetet – aber ich will nicht für ihn beten, sondern um Gerechtigkeit: Dass Gott ihn mit all der Gewalt konfrontiert, für die er mitverantwortlich ist. Da wird immer wieder betont, dass Betroffenen grosses Leid zugefügt wurde – und gleichzeitig klagen Menschen darüber, dass Betroffene anstrengend und empfindlich seien, dass sie ohnehin nie zufrieden sein werden, egal, wie viel für sie getan wird. Veränderung könne ausserdem immer nur in kleinen Schritten erfolgen. Das scheint viel einfacher zu sein, als anzuerkennen, dass Überlebende sexueller Gewalt in der römisch-katholischen Kirche weiterhin verletzt werden, dass ihnen Gerechtigkeit vorenthalten wird, und dass die Strukturen, die diese Gewalt ermöglicht haben, aufrechterhalten werden.
Unerwartete Solidarität
Nur selten erlebe ich es anders. Da sagt mir ein Ordensmann ehrlich, dass ihm seine Kirche peinlich ist. Würde er seinen demokratisch verfassten Orden nicht als Heimat erleben und in seiner Tätigkeit als Seelsorger nicht einen Sinn erkennen, dann hätte er diese Kirche schon längst verlassen. Da treten Menschen, die meine Geschichte kennen, bewusst aus dieser Kirche aus, was ich als tiefe Solidarität erlebe. Da geschieht manchmal etwas Unerwartetes: Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an einer römisch-katholischen Kirche vorbei, an deren eingerüsteter Fassade ein grosses Banner zum (Wieder-)Eintritt geworben hat. Eines Tages hatte jemand an den Bauzaun das Wort «Kinderficker» gesprüht. Mir ging das Herz auf. Hier hat ein Mensch die sexuelle Gewalt wahrgenommen, mit deren Folgen ich und viele andere Menschen sich tagtäglich herumschlagen, und die Täter benannt.
Strukturelle Gewalt
Der Synodale Weg sollte angesichts von Missbrauch strukturelle Veränderungen bringen. Doch aufgrund einer Minderheit von Bischöfen gegen eine Mehrheit der Mitglieder der Synodalversammlung wurde die Einhaltung von Menschenrechten (etwa Gleichberechtigung von Frauen) noch nicht einmal gefordert. Früheren Bischöfen wurde inzwischen extremes Fehlverhalten ebenso wie Lügen nachgewiesen. Dennoch ist die Bereitschaft vieler Kirchenmitglieder hoch, den Beteuerungen amtierender Bischöfe zu glauben, dass jetzt alles anders laufe – anstatt den Berichten von Überlebenden zu glauben, wie nach wie vor mit ihnen umgegangen wird. Im hierarchischen System der römisch-katholischen Kirche werden die allermeisten Menschen entweder diskriminiert (etwa nicht-männliche und queere Menschen) oder müssen mit Einschränkungen leben (etwa Laien, denen kaum Rechte zustehen, und Kleriker, die meistens der Zölibatspflicht unterstehen). Menschen, die in dieser Kirche bleiben, halten also nie nur ihre eigene Benachteiligung aus, sondern tragen immer auch die Diskriminierung anderer Menschen mit – und halten so das System aufrecht. Es scheint einfacher, auf Veränderung zu hoffen und dafür zu kämpfen, als die eigene Ohnmacht innerhalb dieser Kirche ehrlich in den Blick zu nehmen. Das würde nämlich die Frage miteinschliessen, inwieweit Bleiben und Kirchensteuer Bezahlen Komplizenschaft bedeutet. Wenn Menschen all das ernst nehmen und dennoch zu dem Entschluss kommen, dass ihr Platz im Moment in dieser Kirche ist, dann kann ich das noch irgendwie nachvollziehen. Manche wissen genau, dass sie gehen werden, wenn eine bestimmte rote Linie überschritten ist. Aber wenn Menschen in dieser Kirche bleiben, weil sie diese Fragen ausblenden und wegschieben, oder indem sie, in welcher Form auch immer, sexuelle, spirituelle und strukturelle Gewalt rechtfertigen oder verteidigen, dann habe ich kein Verständnis dafür. Dann leben sie ihre eigene religiöse Nische auf Kosten anderer Menschen. Warum ist die Loyalität zu dieser Kirche grösser als die Solidarität mit Menschen, die in dieser Kirche Gewalt erlebt haben? Warum retten sie nicht lieber unseren bedrohten Planeten, Mutter Erde, deren Überleben für uns lebensnotwendig ist?
Prophetische Wut
Beten nährt die Wut. Denn Heilung bedeutet nicht, brav und nett und versöhnlich zu sein. Aus der Stille und Tiefe und Verbundenheit mit Gott heraus wächst eine wütende Klarheit, wächst prophetische Kritik: Kirche darf nicht auf Kosten anderer Menschen, darf nicht um den Preis der Gewalt willen existieren! Menschenrechte müssen gelten, Lebewesen vor Gewalt geschützt werden. Gewalt und Hass sind keine Lösung, Vergebung und Versöhnung aber auch nicht. Es geht um Gerechtigkeit!