Ausgabe 2023/3

«Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst …» Patriarchale Ignoranz im Feminismus

Ausschlussmechanismen gibt es nicht nur in der allgemeinen Gesellschaft. Auch in feministischen Bewegungen wird viel zu oft ein "lieber ohne dich" signalisiert.
@commons.wikimeida.org
Frauenstreik, London 2019
von Amani Abuzahra / 04.01.2025

Wie oft haben wir «Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst …» in unserer Kindheit gespielt? Ich habe es geliebt. Mit den Augen eine bestimmte Farbe zu suchen, mich zu irren, weiterzusuchen, zu raten, bis der Blick dort verweilt, wo er zur richtigen Erkenntnis führt. Was oft geholfen hat? Dem Blick jener Person zu folgen, die die Farbe nannte. Sie mag sich vielleicht bemüht haben, gezielt nicht hinzuschauen. Aber dennoch schweifte ihr Blick hin und wieder dorthin ab. Ich nehme an, um sich zu vergewissern, dass ihr Objekt noch da ist. Jedenfalls half es, dem Blick zu folgen. Viele Jahre später ist dieses Spiel für mich in einem anderen Kontext relevant geworden. Ich bewege mich durch eine Gesellschaft, die nicht sieht, wie Menschen aufgrund der Fremdmarkierung bestimmter Differenzmerkmale ausgeschlossen werden. Wobei diese Aussage eine Verfeinerung braucht: Es gibt Menschen, die Ausschlussmechanismen sehr wohl wahrnehmen, sich solidarisieren und versuchen, Rassismus und Ausgrenzung zu bekämpfen. Dann gibt es wieder jene, die sehr bewusst rassistisch agieren. Aber ein Grossteil fällt in die Kategorie der Nicht-Sehenden.

Paradoxe Abgrenzungen
Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst, und das ist, dass muslimische Frauen ausgeschlossen werden – auch von weissen, feministischen Kreisen. Das Kopftuch sei der Grund, weil man ja nicht selbstbestimmt leben könne, wenn man *selbst* bestimmt, sein Haar zu bedecken? Paradox. In einer rassistisch strukturierten Gesellschaft ist es nicht selbstverständlich, dass jede:r selbst bestimmt, wie sie:er sich kleidet, glaubt, lebt und liebt. Ich sehe Rassismus, Ausschluss und Ausgrenzung. Viele sehen sie nicht nur, sondern müssen unter diesen Umständen auch leben. Ich sehe eine Gesellschaft, die mich und meinesgleichen ausschliesst, weil oder besser gesagt *obwohl* wir in feministischer Manier über unser Leben bestimmen. Eigentlich gäbe es da ein grösseres «Wir», nämlich das gemeinsame feministische Interesse. Ein Band, das eigentlich einen sollte.

Gefährlicher Zweckfeminismus
Doch was meine ich mit Feminismus? Für mich steht diese Bewegung und Idee dafür, dass ein anderes Leben möglich ist, nämlich ein selbstbestimmtes. Wenn aber jetzt andere Feminist:innen mir das absprechen, so entpuppt sich dies als – wie ich es bezeichne – Zweckfeminismus. Dieser folgt Machtinteressen, denn immer dann, wenn es dem Zweck dienlich wird, gebärden sich diese Personen nach aussen zwar als Verteidiger:innen der Frauenrechte, sprechen aber anderen im selben Atemzug ein selbstbestimmtes Leben ab, wenn es von den jeweils eigenen Vorstellungen abweicht. Oder wie Dalia Mogahed sagt: «If yours is a feminism trying to recreate me in your image you can keep it. That’s not dismantling patriarchy, that’s joining it.» (Wenn dein Feminismus versucht, mich nach deiner Vorstellung zu schaffen, kannst du ihn behalten. Denn er demontiert das Patriachat nicht, sondern unterstützt es.)

Feminismus unter der Lupe
Was wir hingegen brauchen, ist ein Feminismus, der sich als intersektional versteht, der Sexismus und Rassismus beim Namen nennt, soziale Faktoren nicht unter den Tisch kehrt und sich für selbstbestimmte Lebenswirklichkeiten einsetzt. Dies bedeutet also auch, das eigene Verständnis von Feminismus unter die Lupe zu nehmen. Wer hat die Deutungshoheit zu «selbstbestimmt» inne, und wo wirken im feministischen Kontext patriarchale Strukturen in Form eines Zweckfeminismus? Wieso eint dieses Band eben doch nicht alle, die sich als Feminist:innen bezeichnen? Um dem angeblichen Anliegen, Frauen zu empowern, Nachdruck zu verleihen, muss oftmals die muslimische Community mit ihrem vermeintlich rückständigen Frauenbild herhalten. Denn immer dann, wenn sich jene Zweckfeminist:innenüber Emanzipation und Selbstbestimmung ereifern, lenken sie den defizitorientierten Blick auf «die Muslimin». Es ist ein herablassender Blick, der es ermöglichen soll, sich der eigenen «Modernität» und «Fortschrittlichkeit» zu vergewissern.

Europäische Gleichberechtigung ist jung
Als Muslimin bekommt man des Öfteren zu hören, dass die Feminist:innen der ersten Stunde gegen Unterdrückung gekämpft haben. Frauenrechtlich ist in den letzten 100 Jahren viel erreicht worden. Dass Frauen ein eigenes Konto eröffnen, ohne Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten gehen, wählen dürfen – für all diese Beispiele gilt, dass es nicht wirklich lange her ist, dass sie noch verboten waren. Das Frauenwahlrecht zum Beispiel gilt in Deutschland seit 1919, davor war Politik eine Angelegenheit der Männer. In der Schweiz dürfen
Frauen erst seit 1971 auf Bundesebene wählen, in einzelnen Kantonen schon etwas früher und in einem Kanton erst seit 1990. Dass Frauen ihr eigenes Konto eröffnen dürfen, gilt erst seit 1958 nach deutschem Recht, in der Schweiz seit 1976. Erst mit dieser Möglichkeit ist eine ökonomische Selbstbestimmung gewährleistet gewesen. Bis 1976 war es verheirateten Frauen in der Schweiz nur dann möglich, legal berufstätig zu sein, wenn es dem Ehemann genehm war, Ehefrauen in Westdeutschland ging es bis 1977 so.

Für etwas kämpfen statt ausschliessen
Viele europäische Musliminnen wissen das. Und sie wissen sehr wohl, was die Errungenschaften sind, wenn in feministischen Kreisen davon gesprochen wird, dass man hart für die Frauenrechte gekämpft hat. Es wurde für etwas gekämpft. Nicht gegen das Kopftuch. Denn oftmals erwähnen das weisse Frauenrechtlerinnen in einer Vehemenz, als wäre der Kampf der Frauen gegen den Hijab damals gewesen. Das war nie der Kernpunkt. Die feministische Bewegung bestand in einem Einfordern von Rechten und nicht im Beschneiden der Freiheiten anderer Frauen. Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst, bedeutet, den Blick nicht nur auf die Missstände zu lenken, sondern auch zurück auf jene Personen, die ausschliessen. Als Beobachterin macht man dann manchmal die Erfahrung, dass der Blick das Unvermögen offenbart, selbstkritisch über die eigene Rolle in diesem System der Ausgrenzung nachzudenken.

Hinschauen und zuhören
Wo befinden wir uns zurzeit? Was bedeutet es, wenn wir über Feminismus, über frauenpolitische Angelegenheiten sprechen, wer sind Partner:innen, was sind Bündnisse, die uns helfen, einer feministischen Vision näher zu kommen? Die Aufgabe besteht darin, Machtstrukturen innerhalb von Sprache und Gehörtwerden aufzuspüren: Wer erzählt, und wessen Stimme und Geschichte zählt? Hier den Blick für andere feministische Geschichten zu öffnen, bedeutet, jenen Raum zu geben, die sich durch den gesellschaftspolitischen, medialen und auch wissenschaftlichen Diskurs am Rande der Gesellschaft wiederfinden. Und dies, obwohl sie zugleich in deren Mitte leben und handeln. Sie sind als Grenzgänger:innen wahrzunehmen, deren kritischer Blick auf die Mitte der Gesellschaft hör- und sichtbar gemacht werden muss. Das heisst im Kontext des «Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst …» genau zuzuhören, wenn Ausschluss nicht oder zu wenig in den Blick gerät.

Utopischer Feminismus
Was bedeutet es für Betroffene, vom feministischen Band ausgegrenzt zu werden und entsprechend nicht handeln zu können? Den Blick weiten sollten wir auch für eine andere Form des Feminismus – für eine Utopie, die im Derridaschen Sinne immer am Werden und Kommen ist. Denn eine feministische Gesellschaft braucht Visionen, die den Wandel anleiten, sie benötigt Menschen, die an einer feministischen, gleichberechtigten Landkarte als Navigator:innen sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene arbeiten. Jedwelchen patriarchalen Zügen ist in der Geisteshaltung, den Worten und den Taten eine authentische Frauenbewegung entgegenzuhalten. Es ist eine Frauenbewegung nötig, die sich als eine solidarische und vielfältige zugleich versteht, die sich also über religiöse, ethnische, kulturelle Grenzen hinweg mit verschiedenen Frauen zusammenschliesst, um gemeinsam eine Veränderung für die Gesellschaft aber auch für den Feminismus zu
bewirken.

Derrida, Jacques (1992): Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa. Frankfurt am Main.