Ausgabe 2022/3

Editorial | Suffizienz

Text: Tania Oldenhage / 14.04.2025

1989 bin ich von zu Hause weggezogen. Das Zimmerchen, in das ich zog, lag im Keller eines biederen Mehrfamilienhauses in einem öden Vorort irgendwo in Hessen. Ich hatte weder zu einer Küche noch zu einem Badezimmer Zugang. Es gab ein Klo ganz hinten im dunklen Gang. Von aussen betrachtet lebte ich damals in kargen, trostlosen Verhältnissen. Aber ich weiss, dass ich dies nicht so empfand. Mir ging es gut – wie einer Kaktee in der Wüste. Diese Erinnerung hilft mir
heute in meinen Versuchen, die Masse an Dingen in meinem Leben zu reduzieren. Ich weiss, ich konnte schon einmal mit wenig leben. Vielleicht werde ich es wieder schaffen.
Genügsamkeit oder «Suffizienz» wird in unserer Zeit immer wichtiger. Suffizienz bedeutet nicht, dass ich auf vieles verzichte, sondern dass ich die Gabe habe, mit wenigem gut zu leben. Und das ist ein wichtiger Unterschied.
Dabei frage ich mich: Gibt es auch so etwas wie eine theologische Genügsamkeit? Theologisch gesehen war es 1989 ebenfalls recht karg um mich herum. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Es war trostlos. Doch das wenige an feministischer Theologie, das mir zur Verfügung stand, reichte mir. Es erfüllte mich. Heute lebe ich jeden Tag mit einer unübersichtlichen Masse an theologischen Impulsen: Bücher, Zeitschriften, Online-Artikel, Podcasts und Blogs, und trotz regelmässiger Aufräum-Aktionen fliessen die Themen über, sowohl auf meinem Schreibtisch als auch in meinem Kopf. Wird sich auch dieser Überfluss an Theologie irgendwann reduzieren? Was wird bleiben, wenn ich zurückkehre in mein karges Zimmerchen? Wer weiss, vielleicht das ein oder andere FAMA-Heft? Zum Beispiel dieses hier zum Thema Suffizienz?