Ohne Pause(n) geht es nicht. Nie im Leben! Ich habe eine umtriebige Freundin. Ihr Arzt hat ihr augenzwinkernd geraten, sie dürfe herumhetzen, aber sie solle sich ab und zu auch setzen.
Unterbrechen und innehalten
Ich bin seit gut zwei Jahren pensioniert, und mit «pensioniert» meine ich wirklich pensioniert. Ich habe meine Rolle als Pastoralassistentin aufgegeben und damit jegliche berufliche Betätigung. Ich lebe mit meinem Ehemann in einer kleinen Gartenwohnung in der Stadt. An der gleichen Strasse wohnt unsere Tochter mit Partner und zweijährigem Töchterchen. Manchmal hüten wir unsere Enkelin, aber sonst müssen wir unsere Zeit selber gestalten. Das Einfügen von festen Pausen gehört dazu. Eine Pause ist ein Innehalten, eine Unterbrechung dessen, was man über längere Zeit am Tun ist. Eine Pause kann nicht am Anfang und nicht am Ende einer Tätigkeit stehen. Sie wird entweder gut geplant, oder sie muss stattfinden, weil die Kräfte nicht mehr reichen. Sie kann bewusst und achtsam gelebt werden, oder sie dauert gewohnheitsmässig eine Zigarettenlänge oder eine Kaffeetassenfüllung. Die Pause gehört mir allein, oder ich teile sie mit anderen.
Pausengewohnheiten
Sehnsüchtig denke ich an institutionalisierte Pausen in Arbeitsteams, zu denen ich gehörte. Um zehn Uhr morgens und/oder um vier Uhr nachmittags traf man sich regelmässig täglich oder auch nur wöchentlich zum Kaffee. Alle Zugehörigen kamen in den speziellen Pausenraum, auf die besonnte Terrasse oder einfach an einen festgelegten Tisch im Haus. Oftmals brachte eine (meist eine) Gipfeli oder Kuchen mit. Eifriges Pausengeschnatter begann. Grüppchen bildeten sich. Zweiergespräche fanden statt. Alle wurden aufdatiert über das neuste interne und externe Geschehen. Gerüchte wurden verbreitet oder dementiert, Meinungen zementiert. Jedenfalls waren am Schluss der Pause alle wieder im Bild und konnten am gleichen Strick ziehen, so sie willens waren. Man spürte sich wieder im Guten wie im Schlechten. Denke ich an Teampausen, steigt mir virtueller Kaffeeduft in die Nase und Wärme ins Herz. Ich durfte meist in angenehmen Teams arbeiten.
Siesta
Muss ich als Pensionierte auf Kaffeepausen verzichten? – Natürlich nicht. Mein Ehemann und ich trinken nach der Siesta immer Kaffee miteinander. Der Effekt ist derselbe wie früher in den Arbeitsteams: Wir besprechen alles, was ansteht – Menüplan, Abwesenheiten, Einladungsabsichten, weiteren Tagesablauf. Aber? Pause nach der Siesta? – Die Siesta gehört uns je einzeln. Nach dem Mittagessen verschwinde ich für eineinhalb Stunden in meinem Zimmer und schliesse die Türe. Ich brauche auch Pause von meinem Kumpan, mit dem ich unterdessen fast meine ganze Zeit teile. Es wäre eine Überforderung, einander pausenlos ausgesetzt zu sein. Was ich in diesen eineinhalb Stunden tue, ist ganz meine Sache. Lesen oder schlafen. Schreiben oder ein Puppensöcklein stricken. Ein Mandala «farbstifteln» oder einen Text in der Bibel oder in der Gedichtsammlung nachschlagen. – Meine Zeit. Meine Pause. Innehalten. Ich brauche das.
Meditieren
Ich bin gern unter Menschen. Aber wäre ich nur unter Menschen, verlöre ich mich. Die beste Möglichkeit für mich, bei mir zu bleiben oder wieder zu mir zu kommen, ist die Meditation. Vor Jahrzehnten in Exerzitien eingeübt, meditiere ich über all die Jahre phasenweise weiter. Das Üben verliert sich manchmal, aber es stellt sich immer wieder ein. Wer wäre ich ohne Meditationspausen? – Eine andere. Zerfahren. Angespannt. Verängstigt. Bevor ich mich zur Meditation auf meinen Schemel setze, tanze ich zu CD-Musik. Dann sitze ich zwanzig Minuten still und atme. Sonst tue ich in dieser Seelenpause nichts. Ich erwarte auch nichts. Nur ganz selten erhalte ich ausser innerer Beruhigung zusätzlich etwas. Kürzlich den inneren Rat «lueg und lauf» (schau und dann geh). Das ist jetzt für eine Weile mein Mantra. Zuerst achtsam schauen. Sehen, was ist. Dann darf ich wieder loslaufen. Nicht nur schauen. Nicht nur laufen. Die Kombination macht das gute Leben aus.
Arbeitsfrei
Wenn ich mir zuhöre, kommt es mir vor, als bestünde mein Leben vorwiegend aus Pausen. Aber das tönt nur so, weil meine Gedanken gerade jetzt darauf fokussiert sind. Es ist das Privileg der Pensionierten, dass sie ihre Zeit selbst einteilen dürfen. Aber die erwähnten Pausen haben alle früher schon stattgefunden. Sie waren kürzer von der Zeit her und weniger regelmässig. Aber sie gehörten schon immer zu mir. Was aber nicht dazu gehören konnte oder durfte, ist ein Pause-Machen von arbeitsrelevanten Inhalten. Als Pastoralassistentin konnte ich nicht wie jetzt beschliessen, dass ich für eine gewisse Zeit eine Kirchenpause mache. Ich war mittendrin und gefordert. Es gab konkrete Erwartungen an mich. Jetzt aber nehme ich für eine Weile Abstand. Schreibe keinen Leserinbrief. Ich muss nicht.
«Lueg und lauf»
Es kann aber sein, dass ich in der Meditation spüre, dass genug pausiert ist. Oder dass abends, wenn ich unter dem uralten Ahorn im Garten sitze und die Hände in den Schoss lege, eine neue Idee entsteht. Dann ist fertig Pause. Dann werde ich wieder aktiv und tue, was die Gesellschaft von uns jungen Alten erwartet: Aktiv im Ruhestand – so heisst doch die Devise. Ich schreibe weiter am Buch für unsere Enkelin. Sie soll lesen können, wie die Welt ihrer Grossmutter aussah und welche Lebensthemen ihre Grossmutter beschäftigt (hat). Ich schreibe auch wieder meine Meinung für die Leserbriefseite in der Tageszeitung. Ich bin mitverantwortlich. Engagierte Bürgerinnen und Bürger informieren sich und teilen sich mit in kleineren und grösseren Kreisen. Ob im Erwerbsleben oder nicht, immer geht es um eine Balance von allem. Ausgewogenheit ist angesagt. Lebenskunst in jedem Alter. Immer noch gibt mir die Benediktsregel die beste Anleitung. «Ora et labora» kann auch in säkularisierter Zeit gelten. Statt «bete und arbeite» sage ich «lueg und lauf».