Kurz nachdem ich 50 geworden war, trat ich von meiner Vollzeitstelle als Pfarrerin zurück und legte auch alle anderen Ämter und Verpflichtungen ab. Angesprochen auf diese radikale Veränderung, gab ich hin und wieder zur Antwort: «Die einen machen eine Kinderpause, ich mache eine Menopause.»
Keine Krise gab den Ausschlag zu meiner Entscheidung, ich hatte meinen Beruf gerne ausgeübt. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass es jetzt so weitergehen könnte, Jahr für Jahr, bis zur Pensionierung, ohne dass ich mich noch entscheidend verändern würde. Was hingegen würde mit mir geschehen, wenn ich mich aus etablierten Rollen und Bezügen noch einmal herauslöste? Einfluss hatte auch eine zufällig gehörte Radiosendung. Ein Wissenschaftler erklärte, dass die Wechseljahre mit ihren hormonellen Veränderungen eine günstige Zeit seien für psychisch-charakterliche Entwicklungen. In gewisser Weise sei es eine zweite Pubertät. Diese Chance wollte ich nicht verpassen.
Freiraum für Neues
Ich dachte damals: Ein Jahr oder so machst du Pause – eine lange Zeit! Es sind mehrere Jahre daraus geworden. Und natürlich hat sich das Gefühl der Pause nach und nach verflüchtigt. Nachdem ich das «frei von …» eine Zeitlang ausgekostet hatte, wurde die Frage deutlicher: «frei wofür …»? Ich machte verschiedene Reisen, gelangte nach Afrika und schloss dort neue Freundschaften, auch mit Theologinnen. Neue Lebens- und Glaubenswelten taten sich mir auf, überraschende Zugänge zu biblischen Texten. Jeweils zurück in der Schweiz hielt ich mich viel in einem grossen, gemieteten Verena Naegeli Kellerraum auf. Er verkörperte für mich den inneren Freiraum, aus dem heraus vielleicht Neues entstehen würde. Viel habe ich in jenem unterirdischen Raum über das «Leere Grab» nachgedacht, den unerwartet offenen Raum, dem sich Maria von Magdala an Ostern gegenüber sieht. Sie erschrickt über dessen Leere, gleichzeitig bringt es etwas in ihr in Bewegung, es kommt zu neuer Begegnung, sie gewinnt eine neue Sicht. Würde es mir gelingen, mich solcher Leere selber konsequent auszusetzen – in all dem, was ich vom Leben und von Gott hielt und erwartete?
Im Kellerraum traf ich mich auch mit Kolleginnen und Freundinnen. Gemeinsam haben wir von dort aus unseren Begegnungsradius erweitert und ein Netzwerk afrikanischer und europäischer Theologinnen gegründet (Tsena Malalaka; www.malalaka.org). Und ich legte – nach langem Herumsinnen – die Basis für ein eigenes kleines Institut, das sich mit dem Thema Bibel und Heilung befasst. Inspiriert dazu hatten mich meine neuen afrikanischen Kontakte (The Intercultural Bible; www.bible-intercultural.org)
Unangenehme Leere
Im Versuch, etwas Neues aufzubauen, war ich jetzt wieder ziemlich beschäftigt. Das Gefühl von Freiraum blieb dabei bestehen. Und von Leere. Manchmal zeigte sie ihre unangenehmen Seiten. Niemand erwartete beruflich etwas von mir, keine äussere Verpflichtung strukturierte meinen All tag. Manchmal überfielen mich Zweifel: Sass ich nicht einer Chimäre auf zu glauben, dass ich es so zu etwas bringen würde? Als ich mich mit 50 von allem verabschiedete, hatte ich an einer Karriereschwelle gestanden. Jetzt gehörte ich nicht mehr zum System und wusste manchmal nicht, wie ich mich im sozialen Umfeld positionieren sollte. Freischaffend, nach Afrika reisend, ein Institut gegründet, das niemand kennt … Mein Abenteuer bedeutete eine massive Pause bezüglich einer klaren gesellschaftlichen Identität. Hinzu kam die materielle Situation. Ich hatte etwas geerbt und finanzierte so meine ungebundene Zeit. Wie sollte es aber langfristig weitergehen? Auch hier Verunsicherung. Aber die hatte ich ja gesucht.
Pause – mit Gott?
Vielleicht lag in meiner Entscheidung, auf gewohnte Sicherheiten zu verzichten, auch eine Gottes-Versuchung. Wie oft hatte ich als Pfarrerin die Worte «Vertrauen», «neue Wege wagen» oder «Aufbruch» in den Mund genommen! Auch damit wollte ich pausieren und mich selber existentiellem Vertrauen aussetzen. Würde Gott – die mich dazu einzuladen schien – mir einen Weg zeigen? In meiner Erwartung lag auch eine kleine Hybris: bestimmt hatte das Schicksal – hatte Gott – noch etwas Besonderes mit mir vor!
In Bezug auf meine Pfarrerinnen–Rolle hat die Pause klärend gewirkt. Mir wurde bewusst, wie sehr sich meine Identität aus einem Gemisch von «gebraucht werden», «persönliche Anerkennung bekommen» und «nie genug für andere getan haben» genährt hatte. Diesbezüglich jetzt im Leeren zu schöpfen, war heilsam und ermöglichte mir, nach neuer Verortung zu suchen. Weiterhin rechnete ich aber damit, dass mein Mut belohnt würde, mein konsequentes Nachforschen, was radikaler Glaube bedeutet.
Wie Jona unterm Baum
Die Rechnung ging so nicht auf. Zwar entwickelten sich meine kleinen theologischen Unternehmungen, gleichzeitig verstärkte sich ein Gefühl innerer Verlorenheit. Wohin führte denn nun der Weg, wann zeigte sich endlich das durchschlagend Neue – mir, und auch anderen gegenüber, die im System «verharrt» waren? Wie Jona sass ich zuweilen unterm Baum und dachte: Jetzt müsste Gott doch eingreifen! Bis ich eine besondere Erfahrung machte. Nicht im eklatanten Neubeginn, sondern in einem jener verlorenen Momente empfand ich Gott plötzlich als ganz nahe und lebendig. Mir war, als würde ich den innersten Lebensfaden spüren, eine fragile Verbindung zu Gott, die dort ansetzte, wo mein Leben am verletzlichsten war. Ich erlebte es als Begegnung mit Gottes-Mitgeschöpflichkeit, … so anders als meine forschen Gottes-Erwartungen. Wäre diese Erfahrung möglich gewesen, hätte ich mich und meine Pläne nicht ins Leere gesetzt?
Gottesrede
Ich begann auch theologisch zu begreifen: Gott vor allem mit «Aufbruch» und «radikaler Veränderung» zu verbinden, konnte einem gewissen Machtgehabe entsprechen, mit (post-)kolonialem Einschlag: «Ich breche auf, betrete Neuland, mache alles neu!» Von meinen afrikanischen Kolleginnen hatte ich gelernt, wie verheerend sich solche Ansätze nordatlantischer Erneuerer in ihren Heimatländern ausgewirkt hatten. Und wie wenig sie bis heute die Freiheit und Möglichkeit hatten, selber einen Fuss auf «Neuland» zu setzen – sei es nur, um irgendwohin nach freiem Gutdünken zu reisen. Bestand die Herausforderung also eher darin, gemeinsame Lebensfragilität wahrzunehmen, das Neue der anderen aufzuspüren, auch auf alten, verschütteten Wegen? In dieser Zeit bekam ich eine Anfrage, die mich zurück ins Pfarramt führte – mit einem Berufsfeld, das vieles von meinen freischaffenden, interkulturellen Interessen und Aktivitäten aufnahm bzw. mir Raum liess, diese weiter zu verfolgen. Die Pause fand vorerst ihr Ende.
Pausen-Privileg
Dass ich in meiner Biographie in der beschriebenen Weise pausieren konnte, mit so viel selbst gewähltem Freiraum, war ein Privileg. Hin und wieder bekam ich dies auch zu hören: «Du kannst das, du musst ja nicht …» Manchmal stiess ich auch auf Unverständnis: «Wieder eine Frau, die auf Rückzug ist, statt sich in den gegebenen Strukturen zu engagieren, dort dauerhafte Verantwortung zu übernehmen …» Mein Weg löste aber auch Sehnsucht aus. «Das möchte ich auch, so viel Freiraum haben, einfach mal eine Pause machen …»
Beispiele von anderen, die dieser Sehnsucht nachgegangen sind, zeigen: Es gibt viele Pausenlösungen. Was es braucht, ist ein wenig Entscheidungsmut. Ich bin auch überzeugt, dass mehr pausen-bestimmtes Leben für unsere zweck- und steigerungsorientierte Gesellschaft Bedeutung hat. Im spirituell-theologisch-kirchlichen Bereich sind Pausen besonders wichtig. Sie tragen dazu bei, gewohntes Reden und Denken zu verwirren, sich einer gewissen Leere auszusetzen. Es ist dabei nicht Sache der kirchlichen Institutionen, solche Pausen zu gewähren oder zu verwalten. Frei zu entscheiden und sich zeitweise ein Stück weit aus dem System herauszulösen, hat seine eigene Wirkung. Pausen-Erfahrungen könnten aber mehr wahrgenommen werden, als Bereicherung für das, was im institutionellen Rahmen geschieht.
Menopause – und dann?
Meine eigene Pause hatte ich aus persönlichem Interesse gesucht. Die Zeit der Menopause erhoffte ich mir als günstige Zeit für persönliche Veränderungen. Hat sich dies bewahrheitet? Natürlich bin ich in Vielem die alte geblieben. Die Zäsur hat mir aber geholfen, biographisch Vergangenes, das durch die Menopause definitiv wurde, wahrzunehmen und mir selber nochmals auf die Spur zu kommen. Und: Mein Zeit-Empfinden hat sich verändert. In meiner Wahrnehmung ist ein Zeit-Raum entstanden, der sich dem immer eilenden linearen Vorwärtsschreiten meiner Lebenszeit widersetzt, ein freier, offener Pausenraum, der sich in meine Biographie geschoben hat und mein Leben – auch mit seiner Leere – erfüllt und in eine noch andere Dimension setzt: eine Tiefendimension. Lineares hat sich in Räumliches verwandelt. Heute, mit 60 Jahren, wünsche ich mir, dass mein Leben in der Pause verankert bleibt – einem Ort der Freiheit, Nutzlosigkeit und Verunsicherung. Mir hat er sich als Lebensort eines fragilen und verlorenen – lebendigen Gottes gezeigt.