Ausgabe 2015/4

Politisierung des Schreibens

Keine Melodie, kein Bass, kein Gesang: 60 Sekunden Stille haben es in die Top 10 der österreichischen iTunes-Charts geschafft. Es ist eine Schweigeminute wie jede andere auch: 60 Sekunden, in denen man nichts hört. Über iTunes kann man die Schweigeminute für 99 Cent kaufen, auf Amazon kostet sie 1,29 Euro.

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©Bowald-Oldenhage-Stark 2015
Text: Li Hangartner / 15.06.2025

Keine Melodie, kein Bass, kein Gesang: 60 Sekunden Stille haben es in die Top 10 der österreichischen iTunes-Charts geschafft. Es ist eine Schweigeminute wie jede andere auch: 60 Sekunden, in denen man nichts hört. Über iTunes kann man die Schweigeminute für 99 Cent kaufen, auf Amazon kostet sie 1,29 Euro.

Ein Zeichen setzen

Der Künstler Raoul Haspel will damit ein Zeichen setzen. Der gesamte Erlös geht an die grösste österreichische Flüchtlingsunterkunft in Traiskirchen. Die produzierte Stille ist Haspels Protestaktion gegen die unhaltbaren Zustände in Traiskirchen: Mehr als 2000 Menschen haben kein Bett, Hunderte müssen im Freien übernachten, darunter auch Schwangere. Die 60 Sekunden Stille werden von vielen gekauft. Es ist, als hätte der Künstler die richtigen Worte gefunden für diese Situation, nämlich keine. «Ich hoffe, dass der Umgang Europas mit den Flüchtlingen viele Menschen sprachlos macht», so Raoul Haspel. Stille, Schweigen als Protest, da, wo einem die Worte fehlen? Schweigen verblüfft, es irritiert. Rede und Argumente irritieren nicht, sie werden erwartet. Darum erreicht Schweigen mehr Aufmerksamkeit als Reden. Eine Minute Reden, eine Minute einen Fluch- oder Klagepsalm rezitieren, wäre der Künstler damit auf Platz 1 der Charts gelandet? Wohl kaum. Die DDR-Behör den sagten damals anlässlich der Montagsdemonstrationen: «Wir waren auf alles gefasst, nur nicht auf Kerzen und Schweigen.»

Schweigen rechtfertigt sich nicht

In unserer rationalen Sprach- und Effizienzversessenheit hat es das Schweigen schwer. Es zählt, was unmittelbar auf Ergebnisse abzielt. Das Schweigen rechtfertigt sich nicht. Im Schweigen passiert nichts, es ist unerträglich für die reine Zweckrationalität. Sinn hat, was argumentativ einleuchtet. Schweigen ist kein Mittel, um etwas zu erreichen. Es recht fertigt sich nicht durch seinen Nutzen. Die nutzlosen Sachen, sind es nicht die köstlichsten: die Küsse, die Musik, Gedichte, Gebete, das Schweigen? Diese mit Zwecken zu er klären, zerstört ihre Schönheit, eine Schönheit, die gerade in ihrer Zwecklosigkeit liegt. Die Küssenden wollen eigentlich nichts, ausser zu küssen, die Betenden wollen nichts, ausser zu beten, die Schweigenden nichts, ausser zu schweigen. Dies aber kann man kaum jenen erklären, die nicht küssen, nicht beten, nicht schweigen.

«Stillesein und hoffen»

Schweigen ist kein Verstummen, sondern ein Harren. Im Schweigen fallen Passivität und eine hohe Aktivität zusammen. Das Schweigen ist nicht nur eine Botschaft nach aussen. Die Schweigenden sind nicht nur Appellierende. Sie stellen sich dar in ihren Absichten und Befürchtungen und sie werden stärker, indem sie sich darstellen. Vielleicht gilt auch hier das alte Wort des Propheten Jesaja. «Durch Stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein.» (Jesaja 30,15) Auf etwas hoffen, ungeduldig auf etwas warten, leidenschaftlich einstehen: für den Frieden, gegen das Elend der Flüchtlinge, gegen die fortschreitende Entsolidarisierung der politischen Eliten Europas.

Das Schweigen wird intensiv, wo man nicht allein ist, sondern mit vielen zusammensteht oder zusammen geht, wie alles intensiver und überzeugender wird, was man zusammen tut. Auch hier gilt: Allein bist du klein. Schweigemärsche überzeugen auch die, die ihnen nur zuschauen. Viele der Zuschauenden haben bei Demonstrationen, in denen Parolen gerufen und Reden gehalten werden, ein zumindest leichtes Gefühl der Bedrohung und der Gewalt. Das Schwei gen der Vielen dagegen ist gewaltloser. Es ist nicht unverbindlicher, denn auch das Schweigen ist eine Zumutung und ein Appell. Aber es zwingt niemanden. Es lädt ein. Das passiert seit Jahren in vielen Schweigekreisen für den Frieden. Manchmal sind es zehn, manchmal zwanzig oder fünfzig Menschen, die sich wöchentlich oder monatlich auf einem belebten Platz treffen, um gemeinsam zu schweigen. Sie irritieren und verblüffen. Es ist, als wäre man nackt, als würde man öffentlich beten.

Schweigen als Protest

Gemeinsam schweigen ist nicht wegsehen, sich feige ducken oder gaffen, es ist das Gegenteil, es ist eine mögliche Antwort, um den Opfern von Krieg und Gewalt Respekt zu er weisen. «Wenn die Zeiten schlecht sind, tu was! Wenn es funktioniert, mach weiter! Wenn es nicht funktioniert, tu was anderes! Aber gib nicht auf, tu was!» (Audre Lorde) Die Zeiten sind schlecht. Das Elend der Flüchtlinge wird täglich grösser, das Recht, das sie schützen sollte, ist ein elendes Recht, die europäischen Aussengrenzen werden so dicht gemacht, dass es auch für die Humanität kein Durchkommen gibt. Schweigen für den Frieden, für Gerechtigkeit? – Damit ist noch kein Flüchtlingsleben gerettet worden. Doch es geht um etwas anderes. Es geht um die Rettung der Menschlichkeit. Es geht darum, zusammen mit anderen dafür einzustehen, dass die Würde des Menschen, aller Menschen, geachtet wird.

Das Schweigen der Toten

«Indem sie schweigen, rufen sie laut.» (Cicero) Nicht alle hören das Schweigen der 71 tot geborgenen Flüchtlinge im Lastwagen an einer Autobahn in Österreich, das Schweigen des ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan an einem türkischen Strand, das Schweigen von Dutzenden von Leichen vor der kleinen griechischen Insel Farmakonisi. Schweigend hören wir das Schweigen der Toten.