Ausgabe 2018/1

"Ich höre das Gerede vieler" | Lüge und Gerücht im Alten Testament

Aufrichtige Rede, Üble Nachrede, Verdrehte Worte – bereits in der Bibel wird die Wirkmacht der Sprache breit reflektiert.

Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
©Heinke Torpus
Das ist Madonna the Pop Queen
(Die Bildbearbeitungen auf Papier, respektive am PC, wurden von der Künstlerin Heinke Torpus eigens für diese Ausgabe der FAMA entwickelt und gemalt. Ihnen allen liegt ein Selbstportrait der bedeutenden Schweizer Malerin Pat Noser zu Grunde.)
Text: Ulrike Bail / 09.07.2025

«Ich höre das Gerede vieler –
Schrecken ringsum!
Wenn sie gemeinsam gegen mich beraten,
planen sie, mir mein Leben zu nehmen.»

Diese Situation existentieller Gefährdung durch Worte wird in einem alttestamentlichen Psalm beklagt (Psalm 31,14).1 Da die Klagepsalmen aus der Ich-Perspektive formuliert sind, sind sie offen für alle Geschlechter. Erst die Situation, in der ein Psalm gebetet wird, konkretisiert das Geschlecht.

An vielen Stellen im Alten Testament ist von Worten die Rede, die verletzen, verleumden und schädigen.

«Tod und Leben liegen im Machtbereich der Sprache», wörtlich: in der Hand der Zunge (Sprüche 18,21). D.h. Sprache ist wirkmächtig, sie kann Leben erschaffen, aber auch zerstören. Sprache kann wie ein Messer sein, wie Pfeile und Waffen. Andererseits kann die Sprache auch heilen: «Das Geschwätz mancher Menschen sticht wie ein Schwert; die Worte von Weisen bringen Heilung.» (Sprüche 12,18). In Sprüche 15,4 wird ein wunderbares Bild gewählt, um auszudrücken, dass wohlüberlegtes, gelassenes und behutsames Reden einen sehr hohen Wert darstellt: «Eine behutsame Zunge ist ein Baum des Lebens.»

Die Wirkungen lügender Worte

Im Alten Testament wird Lüge über ihre Wirkung definiert und nicht hauptsächlich über den Gegensatz zur Wahrheit. Zur unbedingten Wahrheit wird niemand angehalten. Es geht darum, dass man verlässlich ist und für einander eintritt. Worte und Leben sind voneinander nicht zu trennen. Die Art zu reden bringt immer auch eine Lebensweise zum Ausdruck. So kann z.B. ein Gewaltmensch, wobei Gewalt nicht nur handgreifliche Gewalt meint, darüber charakterisiert werden, wie und zu welchem Zwecke er redet:

«Wie gibst du mit Bösem an, Gewalttätiger?
Die Freundlichkeit Gottes ist immer gegenwärtig.
Zerstörung planst du.
Deine Zunge – ein scharfes Messer.
Verräter!
Du liebst das Böse mehr als die Güte,
die Lüge mehr als aufrichtiges Reden. Sela.
Du liebst zu sprechen, um zu verschlingen.
Hinterlistige Zunge!»
(Psalm 52,3-6)

Denken, Sprechen und Handeln gehören zusammen. Lügen beschädigt die Gemeinschaft, auf die alle Menschen ange- wiesen sind. Sie zerstört ein vertrauensvolles Miteinander, ohne das gutes Leben nicht möglich ist. Lüge und Wahrheit werden in ihren Auswirkungen auf das gemeinschaftliche Leben beurteilt. Im Buch des Propheten Jeremia wird dies sehr gut beschrieben: «Sie spannen ihre Zunge wie einen Bogen. Verlogenheit, nicht Zuverlässigkeit herrscht im Land. (…) Jeder Mensch schütze sich vor seinen Mitmenschen. Verlasst euch nicht auf die Schwester oder den Bruder, denn alle Geschwister hintergehen hinterhältig und alle Mitmenschen üben Verleumdung. Sie täuschen einander und sprechen nicht zuverlässig.» (Jeremia 9,5). Eine pervertierte Sprache weist auf eine pervertierte Gesellschaft mit sozialen Spannungen hin.

Laschon haRa – die böse Zunge

Die jüdische Tradition hat diese Aspekte aufgenommen und vertieft, wenn sie eindringlich vor der Laschon haRa, der üblen Nachrede (wörtlich: die böse Zunge), warnt und da- runter jedes herabwürdigende Sprechen über andere Menschen versteht, selbst wenn es wahr wäre. Für den jüdischen Gelehrten Maimonides (1138–1204) ist jede Aussage, die einen anderen Menschen körperlich, psychisch oder finanziell schädigt, Laschon haRa, sofern sie öffentlich wird. Vor Verleumdung, Lüge und Gerücht wird deswegen so sehr gewarnt, weil ihre Folgen meist nicht mehr aus der Welt geschaffen und kaum wiedergutgemacht werden können. Ein verleumderisches Wort – so eine jüdischen Erzählung – ist wie ein Daunenkissen, das aufgerissen und in den Wind gehalten wird. Wie sollte man diese Daunen wieder einsammeln?

«Alle lügen sie einander an»

«Befreie, Gott» – mit diesem Aufschrei beginnt Psalm 12. «Rette mein Leben vor Lügenlippe, Trugzunge!», so könnte man mit Psalm 120,2 fortfahren, denn Psalm 12 bringt zum Ausdruck, wie gewaltförmige Sprachmacht mit der Gewalt über Körper und Leben verwoben ist. Sprache kann eine Welt schaffen, in der Gewalt und Unterdrückung als legitimierte Wirklichkeit erscheint. In Psalm 12,3 und 5 heisst es: «Alle lügen sie einander an. Mit glatten Lippen, mit gespaltenem Herzen reden sie. Es gibt welche, die sprechen: Unsere Zunge ist unsere Macht! Unsere Lippen sind auf unserer Seite! Wer sollte über uns herrschen?»

Der Grund für die Mächtigkeit derer, die das Ich des Psalms bedrängen, liegt in der Sprache. Wer über Macht verfügt, definiert die Bedeutungen. Ihre Sicht der Dinge allein zählt. Sie negieren jede andere Sichtweise, verschweigen oder verleumden sie. Wofür es kein Wort gibt, das hat keine Realität; was nicht berichtet werden wird, existiert nicht; die Art und Weise, wie über etwas geredet wird, bestimmt die Sichtweise auf die Ereignisse und damit die Ereignisse selbst. Verleumdungen werden überlegt platziert und verbreitet, um Scha- den zuzufügen.

In den Psalmen wird die gewaltförmige Wirkung von Sprache thematisiert: «Ja, nichts Zuverlässiges ist in ihrem Mund. Verderben in ihrem Innern, ihr Schlund ein offenes Grab. Glatt machen sie ihre Zungen.» (Psalm 5,10) «Zerstörung planst du. Deine Zunge – ein scharfes Messer. Verräter!» (Psalm 52,4) «Sie geifern mit ihrem Mund, Schwerter auf ihren Lippen.» (Psalm 59,8) u.ö.

Wirkmächtige Sprache

In Psalm 12 wird die Erfahrung, dass Sprache diese negativen Wirkungen haben kann und alle Menschen darin gefangen sind, mit einer ringförmigen Klammer zum Ausdruck gebracht. Der Psalm beginnt mit dem Schrei um Befreiung, um gleich danach zu konstatieren, dass diejenigen, die freundlich und verlässlich sind sowie solidarisch und selbstlos handeln, immer weniger werden. Dieser Aus- sage entspricht die letzte Zeile, wo es heisst, dass Gewaltmenschen überall ringsum sind und Unbarmherzigkeit unter den Menschen zunehme. In diese hoffnungslosen Aussagen ist der Psalm eng geschnürt und nimmt den Atem: ein Teufelskreis von Unbarmherzigkeit, Gewalt und unsolidarischem Handeln, aus dem keine Rettung möglich scheint. Und doch imaginiert die Beterin* eine Rettung, indem sie den Zusammenhang von Sprache und Macht demaskiert und die Mächtigen selbst sagen lässt, dass sie über die Sprache im doppelten Sinn verfügen: Sie bestimmen, wer was wie sagen darf und sie unterdrücken mithilfe der Sprache andere Menschen. Doch der Psalm zitiert direkt danach eine Antwort Gottes. Ein grösserer Gegensatz ist nicht denkbar:

«Wegen der Gewalt gegen die Unterdrückten,
wegen des Stöhnens der Armen
– jetzt werde ich mich erheben,
spricht GOTT.
Ich werde die in Freiheit setzen,
gegen die man schnaubt.»

Dieses Zitat nimmt Bezug auf die wesentliche Orientierung des Alten Testaments an den Marginalisierten einer Gesellschaft. Sie sind das Mass der Dinge. Die Befreiung aus versklavenden Situationen und Umständen ist das massgebliche Tun Gottes und in Gottes Namen eingeschrieben. So beginnen die Zehn Gebote mit der Aussage:
«Ich, Ich-bin-da, bin deine Gottheit, weil ich dich aus der Versklavung in Ägypten befreit habe.»
Der Alttestamentler Frank Crüsemann formuliert pointiert, dass da, wo man dem Gott der Bibel begegnet, sich Freiheit ereigne.2 Oder mit den Worten des Psalms: «Ich werde die in Freiheit setzen, gegen die man schnaubt!» Gegen die Sprachmacht der Mächtigen wird als dritte Partei Gott benannt. Damit kann die als aussichtslos erlebte Wirklichkeit auf Befreiung hin aufgebrochen werden. So kann in Vers 8 vorsichtig und fest zugleich das Vertrauen ausgesprochen werden, dass Gott auf die an den Rand Gedrängten und Bedrängten acht gibt und sie auf Dauer bewahrt.

«Helpful Gossip» – ein Einwurf

Jüdische Feministinnen geben zu bedenken, dass das strikte Verbot, über andere zu reden, mächtige Personen, die ein Verbrechen begangen haben, auch decken kann – gerade bei Verbrechen wie sexueller Belästigung und Missbrauch, bei denen die Opfer verschwiegen und zum Schweigen gebracht werden. Traumatisierte Menschen erzählen ihre Geschichte im Vertrauen und meist sind dies Geschichten über die Menschen, die ihnen Gewalt angetan haben. Manchmal müssen diese Geschichten öffentlich weitererzählt werden, um den jeweiligen Missbrauch zu beenden und Heilung beginnen zu lassen. Rabbi Jill Hammer schreibt: »Manchmal kann das Reden über andere ein Ausdruck feministischer Werte sein.» Es gebe auch hilfreiche Gerüchte, so Hammer. Sie stellt die dringliche Frage, wie eine Balance zu finden sei zwischen falschen Anschuldigungen und dem Bedürfnis, nicht weiter Komplizen* des Verschweigens zu bleiben, sondern das Schweigen zu brechen.

1  Alle Bibelzitate sind aus der Bibel in gerechter Sprache.

2  Frank Crüsemann, Freiheit durch Erzählen von Freiheit. Zur Ge- schichte des Exodus-Motivs, in: Evangelische Theologie 2 (2001) 102 –118.