Ausgabe 2018/1

Nicht wissen wollen. Eine feministische Kritik am Postfaktischen

Diskursanalyse war schon immer eine wichtige, feministische Aufgabe. In Zeiten, in denen fake-news in Windeseile verbreitet werden ist sie doppelt relevant.

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@Heinke Torpus
Das ist Eva aus dem Paradies.
(Die Bildbearbeitungen auf Papier, respektive am PC, wurden von der Künstlerin Heinke Torpus eigens für diese Ausgabe der FAMA entwickelt und gemalt. Ihnen allen liegt ein Selbstportrait der bedeutenden Schweizer Malerin Pat Noser zu Grunde.)
Text: Geneva Moser / 25.05.2025

Während ich an diesem Text schreibe, führt die mediale Öffentlichkeit erregte Debatten rund um den Filmproduzenten Harvey Weinstein und den Hashtag Metoo.

Nach den Hashtags Aufschrei (2013) und Schweizer Aufschrei (2016) geht mit dem Hashtag Metoo eine erneute kollektive Welle der Empörung über sexualisierte Übergriffe und Gewalt durch das Internet. Zunächst sind es Filmschauspielerinnen, die davon berichten, wie sich der Produzent Weinstein übergriffig, gewalttätig und machtmissbräuchlich verhielt. Dann sind es unzählige Frauen*, die über Twitter Geschichten von Übergriffen teilen und so die Erzählungen der Schauspielerinnen in einen strukturellen Zusammenhang einordnen, von Harvey Weinstein weg, hin zu einem gesellschaftlichen Sexismusproblem.

Paradoxe Reaktionen

Die mediale Öffentlichkeit reagiert paradox: Einerseits sind sich alle einig, dass Weinsteins Verhalten bekannt war. Andererseits ist man nun schockiert und überrascht, dass «das Sexismusproblem» tatsächlich so gross sein soll. Eine kollektiver Gedächtnisverlust scheint um sich gegriffen zu haben: Hashtag Aufschrei ist vergessen, Bill Cosby (35 Frauen* wagen sich im Juli 2015 auf die Titelseite des Maga- zins «New York» und werfen Cosby sexualisierte Gewalt und Belästigung vor) ist vergessen, Roman Polanski (Samantha Geimer und Renate Langer zeigten den Regisseur wegen Vergewaltigung an) oder Woody Allen (seit 2013 in den Schlagzeilen wegen sexualisierter Gewalt an seiner Adoptivtochter Dylan Farrow) sind ebenfalls vergessen. In der Schweiz ist der vielbeachtete Artikel «Sexuelle Gewalt: Frauen* haben genug» im Migrosmagazin (März 2016) vergessen. Die zweite Frauen*bewegung ist sowieso vergessen. Und all die Geschichten von Grossmüttern, Müttern, Freundinnen, Partnerinnen genauso.

Kollektive Verdrängung

Hashtag Metoo zeigt symptomatisch, wie das Wissen um die Faktizität sexueller Gewalt und Übergriffe gegenüber Frauen* immer wieder strategisch kollektiv verdrängt wird. Wie ein kurzes Aufflammen von Empörung sofort wieder einem strategischen Nicht-Wissen Platz macht und wie dabei immer wieder die vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen*, ihre Erfahrungen, ihre Kritik in die Ecke der Übertreibung, des Emotionalen, des Subjektiven, des Partikularen gedrängt werden. Jede strukturelle Dimension, jede Systematik wird ihnen damit abgesprochen – und auch jeder Wahrheitsgehalt. Frauen*, die sexualisierte Gewalt und Belästigung zu benennen wagen, erleben nach wie vor viel zu häufig sogenanntes «Victim Blaming», also eine Täter- Opfer-Umkehr, die die Schuld für Übergriffe bei den Betroffenen sucht: Opfer tragen in dieser Logik «zu aufreizende Kleidung», sind «zur falschen Zeit am falschen Ort» oder bringen ihre Anklage «zu emotional» vor.

Macht und Diskurs

Zunächst ist es erfreulich, dass sich der Rahmen des Hör- baren durch den Hashtag für einen Moment soweit verschoben hat, dass Metoo überhaupt Titelseiten füllt, Anlass für Debatten gibt und zu realen Veränderungen führt.Die mediale Debatte um den Hashtag Metoo zeigt aber auch deutlich: Was als «wahr» gilt, hörbar werden kann, hat mit Machtverhältnissen zu tun. Diese Machtverhältnisse bestimmen die diskursive Rahmung der Debatte, das heisst, sie bestimmen, welche Erzählungen und welche Stimmen wie hörbar werden können und welche verdrängt werden. Diese diskursive Rahmung folgt nach wie vor patriarchalen Logiken. Im Beispiel von Hashtag Metoo konnte sie nur durch beharrliche feministische Kritik etwas verschoben werden. Vielleicht ist jedoch zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels der Hashtag Metoo bereits wieder vergessen und damit auch das kollektive Bewusstsein für das gesamtgesellschaftliche Problem der sexuellen Gewalt wieder verschwunden. Bis eine erneute feministische Aktion dieses Thema mit anhaltender Beharrlichkeit ins öffentliche Bewusstsein drängt. Postfaktisch Strategische Leugnung von Fakten hat unlängst als Phänomen der «Postfaktizität» oder als «alternative Fakten» mediale Wellen geschlagen. Postfaktische Politik zielt auf die Emotionalität der Zielgruppe und impliziert strategisch, Fakten gäbe es nicht, es läge allein im Ermessen Einzelner, was nun geglaubt werden will und was nicht. Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Statistiken gelten nur dann als wahr, wenn sie dem eigenen subjektiven und situativen Wahrheitsempfinden entsprechen: Da kann Donald Trump in seinem Wahlkampf gut und gerne den Klimawandel leugnen oder Barack Obama für eine (frei erfundene) Häufung von Terroranschlägen in den USA verantwortlich machen.

Unheilige Allianzen?

Die Grenze zwischen Propaganda, Manipulation oder Lügen und Wahrheit wird dabei wirkmächtig verwischt. Rhetorisch kommt das erschreckenderweise ganz ähnlich daher, wie jene Argumente, die meiner obigen Kritik am kollektiven Vergessen zugrunde liegen: Postfaktische Politik – ohne Zweifel eine Politik der Mächtigen – bedient sich jener Theorierichtungen, die feministischer, linker Machtkritik zentrale Impulse gaben oder aus ihrer Mitte entstanden sind: des Poststrukturalismus, der Queer Theory und der feministischen Wissenschaftskritik. Sie betont Subjektivität, Relativität, Konstruiertheit von vermeintlichen Wahrheiten und erachtet Emotionen als wichtige Handlungsantriebe. Diese irritierende Nähe stellt drängende Fragen für feministische und alle emanzipatorischen Politiken: Hat der Poststrukturalismus, und damit auch Teile des Feminismus, halt- losen Wahrheitsverdrehungen den Weg geebnet? Welche unheiligen Allianzen bilden sich zwischen rechtskonservativen Kräften und emanzipatorischen Theorien? Ist es denn heute noch emanzipatorisch sinnvoll, Fakten und Wahrheit als abhängig von Machtstrukturen zu kritisieren?

Feministische Forschung

Ein kleiner (arg verkürzter) Rekurs: Frauen*forschung oder feministische Forschung bedeutete von Beginn an auch Wissenschaftskritik. Also eine Kritik an einem androzentrischen Wissensbegriff, an einem Literaturkanon, der nur männliche und weisse Autoren beinhaltete, und an der Abwertung klassisch weiblicher Lebenswelten. Das, was Jahrhunderte lang als neutrale, allgemeingültige und objektive Wissenschaft galt, wurde als vergeschlechtlicht, als einseitig und begrenzt kritisiert und entlarvt. Die feministische Erkenntnistheorie beispielsweise brachte neue Fragen aufs wissenschaftliche Parkett: Wie beeinflusst die gesellschaftliche Position der forschenden Person das Forschungsergebnis? Was meinen wir, wenn wir «objektiv» sagen? Und noch grundsätzlicher: Was gilt eigentlich als anerkennenswertes Wissen?

Standpunkttheorie

Die Thesen der feministischen Standpunkttheorie beantworten diese Fragen klar: Manche sozialen Standpunkte eignen sich besser, um objektives Wissen zu generieren, und alle sozialen Standpunkte sind mit spezifischen Vorurteilen behaftet. Gerade weil sie kein Interesse daran haben, den Status quo aufrecht zu erhalten, haben unterdrückte Stand- punkte jedoch wahrscheinlicheren Zugang zu objektivem Wissen. Eine Neubesetzung des Begriffes «Objektivität» findet vielstimmig und feministisch statt. Donna Haraway plädiert im Anschluss an die feministische Standpunkttheorie mit ihrer Konzeption von «situiertem Wissen» («Situated Knowledge» 1988) für den Einbezug und die kritische Reflexion der sozialen Verortung (und der entsprechenden Vorteile) von Forschenden. Wissen ist für Haraway immer lokal und begrenzt, bedarf der Kontextualisierung und zwingend der trans- und interdisziplinären Vernetzung. Die feministische und postmoderne Autorin schlägt uns nicht etwa vor, die hartnäckige Suche nach gefestigtem Wissen mit einem lapidaren «alles konstruiert» oder «alles relativ» aus dem Projekt feministischer Forschung zu wischen. Aber sie zeigt sich – wie der Poststrukturalismus generell – gegenüber Rückgriffen auf absolute, nicht weiter erklärbare, für evident gehaltene Wahrheiten, eben äusserst skeptisch.

Kritischer Bezug zu Wahrheit und Fakten

Weder der (queer)feministischen Wissenschaftskritik noch dem Poststrukturalismus lag daran, den Bezug auf Wahrheit und Fakten komplett vom diskursiven Parkett zu verbannen. Vielmehr ist der Blick auf die diskursive Rahmung feststehender Wahrheiten doch eine Bewegung auf genauere und präzisere Wahrheit hin. Aber: Nach der Absolutheit von «Wahrheit» zu fragen, war und ist ein machtkritisches Projekt. Zu fragen, welches Wissen von wem kommt, welche Fakten wo und durch wen welches Gewicht bekommen, wem welches Wissen nützt – das alles verkompliziert die Welt, statt sie in simple, absolute, unhinterfragbare, machtdienliche Wahrheiten zu fassen. Die Realität möglichst genau zu beschreiben, differenziert zu denken, Fakten zu erforschen – das war immer schon Teil von Diskursivität.

Wahr sprechen

Gerade die Debatten um Harvey Weinstein zeigen mir, dass es unabänderlich eine feministische Aufgabe ist, Diskursanalyse zu betreiben. Wir kommen, davon bin ich überzeugt, um dieses im Alltag vielleicht paradox anmutende Projekt eines poststrukturalistischen Feminismus, der der situierten Wahrheit verpflichtet bleibt, nicht herum. Um einen Feminismus, der immer wieder versucht, «wahr zu sprechen» oder sich für das «Wahr-sprechen» einzusetzen. «Wahr sprechen» – das würde heissen: Parrhesia, eine der Wahrheit verpflichtete Redefreiheit. Parrhesia, das sagt Michel Foucault in seinen letzten Vorlesungen am Collège de France im Jahr 1970 deutlich, ist auf der Seite der Schwachen. Und auf der Seite der «Schwachen» zu stehen, hiesse, immer wieder die Frage nach Macht und Vorherrschaft, also nach Hegemonie zu stellen. Sich zu fragen: Wer profitiert? Wem nützt was? Dieses Projekt der Hegemonie(selbst-)kritik kann auch in den Bereichen von Wissen, Wahrheit und Wissenschaft nicht aufgegeben werden.

Kritik an Vereinnahmung und Verdrehung

Ganz im Gegensatz dazu steht die zentrale Bewegung, wie sie in der aktuellen politischen Stimmung und in postfaktischen Politiken unternommen wird: Eine strategische Verdrehung der realen, faktischen Machtverhältnisse. Unten ist plötzlich oben und die Ränder sind das Zentrum. Die Hegemonie das Unterdrückte. Zu dieser Umdrehung gehört die beunruhigende Vereinnahmung herrschaftskritischer Sprache und Strategie, in der «Gutmensch» plötzlich ein Schimpfwort sein kann, Sprachkritik plötzlich «Zensur» oder Ethik, Moral und Herrschaftskritik mit einem Mal «political correctness». Und dieser Umdrehbewegung die- nen die Behauptung des «Postfaktischen» und die Verbreitung von «alternative facts». Mit Dekonstruktion, Poststrukturalismus und feministischer Wissenschaftskritik hat das nichts zu tun. Sondern mit Propaganda, menschenverachtender Propaganda.

1 Als die eigentliche Urheberin des Hashstags Metoo, Tarana Burke, ihn lancierte, und das tat sie, bevor (weisse) Schauspielerinnen ihn nutzten, wollte der schwarzen Frau* nämlich noch niemand Gehör schenken.