Ausgabe 2018/1

Das Gerücht vom leeren Grab

Die Liebe treibt die Hoffnung dazu zu glauben, was noch unsichtbar ist – was bezweifelt werden kann: Dass der Freund des Lebens nicht Beute des Todes geblieben ist und dass er an vielen Stellen angetroffen wird.

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@Heinke Torpus
Das ist Angela, christliche DU.
(Die Bildbearbeitungen auf Papier, respektive am PC, wurden von der Künstlerin Heinke Torpus eigens für diese Ausgabe der FAMA entwickelt und gemalt. Ihnen allen liegt ein Selbstportrait der bedeutenden Schweizer Malerin Pat Noser zu Grunde.)
Text: Li Hangartner / 25.05.2025

In den Evangelien wuchert die Legende vom leeren Grab, erst diskret, dann deutlich, am Ende drastisch. Im ältesten Bericht jedoch kein Wort darüber. Kamera und Tonband hätten nichts aufgenommen. Die Auferstehung – ein Gerücht?!

Schauen wir zurück

Es ist der Morgen des dritten Tages nach dem Tode Jesu. Was für ein Gerenne! Maria Magdalena, eine andere Maria und Salome eilen zum Grab, wo sie den Verlorenen beweinen wollen. Dann fliehen sie mit Zittern und Entsetzen vom Grab. An anderer Stelle wird erzählt: Maria Magdalena geht zum Grab, findet es leer und läuft zu Simon Petrus, um ihm vom leeren Grab zu erzählen. Petrus macht mit einem anderen Jünger eine Art Wettlauf zum Grab. Ein anderes Ziel als die Stätte des Toten und der gestorbenen Hoffnung haben sie nicht. Sie suchen den Toten bei den Toten. Sie finden nichts als einen leeren Ort. Von zwei andern Jüngern wird erzählt, dass sie es am Ort des Todes nicht aushalten. Sie sind unterwegs nach Emmaus, weg von der Stadt, in der er umgekommen ist, den sie für den Messias gehalten haben. Wieder andere rennen in der gleichen Hoffnungslosigkeit zurück an die Stelle, wo alles angefangen hat, nach Galiläa. «Ich geh fischen», sagt Petrus. «Wir gehen mit dir», sagen seine Genossen. Sie haben keine Erwartungen mehr ausser der Erwartung, die sie auch vor dem Treffen mit dem Meister hatten. Sie wollen überleben, mit den kleinen Sachen, die man noch tun kann. Die grosse Hoffnung ist begraben. Die Auferstehung – ein Gerücht?

Einem hat das nicht genügt

Es ist nun schon der Morgen des achten Tages nach den schrecklichen Geschehnissen auf dem Berg der Kreuzigung. Die Türen sind verschlossen. Die Jüngerinnen und Jünger halten sich vor der Obrigkeit versteckt; eingeschlossen in einem Haus, das sie verbergen soll, eingeschlossen in ihrer Angst vor den politischen Gegnern, die Jesus umgebracht haben. Doch plötzlich: Durch die verschlossene Tür hin- durch tritt Jesus in ihre Mitte. Alle sind sie da: Andreas und Bartholomäus, Jakobus der Älteste und Jakobus der Jüngste, Johannes, Matthäus, Petrus und Philippus, Simon und Thaddäus. Und selbstverständlich Maria von Magdala, Salome, Johanna, Susanna, Maria, die Mutter Jesu und viele mehr. Diesmal ist auch er dabei: Thomas. Thomas, der Zweifler, oder der Ungläubige, wie er genannt wird.

Begreifen wollen

«Friede sei mit euch!» Dann zu Thomas: «Streck deinen Finger aus – hier meine Hände! Streck deine Hand aus, leg sie in meine Seite!» Für Thomas geht das alles zu schnell, zu glatt, was ihm die andern erzählen. Er will greifen, begreifen. Das wird später ein beliebtes Sujet für die Malerei, die berühmteste Darstellung ist die von Caravaggio. Der Künstler lenkt den Blick auf den wunden Punkt, auf die Seitenwunde Jesu. Während Christus mit dem Griff seiner Linken die Hand des ungläubigen Thomas führt, stösst dieser den Zeigefinger seiner Hand in die Wunde Christi, mit aufgerissenen Augen nimmt er in sich auf, was er zum Glauben braucht. Seine von Furchen überzogene Stirn zeigt die physische Anstrengung, genau in diesem Moment wird Thomas überzeugt. So hoch dramatisch ist es gemäss dem Johannesevangelium nicht zugegangen. Der Bericht lässt offen, ob Thomas auf diese Handgreiflichkeit dann doch verzichtet. Auf die Worte Jesu: “Sei nicht ungläubig, sondern glaube!”, bekennt er: «Mein Herr und mein Gott!»

Durch Zweifeln zum Glauben

Thomas ist der Prototyp des Zweiflers, einer, der nicht auf ein Gerücht hereinfällt. Ich begreife nur, was ich greifen kann. Ich glaube nur, was durch meine Sinne bewiesen wird: durch die Augen, durch die Ohren, durch die Hände. Nicht unsympathisch, und ganz Unrecht hat er nicht. Der Trost braucht die Berührung der tröstenden Hand. Der Glaube braucht die Erfahrung. Ihm reicht das Hörensagen nicht. Die Welt braucht Menschen wie den zweifelnden Thomas. Und doch finde ich die Geschichte, wie sie das Johannesevangelium erzählt, grob und ohne Poesie. «Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite!» Der Irrtum ist künftig ausgeschlossen: Seine Finger haben die Wunden berührt. Glaube wird zum handgreiflichen Wissen. Ist das noch Glaube? Ist Liebe, die sich in Handgreiflichkeiten erschöpft, noch Liebe? Es ist wahr: Die Liebe lebt von sichtbaren Zeichen der Nähe, aber diese Zeichen sind keine Versicherungsinstrumente. Wenn Glaube und Liebe sich in Handgreiflichkeiten er- schöpfen, geht ihre Schönheit verloren. Wie ganz anders geht es zu in der Geschichte von der Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen.

«Rühr mich nicht an!»

Das sind die zentralen Worte, die Jesus an sie richtet. Noli me tangere! Fass‘ mich nicht an, – und nicht: «Leg deine Hand in meine Seitenwunde!» Es ist finster, als Maria Magdalena aufbricht. Sie geht allein in der Dunkelheit der Nacht. Es zieht sie zum Grab ihres ermordeten Freundes, dorthin, wo sie seinen geschundenen Leib zur letzten Ruhe gebettet haben. Finsternis ist auch in ihr, keine Dämmerung lässt den Morgen ahnen. Maria steht am Grab und weint – und erschrickt: Das Grab ist leer, der Leichnam weg. «Was weinst du? Wen suchst du?», spricht eine Stimme zu ihr. Sie erkennt ihn nicht, der da so spricht, und meint, es sei der Gärtner. «Hast du ihn weggetragen? Wo hast du ihn hingelegt, ich will ihn holen.» «Maria!» Sie wendet sich um: «Rabbuni!», Meister. Warum erkennt sie ihn nicht, als er sich ihr zuwendet? Warum vermutet sie in ihm einen Fremden, den Gärtner? Sie erkennt ihn, als er ihren Namen ruft. Sie erkennt nicht den Leib, sondern sein Wesen. Ihr Glaube entzündet sich an der Zartheit der Anrede: Maria. In diesem Moment sieht sie, in diesem Moment erkennt sie. Sie lernt glauben in dem Moment, da sie beim Namen gerufen wird. Bis dahin ist alles verständlich, einsichtig. Aber dann kommt der Satz, der alle Glücksgefühle zerstört: «Rühr mich nicht an! Ich bin noch nicht zu meinem Vater zurückgekehrt.» Trotz der Zartheit der Anrede ist dies nicht mehr der zärtlich nahe Jesus. Seinen Leib kann man nicht mehr berühren, salben. Er lässt sich nicht zurückholen, festhalten. Die alte Nähe ist gebrochen. Die Naivität des Glaubens und Vertrauens ist gestorben. Maria muss den Trennungs- schmerz aushalten, Berührung ist nicht mehr möglich, nicht mehr die mit den Händen und mit den Armen. Doch die Stimme ist nah und vertraut, die Stimme, die ihr jetzt den Auftrag gibt: «Geh hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.»

Nichts ist mehr, wie es war

In dieser Begegnung mit dem Auferstandenen erfährt sie, dass das Alte nicht festzuhalten ist und dass sich nur im Loslassen das Neue ereignen kann. Im Lukasevangelium fragt der Engel die Frauen, die zum Grab kommen: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» Es ist dieselbe Botschaft: Wo ihr Beständigkeit sucht, ist der Tod, wo ihr euch verändert, ist Leben. Es hätte auch anders sein können. Es hätte auch sein können, dass der gewaltsame Tod Jesu Maria von Magdala für einen neuen Glauben zu müde gemacht hätte. Es wäre verständlich gewesen. Einige aber zweifelten, heisst es im Auferstehungsbericht des Matthäusevangeliums. Nicht so Maria. Was hat sie dazu befähigt, die Hoffnung nicht aufzugeben? Christus in der fremden Gestalt zu erkennen? Dreimal werden im Johannesevangelium ihre Tränen erwähnt. Sie hat sich nicht abgefunden mit dem Tod ihres Meisters und Freundes, sie hat sich nicht abgefunden mit dem Tod ihrer Hoffnung, sie resigniert nicht und wird auch nicht zynisch. Sie findet sich nicht ab, hat nicht abgeschlossen mit der Hoffnung. Durch ihre Tränen bewahrt sich Maria die Würde der Untröstlichkeit. Durch die Tränen öffnet sich ihr Blick nach innen. Es ist das Weinen, das sehend macht. Maria hat keine handfesten, keine handgreiflichen Gründe für ihren Glauben wie Thomas, sie könnte sich auch irren. Ihre Tränen, ihre Hoffnung und ihr Glaube schützen sie nicht vor neuem Schmerz. Und gerade darin ist sie eine mutige Frau, eine Frau mit einer grossen Geste, die nicht erst nach kühler Berechnung geht, sondern loseilt und von dieser Hoffnung erzählt, weil einer sie beim Namen genannt hat.

Zu sehen gibt es wenig, zu glauben viel

Darum hat es der Unglaube immer etwas einfacher. Er hat nur Augen für das, was der Fall ist und was nicht der Fall ist. Der Glaube aber ist nicht betäubt von den Augenscheinlichkeiten. Die Liebe treibt die Hoffnung dazu zu glauben, was noch unsichtbar ist – was bezweifelt werden kann: Dass der Freund des Lebens nicht Beute des Todes geblieben ist und dass er an vielen Stellen angetroffen wird. Es gibt keine religiöse Idee und keinen religiösen Satz, die nur innerreligiöse Bedeutung hätten, so auch nicht der Glaube an die Auferstehung. Ein guter religiöser Satz lässt sich auch immer übersetzen in eine menschheitliche Wahrheit. Der Glaube an die Auferstehung bedeutet die Unerträglichkeit des Todes, nicht des Todes am Ende eines Lebens allein. Der Glaube an die Auferstehung heisst, den falschen Tod nicht hinnehmen, der Menschen mitten in ihrem Leben trifft. Der falsche Tod, das ist der Hunger von Menschen, der ihnen das Leben nimmt; der falsche Tod, das ist ihre Armut, ihre Folterqualen, ihre Stummheit und ihre Zukunftslosigkeit. Man kann nicht an die Auferstehung glauben und sich zugleich mit diesen Toden abfinden. Man kann nicht an die Auferstehung glauben und das eigene Land zugleich zu Tode rüsten. Man kann nicht an die Auferstehung glauben und zugleich das Klima so kaputt machen, dass das Leben der eigenen Kinder und Enkel gefährdet ist. Der biblische Glaube wird zur grossen Unabgefundenheit in dem Land, in dem noch nicht alle zum Leben gefunden haben. Die Auferstehung – ein Gerücht?