Ausgabe 2018/1

(Un)Wahrheit(en). Was wir unseren Kindern erzählen

Gedanken einer Tochter, Mutter, Grossmutter darüber, was Kindern an (Un)Wahrheiten zu Ohren kommt und darüber, dass Wahrheit manchmal mehr ist, als das bloss Faktische.

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©Heinke Torpus
Das ist Maria, die Himmelskönigin.
(Die Bildbearbeitungen auf Papier, respektive am PC, wurden von der Künstlerin Heinke Torpus eigens für diese Ausgabe der FAMA entwickelt und gemalt. Ihnen allen liegt ein Selbstportrait der bedeutenden Schweizer Malerin Pat Noser zu Grunde.)
Text: Esther Burri / 25.05.2025

Ist es die Wahrheit, die halbe Wahrheit, oder sind es Fake News? – In meinem späten Studium der Theologie hat mich der «Satz vom ausgeschlossenen Dritten» (entweder ist etwas A oder nicht A; ein Drittes, Mittleres, gibt es nicht) richtiggehend herausgefordert. So schwarz oder weiss, so wahr oder unwahr mochte ich es nicht haben. Und doch, gibt es die halbe Wahrheit? Ist ein bisschen wahr nicht eben doch unwahr? Vom Studium habe ich mitgenommen, dass alles in Frage zu stellen, zu hinterfragen sei. Kürzlich las ich von der «Verunsicherungsfähigkeit» als einer neuen Kernkompetenz (DIE ZEIT). Und in «Das Magazin» (Tagesanzeiger) Nr. 46 von diesem Jahr schreibt Florian Illies über Wolkenmaler: «…dass mit jedem Blick die Welt eine andere ist, jede Verschattung einer Wolke die Szenerie komplett verändern kann. Sie erkannten, dass es keine Wirklichkeit gibt, sondern diese immer nur die Summe vieler Bilder ist.» So ist es mit der Wahrheit. Es gibt sie nicht. Es gibt nur Wahrheiten. In diesem Sinn möchte ich in vier Abschnitten Wahrheits- und Unwahrheitsskizzen erzählen. Wobei ich nicht weiss, wie wahr das Beschriebene ist. Andere Beteiligte würden es anders erzählen.

Die Wahrheit(en) der Kinder

Ich war den Erwachsenen sehr böse, als ich erfuhr, dass sowohl Osterhase als auch Samichlaus erfunden waren. Die Erwachsenen hatten mich belogen und erst noch über mich gelacht. Sollte ich ihnen überhaupt noch etwas glauben? Vielleicht war dies der Grund, dass es mir sehr wichtig war, meine eigenen Kinder nicht zu belügen. Mein Ehemann hingegen stellte sie gern auf die Probe, indem er ihnen «einen Bären aufband». Die beiden Kinder wussten bald einmal, dass der Papa gern Witzchen machte. Aber wann war etwas wahr und wann nicht? – Ich bekam die Aufgabe, stets die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen. – Unterdessen sind wir bei der Enkelin angelangt. Der Grosspapa macht immer noch Witzchen, aber ich bin gelassener geworden. Und ist es nicht eine Freude zu erkennen, dass die «Verunsicherungsfähigkeit» bei der Kleinen wächst! Dem Grosspapa glaubt man schon mit vier Jahren nicht einfach alles. Gut so! Sie wird ihre Unterscheidungskompetenz auch auf anderes und andere übertragen. Kleine Kinder aber können (noch) nicht lügen. Auch nicht, wenn es «praktisch» wäre. Fragt der Papa der Kleinen abends: «Hast du etwas Rotes getrunken?» Er macht gerade ein Witzchen. Aber das Mädchen sagt mit leichter Verzögerung: «Ja, Himbeersirup.» Mit Verzögerung, weil sie ahnt, dass es mir lieber wäre, sie würde den süssen Sirup nicht zugeben. – Sie kann noch nicht lügen, auch nicht für mich. Sie wird es lernen, das Abwägen, das Taktieren. Und es wird ihr bewusst werden, dass es alle tun. Sie wird vielleicht so geschickt werden wie meine Kinder, die eine gemeinsame Kinderlüge erst als Erwachsene aufdeckten. Ich hatte ihnen absolut geglaubt. Soll man nicht. Absolut taugt nicht.

Die Wahrheit(en) der Mutter

Ich war ein Mutter-Kind. Sie schaffte das Fluidum meines Kinderlebens. In ihrer Nähe war Sicherheit. Fraglosigkeit. Sie erklärte das Leben. Ich glaubte ihr (alles). Sie tradierte die Weisheiten ihrer Mutter und deren Mutter. Mutter-Weisheiten von Generation zu Generation. Ich nahm sie auf und gab sie nicht weiter. Meine Mutter sagte: «Männer können keinen Frieden machen; das können nur wir Frauen. Wir müssen manchmal um des lieben Friedens willen nachgeben.» Sie sagte: «Der Wald ist gefährlich. Dort lauern böse Männer Frauen auf, die sich allein hinein wagen.» Und weiter sagte sie: «Für deinen Mann musst du immer gepflegt aussehen.» – Sie eilte ins Badezimmer und kämmte sich, kurz bevor mein Vater von der Arbeit kam. Sie riet: «Wenn du etwas willst von einem Mann, dann warte den richtigen Zeitpunkt ab.» – Sie redete über Ehediplomatie. So gerüstet ging ich in die Welt der Männer, die eine Gegen- welt war. Aussenwelt. Viel bedeutender als die Innenwelt der Frauen. Aber auch gefährlicher.

Die Wahrheit(en) der Männer

Laut Statistik (freundin 18/2017) lügen Männer 1092 mal im Jahr. – Wahr oder unwahr? Und wir Frauen? Mein Vater wachte rigoros darüber, dass wir alles assen, was auf den Tisch kam. Es gab nie Ravioli, warum? Mein Vater mochte sie nicht, wollte aber seine Prinzipien aufrechterhalten. Also bekam er Bauchweh von den Ravioli. Ewig glaubten wir das nicht. Weniger harmlos war eine andere Lüge meines Vaters, die mein Vertrauen stark erschütterte. Wir waren wandernd unterwegs und kamen zu einer Kuhweide mit elektrisch geladenem Draht. Mein Vater griff nach diesem und sagte, er sei gar nicht geladen. Ich war unsicher, aber mein Vater sagte: «Gib mir die Hand.» Das tat ich und, zack, wurde ich elektrisiert. – Ich weinte, aber nicht wegen des Stromschlages. Ich weinte, weil mein Vater mich belogen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Wahrheit(en) der Männer erfuhr ich oft bei Sippenanlässen. Meine Onkel und mein Vater behaupteten da einander widersprechende Wahrheiten. Sie verkauften Meinungen als Wissen, trumpften auf, hauten auf den Tisch. Es gewann, wer am lautesten war. Oder aber, wer am meisten Ansehen hatte, weil er es beruflich zu etwas gebracht hatte. Erfolg brachte Autorität.

Die Wahrheit(en) der Kirche

Den Onkeln und den Vätern konnte man nicht bedingungslos glauben, was sie sagten. Blieb noch die Kirche. Kraft ihres Amtes sprachen die Pfarrherren wahr. Sie wussten, was Gott von uns wollte. Sie sprachen in seinem Namen. Amen. So der eine Pfarrer, der mit dem damaligen «Opferkässeli» an der Treppe beim Ausgang stand und behauptete, der «Liebegott» sei traurig, wenn jemand den Batzen vergessen hatte, der da hinein gehöre. – Wir glaubten es, auch wenn wir wussten, dass der eine Bub so arm war, dass seine Mutter ihm deshalb keinen Batzen mitgegeben hatte. Ich selbst war längst in der Kirche tätig, als mir aufging, dass die Rede von der «wunderbaren Schöpfung» nur die halbe Wahrheit ist. Was ist mit der Grausamkeit der Natur? Davon war in der Kirche keine Rede. Und die göttlichen Naturgesetze wurden auf Themen übertragen, die dem moralischen Machtanspruch vieler Kirchenmänner mehr dienten als den Menschen, die betroffen waren. Die Kirchenmär von der wunderbaren Schöpfung mochte ich also nicht mehr glauben. Ewiger Erntedank taugt nicht. – Ich war gerade daran, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Glauben über Bord. Ich allein mit mir. Aber meine Enkelin brachte mich zurück zum Anfang.

Das Gerücht von Weihnachten

Weil ein Bilderbuch am Boden lag, habe ich unserer Enkelin erstmals die Weihnachtsgeschichte erzählt. Ihr erzählt, dass wir Weihnachten feiern, weil dies der Geburtstag von Jesus ist. Da hat sie grosse Augen gemacht und vorwurfsvoll gesagt: «Das habe ich ja gar nicht gewusst.» – Es tönte, als wolle sie sagen: «Warum hat mir das keine/keiner erzählt?» Weihnachten ohne Inhalt?! Da ist der Adventskranz vom Grosspapi. Da sind all die Adventskalender mit und ohne Geschenke. Warum und wozu das alles? Nur, weil es an Weihnachten noch weitere und grössere Geschenke gibt? – Weihnachten ohne das Gerücht vom Kind aus Bethlehem, nein, das geht nicht! So viel Aufwand ohne Angelpunkt, ohne Eckstein, ohne Berührung von Himmel und Erde, ohne den tiefen Bodensatz, ohne das begründete «Fürchte dich nicht»! Es braucht ein Gerücht! Unbedingt! Eine Grundgeschichte. Eine Erklärung für den ganzen Aufwand. Ich habe als Grossmutter fürs Erste den Geburtstag ins Spiel gebracht. Geburtstag kann das Kind verstehen. Gerade erst hat es am Geburtstag der Kindergartenfreundin getanzt. «Aber», sagt sie, «Jesus kenne ich gar nicht.» – Wie soll sie seinen Geburtstag feiern? Wie erkläre ich die zweitausend Jahre, die er «alt» ist? Und vor allem und zuallererst: Wie will ich es halten mit den Grundgeschichten, die mein Leben so lange trugen, nun aber kaum mehr? Ich habe es in den letzten wenigen Jahren einfach sein lassen. Ich habe mich in einer Art pensioniert, in Rente geschickt, die plötzlich nicht mehr geht. Der Bodensatz der Wahrheit muss neu geschürft werden. Ja, ich brauche Geschichten für das Leben. Auch heute noch. Ich darf die Geschichten gegen das Leben nicht dominieren lassen. Da ist ein vierjähriges Kind, das ein Anrecht darauf hat, dass ich sage, was mich unbedingt angeht. Dieses aber muss ich neu ergründen. Neu definieren. Mir zu Gemüte führen. Wir feiern nicht Weihnachten, weil alle vier Kerzen des Adventskranzes niedergebrannt und alle Türchen der Adventskalender offen sind. Das ist nicht der Inhalt des Festes. Auch nicht die vielen Geschenke, die wir bekommen. Wir sind gar nicht das Ziel des Weihnachtsfestes. Wir haben einen Schritt zurückzutreten und so den Blick frei zu bekommen auf das uralte Gerücht von diesem Kind in der Krippe. Nicht unser Geburtstag – sein Geburtstag. Leben können, weil es mehr gibt als mich. Mut bekommen gegen die Angst. Sinn finden. Da spielt es keine Rolle, dass die Weihnachtsgeschichte diesem Kind zugeschrieben wurde, dass sie gefaket ist. Wir brauchen sie. – «Warum hat mir das keine gesagt?» – Das Unterschlagen von Grundgeschichten macht das Leben arm.