Ausgabe 2018/1

Gerücht als eine weibliche Waffe? | Über einen gefährlichen Mythos

Verdrehungen, Anschuldigungen und heftige Schieflagen.

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©Heinke Torpus
Das ist Pat the Painter
(Die Bildbearbeitungen auf Papier, respektive am PC, wurden von der Künstlerin Heinke Torpus eigens für diese Ausgabe der FAMA entwickelt und gemalt. Ihnen allen liegt ein Selbstportrait der bedeutenden Schweizer Malerin Pat Noser zu Grunde.)
Text: Franziska Holzfurtner / 09.07.2025

«Schlaf mit mir, oder ich erzähle allen, dass du mich vergewaltigt hast.» Diese Geschichte wird immer wieder von Männern anonym im Internet erzählt, oft verbunden mit dem Hinweis auf das mangelnde Interesse an den männlichen Opfern sexueller Gewalt. Ich wusste schnell, dass ich diesen Mythos zum Gegenstand meines Textes für die FAMA machen möchte. Mythos nicht etwa, weil ich solche Vorfälle für unmöglich halte oder glaube, dass sie nie vorgefallen seien. Ein Mythos ist es eher in seiner Funktion. Er bildet die Struktur einer Gesellschaft ab und was sie für denkbar hält. Er erzählt über eine ganz bestimmte Angst, die manche Männer vor Frauen hegen, und er versieht letztere mit einer Waffe namens Gerücht.

Von der Schmach, als Mann vergewaltigt zu werden

Wieso erzählen Männer diese Geschichte? Wieso sagen sie nicht einfach, dass auch Männer vergewaltigt werden? Meine These: Weil die Geschichte für diese Männer rechtfertigend ist. Rechtfertigend, denn – so die Logik dahinter – ein Mann kann sich gegenüber einer körperlich ja unterlegenen Frau leicht wehren; wenn er das nicht tut, muss also etwas anderes dahinterliegen. Männliche Vergewaltigungsopfer passen nicht ins Schema und werden darum häufig nicht für voll genommen. Ja, manchmal wird ihnen sogar noch zu ihrem erlittenen Missbrauch gratuliert, weil Teile unserer Gesellschaft Männer immer noch für regelrecht sexsüchtig und den Geschlechtsverkehr stets für einen Sieg für das männliche Ego halten. Für Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt werden, hat unsere Gesellschaft Rollenmodelle, Hilfsangebote, Verhaltensformen. Auch wenn diese nicht immer gesund sind, so harmonieren sie meistens doch mit traditionellen Geschlechterrollen, während beim Mann die erlebte Vergewaltigung mit diesen kollidiert.

Soziales Netz als Macht von Frauen

Um diesen Konflikt mit den Rollenerwartungen aufzulösen, wird nun ein Narrativ gefunden: Zwar wurde der Mann «überfraut», aber nicht körperlich, sondern auf dem Gebiet der sozialen Kompetenz, einem Gebiet also, auf dem Männer – dieser Logik folgend – natürlicherweise unterlegen sind. So geht in diesem Mythos die Bedrohung nicht direkt von der (schwachen) Frau aus, vielmehr setzt sie ihr soziales Umfeld für deren Exekution ein und damit eben auch zahlreiche Männer. Vor diesen Angst zu haben, ist aber aus Sicht klassischer Rollenverteilungen wesentlich erträglicher. Diese Idee einer geheimen, subtilen Verschwörung der Frauen durch ihre soziale Macht kann sich zur misogynen Verschwörungstheorie fortentwickeln. Wer den Klatsch kontrolliert, kontrolliert im Grunde die ganze Welt. Aufgrund der sozialen Ächtung von Vergewaltigungen bräuchten Frauen noch nicht einmal die Infiltration der Gerichte zu erreichen (was sie – es ist ja immerhin eine Verschwörungstheorie – selbstverständlich dennoch tun), es reicht das blosse Gerücht. Der Mythos hinkt … Dabei ist diese vermeintliche weibliche Macht ihrerseits ein zweischneidiges Schwert, tragen doch die Existenz und Glaubwürdigkeit dieser Geschichten über Frauen als «hinterfotzige Klatschbasen» dazu bei, dass ihnen ihrerseits oft nicht geglaubt wird, wenn sie sexuellen Missbrauch anzeigen. Unabhängig davon ruiniert eine Frau mit der Bekanntgabe einer Vergewaltigung nicht nur den Mann sozial, sondern auch sich selbst. Die meisten Überlebenden von Vergewaltigungen können bestätigen, dass man schon eine Narzisstin mit masochistischer Neigung sein muss, um das Prozedere, das einer Anzeige oder auch nur öffentlichen Bekanntgabe einer Vergewaltigung folgt, als positive Zuwendung wahrzunehmen. Dieses Gerücht, das eine Frau so in die Welt setzt – wahr oder nicht – ist auch aus ihrer Sicht nicht schmeichelhaft. Es wird gemunkelt, sie habe psychische Probleme, wildfremde Menschen mutmassen, sie hätte den Sex vermutlich provoziert; sind sie und der (angebliche) Täter miteinander bekannt, wird gar der ganze Freundeskreis nach Solidarität aufgespalten. Kein Wunder, dass laut einer 2014 veröffentlichten Studie der EU nur 16% der Vergewaltigungen überhaupt angezeigt werden. Bei näherer Betrachtung ist also die vielzitierte Drohung wenig glaubhaft. … und birgt Gefahr Das verantwortliche Stereotyp – sie verbreiteten Gerüchte und Unwahrheiten, um sich wichtig zu machen – läuft Frauen überall über den Weg. Es erschwert ihnen den beruflichen Aufstieg, verwehrt ihnen den Zugang zu vielen Netzwerken, stört generell die gesellschaftliche Teilhabe. Es kann sogar lebensgefährlich werden. So zeigte eine kürzlich veröffentlichte Studie, dass Frauen weniger oft von Ersthelfern reanimiert werden, möglicherweise weil diese eine Anzeige wegen sexueller Belästigung fürchten. Dazu passende Geschichten verbreitet das Internet schon seit Jahren mit Gusto. So wurde ein satirischer Artikel mit dem Titel «A man saved me from drowning, but now I am suing him for rape because he touched me» nicht nur ernst genommen, sondern von männlichen Internetnutzern als Vorfall nacherzählt, der ihnen tatsächlich passiert sei und wurde letztlich zur urbanen Legende – oder, wie es bei Frauen heissen würde, zum Gerücht.

Mythos der klatschsüchtigen Frau

Der Mythos von der klatschsüchtigen Frau aber ist gleich doppelt nützlich. Einerseits zementiert er angebliche Kommunikationshindernisse zwischen Mann und Frau, indem er letztere für Männer undurchschaubar, unberechenbar und sozial hintertrieben erscheinen lässt. Andererseits entzweit er auch Frauen* untereinander. Mit der vielbeschworenen Solidarität im Zusammenschluss der Frauen gegen angebliche Vergewaltiger ist es in den Augen misogyn eingestellter Männer nämlich nicht mehr weit her, wenn es um die Wurst geht. Dann wird den Frauen plötzlich die sogenannte «Stutenbissigkeit» unterstellt und Misstrauen zwischen den Geschlechtern aber auch unter Frauen selbst geschürt. Und das soll die tolle Waffe sein, mit der Frauen die Männerwelt im Würgegriff halten?

Blaming the victim?!

Aber halt. Ist Ihnen aufgefallen, was ich hier gerade mache? Ich nehme eine Geschichte, in der eine Frau als Täterin vorkommt, und interpretiere dann daraus, dass Frauen die eigentlichen Opfer sind. Aber es ist immer noch eine Geschichte über sexuellen Missbrauch. Wenn wir uns vorgenommen haben, Überlebenden solcher Taten Glauben und Vertrauen entgegen zu bringen, dann sollten wir es selbst dann tun, wenn hinter dieser Geschichte eine problematische Agenda zu vermuten ist. Nehmen wir als Beispiel die zahlreichen Darstellungen von Frauen*, die durch Zufallstäter überfallen und vergewaltigt werden, in Parkhäusern, Stadtgärten und finsteren Gässchen. Für viele Frauen* ist es zur Angstsituation geworden, nachts alleine einen Weg zurückzulegen. Diese Angst ist angesichts der Kriminalitätsstatistik vollkommen unbegründet. Zufallstäter sind bei Vergewaltigungen die absolute Ausnahme. Diese Angst wird trotzdem ernst genommen, aber gleichzeitig problematisiert, weil sie ihre Träger*innen in ihrer Freiheit einschränkt und schlecht für das Verhältnis der Geschlechter ist. Und genauso muss die Angst von Männern vor dem Verbreiten solcher Gerüchte behandelt werden: Niemand sollte ihnen die Schuld dafür geben, dass sie sich vor einer solchen Situation fürchten. Aber Recht geben sollte man ihnen trotzdem nicht.

Gemeinsam gegen den Grund der Angst

Wer dieses Gerücht verbreitet, erreicht damit genau das Gegenteil dessen, was er oder sie erreichen wollte. Statt Verständnis und Empathie für missbrauchte Männer*, statt Anerkennung ihres Leides und ihrer unerträglichen Situation und die Wahrnehmung von Frauen* als vollwertige Täter*innen zu erreichen, verstärken sie exakt die gesellschaftlichen Tendenzen, die sie bekämpfen wollten. Genau für diese eigentlichen Anliegen, gegen die Gründe ihrer Ängste und nicht gegen ihre Gegenstände, sollten wir stattdessen meiner Meinung nach als Feminist*innen – und auch als Männerrechtler*innen – kämpfen. Damit missbrauchte Männer* merken, dass ihre Not ernst genommen wird. Damit Frauen* als Sexualstraftäter*innen ernst genommen und ernsthaft bestraft werden. Dann hören andere Männer* hoffentlich auch auf zu glauben, Gerüchte verbreiten zu müssen.