The End of Innocence
Jane Flax, The End of Innocence, in: Judith Butler and Joan W. Scott
(eds.), Feminists Theorize the Political, New York 1992, 445–463.
In den 1990er Jahren gab es in der feministischen Theologie bereits eine rege Debatte zur Frage, welche Rolle der Poststrukturalismus für den Feminismus spielt. Mit dem Begriff «Poststrukturalismus» wird eine vielfältige und ursprünglich aus Frankreich stammende Denkbewegung verbunden, die unter anderem die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit problematisiert. Wenn wir biblische oder andere antike Texte nicht mehr als Fenster zur Realität verstehen können, wird es erheblich schwieriger, die Geschichte von Frauen zu rekonstruieren. Aus diesem Grund wurde den poststrukturalistisch orientierten Feministinnen manchmal vorgeworfen, sie hätten der patriarchalen Geschichtsschreibung nichts entgegenzusetzen. Heute, in Zeiten der sogenannten fake news, ist die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit aufgeladener denn je. Laura Levitt, Religionswissenschaftlerin aus Philadelphia, hat diese Debatte mitverfolgt und mitgeprägt. Im Sommer war sie zu Besuch in Zürich, und ich hatte die Gelegenheit, ausführlich mit ihr über dieses Thema zu sprechen.
Mitte der 1990er Jahre habe ich bei dir feministische Theorie studiert. Wir haben damals etliche Beiträge von Frauen gelesen, die poststrukturalistische Denkansätze in die feministische Debatte aufnahmen. Besonders beeindruckt hat mich damals ein Aufsatz von Jane Flax mit dem Titel «The End of Innocence» («Das Ende der Unschuld»). In diesem Aufsatz bestreitet Flax, dass wir jemals allgemein gültige Wahrheiten über die Welt finden werden. Auch ethische Einsichten darüber, wie wir uns in der Welt zu verhalten haben, sind Flax zufolge immer abhängig von unserem jeweiligen Kontext. Wie beurteilst du den Beitrag von Jane Flax heute in einer Zeit, in der sogenannte fake news und die Rede von «alternativen Fakten» politische Diskurse bestimmen?
Ich diskutiere Flax‘ Essay immer noch mit meinen Studierenden und finde ihren Aufsatz heute sogar wichtiger denn je. Ein Teil ihres Arguments lautet, dass wir als Forschende oder Aktivist_innen Verantwortung für unsere ethischen oder politischen Positionen übernehmen müssen. Kein Standpunkt ist von vorneherein auf magische Weise der ethisch einzig richtige. Jane Flax hat 1992 – gegen Sandra Harding – zu Bedenken gegeben, dass beispielsweise Solidarität mit den Unterdrückten nicht automatisch dazu führt, dass wir auf der richtigen Seite stehen und eine quasi unschuldige Position einnehmen. Gerechte Lösungen ergeben sich nicht, indem wir einem bestimmten Paradigma folgen. Es kann nicht darum gehen, dass wir sozusagen die korrekte Theorie finden und damit automatisch im Recht sind. Genauso wenig genügt es, unserer Vernunft zu folgen, um auf der Seite der Gerechtigkeit zu stehen. Stattdessen erfordert jede ethische Handlung erneut ein sorgfältiges Nachdenken über unseren jeweiligen Kontext und unsere Verstrickung in gesellschaftliche Zusammenhänge.
Im deutschsprachigen Raum habe ich von feministischen Kolleginnen manchmal den Einwand gehört, dass der poststrukturalistische Ansatz im Feminismus zu einer politisch fragwürdigen Unverbindlichkeit führe. Wenn es keine grundlegenden und allgemeingültigen Wahrheiten gebe, dann gelte jeder Standpunkt gleichermassen. Dann komme es auch nicht mehr darauf an, wo wir unsere «Fakten» herhaben. Damit spiele der poststrukturalistisch geprägte Feminismus in die Tasche des Rechtspopulismus. Wie antwortest du auf diesen Einwand?
Nur weil ich bestreite, dass uns irgendeine Theorie sagt, was richtig und falsch ist, heisst das ja nicht, dass ich die Suche nach Wahrheit aufgebe. Nur weil ich mir meine verschiedenen gesellschaftlichen Abhängigkeiten (contingencies) bewusst mache, bedeutet das nicht, dass ich keine Fakten anerkenne. Gleichzeitig mache ich mir klar, dass meine Wahrnehmung von Fakten immer durch eine Reihe von Faktoren mitbestimmt wird. Wenn wir politische Aussagen machen oder für eine bestimmte Verhaltensweise plädieren, müssen wir dabei immer sorgfältig unsere Quellen prüfen. Wir müssen gründlich abwägen, was für den einen oder anderen Standpunkt spricht. Selbst die Wahrheiten, Fakten und ethischen Standpunkte, die uns am meisten überzeugen, erfordern von uns so etwas wie Demut (humility). Es könnte sein, dass wir uns täuschen. Es könnte sein, dass unsere Entscheidungen unerwartete Folgen haben. Wenn Flax schreibt, wir müssen für unsere Positionen Verantwortung übernehmen, dann meint sie damit auch, dass es immer sein könnte, dass wir doch im Unrecht sind. Diese Haltung steht für mich in scharfem Kontrast zu der zynischen und leichtfertigen Vorstellung, dass es nun mal keine absoluten Wahrheiten gebe und deswegen alles gleichermassen gültig sei.
Welche Rolle spielt es, ob wir als feministische Forscherinnen religiös sind oder nicht?
Diejenigen von uns, die sich in religiösen Gemeinschaften engagieren, wissen oft sehr gut, wie bedingt unsere Existenz ist. Wir haben nicht alles in der Hand und können nicht alles überblicken. Diese Einsicht kann uns davor bewahren, unsere Standpunkte absolut zu setzen. Wir sind «nur» Menschen. Unser Wissen ist immer unvollkommen und bedingt. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Rolle spielt, welches Wissen ich mir aneigne.
Wie hat sich deine Situation als feministische Forscherin seit der letzten Präsidentschaftswahl in den USA geändert?
Im Moment geht eine tiefgehende Veränderung vor sich in Bezug auf das, was wir lange zu wissen dachten und auch im öffentlichen Diskurs für selbstverständlich hielten. Die post-strukturalistischen feministischen Entwürfe haben versucht, unser Verständnis von Objektivität, empirischer Forschung und der Suche nach Tatsachen zu nuancieren. Es ging niemals darum, diese Dinge abzuschaffen. Doch genau dies passiert in der gegenwärtigen Situation. Seriöse Forschung, genaue und sorgfältige Argumentation werden in hohem Bogen über Bord geworfen. Damit werden Dinge, die auch in der feministisch-kritischen Forschung lange Zeit als Status quo vorausgesetzt worden waren, einfach verworfen. Jetzt finden wir uns in einer Situation wieder, in der wir diese grundlegenden Voraussetzungen – Quellenarbeit, Beweisführung, kritisches Hinterfragen, Fussnoten usw. – verteidigen müssen. Das klingt vielleicht extremer, als ich das möchte. Aber im Moment geht es – besonders in den USA – tatsächlich darum, immer wieder zu fragen: Was sind deine Belege? Auf welcher Grundlage machst du diese Behauptungen? Wie willst du dies nachweisen? Lange Zeit konnten wir davon ausgehen, dass die Notwendigkeit wissenschaftlicher Begründungen von Aussagen und Handlungen im öffentlichen Diskurs selbstverständlich seien. Heutzutage ist dies nicht mehr der Fall.
Dann geht es heute vielleicht darum, die feministisch-post-strukturalistischen Beiträge aus den 1990er Jahren noch einmal möglichst sorgfältig zu lesen – samt der Fussnoten! – bevor wir sie vorschnell abtun.
Jane Flax, The End of Innocence, in: Judith Butler and Joan W. Scott
(eds.), Feminists Theorize the Political, New York 1992, 445–463.