Ausgabe 2018/3
Abtreibung in der Bibel? | Die Heilung der blutflüssigen Frau
Die Bibel kennt Trauer über Kinder, die nicht leben konnten. Und sie kennt den Schrecken einer ungewollten Schwangerschaft.
Projektionen am ModElle
Text:
Moni Egger
/
06.06.2025
Erstaunlicherweise erzählt sie die bekannteste dieser Geschichten aus männlicher Perspektive, derjenigen von König David. Nachzulesen ist sie im 2. Samuelbuch in den Kapiteln 11 bis 12. Gänzlich ausgeblendet wird dort aber die Sicht der betroffenen Frau. Batseba, die später Königin wird, hat in dieser Geschichte kein Wort mitzureden. Sie ist Spielball männlicher Lust und männlicher Macht. Bleibt also sogar bei diesem Thema die Frauensicht in der Bibel einmal mehr aussen vor?
Die Bibel nicht den Rechten überlassen
Als wir an der Redaktionssitzung das vorliegende Heft entworfen haben, sprachen wir lange über Bibeltexte. Gibt es Stellen in diesem Buch der Bücher, die im Kontext von Abtreibung herangezogen werden könnten? Die Entscheidungshilfe bieten? Oder Trost, wenn Trauer über gefällte Entscheidungen einbricht? Es kann ja nicht sein, dass wir feministischen Theologinnen die Bibel ganz den rechtskonservativen Kreisen überlassen, die einzelne Verse als Giftpfeile verwenden, verseucht mit Moralin. Ein wunderbarer Vers voll Leben wie «Du hast mich im Leib meiner Mutter gewoben.» (Psalm 139,13) kann so zum antifeministischen Kampfbegriff und damit zutiefst lebensfeindlich werden. «Wie ist das eigentlich,» fragt eine von uns nachdenklich, «liesse sich die Geschichte der blutflüssigen Frau als Abtreibungsgeschichte lesen?» (Bibeltext siehe rechte Seite.) Während die Gesichter der Kolleginnen noch Fragezeichen zeigen, erinnere ich mich daran, wie ich die Geschichte einmal gehört habe, durchaus offen in diese Richtung. An fünf Wochenenden hatte ich Religionspädagoginnen darin angeleitet, wie sie aus Bibeltexten eigene Geschichten formen können. Geschichten, die sie jetzt zum Kursabschluss in ihrer eigenen Sprache und Mundart erzählen. Eine junge Teilnehmerin hat bei Markus 5 die Perspektive der Frau gewählt, die von ständigen Blutungen geplagt ist. Sie ist als allerletzte der zwölf Erzählerinnen an der Reihe. Ich bin schon etwas müde vom vielen Zuhören. Aber ab ihrem ersten Wort bin ich wieder hellwach.
Die Frau mit dem Blutfluss erzählt
«Es ist kaum auszuhalten. Immer dieses Blut. Jeden Tag die Schmerzen. Seit zwölf Jahren schon. Was ich schon alles gemacht habe. Ich weiss gar nicht mehr, wie viele Heiler und weise Frauen ich schon aufgesucht habe. Ein Vermögen hat es mich gekostet. Aber genützt hat es nichts. Nichts! Jeden Tag. Blut. Schmerzen. Krämpfe. Blut. Ich trau mich schon gar nicht mehr raus. Blut, sagen sie, macht unrein. Wäscherin war ich, damals, bevor … Die vornehmen Leute brachten mir ihre schmutzige Wäsche, sauber bekamen sie sie wieder zurück. Meist kamen ja die Mägde oder die Töchter. Einmal aber steht ein Mann da. Ich kenne ihn. Natürlich kenne ich ihn. Es ist Jaïrus, der unserer Synagoge vorsteht. Alle kennen ihn. Ein guter Mann. Ein schöner. Das sicher. Das ist anders als mit den Mägden und Töchtern. Jaïrus holt die Wäsche wieder ab, bringt neue. Seine junge Frau ist grad in Erwartung. Da kann sie nicht selbst waschen. Und überhaupt. Jaïrus bleibt noch für einen Schwatz, ein Glas Milch, … und irgendwann für … Daran will ich nicht mehr denken. Was hätte ich denn tun sollen? Und schön war er wirklich, der Jaïrus. Natürlich wurde ich schwanger. Natürlich kam er nie wieder. Auch auf der Strasse hat er jetzt immer weggeschaut. Da war ich nun. Kind im Bauch. Angst im Herz. Ein Kind, sagen sie, ein Kind ohne Mann, das geht gar nicht. Seither dieses Blut. Seit zwölf Jahren! Das Kind ist weg, Gott sei Dank. Aber mein Leben ist auch so komplett zerstört.»
So erzählt die junge Frau die Geschichte, wie wenn es ihre eigene wäre. Wir sitzen da und lauschen und atmen erleichtert auf, als sich die Frau in der Geschichte hoffnungsvoll zum berühmten Wunderheiler Jesus aufmacht.
Eine doppelte Geschichte zweier Frauen
Dann bleibt es still. Die Zuhörerinnen machen grosse Augen ob der überraschenden Interpretation dieser Geschichte. «Darf man das?», steht in ihren Blicken und «Wie um Himmels Willen bist du auf diese Idee gekommen?» Die Erzählerin knüpft an Vers 33 an, wo es nach der Heilung der Frau heisst: «Sie erzählte ihm die ganze Wahrheit.» Da muss doch etwas dahinter sein, bei dieser Wahrheit, meint sie. Und tatsächlich sind die Geschichten der Frau mit dem Blutfluss und jene von der sterbenden Tochter des Jaïrus seltsam miteinander verwoben. Die erste ist mitten in die zweite hineingeschoben. V21-24: Jaïrus bittet Jesus zu sich. V25-34: Die blutflüssige Frau wird gerettet. V35-43: Das tote Mädchen aufersteht.
Markus 5,21-43
21Als Jesus mit dem Boot ans andere Ufer übersetzte, versammelte sich wieder eine grosse Menschenmenge um ihn, und er blieb dicht am See stehen. 22Da kam Jaïrus, vom Vorstand der Synagoge, sah ihn und fiel vor seinen Füssen nieder. 23Jaïrus bat ihn eindringlich: «Meine Tochter liegt im Sterben. Komm doch und lege die Hände auf sie, damit sie gesund wird und lebt.» 24Da ging Jesus mit ihm.
Eine grosse Menschenmenge folgte Jesus nach und drängte sich um ihn. 25Da gab es eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen litt 26und von vielen Ärzten vieles erlitten hatte. Sie hatte ihr ganzes Hab und Gut eingesetzt und ihr war doch nicht geholfen worden. Stattdessen wurde ihre Krankheit immer schlimmer. 27Die hörte von Jesus, näherte sich in der Menschenmenge und berührte von hinten sein Gewand. 28Denn sie sagte sich: «Wenn ich ihn berühre, und sei es nur sein Gewand, werde ich gesund werden.» 29Im gleichen Augenblick hörte ihr Blut auf zu fliessen, und sie spürte an ihrem Körper, dass sie von ihrem Leiden befreit war. 30Gleichzeitig fühlte auch Jesus an sich, wie die Kraft aus ihm herausfloss, drehte sich in der Menschenmenge um und fragte: «Wer hat mich am Gewand berührt?» 31Da sagten seine Jüngerinnen und Jünger zu ihm: «Du siehst doch, wie die Menschenmenge sich um dich drängt, und du fragst: Wer hat mich berührt?» 32Jesus blickte sich weiter nach der um, die dies getan hatte. 33Die Frau fürchtete sich und bebte, denn sie hatte begriffen, was mit ihr geschehen war. Sie trat vor, warf sich vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. 34Da antwortete er ihr: «Tochter Gottes, dein Vertrauen hat dich gesund gemacht. Gehe hin in Frieden, und sei dauerhaft von deinem Leiden geheilt.»
35Als er noch redete, kamen ihnen Bedienstete aus dem Haus des Synagogenvorstehers entgegen und riefen: «Deine Tochter ist gestorben. Was behelligst du den Lehrer noch?» 36Jesus hörte das Gesagte und sprach zu Jaïrus: «Fürchte dich nicht, hab nur Vertrauen!» 37Und niemand durfte ihm folgen ausser Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes. 38Als sie ins Haus des Synagogenvorstehers kamen, hörte Jesus lauten Tumult und wie Leute heftig weinten und klagten. 39Da ging er hinein und sagte zu ihnen: «Warum macht ihr solchen Lärm und weint? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.» 40Da lachten sie Jesus aus. Er aber warf alle hinaus, nahm den Vater und die Mutter des Kindes und die bei ihm waren und trat ins Zimmer, wo das Mädchen lag. 41Jesus ergriff die Hand des Mädchens und sagte zu ihr: «Talitha kumi!», das heisst übersetzt: «Junge Frau, ich sage dir, steh auf von deiner Krankheit!» 42Die junge Frau – sie war nämlich schon zwölf Jahre alt – stand sogleich auf und ging umher. Die Menschen gerieten völlig ausser sich vor Begeisterung und Entsetzen. 43Doch Jesus trug ihnen eindringlich auf: «Niemand soll von meinem Tun erfahren. – Und gebt der jungen Frau gleich etwas zu essen.»
Ulrike Bail / Frank Crüsemann / Marlene Crüsemann (Hrsg.), Bibel in gerechter Sprache ©2006, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.
Zwölf Jahre Krankheit – zwölf Jahre Leben
Die Doppelgeschichte des Mädchens und der Frau hängt nicht nur vom Erzählstrang her zusammen, indem die eine Geschichte in die andere hineingeschoben ist. Sie ist auch durch die Zahl zwölf in den Versen 25 und 42 gerahmt. Die Altersangabe des Mädchens unterbricht den Erzählfluss der Auferweckungserzählung: «Sofort stand das Mädchen auf und sie ging umher. Sie war zwölf Jahre alt. Alle waren fassungslos vor Erschrecken. Er schärfte ihnen ein: Niemand soll das wissen. Gebt ihr zu essen.» Dies ist im Markusevangelium überhaupt die einzige Altersangabe. Die beiden Geschichten sind also offensichtlich miteinander verknüpft. Da ist die Frau mit ihrem seit zwölf Jahren dauernden Leiden auf der einen Seite und das ins Leben springende zwölfjährige Mädchen auf der anderen Seite. So lange das Mädchen schon auf der Welt ist, so lange blutet die Frau. Sobald die Frau geheilt ist, stirbt das Mädchen.
Die Ältere
Die Ältere ist aktiv, sie nimmt ihr Schicksal in die Hand, sie weiss, was sie will – obwohl sie von allen bisher konsultierten Ärztinnen und Heilern enttäuscht wurde, packt sie die neue Chance ohne einen Zweifel beim Schopf: «Und wenn ich nur sein Kleid berühre, ich werde gerettet!» Tatsächlich geschieht es so. Ohne eine aktive Handlung durch Jesus wird die Frau geheilt. Jesus merkt etwas, schaut suchend um sich, um zu sehen, wer sein Kleid berührt hat. Als die Frau sich zitternd vor ihn niederwirft und ihm die ganze Wahrheit erzählt, sagt er zu ihr: «Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden. Sei geheilt von deiner Pein.» Wie viel Kraft liegt in dieser Zuwendung. Angesichts der Wahrheit wird die Frau geheilt, sie verliert nicht mehr ihr Blut, ihre Lebenskraft, künftig geht sie in Frieden durch ihr Leben.
Die Jüngere
Die Rettung der Frau aber bringt das Verderben des Mädchens. Zu lang wurde Jesus durch den Zwischenfall aufgehalten. Jetzt ist die Zwölfjährige tot. Das Leben hat sie verlassen. Damit ist sie ganz und gar dem Handeln der anderen ausgeliefert. Jesus nimmt ihre Hand und ruft sie. Sie aufersteht und steht auf (im Griechischen ist beides dasselbe Wort: anhistemi) und geht umher. Sie erhält zu essen. Aus der Todesstarre kommt sie wieder in den Lebensfluss.
Und das Thema Abtreibung?
Natürlich erzählt der Bibeltext nichts von einer sexuellen Begegnung zwischen der Frau und dem Synagogenvorsteher. Aber sie erzählt auch nichts, was dies ausschliessen würde. Die miteinander verwobenen Erzählungen jedenfalls laden geradezu ein, hier nach Verbindungen zu suchen. Schon gar nicht erzählt der Bibeltext etwas von einer Abtreibung. Aber was passiert mit dieser Doppelgeschichte, wenn ich sie dennoch daraufhin lese? Hätte sie als solche die Kraft, in reale Entscheidungssituationen von Frauen hinein zu sprechen? Hätte sie die Kraft, den Blick von den Ideologien abzuwenden und hin zu den konkreten Leben von Frauen zu lenken?
In Markus 5,21-43 sind zwei Frauen aus zwei Generationen auf Leben und Tod miteinander verbunden. Jede hat zwar ihre eigene Geschichte, aber die eine ist ohne die andere nicht zu erzählen. Mit den Gegensätzen von Krankheit und Rettung erhält jede der Geschichten ein doppeltes Gesicht. Ich sehe das Kind, das nicht zum Leben kam – und das Mädchen, das auf(er)steht, isst und ins Leben springt. Ich sehe die Frau, die sich völlig verausgabt, im wahrsten Wortsinn bis aufs Blut – und die Selbstbewusste, die weiss, was für ihr Leben richtig ist und so Frieden findet. Mit der anfangs geschilderten Erzählvariante kommt auch Jaïrus eine doppelte Rolle zu. Ich sehe den Feigling, der seine Verantwortung leugnet – und den bangenden Vater, der um sein Kind kämpft.
Gottes rettende Kraft
Wie im wirklichen Leben lassen sich die Geschichtenstränge nicht gänzlich entwirren. Das meiste bleibt Interpretation und Intuition. Sicher aber ist: Bei Markus 5 wird nichts gegeneinander ausgespielt, und es gibt kein moralisches Urteil. Vielmehr ist da die Zuwendung Jesu zur aktiven Alten und zur passiven Jungen. Die Kraft Gottes befreit beide zum Leben.
Autor:innen
Text: Moni Egger
Promovierte römisch-katholische Theologin, Bibelwissenschaftlerin, Märchen- und Bibelerzählerin. Bei FAMA seit 2006.
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