Ich bin in Paris bei den «Gemeinschaften von Jerusalem» zu Gast. In der Nacht auf Freitag hält die Ordensgemeinschaft Anbetung. Diese schlichte Form des Gebetes, da-sitzen und schweigen, ist mir zugänglich. Ich husche um 3 Uhr nachts in die dunkle Kirche. Das Altarsakrament ist, so die Bezeichnung, «ausgesetzt». Es fällt mir leicht zu glauben, dass sich im Brot, das fast schon lächerlich ausgestellt und zerbrechlich in der goldenen Monstranz auf dem Altar steht, das Allerheiligste und das Allereinfachste begegnen. Ich lasse mich ein auf die Begegnung. Und bitte um eine Einladung, ein Wort. Am nächsten Tag in der Messe fällt dann der Satz: Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen? (Joh 1,46). Er bündelt alle meine Zweifel, meine Kritik an der römischkatholischen Kirche, meine Vorbehalte. In der Frage steckt auch eine Neugierde, ein Ziehen – sonst würde gar nicht gefragt. Auch für mich gibt es Anlass, neugierig zu fragen: Das religiöse Gefühlserleben ist positiv, ich bin emotional bewegt von Ritualen, von Stille und Transzendenz, von Worten und christlich lebenden Menschen. Aber: Da ist auch die Wut auf eine hierarchische Kirche, eine konservativ ausgelegte Lehre, das Erleben von androzentrischen und homophoben Realitäten. Kann aus dieser Kirche etwas Gutes kommen? Die Antwort ist so einfach wie eindeutig: Komm und sieh! (Joh 1,46).
Jerusalem
Einige Jahre später bin ich auf einer feministisch-theologischen Bildungsreise durch Palästina und Israel. Sie führt mich entlang von Gegenden, die aus biblischer Überlieferung bekannt sind, an Orte des palästinensischen Widerstands, zu jüdischen Gedenkstätten. Ich bin von der politischen Situation und Geschichte dieser Gegend überwältigt. Ich notiere in meinem Tagebuch: Ambivalente Eindrücke. Die Vielfalt der Konfessionen an einem Ort. Die Gesänge von orthodoxen Gläubigen und einer Gruppe Franziskaner: Männergruppen im Kampf um den lautesten Gesang. Ich stehe in der falschen Warteschlange zur Klagemauer und werde mit «women are supposed to be over there» an meinen Platz verwiesen. Ich kann nicht sagen, dass es mich nicht kümmert, was ein Mann denkt, wohin ich gehöre, weil ich seine religiösen Gefühle nicht verletzen möchte. Noch rückblickend macht mich diese Situation wütend und hilflos. Religiöse Gefühle sind kein undiskutierbarer und unkritisierbarer Ort der moralischen Erhabenheit – vielmehr zeigen sie Wertevorstellungen und Normen an, und diese sind diskutierbar. Doch der Respekt vor einer Religionspraxis, die ich nicht kenne, lässt mich meine Kritik zurückhalten. Später notiere ich in meinem Tagebuch: Warum Religion so emotional ist, mehr trennt, als dass sie verbindet, sich so an Äusserlichkeiten hält statt an spirituelle Bewegtheit – ich verstehe es nicht. Die Frage brennt weiter: Rabbi, wo wohnst du? (Joh 1,38).
Nazareth
In einem Garten in Nazareth lesen wir Teilnehmenden der Bildungsreise das Magnificat. Es ist für mich einer der revolutionärsten, befreiendsten Texte der Bibel. Und das Magnificat ist fester Bestandteil der Vesper, die in allen kontemplativen katholischen Klöstern gebetet wird. Ich stelle mir vor, dass zu jeder Stunde in irgendeiner Zeitzone jemand auf der Welt dieses Gebet singt und Marias Befreiungsjubel die Welt hoffnungsvoll umspannt. Ich freue mich, diesen Text in Nazareth und aus der «Bibel in gerechter Sprache» (BigS) zu lesen. Nur: Dieses Magnificat erkenne ich nicht wieder! Die Sätze klingen schön und sinnvoll und heben das Machtkritische des Textes noch hervor, wenn beispielsweise nicht von der «Niedrigkeit der Magd» die Rede ist, sondern von ihrer «Erniedrigung». Und doch: Mit «meinem» Magnificat hat das nichts zu tun. Ich habe Widerstände, bin wütend: Das kann man doch nicht machen! Dieser Text hat Tradition, Geschichte, tägliche religiöse Praxis, die davon lebt, dass derselbe Text so von allen gebetet wird. Habe ich mich bislang nicht für konservativ gehalten, muss ich jetzt einsehen: Doch, etwas in mir hängt emotional an Traditionen, an Gewohntem.
Fahr
Dieses Jahr wäre Silja Walter 100 Jahre alt geworden. Ich besuche im Kloster Fahr eine kleine Ausstellung, die das Werk und Leben der Ordensfrau und Dichterin vermittelt und ehrt. Die blumige und gleichzeitig so schlichte und lebensnahe Sprache der spirituell ringenden und suchenden Nonne berühren mich tief. Radikale «Protestgebete» und unermüdliches Fragen stehen unmittelbar neben der tiefen Gewissheit, die «eigene Insel gefunden» zu haben und im «Kloster am Rande der Stadt» «warten und glauben» zu müssen und zu dürfen. Biblische Texte und Verweise prägen und nähren das Werk Silja Walters. Ihre Worte lesen sich wie auf ein Palimpsest geschrieben: Auf eine alte, weiche Fläche, die immer wieder neu beschrieben wird, und auf der die alte Schrift durchschimmert. In der Vesper der Benediktinerinnen, die ich mitbete, finde ich mich leicht zurecht, kenne Abläufe und Melodien, kann mit voller Stimme mitsingen, mitbewegen, mitlesen. Das Magnificat ist vertraut. Im Hinterkopf singt Silja mit: «Und das WORT ist daran aufzusprengen …».