«Gefühle» gelten als weiblicher Zuständigkeitsbereich – bis heute. Wie lässt sich dieser Prozess historisch konstituieren? Welche Ursachen lassen sich hier feststellen, wie verbinden sich Gefühlsattribute mit gesellschaftlicher Benachteiligung und fehlender Anerkennung von Frauen? Sind Gefühle weiblich? «Ja» lautete lange Zeit die Antwort jener, die Gefühlen jedwede soziale, politische und ökonomische Legitimität absprachen. Spätestens seit dem Erstarken der Emotionsgeschichte muss die Antwort jedoch «Nein» heissen. Gefühle – so die Historikerin Ute Frevert – haben eine Geschichte, und Gefühle machen Geschichte. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen verweist somit direkt auf die ihnen inhärente Dynamik von Macht und Ermächtigung und somit auch auf ihre wechselvolle Rolle zwischen Öffentlichem und Privaten.
Gefühle als vernunftfern
Die Zuschreibung von Gefühlen in den Bereich des vermeintlich Weiblichen und Häuslichen erfolgte im 19. Jahrhundert, nachdem im 18. Jahrhundert Geschlechtszuordnungen grundsätzlich ausformuliert und als gegensätzlich definiert wurden. Emotionen wurden im Zuge dessen als vernunftfern begriffen, dem weiblichen Geschlecht zugeordnet und mitsamt der Rolle dieses Geschlechts in der Gesellschaft aus dem politischen und öffentlichen Leben ausgegliedert. Wie die Philosophin Catherine Newmark zeigen konnte, entwertete die These von der Vernunftferne der Gefühle jedoch nicht die Emotionen als solche. Geschlechtsspezifisch bewertet wurde vielmehr die Frage, ob man(n) in der Lage sei, seine Gefühle «vernünftig» zu regulieren und im Einklang mit kulturell geprägten Normen auszuagieren. In den Fokus der Kritik gerieten somit vor allem einzelne, als weiblich abgetane Gefühle wie Scham, Trauer und Empörung, denen bewusst kein Raum zugestanden wurde, auch und gerade weil ihre Handlungsmächtigkeit tatsächliche Machtverhältnisse in der Gesellschaft verändern konnte.
Gefühle als variabel
Aufhalten liess sich diese Dynamik nicht. Vor allem die Anerkennung der von Frauen geleisteten Emotions- und Beziehungsarbeit führte – so die Kulturanthropologin Catherine Lutz – zu einer zunehmenden Aufwertung der Emotionen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Der Kampf von Frauen um politische Partizipation und Gleichberechtigung, um Bildung und berufliche Teilhabe veränderte nicht nur die Stellung von Frauen, sondern auch von Gefühlen in der Gesellschaft. Heute gilt der vermeintliche Gegensatz zwischen «Gefühl» und «Vernunft» als überholt. Die Geschichte der Gefühle untersucht vielmehr das Spannungsfeld zwischen beidem und geht von der Prämisse aus, dass Gefühle weder irrational noch ahistorisch seien. Gefühle sind kulturell variabel, normativ geprägt, sozial informiert und durch mehr als nur geschlechtsspezifische Merkmale modelliert. Sie reflektieren Klassen- und Statusfragen ebenso wie ethnische und religiöse Zuschreibungen. Und sie sind damit auch ein Einfallstor für politische Manipulation und Missbrauch.
Die Relevanz von Gefühlen
Kritisch untersucht werden muss somit nicht nur der Ausdruck von Emotionen – historisch überliefert in Texten, Liedern, Bildern und Bauwerken. Auch die Praxis und Performanz von Emotionen – ausgedrückt durch Gesten, Mimiken, Sprechakte und Rituale – liefert Einblick in die sich wandelnde Bedeutung von Gefühlen. Es ist nicht nur das Gefühl sui generis, das HistorikerInnen, SoziologInnen und PsychologInnen interessiert, sondern auch und vor allem die Frage, was es auslöst und was es bewirkt – im Privaten ebenso wie im Politischen. Denn so sehr es sich bei der Zuschreibung von Emotionen in den weiblichen Zuständigkeitsbereich hinein um ein längst widerlegtes Stereotyp handelt, so sehr prägen die bis heute unterschiedlichen Lebenskontexte von Frauen und Männern auch den Grad an gesellschaftlicher Akzeptanz und Relevanz von Emotionen. Während Frauen nach wie vor eher «Einfühlungsvermögen», Angst und Traurigkeit zugeschrieben werden, wird Männern ein unbefangener Umgang mit Emotionen wie Stolz und Wut attestiert. Im privaten wie im beruflichen Kontext energisch auftretende Frauen werden häufig negativer beurteilt als gleichermassen auftretende Männer. Mädchen werden andere Gefühlsäusserungen zuerkannt als Jungen.
Die Regulation von Gefühlen
Die Regulation von Emotionen, die Frage, welche von ihnen legitimerweise gezeigt oder nicht gezeigt, eingesetzt oder nicht eingesetzt werden dürfen, ist bis heute einem ausdifferenzierten Beurteilungssystem unterworfen. Kulturelle Prägungen, Rollen und Konventionen, unterschiedliche Bildungsstandards und soziale Positionen haben Auswirkungen darauf, welche Emotionen und welches Emotionsmanagement sich gesellschaftspolitisch durchsetzt. Dies hat Folgen für Fragen der Macht- und Mittelverteilung, für den Zugang zu politischen und ökonomischen Ressourcen und nicht zuletzt für die Anerkennung von Interessen und von Rechten der Frauen. Gefühle können in diesem Zusammenhang eine Dynamik entwickeln, die sowohl demokratisierende als auch instrumentalisierende Wirkung entfaltet – je nachdem, von wem und zu welchem Zweck sie konstruktiv gemacht werden. Gleichzeitig bleiben sie auf eine ausdifferenzierte Form der Kommunikation angewiesen. Die Frage, welches Medium genutzt, welche Worte gewählt, wer zu welchem Zweck und mit welcher Erwartungshaltung emotional angesprochen wird, entscheidet darüber, ob Gefühle wie Enttäuschung, Empörung, Wut oder Angst handlungsmächtig wirken können – in zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso wie in wirtschaftlichen und politischen.
Gefühlsaneignungen
Diesen Gestaltungsspielraum können Frauen heute mehr nutzen denn je – wenn sie ihre Gefühle nicht nur an den sozialen Erwartungen ihrer Umwelt, sondern an ihren Interessen und Partizipationsbedürfnissen ausrichten. So wie die Soziologin Arlie Hochschild gezeigt hat, wie sehr gerade von Frauen emotionale Arbeit abgefordert wird, um dem Bild einer liebevollen Mutter oder einer freundlichen Verkäuferin zu entsprechen, so müsste an der Schnittstelle von Emotions- und Geschlechtergeschichte noch stärker gefragt werden, warum insbesondere Frauen bis heute dazu neigen, sich tendenziell «angemessen» zu verhalten und «angemessen» zu fühlen, anstatt sich noch stärker jene Gefühle zu eigen zu machen, die bis heute männlich codiert sind. Welchen Rollenvorstellungen versuchen Frauen auf emotionaler Ebene nach wie vor zu entsprechen, welche Sanktionsmechanismen befürchten sie, wenn sie aus diesen ausbrechen? Aber auch umgekehrt ist zu hinterfragen, welche Benachteiligungen Männer erfahren, die die politisch längst eingeräumten Rechte beispielsweise hinsichtlich Teilzeitbeschäftigung und gleichwertiger Kinderbetreuung tatsächlich wahrnehmen. Mit welchen Selbst- und Fremdbildern werden sie konfrontiert, aufgrund welcher Erwartungen und mit welchen Wertungen beurteilt?
Die Chancen des homo emoticus
Es sind möglicherweise – zumindest in einigen Teilen der Welt – nicht mehr die Geschlechter als solche, die ein prinzipielles Mehr oder Weniger an gesellschaftlicher Beteiligung und Anerkennung erfahren. Für bestimmte, schon immer mit dem Weiblichen konnotierte Gefühlsattribute gilt dies aber nach wie vor – Fürsorge und Hingabe bekommen gesellschaftspolitisch weniger Aufmerksamkeit und Anerkennung als Mut, Risikobereitschaft und Durchsetzungsvermögen. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Ausgestaltung politischer ebenso wie ökonomischer und sozialer Handlungsspielräume, nicht nur was die Bewertung, Bezahlung und Besetzung von verantwortungsvollen Positionen in diesen Bereichen anbelangt. Es hilft, sich vor Augen zu halten, was die Geschichte der Gefühle eindrücklich zeigt: Historisch betrachtet war und ist der «homo emoticus» weder weiblich noch männlich, und gerade die historische Variabilität von Gefühlen impliziert die Chance, weibliche und männliche Emotionszuschreibungen immer wieder zu überdenken und neu zu verhandeln.