Ausgabe 2019/3

Weibliche* Freiheit | Zur Debatte um das Kopftuch

Wenn in europäischen Staaten über das muslimische Kopftuch debattiert wird, spielt neben einfachem antimuslimischem Rassismus auch die Frage der weiblichen* Freiheit eine grosse Rolle. Der Diskurs ist oft emotional sehr aufgeladen.

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©Boeck-Bowald-Süess-frauen*streik-2019
von Denise Bergold-Caldwell / 31.05.2025

In letzter Zeit entzündet sich die Debatte um das muslimische Kopftuch wieder vermehrt in unterschiedlichen europäischen Staaten; neben einfachem antimuslimischem Rassismus spielt dabei die Frage der weiblichen* Freiheit eine grosse Rolle. In meinem Beitrag möchte ich ausführen, warum das Thema so emotional geladen ist, und wie diese Emotionen auch durch die und in der Öffentlichkeit erzeugt werden. Ausgangspunkt für mein Nachdenken in diesem Zusammenhang war die Frage, warum Frauen*, die ein Kopftuch tragen, eigentlich unterstellt wird, dass sie nicht frei sind bzw. dass sie diejenigen sind, die unter patriarchaler Herrschaft stehen. Gefragt habe ich mich, warum gedacht wird, dass Frauen*, die kein Kopftuch tragen, oder Frauen*, die beispielsweise im Mini-Rock unterwegs sind, als freier betrachtet werden? Denn eigentlich kann ein Stück Stoff ja nichts darüber aussagen, wie frei ich mich fühle oder welche Freiheiten ich mir nehmen kann. Entscheidend ist doch, ob und wie ich mich selbst dazu entschieden habe und was Freisein für mich bedeutet. Mehr noch, es kann sein, dass ich mich gerade mit einem bestimmten Stück Stoff freier fühle als ohne. Das heisst diese Art der weiblichen* Freiheit ist eigentlich nur individuell zu bewerten, und trotzdem scheint es in der öffentlichen Debatte so zu sein, dass diese weibliche* Freiheit überindividuell erkannt, quasi abgelesen werden kann und zu hoch affektiven öffentlichen Debatten führt.

Affektive Symbole und die Öffentlichkeit

Das Kopftuch ist mittlerweile zu einem affektgeladenen Symbol geworden. Auch andere Kleidungsstücke sind zu Symbolen geworden, auf die sich in der öffentlichen Debatte bezogen wurde. Denken Sie beispielsweise an den Mini- Rock in den 60er Jahren. Im Fall des Kopftuchs treten aber auch antimuslimische Ressentiments und Wertvorstellungen auf und entfalten in der öffentlichen Debatte eine symbolische und emotionale Wirkung. Wenn man sich fragt, wie eigentlich so etwas wie Gefühle in der Öffentlichkeit entstehen und wie sie unterschiedliche Menschen ansprechen, landet man im wissenschaftlichen Zusammenhang schnell bei den Affektstudien. Die Affektstudien betrachten Gefühle in der Öffentlichkeit nicht nur dann, wenn zum Beispiel gefühlvolle Reden, Berichte im Fernsehen oder Beiträge in öffentlichen Veranstaltungen gehalten werden. Auch das gemeinsame Gefühl, «das Richtige» zu tun, kann unter den Stichworten Öffentlichkeit und Gefühle verstanden werden. Diese Gefühle verbinden Menschen untereinander, stellen Gemeinschaft her. Emotionale Verbindungen können dabei durch unterschiedliche Elemente hergestellt werden, sie können mit aller Art von Gefühlen besetzt sein. Denken Sie beispielsweise an den Begriff des sogenannten Wut-Bürgers. Das Internet scheint dabei eine der Plattformen zu sein, in der Mobilisierungen über Gefühle sehr leicht möglich sind. Es stellt sich einerseits die Frage, wie und warum wir von diesen Gefühlen überhaupt angesprochen werden. Anderseits steht zu fragen, ob die eigenen Werte und Vorstellungen nicht in einem Zusammenhang mit Emotionen stehen, die wir auch durch die Öffentlichkeit erfahren.

Gefühle zirkulieren in der Öffentlichkeit

Affektstudien unterscheiden nicht zwischen Affekten und Gefühlen. Auch sind beide nicht als etwas zu betrachten, was nur ein Mensch für sich allein hat. Wenn über Affekte in der Öffentlichkeit gesprochen wird, geht es vielmehr um das Zirkulieren von Gefühlen zwischen Menschen, Gegenständen und vielem mehr. Ich stelle mir das wie unsichtbare Linien und Verbindungen zwischen Menschen und durchaus auch zu unbelebten Gegenständen vor. Die Gefühle gehören dann nicht einem einzelnen Menschen oder gehen von ihm_ihr aus, sondern es stellt sich ein Zwischen- Raum der Übertragung, Reflexion und Rückreflexion dieser Gefühle her. Letztlich verstehe ich das am deutlichsten mit dem Begriff der Atmosphäre, die sich zwischen unbelebten Gegenständen und Menschen herstellen kann. Als Beispiel könnten wir hier Gottesdienste heranziehen; durch das Singen, bestimmte Symbole, Riten und Bräuche entstehen Affekte, die von Mensch zu Mensch gehen – aber nicht unbedingt von einem Mensch ausgehen. So zirkulieren Gefühle respektive Affekte auch zwischen emotional aufgeladenen Symboliken (wie den Kleidungstücken) und ihrer Repräsentation.

Das Politische an Gefühlen

Gefühle an sich können politisch aufgeladen sein, wenn mit Gefühlen Politik gemacht wird, wie Angst, Scham und ein daraus resultierendes Sicherheitsbedürfnis; Gefühle können aber auch politisch sein, wenn Menschen aufgrund von gesellschaftlichen Benachteiligungen Depressionen bekommen oder traumatische Erfahrungen transgenerational weiter gegeben werden. Gefühle sind ausserdem, in Anlehnung an Sara Ahmed, eine queer-feministische rassismuskritische Kultur-Theoretikerin, auch dann politisch, wenn wir gelernt haben, dass etwas schön, richtig und gut ist und wir dementsprechend andere Lebensstile und Menschen danach be- und abwerten. Sie zeigt dies am Beispiel vom Glücklich-Sein (im englischen Happiness) in Verbindung mit heteronormativen Vorstellungen zu Familie und Beziehungen; nur weil einige Menschen in diesen Beziehungsformen glücklich sind, gilt das nicht für alle. Aber diese Formen des Glücks werden gesellschaftlich geschätzt, während andere gering geschätzt werden, und so erlernen wir, was Glück sein kann.

Freiheit

Ich verfolge derzeit den Gedanken, dass es sich ähnlich verhält, wenn es um Freiheit geht – insbesondere die weibliche* Freiheit. Ich möchte Freiheit als ein Konzept vorstellen, das mit normativen Vorstellungen, Gefühlen und Affekten darüber verbunden ist, was Freiheit ist und im Besonderen, wie sie aussieht. Es sind sozial hergestellte und gesellschaftlich geteilte Vorstellungen darüber, was Freiheit ist. Das Verständnis von Freiheit ist in westlichen Ländern sehr stark durch den Liberalismus geprägt worden, wie der politische Philosoph Isaiah Berlin hervorhebt. Er unterscheidet positive und negative Freiheit in eine Freiheit zu und in eine Freiheit von. Während sich die Rede von der «Freiheit von» auf die Überwindung von Sklaverei, die Freiheit von Unterdrückung, Wahlfreiheit und die rechtlich gestützte Freiheit von Zwangsverhältnissen bezieht, verwirklicht sich die Rede von der «Freiheit zu» eher im Gedanken der Emanzipation. Gerade der Gedanke der Emanzipation ist jedoch in vielen Ländern mit einer spezifischen Idee von Feminismus und weiblicher* Freiheit verknüpft.

Weibliche* Freiheit

Es gibt zwei Geschehnisse, die mein Nachdenken über Freiheit in dem Sinn irritiert haben: Zum einen schrieb Gabriele Dietze, eine deutsche feministische Kulturtheoretikerin, über die Kölner Silvesternacht (2015/16), in der männliche Migranten Frauen* auf der Kölner Domplatte angegriffen und sexuell belästigt haben, dass die Empörung auch deshalb so gross sei, weil die Übergriffe an einem öffentlichen Ort stattfanden. Der öffentliche Ort ist im Gegensatz zum Privaten ein lang umkämpftes Terrain feministischer Bewegungen, er ist Teil «unserer» Emanzipation. Sich frei in der Öffentlichkeit bewegen zu können, ist Teil vieler zum Teil noch anhaltender feministischer Auseinandersetzungen; die Frauen haben also auch «unsere» Emanzipation repräsentiert. Das andere Ereignis wurde durch eine Fotografie ausgelöst: An Sylvester 2018 wurde in Wien ein Baby geboren, und die Eltern wurden nach der Geburt mit dem Baby fotografiert – weil es eben das Sylvester-Baby war. Das Bild wurde total bekannt, weil im Internet ein Shitstorm losbrach. Die Frau trug auf dem Bild einen Hijab, und sofort stand in Frage, ob sie nicht unter der Gewalt und der Bestimmung ihres Mannes stünde, und ob daran nicht zu sehen sei, inwiefern auch «unsere» Freiheit bald eingeschränkt wäre. Während die Frauen in Köln also «unsere» Freiheit und Emanzipation repräsentierten, keimte bei der Frau aus Wien sofort die Frage auf, ob sie nicht unfrei sei und ob sie nicht auch die weibliche* Freiheit allgemein wieder einschränken würde.

Symbole der Freiheit

Obwohl niemand sagen kann, welche der Frauen* sich tatsächlich frei gefühlt hat oder sich frei fühlt, werden die Frauen* bei beiden Ereignissen zu Symbolen: Die einen der Freiheit und die andere der Unfreiheit. In dem Sinne wirkt das, was wir als Freiheit erlernt haben, affektiv im öffentlichen Raum, durch Bilder, Diskurse und Debatten und vermischt sich mit – oder ist der Unterboden von antimuslimischen Rassismen, die sich Bahn brechen. Das Bestürzende daran ist, dass weder die Frauen von Sylvester 2015/16 noch die Mutter von Sylvester 2018 in der Debatte je gross zu Wort kamen; sie wurden zu affektiv aufgeladenen Symbolen des Themas weibliche* Freiheit. Und hier auch nicht in erster Linie von unterschiedlichen Feministinnen, sondern von anderen Menschen, die das Thema der weiblichen* Freiheit für ihre Zwecke nutzten, es instrumentalisierten, ohne tatsächlich zu fragen, welche Frau* nun welche Bedürfnisse hatte. In dem Sinne wird die affektbeladene Sicht auf Freiheit öffentlich genutzt, um Symboliken zueinander ins Verhältnis zu bringen.

Jenseits von Freiheitskonzepten

Viele Affekttheoretiker*innen heben hervor, dass Gefühle ansteckend sind, wie Lachen auch ansteckend sein kann. Aber warum und wie wir angesteckt werden und ob etwas als ansteckungswert betrachtet wird, ist abhängig davon, ob wir gelernt haben, etwas als wertvoll einzuschätzen oder nicht. Wir erwarten Genuss, weil wir gelernt haben, etwas als genussvoll einzuschätzen, schreibt Sara Ahmed über Glücklich- Sein. Wenn es um weibliche* Freiheit geht, denke ich, sollten wir noch einmal innehalten und uns fragen, was weibliche* Freiheit tatsächlich sein kann. Wie kann sie aussehen, was müsste dafür getan werden? Wir müssten uns dann fragen, wie kann welche Frau* zu welchen Bedingungen frei sein und wie ist es möglich, sie nicht einfach zu Symbolen der Freiheit werden zu lassen. Von da aus wäre es möglich, öffentliche Gefühle zu repräsentieren, in denen die Frauen* ihre je eigene Freiheit darstellen und keine, die von anderer Stelle als Symbolik genutzt und letztlich vereinnahmt wird, um wiederum affektiv rassistische Artikulationen zu untermauern. Wichtig ist es doch, immer weiter nach den Möglichkeiten und Bedingungen für Freiheit zu suchen und sie nicht daran festzumachen, was wir als freiheitlich gelernt haben, sondern immer wieder danach zu fragen, was einen Menschen frei macht.