Ausgabe 2019/3

Unkontrollierter Lachanfall | Ein Plädoyer für mehr Humor in der Kirche

Kirche und Religion, da scheint man sich einig, sind überhaupt nicht lustig. Tja, schade eigentlich. Dabei wäre es enorm wichtig, wenn auch die Kirchenmenschen endlich ihren Sinn für Humor weiterentwickeln.

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©Boeck-Bowald-Süess-frauen*streik-2019
von Kathrin Bolt / 31.05.2025

Manchmal, wenn ich so richtig Lust zum Lachen habe, google ich «Bündner Fleisch Merz» und schaue mir die neun Jahre alte Szene des damaligen Bundesrates an: Ein erwachsener Mann, in Schale und Krawatte, in ernstzunehmender Position, bekommt vor laufender Kamera einen unkontrollierten Lachanfall. Das ist so ansteckend und wundervoll, so unerwartet. Ich kann es mir gar nicht oft genug ansehen. Dass es einen hohen Politiker derart vertätscht, wie wir bei uns in der Ostschweiz sagen würden, ist extrem gewinnend. Nicht nur, weil es einfach schön ist und Freude macht, mitzulachen. Sondern vor allem, weil es quer zu dieser fest verankerten Annahme steht: Politik ist eine ernsthafte Sache. Da gibt es nichts zu lachen.

Lust an Humor und Schabernack

Was in der Politik wie ein festes Mantra daherkommt, ist in der Kirche noch viel extremer. Kirche und Religion, da scheint man sich einig, sind überhaupt nicht lustig. Neulich habe ich eine Freundin angefragt, ob sie als Tanzlehrerin bei einem Theaterprojekt zur Pfingstgeschichte mitwirken möchte. «Klingt spannend, doch religiöse Themen sind mir zu heikel,» schrieb sie, «ausserdem kommt da meine Lust am Humor und Schabernack zu kurz.» Tja, schade eigentlich. Schade, wenn gerade Menschen, die Lust haben, Lustiges und Lustvolles zu machen, vor religiösen und kirchlichen Themen zurückschrecken. Schade, dass an diesen Themen der unwiderrufliche Ruf zu kleben scheint, sie seien langweilig, verstaubt, lebensfremd, unverständlich, konservativ und vor allem wahnsinnig ernst.

Betrunkene oder Sprachkünstlerinnen

Dabei finde ich, dass gerade die Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2,1-13) ein schönes Beispiel dafür ist, dass biblische Geschichten oft viel komisches Potential in sich tragen: Da stehen ein paar Jüngerinnen und Jünger orientierungslos herum, nicht in der Lage, sich im festlichen Treiben ringsum einzufinden – und schon werden sie unter tosendem Brausen von Feuerzungen erwischt, die wundersam vom Himmel herabkommen und sie derart verzaubern, dass sie in allen Sprachen und Dialekten der Menschen sprechen können. Allem Anschein nach tun sie das auch in ekstatischer Weise, denn die Beobachtenden sind tief beeindruckt. Und einige halten sie für betrunken. Eine Performance zu dieser Geschichte kann ich mir extrem lustig vorstellen.

Warum so lustlos?

Das Problem ist, dass man in der Regel gar nicht dazu kommt, gemeinsam zu erleben, wie skurril und lustig es sein kann, mit biblischen Texten zu experimentieren – ja sich überhaupt spirituell und existenziell mit dem Sinn und Unsinn unseres Daseins auseinander zu setzen. Die Wand der Vorurteile scheint unüberwindbar. Das ist irrsinnig schade und eigentlich auch verwunderlich. Denn unsere religiösen Wurzeln sind alles andere als lust- und freudlos. Entstanden sind wir Christinnen und Christen aus einer ess- und trinkfreudigen Truppe von Lebenskünstlerinnen und schrägen Vögeln, die von Ort zu Ort zogen, um den Menschen Hoffnung zuzusprechen. Und dann haben sie oft bis tief in die Nacht diskutiert, gelacht und gefeiert und die Menschen ringsum mit ihrer Begeisterung angesteckt. Zugegeben, ich verkläre ein bisschen. Aber ich bin überzeugt, dass wir mit viel mehr Lust und Liebe, Sinnlichkeit und Spass unser kirchliches Leben gestalten könnten, ohne dabei auch nur ein kleines bisschen an Tiefe zu verlieren. Was hindert uns daran, unser Brot beim Abendmahl fröhlich zu brechen, dazu mit feinem Wein anzustossen und das Leben zu feiern? Warum haben viele den Reflex, sofort andächtig, still und unsichtbar zu werden, wenn sie eine Kirche betreten – oder eben den Rückzug anzutreten, wenn sie schon nur das Wort Kirche hören?

Wenn der Klumpen hochkommt

Ich erinnere mich gut an eine Therapiestunde, bei der ich versuchte, herauszufinden, weshalb ich manchmal sekundenschnell körperlich erstarre, wenn mein Gegenüber etwas lauter wird. «Es hat nichts mit der jetzigen Situation zu tun», hat mir der Therapeut damals erklärt, «sondern mit einem sogenannten Gedächtnisklumpen. Das Hirn muss etwas aus der Vergangenheit gespeichert haben. Eine laute Stimme reicht, und der ganze Klumpen kommt hoch und lässt dich erstarren.» Tja, das leuchtet irgendwie ein. Dass Erlebnisse und Erfahrungen sich tief in unser bewusstes und unbewusstes Gedächtnis einbrennen. In Gesprächen mit kirchenkritischen Menschen habe ich manchmal auch den Eindruck, dass «der ganze Klumpen» hochkommt, wenn nur im Entferntesten von Kirche oder Religion gesprochen wird. Ein Klumpen vielleicht aus Erinnerungen an eine Zeit, in der Kirchenmänner mit erhobenem Drohfinger gepredigt haben. In der vielen erfolgreich eingeredet wurde, sie seien schuldig, klein und voller Sünde. Die Generation meiner Eltern und vielmehr noch meiner Grosseltern kann uns dazu viele Geschichten erzählen. Allein reformierte Frauen, die einen katholischen Mann heirateten – oder umgekehrt – und dafür von ihren Gemeinden und Familien verstossen wurden. Kein Wunder, dass vielen die Lust an der Kirche vergangen ist. Tanzen, Küssen, Spielen, laut Lachen, Flirten, sich etwas gönnen … so viel Sinnliches und Sinnvolles wurde unterdrückt und untersagt. Wenn man sich vorstellt, wie viele kleine und grosse dunkle Gedächtnisklumpen sich in die Hirnwindungen älterer Menschen eingenistet haben. Und dann noch das kollektive Gedächtnis: Kriege, Hexenverbrennungen, ersäufte Täufer, schmerzende Strafen! Schlimmer kann man sich unsere gemeinsame Religionsgeschichte kaum ausdenken. Der Rucksack an Verbrechen und Verletzungen wiegt schwer. Sehr schwer sogar. Und dennoch: Es ist vorbei. Zum grossen Teil. Und es muss möglich sein, den Ballast Schritt für Schritt auch wieder abzuwerfen. Wie das gelingen soll? Genauso wie mit unseren anderen individuellen Klumpen, die wir in unseren Köpfen gespeichert haben: Hinschauen, Annehmen und vor allem: Sie mit viel Humor betrachten!

Eine Lebenshaltung

Im Ernst, ich glaube, dass es für uns Kirchenmenschen – genauso wie für Politikerinnen und Politiker – ein riesiger Vorteil ist, wenn wir Sinn für Humor entwickeln. Es wäre nicht falsch, Clown-Seminare, Lach-Coachings und Comedy- Schulungen anzubieten für diejenigen, welche mit dem sogenannten «Ernst des Lebens» derart nahe in Verbindung stehen. Humor, so wie ich ihn verstehen gelernt habe, ist derart vielseitig und kraftvoll, dass er genau das kann, was Religion (und auch Politik) im besten Sinn möchte. Das, was dem Leben zum Leben verhilft: Erneuern, Blick erweitern, Beziehung stiften, Heilen, Distanz einnehmen, gleichzeitig Nähe schaffen, Ausatmen, Verarbeiten, Einordnen – ich könnte die Liste endlos weiterführen. Humor steht für mich nicht nur für den Zustand eines sogenannt komischen Momentes, der mich zum Lachen bringt, sondern vor allem für eine Lebenshaltung. Wer lernt, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, und immer bereit ist für ein unplanbares «Mehr», wer Lust hat an den unverfügbaren Zwischenräumen, die entstehen, wenn man mit einer gewissen Distanz an etwas herangeht, zeigt Humor. Humor heisst für mich auch: Anerkennen, dass weder ich noch die Menschen um mich herum perfekt sind. Dass Fehler und Fehltritte zu unserem Leben gehören. Anerkennen, dass ich Scheitern darf; und dass Scheitern manchmal auch lustvoll sein oder zumindest werden kann.

Vision: Reich Gottes

Wenn Herr Merz vor laufender Kamera wie ein kleiner Spitzbub zur Seite schaut, weil er sich vor Lachen kaum noch halten kann, dann sehe ich in ihm etwas, was mich berührt: Ich sehe das Kind, das er einmal war, den Kopf voller Ideen und Schabernack, verspielt, verträumt, ganz bei sich. Ohne verplante Agenda. Ohne perfekt sitzende Krawatte. Einfach der Hansruedi. «Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nimmermehr in das Reich Gottes eingehen » soll Jesus laut dem Matthäusevangelium einmal gesagt haben. Was in der biblischen Schrift wie eine Drohung klingt, ist für mich eine grosse Verheissung. Werdet wie Kinder. Wenigstens ab und zu! Sagt, was euch spontan einfällt. Lacht, wenn es euch ums Lachen ist. Weint, wenn ihr traurig seid. Tanzt barfuss im Sandkasten. Schnitzt aus Gurken Krokodile. Spielt auf einer Petflasche Trompete. Hört auf, euch ständig selbst zu kontrollieren, zu zensieren und perfektionieren. Seid spontan, schwach, fehlerhaft, menschlich. Zeigt Humor! Nur so werdet ihr zu dem finden, was unsere Vorvorfahren uns einst verheissen haben: Zum Reich Gottes. Dort, stelle ich mir vor, treffe ich auch die humorvolle Tänzerin mit ihrem Kopf voller Schabernack. Und viele weitere kritische, kreative, kurlige Menschen. Dort werden wir zusammen lachen, tanzen und singen und unsere gemeinsame dunkle Geschichte heilsam verarbeiten. Bis es soweit ist, schaue ich mir jetzt einmal mehr das Youtube-Video von Rudolf Merz an.