Ausgabe 2019/3

Lächeln für den Lohn | Eine Berufsbiographie

Als Stewardess wie auch als Coiffeurin gehört Freundlichkeit zum Business. Beruflich zu lächeln kann ganz schön herausfordernd sein, aber auch zu sich selbst führen.

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©Boeck-Bowald-Süess-frauen*streik-2019
von Andrea Bernhard / 31.05.2025

Genau so wollte ich sein. Wie die Stewardess auf dem alten Werbeplakat der Swissair. Strahlend schön, fröhlich, respektiert und jeder Situation gewachsen. So interpretierte ich dieses weibliche Rollenbild. Das war mein innigster Wunsch seit meiner Kindheit. Nelly Diener, die erste Flugbegleiterin der Swissair, wurde von der Aero-Revue als «blonde, lockige, langbewimperte Dame» zum «Engel der Lüfte» erkoren. Auf Wikipedia ist zudem zu lesen, dass Nelly Diener die Fluggäste mit selbst zubereitetem Essen und Getränken verwöhnte. Passagieren, die unter Flugangst litten, redete Nelly Diener beruhigend zu, mit vielen spielte sie Karten, oder es wurden zur Ablenkung von der Flugangst gestrickt, miteinander Lieder gesungen oder sogar gejodelt.

Lächeln im Auftrag der Firma

Leider war ich weder blondgelockt noch langbewimpert, aber ich wusste mit Lidschatten und Mascara umzugehen. Ja genau, ein Engel der Lüfte wie Nelly Diener, so wollte ich sein. Und so arbeitete ich auf dieses Ziel hin, bis ich einen Arbeitsvertrag von Swissair in der Tasche hatte. «Als Cabin- Crew-Member geben Sie Swissair ein Gesicht. Sie repräsentieren unsere Firma», wurde uns in der Ausbildung gesagt. Und das tut man natürlich viel besser, wenn man dabei lächelt. So lächelte ich, und es fiel mir auch nicht schwer. Es war in vielerlei Hinsicht die Erfüllung meiner Träume. Auch wenn es immer wieder Situationen mit Passagieren gab, die viel Fingerspitzengefühl, Geduld und Verständnis verlangten.

Mein Lächeln erstarrt

Eine für mich schwierige Situation ist mir noch gut in Erinnerung. Ich war auf einem Langstreckenflug in der Business- Class eingeteilt. Kurz vor dem Start priesen wir den Passagieren eine Tageszeitung an. Ein Geschäftsreisender verlangte von mir die Financial Times. Eifrig suchte ich nach der gewünschten Zeitung, konnte jedoch kein Exemplar finden und teilte dies dem Passagier auch gleich mit. Dieser betrachtete mich kühl und sagte, es sei ihm egal, wie ich es anstellen wolle, aber er erwarte von mir, dass ich ihm die Financial Times auftreibe. Ich fühlte mich mächtig unter Druck gesetzt, denn ich wollte kein schlechtes Feedback von einem Business-Passagier riskieren. Hinzu kam der enorme Zeitdruck. In wenigen Minuten würde das Flugzeug die Türen schliessen und Richtung Startbahn rollen. Deshalb setzte ich alle Hebel in Bewegung, rannte noch einmal die Gangway hoch, wo ein zusätzlicher Zeitungsständer angebracht war und schaffte es tatsächlich, ein letztes Exemplar zu ergattern. Freudestrahlend brachte ich dem Passagier die Zeitung. Dieser betrachtete mich gleichgültig und sagte zu mir: «So ist’s brav!» Mein Lächeln erstarrte. Ich fühlte mich unglaublich erniedrigt und gedemütigt. Wer war ich denn? Sein Dienstmädchen oder gar sein Hund, der ihm freudig wedelnd die Zeitung zu Füssen legt? Dieser Fluggast bekam auf dem ganzen Flug kein einziges Lächeln mehr von mir.

Freundlich um jeden Preis

Nach meiner Zeit als Flight-Attendant entschied ich mich, den Coiffeur_innenberuf zu erlernen. Wieder ein Beruf, der ein gewisses Mass an Empathie, Höflichkeit und Gastfreundschaft voraussetzte. Da man auch in diesem Beruf einen regen Kundenkontakt hat, war ich immer wieder mal erkältet. So kam es vor, dass die Stimme, von Heiserkeit geplagt, in Mitleidenschaft gezogen war oder manchmal auch ganz versagte. Natürlich wäre ich dann gerne zu Hause geblieben, um mir selbst und der Stimme eine Auszeit zu gönnen. Aber mein Pflichtbewusstsein und der volle Terminkalender liessen das oft nicht zu. So wies ich an besagtem Tag eine Kundin auf meine stimmlose Situation hin und bat sie, ausnahmsweise auf ein Gespräch mit mir zu verzichten und dafür eine Illustrierte zu lesen. Etwas enttäuscht zog sie ein Magazin aus dem Zeitungsständer und blätterte gelangweilt in den Seiten. Immer wieder versuchte sie doch eine Unterhaltung mit mir zu führen. Jedoch ohne Erfolg, da meine Stimme schon nach zwei Worten versagte und ich die Antwort mit Kopfnicken, Kopfschütteln oder Achselzucken beenden musste. Bei der Verabschiedung sagte dann die Kundin, beim nächsten Mal wolle sie sich unbedingt dann wieder mit mir unterhalten können. Ich lächelte, nickte und ging in den Aufenthaltsraum zum Teetrinken.

Erschöpfung

Mit den Jahren stellte ich fest, wie oft ich mich am Abend ausgelaugt und erschöpft fühlte. Allmählich wurde mir klar, dass die Belastung nicht nur auf die körperliche Tätigkeit zurückzuführen war. Irgendwie hatte ich stets das Gefühl, zu kurz zu kommen. Doch warum war das so? Zur Erschöpfung kamen dann auch noch Rückenverspannungen dazu, die in einem Bandscheibenvorfall endeten. Es folgten depressive Verstimmungen aufgrund der dauerhaften Schmerzen und Symptome eines Burnouts. Endlich entschied ich mich, mich auf eine Psychotherapie einzulassen. Auch stellte ich mir die Frage, weshalb ich diese Art von Berufen gewählt hatte? Die Fähigkeit, auf Stimmungen und Befindlichkeiten des Gegenübers einzugehen, hatte ich schon in meiner frühen Kindheit entwickelt.

Andere fröhlich machen

Eine Psychotherapie konnte mir helfen, viel über mich und meine Prägungen bewusst zu machen. Irgendwann empfahl mir eine Freundin und Leidensgenossin, das Buch von Alice Miller «Das Drama des begabten Kindes» zu lesen. Dieses Buch war wie eine Offenbarung für mich. Alice Miller kommt zum Schluss, dass Menschen, die in der frühen Kindheit ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken mussten, eine narzisstische Bedürftigkeit entwickeln können. Sie schreibt: «Da war eine im Grunde emotional unsichere Mutter, die für ihr narzisstisches Gleichgewicht auf ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Seinsweise des Kindes angewiesen war […] Dazu kam eine erstaunliche Fähigkeit des Kindes, dieses Bedürfnis der Mutter oder beider Eltern intuitiv, also auch unbewusst zu spüren und zu beantworten, d.h. die ihm unbewusst zugehaltene Funktion zu übernehmen. […] Diese Funktion sicherte dem Kind die «Liebe» […] Es spürte, dass es gebraucht wurde, und das gab seinem Leben die Existenzsicherung. Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schliesslich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus.»

Lächeln für mich selbst

Plötzlich wurde mir bewusst, wie stark ich mein Wesen und meine natürlichen Regungen kontrollierte und damit auch blockierte. Ich musste endlich damit beginnen, meinen Gefühlen und Bedürfnissen mehr Raum und Aufmerksamkeit zu schenken. Und so schreibt auch Alice Miller weiter: «Es gehört zu den Wendepunkten der Analyse, wenn narzisstisch gestörte Patienten zu der emotionalen Einsicht kommen, dass all die Liebe, die sie sich mit so viel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren; dass die Bewunderung für ihre Schönheit und Leistungen der Schönheit und den Leistungen galt und nicht eigentlich dem Kind, wie es war. Hinter der Leistung erwacht in der Analyse das kleine einsame Kind und fragt sich: Wie wäre es, wenn ich böse, hässlich, zornig, eifersüchtig, faul, schmutzig, stinkend vor euch gestanden wäre? Wo wäre dann eure Liebe gewesen?» Vor fünf Jahren lernte ich die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion nach Jon Kabat-Zinn kennen. Mit der Übung der Achtsamkeit gelang es mir immer besser, körperliche, wie auch emotionale Regungen wahrzunehmen und entsprechend darauf einzugehen. Heute praktiziere ich die Sitzmeditation fast täglich, was sich enorm positiv auf meine Befindlichkeit ausgewirkt hat. Ausserdem bin ich heute im eigenen Frisörgeschäft tätig, was mir viel mehr Freiheit und Selbstbestimmung gibt. Selbstbestimmung kann aber nur umgesetzt werden, wenn das eigene Selbst in Verbindung zu den eigenen Gefühlen gestärkt und ernstgenommen wird. Es wird wahrscheinlich ein lebenslanger Prozess bleiben.