Der Slogan der Parades of the Politically Depressed, die vor gut 10 Jahren erst durch Chicago, später auch durch New York und Austin zogen, lässt aufhorchen: Wenn es mir schlecht geht, ist das kein privates Problem, denn meine Gefühle werden durch politische Verhältnisse beeinflusst. Eine Parade von Menschen in Morgenmänteln und Pyjamas, die Erschöpfung und Perspektivlosigkeit in die Öffentlichkeit tragen, ist eindrücklich. Sie zeigt die Menschen so ganz anders als die Bilder, die wir tagtäglich über verschiedene Kanäle zugespielt bekommen, auf denen uns so manches Glücksversprechen anlacht. Geschichten von berühmten lächelnden Persönlichkeiten erzählen dort davon, wie dieses Glück erreicht werden kann.
Glücksversprechen machen Politik
Auch politische Botschaften wollen uns dazu bewegen, bestimmte Personen oder Anliegen zu wählen – als Garanten für ein gutes, glückliches Leben. Wenn dabei jeweils bestimmte Einzelne oder auch Gruppen von Menschen ausgeschlossen werden, weil sie eben «anders» sind als diejenigen, welche die Botschaft ansprechen will, so wird das als logische Folge formuliert: Nicht alle haben es verdient, am Glück teilzuhaben. Wer nicht teilhaben darf oder soll, hat etwas falsch gemacht. In diesen politischen Glücksversprechen wird aber noch mehr suggeriert: Es entsteht ein Innen und ein Aussen, ein Dazugehören und ein Nichtdazugehören, eine legitime Teilhabe und ein legitimer Ausschluss von dieser Teilhabe. Positive Gefühle und Glücksversprechen werden dafür genutzt, gewisse «Andere» mit negativen Gefühlen zu behaften. Je stärker das Glücksversprechen für die einen, umso legitimer die Ablehnung oder sogar der Hass auf die anderen: Diese Botschaft wohnt so manchem politischem Anliegen unausgesprochen, manchmal auch ausgesprochen, inne. Und in dieser Weise wird mit dem starken, positiven Gefühl des Glücks Politik gemacht – negative Gefühle werden auf «die Anderen» abgeschoben.
Affect Studies und Politik mit Gefühlen
Affect Studies setzen sich seit gut zwanzig Jahren damit auseinander, wie Gefühle instrumentalisiert werden, um Politik zu machen. So zeigt zum Beispiel Sara Ahmed auf, wie sowohl das Gefühl der Liebe als auch das Gefühl des Hasses dazu dienen kann, sich selber als zugehörig zu einer Gruppe zu verstehen, die gleichzeitig aber erst durch diese Gefühle hervorgebracht wird. Wenn Gefühle stark sind, können sie eine grosse Verbindung mit den Einen bewirken – oder aber auch der Ausgrenzung von bestimmen Anderen dienen. Affect Studies richten eine besondere Aufmerksamkeit auf negative Gefühle. Sie verstehen Gefühle wie Wut, Angst oder Scham als alltägliche Gefühle, die mit alltäglich gelebten Machtverhältnissen in der Arbeitswelt und in privaten Beziehungen zu tun haben.
Feel Tank statt Think Tank
Eine Gruppierung von Affect Theoretiker*innen hat den Feel Tank Chicago gegründet und ist mit dem Slogan auf die Strasse gegangen: «Are you depressed? It might be political!» Im Zentrum dieses Feel Tanks – der den Begriff des Think Tanks ironisiert und die Funktion von Gefühlen betont – steht die Anerkennung von negativen Gefühlen als politisch hervorgebracht und nicht im individuellen, selbst verantworteten Scheitern verortet. Ausgehend vom alltäglichen Erleben der Menschen hat dieser Feel Tank die scheinbar individuelle und private Erschöpfung in die Öffentlichkeit getragen. Die eingangs erwähnten Parades of the Politically Depressed des Feel Tank Chicago (2003, 2004, 2007) fanden oft im Morgenmantel statt, um der emotionalen, nur scheinbar individuellen Ermüdung aufgrund politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse Ausdruck zu verleihen.
Geteiltes Unglücklichsein
Das geteilte Unglücklichsein im Feel Tank Chicago wurde so sichtbar und zur möglichen Quelle für eine gemeinsame Bewegung, um politische Forderungen zu stellen. Denn viele Formen von Politik arbeiten lieber mit positiven Versprechen, als dass sie selbstkritisch Erklärungen dafür suchen, weshalb Menschen in bestimmten Situationen negative Gefühle erleben. Die Machtdynamiken, die alltäglich erlebt werden und die in den hierarchischen Strukturen unserer Gesellschaft begründet sind, bleiben dabei ein blinder Fleck. Wenn wir unglücklich sind, nehmen wir deshalb oft an, selbst daran Schuld zu sein. Hier setzt der Feel Tank Chicago einen dezidierten politischen Gegenentwurf.
Geschlecht und Gefühl
Bezüglich dem Empfinden und Interpretieren von Gefühlen spielt die Kategorie Geschlecht eine wichtige Rolle. So finden sich Frauen* öfter in tieferen Hierarchiestufen. Ausserdem wird von ihnen stärker erwartet als von Männern*, emotional offen für diejenigen zu sein, die sich schlecht fühlen. In welcher Weise Weiblichkeit mit Gefühlen verbunden ist, untersuchen die Gender Studies bereits seit den 1970er Jahren intensiv. Dabei wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Frauen* Gefühlsarbeit leisten, die nicht als Arbeit anerkannt wird. Es soll in der weiblichen Natur liegen, empathischer und fürsorglicher zu sein als männliche Mitmenschen. Nicht nur scheint diese Zuschreibung per se fragwürdig, sondern es wird daraus auch noch als logische Konsequenz abgeleitet, dass diese Gefühlsarbeit deshalb nicht wertgeschätzt zu werden braucht, weil sie «natürlich weiblich» ist.
Gefühlsdissonanz im Feminismus
Doch nicht nur innerhalb von Geschlechterverhältnissen werden Gefühle aus feministischer Sicht zu einem politischen Gegenstand. Auch innerhalb feministischer Netzwerke entstehen Situationen, die negative Gefühle evozieren. So entstehen Momente der Distanz, des Bruchs oder der Irritation auch innerhalb feministischer Koalitionen. Der westliche Feminismus ist in den 1970er Jahren als grosse Solidaritätsbewegung aller Frauen* mit allen Frauen* angetreten, um durch Empathie untereinander gegen universelle unterdrückerische patriarchale Verhältnisse anzugehen. Doch schon bald wurde innerhalb der Gruppe der Frauen* klar, wie verschieden sie in sich war und ist. Denn innerhalb der Gruppe der Frauen* bestehen bis heute wesentliche Machtgefälle, die sich nicht durch eine einfache, emotionale Solidarisierung aller mit allen auflösen lässt. Differenzen wie ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Herkunftsmilieu, Alter und Gesundheit waren damals und sind heute noch hoch relevant dafür, wie sich jemand versteht und in welchem Kontext schlechte Gefühle entstehen.
Empathie versus Machtanalyse
Mit Blick auf feministische Bewegungen seit den 1970er Jahren kritisiert Clare Hemmings eine problematische Spaltung (Sara Ahmed, The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh 2004 Clare Hemmings, Affective solidarity. Feminist reflexivity and political transformation, in: Feminist theory, Volume 13, No. 2, 2012, 147–161). Auf der einen Seite wird Identitätspolitik betrieben, welche eine spezifisch weibliche Individualität betont und oft von einer weiblichen Natur und weiblichen Eigenschaften ausgeht. Auf der anderen Seite findet sich eine Haltung, die institutionelle und strukturelle Machtaspekte kritisiert. Die Frage, in wessen Namen Forderungen formuliert werden, erweist sich dabei als immer komplexer. Werden Hierarchien und Diskriminierungen immer detaillierter betrachtet, wird es immer schwieriger, sich in einer Gruppe auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen und gemeinsame politische Forderungen zu stellen. Dies kann zu einem Verlust von kollektiver Handlungsfähigkeit führen. An der ersten Position kritisiert Hemmings eine zu starke Priorisierung von Empathie als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderung. Bei der zweiten Position erscheint ihr eine zu kritische Haltung gegenüber feministischen solidarisierenden Gefühlen problematisch.
Affektive Dissonanz und affektive Solidarität
Als Ausweg schlägt Hemmings ein Konzept der Anerkennung von affektiver Dissonanz vor, das zu einer affektiven Solidarität führen und diesen Gegensatz überwinden könnte. Sie setzt dabei bei einer affekttheoretisch angeleiteten Standpunkttheorie an. Ohne die Verschiedenheit der Standpunkte einzelner zu negieren, regt Hemmings Koalitionen an, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Machtpositionen gebildet werden können. Dies bedeutet, die jeweilige Position in der Gesellschaft sowohl mit ihren spezifischen Bedingungen und Anforderungen als auch mit ihren Gefühlseffekten zu bedenken. Des Weiteren betont Hemmings, wie wichtig in einer feministischen Reflexion der Einbezug unterschiedlicher Gefühle durch affektive Solidarität ist: Wut, Frustration und das Begehren, mit anderen in Verbindung zu treten, erachtet sie allesamt als notwendige Voraussetzungen für die Forderung nach gesellschaftlicher Veränderung.
Veränderung durch positive und negative Gefühle
Die Berücksichtigung von positiven und negativen Gefühlen als Voraussetzung für Veränderung ist also wichtig. Mit Hemmings umfasst das Konzept der affektiven Solidarität auch die Möglichkeit von Selbstkritik derjenigen, die sich in einer privilegierten Position finden. Der Ansatz der affektiven Dissonanz betont dabei die Bedeutung von Begegnungen, die alle Beteiligten für Selbstkritik öffnen können und die das Potential für affektive Solidarität aufweisen. Ich schliesse mich Hemmings hier an: Denn auch das Begehren, Teil der Geschichte der anderen zu werden und mittels Anerkennung durch andere selbst ein*e Ander*e zu werden bringt starke Gefühlsmomente hervor. Und es sind gerade diese Momente, die eine politische Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit bewirken können.