Emotionale Regungen klingen in unseren Bibelübersetzungen oft recht fade. In den biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch tönen sie häufig überraschend drastisch und auch differenziert. Starke Gefühle, Leidenschaften und Temperamentsausbrüche sind unsere Sache nicht – im Vergleich zum mediterranen Temperament des Nahen Ostens. Sehr oft lesen wir Emotionen distanziert, stellen Ferndiagnosen und behandeln die biblischen Subjekte als Objekte, denen wir den Puls fühlen sollen. Nur ein kleines Beispiel sei hier genannt: Die Schwiegermutter des Petrus wird «feurig» genannt (Markusevangelium 1,30). Wir sind gewohnt, sie als Kranke zu verstehen. Das «Feuer» verlässt sie – ist das wirklich medizinisch gemeint, als Fiebertemperatur? Alternativ liesse sich vorstellen, dass sie eine leidenschaftliche Frau war, einsatzfreudig, sich voll für eine Sache begeisterte. Doch nun hat sich ihr Feuer gegen sie verkehrt. Sie fühlt sich in einem Höllenfeuer gefangen, verflucht, gestraft – nach dem jüdisch-römischen Krieg wäre dies sehr wohl verständlich. Sie durchlitt die Hölle. Unser Blick auf die Emotionen muss als Teil unserer Kulturgeschichte begriffen werden. Damit gehen Wertungen einher, z.B. die Abgrenzung des Menschen vom Tierreich und von «primitiven» Völkern, sowie die Idee der Entwicklung in Richtung höheres Bewusstsein. Für viele Menschen in unseren Breitengraden passt Wut nicht zum «lieben Gott». Auch dies ist wieder eine Distanzierung von den starken Emotionen, wenn Zorn, Wut und anders mehr ins Alte Testament verbannt oder aus dem christlichen Gottesbild gleich entfernt werden.
Wut zurückholen
Es lohnt sich, dem heute immer noch gefühlten Widerstand gegen «negative Emotionen» nachzugehen. Wie kommen starke Emotionen in neutestamentlichen Texten vor? Ist der «Herr Jesus» immer lieb? Darf ich auch mal wütend sein? Audre Lorde hat über die schmerzvolle Notwendigkeit von Wut nachgedacht. Sie war sich bewusst, dass Wut in der schwarzen Frauenbewegung zu einer not-wendenden Kraft geworden ist. Sie formulierte den starken Satz: «Anger is loaded with information and energy». Wut ist nach Lorde visionär. Denn Wut ist nicht nur gegen, sondern auch für etwas, für etwas, das noch nicht formuliert werden kann oder schlicht noch immer fehlt. Sie nennt Wut daher das unbedingte Gefühl, dass Schmerz und Verletzungen falsch und ungerecht sind, und dass etwas dagegen unternommen werden muss. Sara Ahmed hat Wut auch in methodologischer Hinsicht analysiert, um die Emotionalität von Texten mitzulesen. Sie analysiert die Rolle von Emotionen in Debatten über Terrorismus, Migration, Versöhnung und denkt über die Funktion von Emotionen in feministischen und queeren Denkansätzen nach. So wird Wut als herausforderndes Thema zurückgeholt.
Wütend lesen
Ich empfehle daher, das Unservater (Matthäusevangelium 6,9-13) wütend zu beten. Denn hier fordern Hungrige Gerechtigkeit und Leben. Sie bitten um Brot, laut, mit erhobenem Kopf. Sie wissen, dass Gott auf ihrer Seite ist. Sie bemühen sich um gegenseitige Solidarität, indem sie einander Schulden erlassen. Sie schreien nach Brot, weil es fehlt. Sie fordern den Himmel auf Erden: Jeden Tag Brot für alle. Nie soll diese Forderung verstummen. Manchmal frage ich beim Bibellesen in Gruppen, wer die Wut im Text erkennen kann. Darf Maria wütend sein auf Reiche und Machteliten (Lukasevangelium 1,51-53)? Sicher ist nicht jede Wut gleich – die Wut des verunsicherten Tyrannen Herodes (Matthäusevangelium 2,16) unterscheidet sich in vielem von der Wut der Hungrigen (Nehemia 5,1-5). Wer wogegen wütet und welche Folgen dies haben kann, wird in der Bibel immer mitthematisiert. Denn Wut hat Konsequenzen und nicht nur negative. Ja, sie kann instrumentalisiert und fehlgeleitet werden. Doch sie gehört zu den starken Motoren, die die Welt auf den Kopf (oder auf die Füsse) stellen können.
Der sanfte Jesus
«Der liebe, sanfte Jesus» ist eine blutleere, langweilige Vorstellung. Interessanterweise wird sie nicht nur von modernen Bibelübersetzungen portiert, sondern findet sich schon in den ganz alten griechischen Manuskripten, die Mühe hatten mit einem zornigen Jesus: Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein. (Markusevangelium 1,40-43, Einheitsübersetzung). Eine Regel der Exegese lautet: lectio difficilior melior, d.h. die schwierigere Lesart ist einer einfacheren vorzuziehen. Wenn die alten Textzeugen verschiedene Varianten überliefern, muss man entscheiden, welche Lesart die wahrscheinlichere ist. Im Überlieferungsprozess werden Texte geglättet, Formulierungen vereinfacht und Worte können wegfallen. Jedoch kommen kaum neue Worte hinzu, und sperrige Vorstellungen werden nicht neu eingefügt.
Der wütende Jesus
Nun haben einige alte griechische Manuskripte in diesem Markustext den Ausdruck orgistheis (zornig), die meisten aber splanchnistheis (mitleidig). D.h. schon die alten Manuskripte hatten offenbar Mühe mit einem zornigen Jesus und retouchierten «zornig» zu «mitleidig». Auch die Evangelien nach Matthäus und Lukas folgten dieser Retouchierung. Sie erzählen diese Heilung ohne Emotionen Jesu (Matthäusevangelium 8,3 und Lukasevangelium 5,13). Da die beiden den Markustext sonst oft wortgetreu übernehmen, ist das Auslassen einer so starken Emotion bemerkenswert. Es weist daraufhin, dass ursprünglich orgistheis im Markus-Text stand. Denn wäre splanchnistheis gestanden, hätten sie es wohl übernommen. Die Mühe mit Jesu Wut, die sich also schon in alten Manuskripten widerspiegelt, finden wir auch in modernen Bibelübersetzungen. Sämtliche wählen für Markusevangelium 1,40 die Lesart «mitleidig». Keine macht auch nur eine Anmerkung, dass hier eine andere Lesart möglich wäre, nämlich: zornig. Wenn wir den Markustext aber unretouchiert ernstnehmen wollen, müssen wir uns fragen, wogegen sich denn die Wut Jesu eigentlich gerichtet hatte? Was war dem Aussätzigen widerfahren, dass Jesus zornig war? Oder braucht es Zorn, um Heilenergie mobilisieren zu können? Auf jeden Fall sollten wir nicht vorschnell die Mitleid-Schiene fahren, die den Text eher langweilig erscheinen lässt und aus dem Aussätzigen ein Mitleidsobjekt macht.
Verinnerlichung
Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist der Tod des Lazarus im Johannesevangelium. Jesus erfährt, dass sein Freund gestorben ist und reagiert mit: enebrimäsato to pneumati (Johannesevangelium 11,33): Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt. (Einheitsübersetzung) Als Jesus sie weinen sah – und auch die anderen Jüdinnen und Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten –, war er innerlich aufgewühlt … (Bibel in gerechter Sprache) Als Jesus nun sah, wie sie weinte und wie auch die Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten, war er im Innersten empört …(Neue Zürcher Bibel) Die Bibelübersetzungen zeichnen Jesus innerlich erregt, aufgewühlt. Damit verlegen sie die starken Emotionen wiederum ins Innere. Doch das griechische Verb embrimao drückt einen Wutausbruch aus, ein lautes Schimpfen (vgl. Markusevangelium 14,5). Nun stellt sich erst die Frage, wogegen sich sein Schimpfen, sein Ausbruch richtete. Rein grammatikalisch ist sein Wutausbruch gegen die Geistkraft gerichtet. Jesus trauert also nicht still in seinem Inneren, sondern er ist ausser sich, er schnaubt, er empört sich. Embrimao meint das heftige Ausstossen des Atems. Die gesamte Wucht Jesu bäumt sich gegen die Geistkraft auf, weil sie Lazarus verlassen hat.
Wut als Kraft gegen den Tod
Keine Bibelübersetzung wagt es, die Wut Jesu gegen den Geist zu richten. In seinem Inneren war er empört, ja, aber wogegen denn? Die Gute Nachricht Bibel erklärt dazu in einer Fussnote: «Der Zorn Jesu richtet sich gegen den mangelhaften Glauben, der sich im Weinen der Anwesenden äussert.» Die Anwesenden, das sind Maria, die Schwester des Lazarus, und die Juden. Sie sind offenbar der Grund für Jesu Ärger. Mit Verlaub: Diese Erklärung empfinde ich als antjudaistisch und frauenfeindlich. Der johanneische Text beschreibt unverkrampft den Wutausbruch Jesu und zwar gegen die Geistkraft (siehe auch Johannesevangelium 11,38). Der Tod des Lazarus empört Jesus, er kann es nicht fassen und ihn nicht akzeptieren. Doch seine Wut bringt ihn dazu zu handeln. Er widerspricht dem Tod, er kämpft um Lazarus, auch wenn es hoffnungslos aussieht.
Literatur
Audre Lorde, Vom Nutzen unseres Ärgers, in: Audre Lorde, Adrienne Rich, Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte, hg. von Dagmar Schultz. Berlin 1991
Audre Lorde, Sister Outsider. Essays and Speeches. Berkeley 1984 / 2007, 127
Sara Ahmed, The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh 2004