Ausgabe 2020/1

Aus Respekt vor «Mutter Erde» | Die erdenfreundliche Theologie von Musa Dube

Ich sitze am Computer in der Theologischen Bibliothek der Universität Stellenbosch in Südafrika und tippe den Namen Musa Dube in die Suchmaschine.

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© Susanne Schneeberger Geisler; Moni Egger
Text: Megan Bedford-Strohm / 22.04.2025

Ich notiere mir die Ergebnisse in mein Notizbuch: Bibliotheksnummern, Co-Autor_ innen, Buchtitel … Die Bibel in Afrika … Alternative Lesarten … Gib mir Gerechtigkeit … AIDS und Gender in der Bibel … Theologien afrikanischer Frauen … es ist wie eine Schatzsuche für mich!

Während ich die Bibliotheksstandorte für Bücher aufschreibe, die sie geschrieben, herausgegeben oder mit verfasst hat, fällt mir auf, dass fast alle ihre Bücher im Kurzleihebereich verzeichnet sind. Noch dazu sind fast alle Bücher verliehen. Zunächst macht sich Enttäuschung in mir breit. Doch dann wird mir klar: In die Kurzleihe kommen nur Bücher, die so beliebt sind, dass sie geschwisterlich geteilt werden müssen. Niemand darf die Bücher für sich in Beschlag nehmen. Und fast alle sind derzeit verliehen. Das bedeutet: Die Theologinnen und Theologen hier in Stellenbosch reissen sich förmlich um Dubes Bücher. Aufregung verdrängt die Enttäuschung in mir. Ich stelle mir vor, wie die Worte in ihren Büchern Zeile für Zeile gelesen werden… und gerade dabei sind, die Welt zu verändern.

Die Vielfältige

Musa Dube ist eine Bibelwissenschaftlerin aus Botswana, dazu eine feministische Theologin, eine Geschichtenerzählerin, eine Lehrerin, eine Pionierin, eine Führungsfigur. Vor ein paar Monaten erst ist sie zur Koordinatorin der wichtigsten Vereinigung afrikanischer Theologinnen, dem Circle for Concerned African Women Theologians, gewählt worden. Der Circle ist ein panafrikanisches, ökumenisches Netzwerk von «frauenzentrierten Frauen» in der Theologie. Vor vielen Jahren fiel Musa Dube in ihrem Studium auf, dass in den Regalen der Bibliothek und auf den Leselisten in Kursen kaum afrikanische Theologen und gar keine afrikanischen Theologinnen zu finden waren. So begann ihre Mission, das zu ändern. Und gemeinsam mit anderen ist ihr genau das gelungen, wie meine Erfahrung in der Bibliothek in Stellenbosch, einer ehemaligen Bastion der Apartheid, belegt.
Im Juli 2019 organisierte Dube eine Konferenz für den Circle an der Universität von Botswana in Gaborone. Es war Sommer in Deutschland und Winter in Botswana – die Temperaturen aber waren gleich. Das Thema war «Mutter Erde, Mutter Afrika und religiöse Vorstellungskraft», und der Circle beschloss dort gemeinsam, dass der Fokus der nächsten Jahre auf Themen zur Bewahrung der Schöpfung (Creation Care) liegen soll.

«Mutter Erde» als Konzept

«Mutter Erde» ist eine geläufige Phrase mit einer langen Geschichte, die wir alle mehr oder minder kennen. Viele von uns nutzen den Begriff im Alltag, ohne gross darüber nachzudenken. Manche Christ_innen lassen den Begriff allerdings lieber aus… Klingt er nicht ein bisschen häretisch? Ist das nicht ein heidnisches Konzept? Ist es nicht irgendwie pantheistisch, die Erde als lebendige Person zu sehen? Macht es uns nicht zu naturreligiösen Heid_innen, die Erde als unsere Mutter zu bezeichnen? All diese Fragen stellen sich Christ_innen, wenn sie diese Phrase hören. Und selbst wenn sie gar nicht so weit kommen, diese Fragen zu stellen – ein Gefühl des Misstrauens dieser Phrase gegenüber bleibt.
Aber was, wenn wir für einen Moment das Misstrauen auf den Kopf stellen und uns fragen, was dieses Konzept vom christlichen Standpunkt aus für einen Wert haben könnte? Musa Dube gibt uns spannende, neue Einsichten zu dieser geläufigen Phrase. Sie hat die Schöpfungserzählungen aus der Perspektive der ökologischen Krise untersucht und ihre Gedanken dazu in einem Aufsatz in der Zeitschrift Black Theology notiert, der den sprechenden Titel trägt: «Und Gott sah, dass es sehr gut war» – Eine erdenfreundliche, theatralische Lektüre von Genesis 1. Dube kritisiert darin den Anthropozentrismus und die Idee, dass wir auf der Erde bloss Durchreisende sind. Für sie ist die Erde mehr als das: unsere Heimat, eine Mutter und eine kreative, schöpferische Kraft.

Die Erde, Mitschöpferin

Vielen ist die erste Schöpfungsgeschichte im ersten Kapitel des Buches Genesis gut vertraut. Ich selbst habe den Text über die Jahre hinweg immer und immer wieder gelesen. Und doch habe ich die Nuancen im Text, die Musa Dube herausarbeitet, völlig verpasst. Dube verweist zum Beispiel darauf, dass nicht alle Verse die gleiche Struktur haben. Während es zunächst heisst «Licht werde!» (Vers 3) und «Es soll ein Gewölbe (…) sein!» (Vers 6), spricht Gott in den nächsten Versen nicht mehr direkt Dinge ins Leben. Gott erschafft das Leben in indirekter Weise und motiviert die Erde dazu, Leben hervorzubringen: «Die Erde lasse Grünes aufspriessen: Gewächse, Samen aussäen, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte hervorbringen» (Vers 11), «die Wasser sollen nur so wimmeln von lebenden Wesen» (Vers 20), und «die Erde soll lebende Wesen hervorbringen, je nach ihrer Art» (Vers 24).
Dube interpretiert das so: «Während des Schöpfungsdramas bittet Gott die Erde auf die Bühne» (230). Ohne sie ist das Leben nicht denkbar: «Die Erde ist nicht nur eine Gastgeberin für alle Mitglieder der Erdengemeinschaft, sondern wird zu Gottes Mitschöpferin und sichert den Fortbestand der Schöpfung» (230). Das Bild von der Erde als Mitschöpferin (Co-Creator) ist eindrücklich: Die Erde wird zur lebendigen Akteurin und könnte in einem weiteren Schritt sogar als Akteurin mit Erfahrung von Schmerz und Leid verstanden werden. Zwar sprechen wir hier «nur» von einer Metapher, aber das Bild hilft uns, indem es eine Weltanschauung unmöglich macht, die unsere Erde als Ressourcen-Pool für Raubbau oder Objekt unserer Dominanz versteht. Gott selbst schätzt die Erde ungemein und lädt sie ein, Leben zur Welt zu bringen, wie eine Mutter ihr Kind gebärt. Wir Menschen sind zwar ebenfalls Gottes Mitschöpferinnen und Mitschöpfer, aber genau das ist die Erde selbst eben auch. Wir haben kein Recht zu «erschaffen», indem wir die Erde, unsere Mitschöpferin, verletzen.

Der Mensch, ein Geschöpf unter anderen

Diese Ideen laufen gegen den gängigen Anthropozentrismus, den Musa Dube definiert als eine menschenzentrierte Rahmentheorie, die unsere Erde ausschliesslich aus der Perspektive menschlicher Interessen versteht. Mit einer solchen Theorie ausgestattet, sehen sich Menschen als vorrangig gegenüber dem Rest der Erdengemeinschaft und meinen entsprechend, sie hätten den Gewinn aus der endlosen Ausbeutung der Ressourcen auf dieser Erde tatsächlich verdient. Dagegen steht jedoch die Schöpfungsgeschichte: Nach jedem Schöpfungsakt – Licht, Himmel, Wasser, Erde, Pflanzen, Kreaturen jeder Art – spricht die Genesis den berühmten Satz: «Gott sah: Ja, es war gut.» Alle Geschöpfe sind heilig, weil Gott ihnen ohne Hierarchie Wert und Würde zuspricht. Und weil alles Erschaffene ein Produkt aus Gottes Wort ist, sieht Dube «alle Natur, ob lebendig oder nicht lebendig, als Gott unter uns. Gottes Gegenwart ist in jeder Faser des Lebens auf der Erde» (242). Sie geht sogar so weit zu sagen, dass die Erde dadurch zum «Geist und Leib Gottes» geworden ist. Menschen sind zwar ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil dieser Geschichte, aber ihre Erschaffung nimmt nur vier Verse ein, während alle anderen Geschöpfe 25 Verse einnehmen. Dube sieht darin einen «metaphorischen Tropfen im Ozean, der anzeigt, dass Menschen keineswegs Protagonist_innen des Schöpfungsdramas sind» (240). Menschen sind gemacht aus dem Boden der Erde; sie machen sich nicht selbst, sondern werden gemacht. Dube fasst das in der Idee zusammen, dass «ein Mensch als Kind der Erde auf die Welt kommt» (230).

Zwischen Schöpfung und Zerstörung

Musa Dube entwickelt ihre Interpretation von Genesis 1 aus der Betroffenheit angesichts der grossen und oft geschlechtsspezifischen Ungerechtigkeiten in unserer global-ökonomischen und global-ökologischen Ära. Natürlich entwirft sie ihre Ideen aus der eigenen Lebenserfahrung im dunklen Schatten der Ausbeutung heraus, den sie als afrikanische Frau zu überwinden versucht. Sie tut das im Kontext eines Landes, das immer noch auf dem Weg zur Heilung von Wunden aus der Kolonialzeit ist und nach Antworten auf Neokolonialismus und Patriarchat sucht. Dube lebt auf demjenigen Kontinent, der neben Lateinamerika am wenigsten zum globalen CO2-Ausstoss beigetragen hat und trotzdem unter den schlimmsten Konsequenzen des Klimawandels leidet. Sie erklärt ihre Motivation deshalb so: «Angesichts der massiven Umweltkrise, mit der wir konfrontiert sind, stehen Leser_innen und Hörer_innen gegenwärtig zwischen zwei Narrativen: die biblische Geschichte mit den Beschreibungen der Schönheit und Würde von Gottes Schöpfung einerseits und der heutigen Zerstörung und Ausbeutung der Erde andererseits» (235).
Sich mit dem Drama der Schöpfung in Genesis 1 auseinanderzusetzen ist daher für Dube nicht mehr nur Luxus und künstlerischer Genuss, sondern die Herausforderung, unsere Beziehung mit der Erde zu überdenken. Musa Dubes Lebenswerk ist genau dort zu Hause, wo sich antike biblische Texte und die Herausforderungen unserer Gegenwart treffen. Ihre theologischen Werke bilden ein Korrektiv zu anthropozentrischen Konzeptionen vom Menschen als Krone der Schöpfung und von der Erde als Übergangsheimat, die es zu besitzen und auszubeuten gilt. Dubes Texte statten uns mit einer Glaubenssprache aus, die uns hilft, für unsere Mutter Erde zu sorgen. Dube nutzt die biblischen Texte als Ausgangspunkt und zeigt damit, dass Theolog_innen zu erdenfreundlichen und theologisch hoch relevanten Theorien kommen und gleichzeitig die Heilige Schrift als solche ernst nehmen und biblische Gedanken aufnehmen können. Keine leichte Aufgabe.

Musa W. Dube, «And God Saw that it was Very Good», An Earthfriendly Theatrical Reading of Genesis 1. In: Black Theology, An International Journal Vol. 13, 2015/3, S. 230–246.