Hier wurden Forderungen ausgearbeitet, Kontakte geknüpft, es wurde diskutiert, gestritten, gelacht und zu später Stunde endlich auch geschlafen. Das Kirchgemeindehaus war immer wieder Geburtsort neuer Ideen, die die Streikbewegung prägen.
Kirchen und Klimastreik: Ein nicht nur einfaches Verhältnis. «Listen to the Science», fordern Fridays for Future-Gruppen weltweit. Die meisten Klimastreikenden, die ich kenne, sind ohne Glauben aufgewachsen, bekennen sich stolz zum Atheismus, doppeln nach: «Warum feiert man Weihnachten überhaupt noch? Ein Fest des Konsums und leerer Versprechungen nützt unserer brennenden Erde nichts.» Das stimmt schon, hinsichtlich der Einkaufs-Schlachten an den verkaufsoffenen Sonntagen. Ob Kirchen und Religion aber im Anbetracht der Klimakrise tatsächlich nichts bewirken können, da bin ich mir nicht so sicher. Kirche und allgemein Religion prägen unsere Wertvorstellungen noch immer massiv, egal, ob man Kirchensteuern zahlen möchte oder nicht.
Kirche übernimmt Verantwortung
Letzte Ostern stieg ich für 24 Stunden in einen Zug nach Stockholm, um Freunde zu besuchen. Im Gepäck steckte eine Karte mit einem Bild des letzten Klimastreiks in Basel: Liebe Grüsse vom OK-Klimastreik an Greta Thunberg. Vor dem Parlamentsgebäude überbrachte ich der schwedischen Pionierin die Botschaft. Rund um das zerschlissene Kartonschild der 16-Jährigen versammelten sich gut zwei dutzend Menschen. Schüler*innen, Kinder, Senior*innen, Touristengruppen und mitten drin eine junge Frau im Talar. «Preachers for Future», stand auf einem Pappschild, das ihr um den Hals hing. Seither tauchen im Netz Stichworte wie #churchforfuture oder #allefürsklima-kirchemittendrin auf. Gemeinden organisieren liebevoll Gebete, die unserer Natur, dem brennenden Amazonas, den ersten Betroffenen der Klimakrise gedenken. Die Zifferblätter grosser Kirchturmuhren zeigen plötzlich fünf vor zwölf, und Glockengeläut erinnert an den World-Overshoot-Day. Das freut mich. Denn keine Institution kann es sich leisten, die Augen vor der Klimakrise zu verschliessen. Auch die Kirche nicht. Besonders die Kirche nicht! Auch in Zeiten hoher Austrittszahlen und zunehmender Irreligiosität hört man der Kirche noch zu. Wir wünschen uns also eine Kirche, die den Mut hat, sich klar zu positionieren und Farbe zu bekennen. Eine Kirche, die zu Klima- und Umweltschutz aufruft, die Sorge trägt und Verantwortung übernimmt, weil sie erkennt, dass die Klimakrise vor allem Menschenleben bedroht. Eine Kirche, die handelt, weil wir alle handeln müssen. Denn wir, die Jugend, sowie alle kommenden Generationen, brauchen in unserem Kampf die Unterstützung aller.
Lust, Frust und Hoffnung
Der Klimastreik wurde in der Schweiz vor kurzem ein Jahr alt. Die letzten zwölf Monate waren eine seltsame Zeit. Im Dezember 2018 erzählte mir eine Freundin auf dem Schulweg atemlos von einer Gruppe, die sich von einer jungen Schwedin habe inspirieren lassen und am Freitag zur Klimademo aufriefe. Ehe wir uns versahen, verbrachten wir Stunden in Sitzungen, liessen die Schule schleifen und begaben uns auf neuen Boden: Wo lässt man eine Demo bewilligen? Wie schreibe ich eine Medienmitteilung? Wie organisieren wir eine basisdemokratische Bewegung? Es folgten Streiks und Demonstrationen, die uns Tränen in die Augen trieben, wenn wir all diese Menschen bestaunten mit ihren Transparenten und ihren heiseren Stimmen, die dasselbe dachten wie wir. Bald häuften sich Nachrichten von Schweizer Kleinstädten, die den «Klimanotstand» ausriefen. Dann kamen die Wahlen: Eine grüne Welle habe die Schweiz ergriffen, wurde landauf landab berichtet. Ich bin stolz, konnten wir die Aufmerksamkeit ein ganzes Jahr lang aufrechterhalten, und ich bin überzeugt, dass wir weiterhin im Gespräch bleiben werden, ja müssen. Manchmal bin ich aber auch frustriert. Wenn ich Reden zuhöre, die mit Worten wie «unser kleines Land» und «Klima-Hysterie» um sich werfen. Wenn neue Berichte erscheinen, die die letzten in ihrem Pessimismus übertrumpfen. Wenn alles viel zu langsam geht. Wenn alles weiterhin stillsteht. Mühlen drehen langsam, das habe ich im letzten Jahr gelernt. Auch wir, die Klimabewegten, können mitunter nicht so schnell und aktuell handeln, wie wir es uns wünschten. Wir wollen allen zuhören, alle zu Wort kommen lassen, und das braucht Zeit. Dennoch glaube ich, dass wir den basisdemokratischen Weg weiter beschreiten müssen, um wirklich etwas zu erreichen, um unsere Utopie vorleben zu können.
Wir geben nicht so schnell auf. Es gibt noch viel zu tun.