Ausgabe 2020/1

Wir wollen uns Zukunft und Hoffnung geben. (Das ist der Klimawandel, sagt mein Mann.)

Da war dieses Buch meines Vaters. Er hatte es sich zu einem Dienstjubiläum gewünscht. Es war so etwas wie seine neue Bibel. Dann lieh er es aus – und bekam es nie zurück. Er war jahrelang traurig darüber, hat es sich aber nicht nochmals gekauft.

Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
© Susanne Schneeberger Geisler; Moni Egger
Text: Esther Burri / 22.04.2025

Das Buch hiess «Die Grenzen des Wachstums». Herausgegeben 1972 im Auftrag des «Club of Rome». – Es war eines der ersten Bücher, dem es gelang, weltweit das Bewusstsein für die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen zu schärfen.

Wenn ich heute, mehr als fünfzig Jahre nach Erscheinen des aufrüttelnden Werkes, nach dem Buch «google», so kann ich sofort auch nachlesen, wo der «Club of Rome» sich getäuscht hat. Kam ja nicht so schlimm, wie diese klugen Männer gemeint hatten. Die Welt ist nicht untergegangen. Sie wird auch jetzt nicht untergehen. Dieser Greta-Hipe wird vorbeigehen, und dann werden wir wieder normal.
Meine Mutter hatte auch ihre «Bibel». Ihr «heiliges» Buch hiess «Die Kraft des positiven Denkens» von Norman Vincent Peale. Sein Buch ist seit 1954 ununterbrochen lieferbar. Mit dieser Kraft des positiven Denkens vertrieb Mutter alle Ungeheuer des Tages und der Nacht: Du musst nur dein Denken kontrollieren, an das Positive glauben, dann kommt es schon gut. – Und wenn nicht? – Irgend ein Fitzelchen «gut» findet sich immer. Die Welt geht nicht unter. Glaube mir.
Und ich heute, mit meinem heiligen Buch, der Bibel? In der ich nicht mehr so oft lese. Die aber nach wie vor in der Mitte all meiner Bücher steht. Immer sichtbar. Immer griffbereit. Ihre Wörter, Sätze und Geschichten sind in mich eingewoben. Habe ich nicht schon mit zwölf Jahren begonnen, in meinem heiligen Buch zu lesen! Mit Ehrfurcht. Mit Interesse. Nie aufgehört bis dann, als die Hoffnung kleiner wurde. Als der Glaube (an welchen Gott?) zu schwinden begann. Als die Liebe eintrocknete wie die Wasserläufe der Erde. – Jetzt liege ich nachts wach und fürchte mich nicht für mich, aber für meine Enkelin. Wird die Welt untergehen?

Fakten oder keine Fakten

Ich habe es lange nicht glauben wollen, war sehr skeptisch, wenn mein Mann, der sich seit je für die Meteorologie interessiert, mantra-mässig wieder einmal sagte: «Das ist der Klimawandel.» Aber natürlich las ich Zeitung. Natürlich erschreckten mich zunehmende Rekord-Sommertemperaturen, vernichtende Stürme, das Schmelzen der Gletscher und alles andere. Ich konnte mich den Daten und Studien der Wissenschaftsgemeinschaft nicht mehr verschliessen. Da kam die Angst.
Plötzlich fand ich es unerträglich, dass die Politik nicht handelt. Die in Bern und die in allen Ländern der Welt sollen endlich…! Da fragt mich meine sechsjährige Enkelin: «Grosi, warst du auch an der Klimademonstration?» – «Nein, ich hatte anderes los.» – Sie schaut ganz streng.
Fakten oder keine Fakten – das ist nicht mehr die Frage in Sachen Klimawandel. Jetzt geht es um Handeln oder Nicht-Handeln. Reden und Schreiben genügen längst nicht mehr. Bruno Ziauddin schreibt im Tages-Anzeiger-Magazin (Nr. 41, 12.10.19): «Das eigentliche Thema lautet: Wie verdammt viel wir ändern müssen, um die Dinge vielleicht doch noch zum Guten zu wenden.» Wer oder was treibt uns an, die Komfortzone zu verlassen? Einzig unsere Angst?
Sven Plöger, deutscher Meteorologe, bringt es für mich auf den Punkt. Er vergleicht unsere Welt-Situation mit der Havarie der «Titanic». Er sagt, dass wir uns gerade dort befinden, wo der Eisberg gesichtet wird. – Im Vergleich geht es darum, dass wir niemals und absolut nicht zuschauen dürfen, wie die Klimakatastrophe sich weiter aufbaut. Das Klimasystem ist ähnlich träge wie ein Ozeanriese. Wir müssen deshalb jetzt und sofort unseren Kurs ändern. Wenn wir noch an Rettung glauben. Wenn wir noch Hoffnung haben. Wenn uns die Liebe treibt. Die Liebe zum Erdenschiff, das durchs Weltall treibt. Wenn wir nicht wollen, dass die Welt untergeht.

Wer wem glauben will oder kann

Nach wie vor halten es längst nicht alle für gesichert, dass der Klimawandel den Untergang der Menschheit bedeuten kann. Oder dass er zumindest zu noch grösseren Unruhen und Kriegen führen wird. Und viele weisen die Zumutung entrüstet zurück, dass wir Menschen Schuld daran haben. Aber die Warnungen sind da und sehr deutlich. Einstmals hat Noah die rettende Arche gebaut. Er wurde ausgelacht. Über die junge Frau aus Schweden, Greta Thunberg, ergiessen sich Hohn und Spott, nicht nur in den Social Media, sondern auch in politischen Gremien und in Printmedien der herkömmlichen Art. – Propheten und Prophetinnen haben seit je einen schweren Stand.
Jona wollte nicht nach Ninive gehen, um den Untergang zu prophezeien. Mose wollte das Volk Israel nicht aus Ägypten heraus führen. Beide (und andere mehr) beriefen sich darauf, nicht reden zu können und doch gewiss die Falschen zu sein für die grosse und gefährliche Aufgabe. Ihr Auftrag aber kam immerhin von Gott selbst.
Ich halte es mit ihnen. Mit den Verweigerern: Wer bin ich schon, dass ich öffentlich aktiv werden sollte! – Im Kleinen, im Privaten, da will ich das Meine tun. Aber im Grossen, im Politischen, da lasse ich lieber die Anderen handeln. Ich bin faul und feige und lasse die Anderen sich den Mund verbrennen.
Ich schaue zu. Ich ärgere mich über Leute, die keinen guten Faden an Greta lassen und es schon immer besser gewusst haben. Ich werde «krank» von Politikern und Politikerinnen, die vor allem wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen im Zusammenhang mit notwendigen Veränderungen.
Ich sitze da und schaue zu und habe Angst. Ich weiss vieles, immer mehr. Die Schrift an der Wand ist übergross und bedrohlich. Wird die Welt untergehen?

Was wir verändern müssen

Es ist gut und wichtig, bei sich selbst zu beginnen. Im eigenen Leben Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. Die eigene Mobilität zu hinterfragen und allenfalls anzupassen. Den Stromverbrauch zu überdenken. Die Abfälle zu reduzieren. Den Fleischkonsum zu senken. All das und mehr. – Wir wissen es. Wir haben es mehrfach gelesen. Aber wir wissen auch um unsere Trägheit. Um mit Paulus zu reden: «Das Gute, das ich will, verwirkliche ich nicht. Aber das Schlechte, das ich nicht will, das vollbringe ich.» (Brief an die Gemeinde in Rom 7,19). – Bruno Ziauddin nochmals: «Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen, wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein.» – Ich brauche starke, deutliche Worte. Dankeschön! Das private Bemühen reicht aber nicht. Strukturen müssen verändert werden. Klare politische Rahmenbedingungen sind nötig. So bin ich seit vielen Jahren Mitglied der «Erklärung von Bern», die jetzt «Public Eye» heisst. Ich will eine Organisation unterstützen, die an das Ganze denkt, die Zusammenhänge durchleuchtet und darum bemüht ist, mehr Gerechtigkeit zu schaffen. «Public Eye» untersucht, klagt an, schlägt vor, sammelt Unterschriften, ist unbequem. Es gibt weitere Organisationen, die ähnliche Intentionen haben. «Fastenopfer/Brot für alle» gehören auch dazu.

Wie man mit seinen Ängsten umgehen soll

Aus welchen Motiven heraus aber handeln wir? Ist die Angst vor der Apokalypse meine Hauptmotivation? – Wenn das so wäre, dann gnade mir Gott; dann wäre ich arm dran. Auch Ingrid Riedel sieht es so. Bereits 1985 sagte sie, dass sie ihre Angst an sich herankommen lasse, «weil diese Angst auch eine heisse Liebe zum Leben und zur Natur in mir weckt, die ich sonst nicht spüren würde … Ich glaube, dass alle Aktionen, die nicht aus dieser Liebe kommen, gegenteilige Wirkungen zeitigen, Ängste schüren und uns lähmen.» (Tages-Anzeiger-Magazin Nr. 41, 12.10.19)
Ich muss meine Angst also anschauen: «Bist du, Angst, im tiefsten Grunde Liebe zum Leben?» – Wenn ja, dann will ich aus dieser Liebe heraus handeln. Angst macht mich ganz schwach, aber die Liebe lässt mich mutig und kreativ werden. Liebe lässt mich aufbrechen, die Augen für die Schönheit öffnen, das Herz für die Menschen auftun. Ich will mehr wissen, mehr kennen, denn «Man liebt nur, was man kennt, und man schützt nur, was man liebt.» (Konrad Lorenz, Verhaltensforscher)

Perspektiven-Wechsel

Ich habe die Exodus-Geschichte abermals gelesen. Wie das Volk Mühe hatte, die ägyptischen Fleischtöpfe zu verlassen. Das Wagnis des Auszugs auf sich zu nehmen. Ich habe das ganze Auf und Ab erneut gelesen. Dramatisch. – Da ist überraschenderweise Ruhe in mich eingekehrt. Ruhe, weil Gott das Elend seines Volkes sieht. Weil der Name Gottes heisst «Ich-bin-da» (war-da, werde-da-sein). Ein Lied steigt in mir auf, dessen Text auch in meinem heiligen Buch steht: «Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben, spricht der Herr, Zukunft und Hoffnung.» (Jeremia 29,11)
Im gleichen Kapitel steht: «Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und verzehrt ihren Ertrag.» (Jeremia 29,5) Plötzlich steht Maurice Maggi vor meinen Augen. Das ist der Mann, der in Zürich Blumen sät. Zuerst hat er es heimlich und in der Nacht getan. Malven mag er besonders gern. Er hat auch Obstbäume gepflanzt, an denen sofort Kinder und quartierbewohnende Erwachsene grosse Freude hatten. Sie gossen die Bäume und freuten sich schon auf die Früchte im Herbst.
Ach, zuerst reagierte die Stadtgärtnerei mit Umpflanzen. Aber unterdessen ist das «Urban Gardening», das Gärtnern (überall) in der Stadt, weit verbreitet und zu einem fröhlichen gemeinschaftlichen Tun geworden. Es gibt sogar Imkerinnen und Imker auf den Dächern der Stadt Zürich. Maurice Maggi erzählt von New York, wo das «Guerilla Gardening» schon 1973 begonnen hat (zu der Zeit, als «das heilige Buch» meines Vaters heraus kam). Ausser mehr Grün brachte es auch mehr Frieden in die Parks von New York.

Sei wie ein Baum

So wie mir die Zusage, dass Gott da ist, Ruhe gebracht hat, so fühle ich mich aufgehoben im Psalm 1. Da ist die Rede davon, dass man an den Weisungen Gottes seine Lust haben kann. Dann ist man wie ein Baum, gepflanzt an Wasserläufen. (Auf diejenigen, welche machtgierig sind, braucht man nicht weiter zu achten; sie verwehen im Wind.)
Wie ein Baum möchte ich gern sein und am Wasser stehen. – Da fallen mir zwei eindrückliche Bücher ein, die ich in diesem Jahr gelesen habe:
In «Die Wurzeln des Lebens» von Richard Powers geht es 618 Seiten lang um Menschen und Bäume. Um die ältesten Mammutbäume der Welt zum Beispiel. Die Menschen, die sie unter Einsatz ihres Lebens retten wollen und doch scheitern an den Holzkonzernen, welche riesige Wälder abholzen lassen. Ich werde die Baumforscherin im Buch nicht vergessen und den Mann, der ihr Essen kocht, damit sie an ihrer Arbeit dran bleiben kann. Und ich werde die Frau und den Mann in Erinnerung behalten, die hoch oben, unendlich hoch oben auf einer Plattform in einem Mammutbaum viele Wochen aushalten, um das Fällen des Baumes zu verhindern.
Vielleicht kochen wir nur Suppe für eine Forscherin, oder aber wir wagen mehr. Hauptsache wir gehen «nicht nach den Machenschaften der Mächtigen» (Psalm 1,1). Die Weisung Gottes heisst doch wohl, «den Garten zu bearbeiten und zu beaufsichtigen» (Genesis 2,15), auf dass alles darin gedeihen kann. (Die alte Interpretation des «sich untertan Machens» gehört zu den Machenschaften der Machtgierigen.)
Mein zweites Buch heisst «Die Geschichte des Wassers», geschrieben von Maja Lunde. Das Buch spielt sowohl in unserer Gegenwart (2017), als auch in der Zukunft (2041). Die Beschreibung der Wasserknappheit im Süden Europas ist sehr beklemmend. Es ist nicht mehr Trinkwasser für alle da. Auch ein Vater und seine Tochter fliehen nordwärts (von Süd- nach Nordfrankreich!). – Das Buch hat mich aufgerüttelt. Ich war froh, dass es am Ende (für die beiden) Hoffnung gab. Einer der letzten Sätze heisst: «Wir lassen das Alte hinter uns. Wir werden ankommen.» Mich erinnert das an einen meiner Lieblingssätze aus der Bibel: «Siehe, ich mache Neues, jetzt spriesst es auf, erkennt ihr es nicht?» (Jesaja 43,19)

Es ist Zeit

Es ist Zeit, wieder zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Mit aller Kraft und gemäss Paulus in seinem «Hohelied der Liebe» im Korintherbrief, Kapitel 13. Ich will es versuchen. Ich will der Angst ein grosses «Dennoch» entgegensetzen:

Tun wir «um Gottes Willen» etwas Mutiges! Seien wir Kinder Gottes, die in Solidarität zusammen halten. Die einander ermahnen, mitnehmen, begeistern für die Schöpfung, die jetzt leidet.

Glauben, hoffen, lieben

Drei Dinge: Ich will glauben, dass Gott immer noch «Ich-bin-da» heisst. Jetzt ist es an uns, dieses Da-Sein zu leben. Ich will hoffen, dass die Menschen guten Willens («Gutmenschen» genannt heutzutage) die Dinge zum Guten zu wenden vermögen. Mit Anstrengung. Mit überzeugendem Frohmut. Mit gemeinsamer Kraft. Ich will lieben.
Alles in allem will ich tun, was ich kann und mich nicht in meiner Selbstwirksamkeit lähmen lassen (nach Ingrid Riedel). – Wir können vielleicht die Welt nicht retten (vielleicht aber schon!). Aber wir können heute ein Apfelbäumchen setzen. Wir können heute alles tun, was in unserer Macht steht, um den Kurs unseres Erdenschiffes zu ändern. – Fröhlich machen mich da meine Frauen-Magazine, die ich manchmal lese. Sie sind voll von Ratschlägen zur Nachhaltigkeit. Flicken statt wegschmeissen. Plastikfrei unterwegs. Fröhlich macht mich meine Enkelin: «Mami, ich will bald mit dir in den ‹unverpackt Laden› gehen. Das sollten wir oft tun.» Hat sie zu meiner Tochter gesagt.
Und doch schlafe ich manchmal schlecht.