Ausgabe 2020/1

Kratzbürste

Text: Caterina John / 22.04.2025

Als ich sieben Jahre alt war, wollte ich Päpstin werden. Ich war davon überzeugt, dies sei der einzige Beruf, den man ausüben kann, wenn man vier Sprachen kennt. Dass es den Beruf der Dolmetscherin gibt, geschweige davon, dass man in der Schweiz sehr oft vier Sprachen gleichzeitig antrifft, ging mir damals noch nicht durch den Kopf. Päpstin schien mir ein wichtiger, sinnvoller und bedeutender Beruf, denn ich mochte den Geruch von Weihrauch, lange weisse Kleider, und (un-) freiwilliges Publikum textete ich ebenfalls sehr oft und gerne zu. Und ausserdem konnte ich bereits zwei Sprachen. Englisch und Französisch würde ich in der Schule lernen und somit alle Voraussetzungen für den Beruf der Päpstin erfüllen. In verwirrenden und beinahe verstörenden Gesprächen mit Verwandten stellte sich schnell heraus, dass mein Frau-Sein ein wohl unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zum Päpstinnentum darstellte. Später sollten sich meine Berufswünsche lange Zeit dauernd verändern. Einmal favorisierte ich den Architektinnenberuf, dann wiederum das Lehren, Zeichnen, Laborantin, Wissenschaftlerin… Schliesslich ging ich zu meiner Berufung, Päpstin zu werden, zurück. Und ich schaffte es. Mit einem kleinen Unterschied: Anstatt hinter Altären stehe ich auf Bühnen, die Predigten bleiben ungefähr dieselben. Und mittlerweile kann ich auch vier Sprachen.