Ausgabe 2020/4

«Da wär noch so ein Thema ...» | Vom mühsamen Sprechen über eigene sexuelle Wünsche

Als ich 2010 im Rahmen meiner Ausbildung zur Paar- und Familientherapeutin ein Arbeitsblatt mit dem Titel «Mein sexuelles Wunschszenario» vorgelegt bekam, war ich einigermassen verunsichert.

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© Sarah Wimmer
Text: Andrea Gross / 28.05.2025

Klar, ich wusste, was mir und meinem Körper gefällt, aber das jetzt in Worten formulieren … und dies im halböffentlichen Raum vor Kurskolleg*innen? Mein Innehalten teilten nahezu alle Mitstudierenden. Das Ausbildungsteam kommentierte unsere Zurückhaltung lediglich mit dem Hinweis, dass, wer mit Menschen über deren Beziehungen sprechen will, auch seine eigene Sexualität in Worten reflektieren können muss. Wir machten uns ans Werk … und taten alle einen grossen Schritt. Denn: das Sprechen-können über Wünsche, auch über Nicht-Wünsche, bezüglich unserer Sexualität schafft den Raum für erfülltes, zufriedenes Leben. Es erleichtert gegenseitiges Verstehen und bildet – ins Leben genommen – den Boden für Zufriedenheit an Körper, Geist und Seele; kurz: für den Frieden.

In der Paartherapie

In meiner Berufsarbeit als Paar- und Familientherapeutin in einer kirchlichen Beratungsstelle begegnet mir das Thema der Sexualität von Einzelnen oder Paaren ständig. Irgendwann gehört es nahezu in jede Paarberatung. Die Variabilität der Fragestellungen ist gross: von unterschiedlichen Vorstellungen beider Partner*innen zu gemeinsamen sexuellen Erlebnissen über «Bei uns geht nichts mehr» bis hin zu übergriffigen sexuellen Praktiken kommt alles vor. Meistens finden Gespräche dazu erst spät im Beratungszyklus statt. Als Therapeutin ist es mir ein Anliegen, dass die Paare selbst den Zeitpunkt finden, darüber zu sprechen, was sie mögen, stört oder beschäftigt. Nur so bleiben sie je einzeln und als Paar Subjekt ihrer selbst – Frauen wie Männer. So vergeht manchmal gut ein Jahr mit in der Regel monatlichen Beratungstreffen, bevor so ein Satz wie der in der Überschrift fällt: Da wär noch so ein Thema… Und in diesem Thema, das sich dann als Thema der sexuellen Begegnung herausstellt, spiegelt sich nicht selten der Kern des partnerschaftlichen Konflikts.

Sprach-los

Doch selbst, wenn das Thema «Sexualität» offenliegt, heisst das noch lange nicht, dass beide Partner*innen bereit sind im Dreiergespräch darüber zu reden. Die Sprachlosigkeit im Bereich unserer Sexualität ist gross. Wir haben keine Worte, viel Schamgefühl und oft auch keine Übung darüber zu sprechen. Wir haben es schlicht nicht gelernt und – noch gravierender – wir haben keine Kultur für dieses Gespräch über sexuelle Wunschszenarien. So haben wir es hier – nach meiner Auffassung – nicht nur mit einer persönlichen oder partnerschaftlichen Unfähigkeit zu tun, sondern auch mit einer lang tradierten gesellschaftlichen Prägung, die zu verändern Ausdauer und Atem braucht. Auf dem Weg dahin möchte ich drei Bereiche beleuchten, die unterschiedliche psychosoziale Wirklichkeiten in den Blick nehmen. Ich tue dies nicht aus wissenschaftlich-forschender Perspektive, sondern aus dem Blickwinkel als (Ehe)Frau, Mutter, Theologin und Therapeutin – aus meinen persönlichen und beruflichen Erfahrungen heraus.

Generation X (Jahrgänge 1965–80)

Heute erwachsene Menschen der Generation X im mitteleuropäischen Kulturraum sind zumeist in der Schule von Lehrerinnen und Lehrern aufgeklärt worden. Dies manchmal sogar parallel in unterschiedlichen Schulfächern. Von der Elterngeneration wurde es als wichtig erachtet, dass Kinder schon früh lernen, Geschlechtsteile zu benennen, dass sie wissen wie Kinder entstehen und dass sie geschlechtsspezifische sexuelle Wünsche und Praktiken kennen. In meiner eigenen Schulzeit waren vor allem immer wieder abnormale sexuelle Verhaltensweisen – wie z.B. das Treiben von «Triebtätern» Thema. Es ist mir bis heute schleierhaft warum. Jugendzeitschriften wie die «BRAVO» haben im deutschsprachigen Raum in den 1960er und 70er Jahren das Bedürfnis nach individueller Information von Jugendlichen befriedigt und sexuelle Erlebnisse geprägt; währenddessen spielen in den Erzählungen vieler meiner Alterskolleg*innen die eigenen Eltern kaum eine Rolle beim eigenen Buchstabierenlernen sexueller Wünsche.

Weibliche Zwickmühle

Mit zunehmendem Alter und grösserer sexueller Erfahrung ist vor allem bei Frauen oftmals ein Emanzipationsprozess in Gang gekommen, der die Besinnung auf eigene Wünsche und die weibliche Würde zumindest bewusst gemacht hat. Dennoch: auch bei Frauen mit solchen Bewusstwerdungsprozessen begegnet mir im Kontext der Beratung die Situation, dass sie ihre sexuellen Wünsche als minderwertig empfinden, die ihres Partners als zu erfüllen verstehen und diese auch gegen eigene Widerstände befriedigen. Die Scham über diese Zwickmühle zu sprechen ist gross, und es braucht viel Vertrauen, Absicherung und Geborgenheitsgefühl, um das Thema der (berechtigten) eigenen sexuellen Wünsche oder Nicht-Wünsche im Paarsetting hilfreich zu thematisieren.

Millennials (Jahrgänge 1981–1996)

Mit den «eigenen» Kindern wollte es die Generation X vielleicht anders machen als selbst erlebt. Und so kam es, dass seit Anfang der 1980er Jahre pädagogisch-kreative Bilderbücher über den eigenen Körper und sexuelle Aufklärung schon für die Jüngsten den Kinderbuchmarkt fluteten. Eltern meiner Generation und Kultur haben sich bemüht, ihren Kindern Sexualität als «etwas Normales» zu vermitteln und bestenfalls auch dafür gesorgt, dass jedes einzelne Kind und auch das Elternpaar selbst einen intimen unteilbaren Freiraum dafür erhält. Ein grosser Balanceakt! Diesen individualisierten Freiraum haben die Millennials verinnerlicht, scheint mir. Viele junge Erwachsene wissen heute, dass Sexualität ein hoch individuelles und intimes Erleben ist. Wirklichkeiten wie HIV und zukünftig vielleicht auch Pandemien wie Covid-19 lassen sie ihre Sexualpartner sehr sorgfältig aussuchen. Für die Erforschung ihrer eigenen sexuellen Wünsche scheuen sie nicht davor zurück, Videos zu konsultieren.

«Wie es mir gefällt»

In der Beratungssituation (also dann, wenn sie Probleme haben!) sind junge Paare schnell daran, die eigene Sexualität zu thematisieren, allerdings ist das oft wirklich die «eigene» und nicht die Bedürfnissituation der beiden Partner*innen. Es herrscht nach meinem Erleben ein moderater, sympathischer «Pippi-Langstrumpf-Egoismus»: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Dieser führt jedoch auch zu schwierigen partnerschaftlichen Situationen. Denn: die Freiheit der Befriedigung eigener Wünsche endet stets an der Freiheit des Sexualpartners für seine eigenen Wünsche. In der hormonbefeuerten ersten Zeit der Verliebtheit mag eine Diskrepanz darin kein grosses Problem sein, aber spätestens in der nächsten Phase einer Partnerschaft werden Gespräche (und Kompromisse) zu sexuellen Wünschen zum entscheidenden Instrument partnerschaftlicher Zufriedenheit.

Im Setting der Paarberatung

Dieses Gespräch zu lernen und zu kultivieren kann eines von verschiedenen Zielen in der individuellen Paartherapie sein. Das gibt Sicherheit für emotionale Beteiligung und eine gute Chance auf Lernerfolg. Die grosse Zurückhaltung von Menschen, über das eigene sexuelle Begehren zu sprechen, löst sich in meiner Erfahrung schnell, wenn sie Sprachvorschläge erhalten, aus denen nur ausgewählt werden muss. Oder auch, wenn Kreativität und Spannung erzeugt werden können, die neugierig machen. Zwei Interventionen aus der Paartherapie, die dies versuchen, stelle ich kurz vor:

Kartenspiel «Meine sexuellen Wünsche»

Das Paar erhält gemeinsam Papierbögen mit ca. 150 Kärtchen, auf denen Wünsche aus dem Bereich der Sexualität aufgeschrieben sind. Diese Karten sollen sie zunächst gemeinsam ausschneiden und dabei gleichzeitig lesen. Jede*r sucht sich daraus 10 Karten aus, die ihr/ihm wichtig sind. Abwechselnd werden die Karten nun vorgestellt und mithilfe von Nachfragen der Beraterin und/oder des Partners/ der Partnerin erläutert. Anschliessend werden die Karten in drei Ringe abgelegt: Wünsche, die für mich meistens erfüllt sind. Wünsche, die unerfüllt sind. Wünsche, die unerfüllt sind und für mich sehr wichtig sind. In einer «fortgeschrittenen» Variante einigen sich die Partner*innen auf je einen Wunsch, den sie der/dem anderen erfüllen möchten. Dafür wird ein konkreter Zeitrahmen vereinbart.

Liebesbrief «Mein sexuelles Wunschszenario»

Beide Partner*innen erhalten von der Therapeutin ein leeres Blatt mit dem oben angegebenen Titel. Sie dürfen auf das Blatt alles schreiben, was sie sich sexuell wünschen, unabhängig von Realität, Partnerbindung, Zeit und Raum. Aufgabe ist es, dieses Blatt dem Partner/der Partnerin in der nächsten Sitzung zum stillen Lesen zu übergeben. Es wird Stillschweigen über die Inhalte vereinbart. Fragen und Kommentare der Partner*innen aneinander werden anschliessend vom Therapeuten moderiert.

Sprechen … Lernen!

Einen Artikel zum Thema «Sprechen über Sex» habe ich im Mai als Auftrag übernommen. Meine persönliche und meine berufliche Erfahrung ist es, dass dies ein zweidimensionaler Imperativ ist. Klar können wir über Sex sprechen. Das tun heute viele: Zeitungen, Videos, Medien, Profis und Amateure – mehr oder weniger taktvoll. Aber das Sprechen von den eigenen sexuellen Wünschen ist etwas anderes, etwas, das Intimität und Empathie beinhaltet, ein zerbrechliches und leicht verletzendes Unterfangen! Dies alles im «Sprechen über Sex» zu berücksichtigen braucht so etwas wie eine neue Alphabetisierung, ein mir und dem/der anderen zugewandtes neues Sprechenlernen. Ein insgesamt mühsames Experiment, das aber die Grösse hat, so manches individuelle und partnerschaftliche Wunder zustande zu bringen.