Akt 1
Auf meinem Bett in den Nächten suchte ich ihn, den ich liebe wie mein Leben. Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen, will herumgehen in der Stadt, in Strassen, auf Plätzen suchen will ich ihn, den ich wie mein Leben liebe. Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht. Es fanden mich Soldaten, sie sind’s, die in der Stadt herumgehen. Habt ihr ihn gesehen, den ich wie mein Leben liebe? Gerade als ich an ihnen vorüber war, da fand ich den, den ich liebe wie mein Leben. Ich fasste ihn und liess ihn nicht los, bis ich ihn gebracht hatte ins Haus meiner Mutter und ins Zimmer derer, die mit mir schwanger war. (Hohelied 3,1-4) So sang Maria aus Magdala. Sie sang diese Verse, gelehrt von ihrer Mutter, als sie den Verlust ihres Geliebten betrauerte. Sie hatte Jesus geliebt. Sie stand dort am geöffneten Grab. Und nun war der Leichnam des Geliebten fort. Ihr Blick blieb am Grab verhaftet und schwach tönte die Melodie: «Ich will ihn suchen, den ich wie mein Leben liebe. Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht.» Zwei Engel fand sie, die dort im Grab standen und sie ansprachen: «Was weinst Du?» Und Maria antwortete unter Tränen: «Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingebracht haben.» Gerade als sie an den Engeln vorüber war, fand sie Jesus. Aber sie wusste nicht, dass er der war, den sie liebte wie ihr Leben. Aber als sie ihn erkannte, wollte sie ihn anfassen und nicht mehr loslassen und ihn in ihr Haus bringen.
Rückblende
Als sie sich das erste Mal erkannten, wollten sie sich umfassen und nie mehr loslassen. Ihre Berührungen brannten auf der Haut und hatten sie beide belebt. Maria und Jesus lagen eng umschlungen auf dem Lager. Sie hatten sich innig geliebt, waren immer wieder ihrer Lust gefolgt. Sie verbanden ihre Seelen und ihre Körper. Eine Verbindung, die sie nie wieder lösen wollten. Glücklich, wer diese Liebe erleben darf. Nun waren sie erschöpft eingeschlafen. Ihre verschwitzten Körper verbunden zu einem. «Sieh doch, du bist schön, meine Freundin» hatte er geflüstert. «Sieh doch, du bist schön mein Geliebter, so lieblich, so grün unser Bett, die Bretter unseres Hauses Zedern, unsere Balken Zypressen.» Sie hatten sich begehrt und ihre Früchte im Gaumen hatten süss geschmeckt. Das innerste von Marias Schoss hatte ihm entgegengestöhnt. Sie legten einander wie ein Siegel auf das Herz, wie ein Siegel auf den Arm. Denn stark wie der Tod ist die Liebe und hart wie das Grab die Leidenschaft.
Akt 2
Nun stand sie vor dem Grab ihres Liebsten. Hart war das Grab. Ist die Liebe so stark wie der Tod? Maria fühlte sich gefangen am Ort des Todes, konnte nicht fortgehen, den Blick nicht abwenden. Hilflos. Im Garten unter Zedern und Zypressen. Im Garten hatten sie sich geliebt, im Garten war nun der Tod. Und dann stand er wieder vor ihr. Als sie ihn erkannte, wollte sie ihn anfassen und nicht mehr loslassen und ihn in ihr Haus bringen.
Akt 3
Doch er sagte zu ihr: «Halte mich nicht fest.» Maria durfte ihren Geliebten nicht mehr halten, wie sie es sonst tat, nicht seinen Kopf in ihren Schoss legen, sein Haar streicheln, seine Haut berühren, seinen Herzschlag spüren. Welch ein Schmerz! Ihr Geliebter war wieder da und war doch ein anderer. Er sagte so sanft zu ihr: «Maria.» Wie er es immer gesagt hatte. Wie er es in ihr Ohr geflüstert hatte, wenn ihre verschwitzen Körper sich im Höhepunkt wiegten. «Maria, nur du kannst weitererzählen, was geschehen ist.» Sie wandte ihren Blick fort vom Grab in den Garten. Liebe ist stark wie der Tod. Sie spürte sein Siegel auf ihrem Herz. Stärker als der Tod ist die Liebe. Er schickte sie fort. Sie hatte einen Auftrag. Sie allein, als erste, als einzige konnte allen erzählen: «Jesus ist auferstanden. Er ist nicht fort.» Sie musste sich vom Tod zum Leben wenden, aufstehen. Sie wusste, wenn sie vom Grab fortging, dann war das Band der Leidenschaft für immer zertrennt. Aber die Liebe war da. Die Liebe galt ihr, und sie galt allen und sie, Maria, sollte davon erzählen. Sie schritt langsam Richtung Stadt, der Schmerz des Verlustes lag schwer auf ihr und war nicht einfach fort. Aber konnte nicht sie als einzige wirklich berichten, wie sie ist, diese Liebe, die Jesus allen versprach, denn sie hatten einander geliebt, sie hatten sich die Siegel auf ihre Herzen gelegt. Nichts konnte diese Liebe auslöschen. Und so ging sie hin und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: «Ich habe Jesus, den Lebendigen, gesehen.»
Durch meine exegetische Auseinandersetzung mit der Auferstehungserzählung des Johannesevangeliums stiess ich auf die deutlichen Anklänge an das Hohelied … In der exegetischen Literatur wird schon seit jeher auf diese Ähnlichkeiten hingewiesen: Eine Frau sucht allein im Dunkel nach einem geliebten Mann. Sie begegnet zunächst nicht ihm, sondern Wächtern/Engeln. Nachdem sie diese passiert, findet sie den Geliebten und will ihn festhalten. Wie die Beziehung zwischen Jesus und Maria genau aussah, darüber schweigt der Text. Aber das Wort ἅπτω für anfassen (Johannes 20,17), wird andernorts (z.B. 1. Korinther 7,1) explizit für sexuelle Beziehungen gebraucht. Die Anklänge an das Hohelied geben auf jeden Fall genug Material, um eine erotische Liebesbeziehung zwischen Maria und Jesus zu imaginieren, auch wenn sich die meisten Ausleger*innen vehement gegen die Existenz einer solchen Beziehung aussprechen.