Teilweise ist das zu erwarten, denn Religionen haben immer auch die Funktion, Regeln und Orientierungen für das gesellschaftliche Leben zu geben. Deshalb machen sie Vorschriften darüber, wer mit wem, wann und unter welchen Umständen Sex haben darf, und wer auf welche Weise für die Versorgung der daraus entstehenden Kinder zuständig und dazu berechtigt ist. Da nicht alle Menschen schwanger werden und Kinder gebären können, gibt es objektiv einen gesellschaftlichen Regelungsbedarf dazu, wie Verantwortlichkeiten von Erwachsenen gegenüber Kindern geregelt werden. Die meisten Kulturen unterscheiden entlang der reproduktiven Differenz zwischen Frauen und Männern und entwerfen Normen für Familienformen und Geschlechterbeziehungen.1
Restriktives Christentum
Doch die christliche Beschäftigung mit dem Thema Sex scheint über diese pragmatische Notwendigkeit, reproduktive Regeln zu schaffen, hinauszugehen. Christliche Positionen erscheinen obsessiver und restriktiver als in anderen Religionen und als es aufgrund der menschlichen Fortpflanzungsbiologie notwendig und sinnvoll wäre. Wieso? Am Neuen Testament kann es nicht liegen, denn die Themen Sex und Kinderkriegen spielen in den Texten keine sonderlich prominente Rolle – anders als zum Beispiel Fragen von Armut, Gerechtigkeit, Frieden, Arbeit, Macht, Gewalt und Ähnliches. Warum wurde das Christentum dennoch zu einer besonders mit sexuellen Fragen beschäftigten Religion?
Sex in den Apokryphen
Möglicherweise gibt es noch andere Erklärungen, und zwar solche, die zu den Anfängen der christlichen Gemeinden zurückreichen. In dem kürzlich erschienenen Sammelband «Antike christliche Apokryphen. Marginalisierte Texte des frühen Christentums»2, herausgegeben von Outi Lehtipuu und Silke Petersen, sind Texte versammelt, die in den ersten drei christlichen Jahrhunderten geschrieben wurden, es aber nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben. Schriften wie zum Beispiel das Thomasevangelium oder das Evangelium der Maria, die Thekla- oder Johannes-Akten oder auch die Hypostase der Archonten lassen es in mehrfacher Hinsicht plausibel erscheinen, dass sich die frühen Gemeinden von Jesus-Anhänger*innen nach dessen Tod ausführlich mit dem Thema Sex beschäftigten.
Von heute aus gesehen erscheint das Christentum als eine relative kohärente Religion mit zumindest einigen klaren Grundprinzipien. Bei der Lektüre der apokryphen Texte wird jedoch klar, dass die Bandbreite von Ansichten und Themen, die in den frühen christlichen Gemeinschaften diskutiert wurden, sehr viel breiter war als das, was heute als christlich gilt. Der etablierte christliche Kanon bildete sich erst im 4. bis 6. Jahrhundert heraus, oder besser gesagt: jene Interpretation von Jesu Leben und Tod, die in diesen Auseinandersetzungen letztlich «gewonnen» hat. In den ersten Jahrhunderten stand hingegen noch kaum etwas fest, sondern es gab das, was die Autorinnen des Buches treffend «viele alternative Christentümer» nennen.
Göttlicher Jesus blutig geboren?
Bei diesen Diskussionen darüber, wie genau Christentum zu verstehen sei, spielte aber nun gleich in mehrfacher Hinsicht die Auseinandersetzung um Sex und Geschlechterdifferenzen eine wichtige Rolle. Erstens bei der Frage, was genau es eigentlich bedeutet, dass Gott ein Mensch ist. Die Frage nach der Natur Christi war bekanntlich in der frühen Christenheit sehr umstritten und wurde erst beim Konzil von Chalcedon im Jahr 451 mit der Formel «wahrer Mensch und wahrer Gott, unvermischt und unteilbar» entschieden. Allerdings machte den Gemeinden in den ersten früh-christlichen Jahrhunderten noch etwas anderes zu schaffen. Und zwar die Tatsache, dass im Alten Israel blutende Frauen und damit auch das Blut bei der Geburt als unrein galt. Durch den Einfluss der hellenistischen Philosophie wurde Geburt zu etwas irdisch-materiellem, also geradezu zum Gegenpart der geistig-spirituell-erhabenen Sphäre des wirklich Religiösen. Vor diesem Hintergrund war die Vorstellung einer gleichzeitigen Gott-Mensch-Wesenheit sehr beunruhigend: Wurde das Göttliche in Jesus nicht verunreinigt, wenn er als Fötus sich durch einen Geburtskanal quetschen musste und voller Blut und Schmiere das Licht der Welt erblickte?
Die saubere Geburt
Das Geschlechtliche, die Rolle von Maria, die Gebürtigkeit Jesu und wie sie zu verstehen sind, waren wichtige Themen, die in der Anfangszeit des Christentums theologisch und philosophisch geklärt werden mussten. Manche Erzählungen versuchten, das Geschehen weniger eklig und feucht darzustellen, etwa indem Maria an sich herunterschaut und überrascht feststellt, dass das Baby Jesus ohne Schmerz und Schmutz quasi aus ihr herausdiffundiert ist. Andere bemühen sich, Maria theologisch «reinzuwaschen», indem man zwar zugibt, dass sie als Schwangere und Gebärende irgendwie mit etwas Sexuellem in Kontakt gekommen sein muss, aber dass es in ihrem Fall nicht so richtig zählt, sondern «unschuldiger» abgelaufen sein mag. Jedenfalls erforderte der Glaube an eine zweifache göttlich-menschliche Natur Jesu eine Revision antiker Vorstellungen von Sexualität, Geschlechtlichkeit und Geburtlichkeit.
Geschlechtsneutraler Christus
Eine zweite Frage, die die frühe Christenheit zu beantworten hatte (und, wenn man es genau nimmt, bis heute diskutiert) ist die, was es bedeutet, dass Jesus ein Mann war. Insofern Gott in Christus Mensch wird, wird er eben auch ein geschlechtlich markierter Mensch – Jesus war ein Mann und keine Frau. Es musste also geklärt werden, in welchem Verhältnis diese Männlichkeit der Person von Jesus zur letztlich «geschlechtsneutralen» Bedeutung Christi für alle Menschen steht. Dazu gibt es gleich mehrere interessante apokryphe Texte, in denen versucht wird, Jesu Männlichkeit zu relativieren und gewissermassen aufzuweichen, wie zum Beispiel in einer Vision der Märtyrerin Priscilla, der Christus als Frau erschienen ist (geschildert im «Panarion» des Epiphanius von Salamis). Offenbar hatte man verstanden, dass eine männliche Konkretisierung in der Person Jesu die Figur des Erlösers tendenziell partiell und weniger universell macht: Ein Mann ist eben nur eine von mehreren Varianten an Menschen. Wie kann der Mann Jesus für alle Menschen sprechen und relevant sein, auch für Frauen? Eine mögliche Antwort geben Texte, in denen Christus mit weiblichen Attributen ausgestattet wird, wie etwa bei Clemens von Alexandria, der in seinem «Paidagogos» den christlichen «Logos» mit Brüsten vergleicht, die Milch geben.3
Im Mann ist die Frau mitgemeint
Die offizielle christliche Doktrin wurde jedoch in eine andere Richtung entwickelt. Statt eine Androgynität Jesu herauszustellen, löste die Kirche das Problem patriarchal und schloss sich damit der in der Spätantike und im Mittelalter vorherrschenden Auffassung an, wonach Frauen lediglich unvollständige und minder ausgestattete Männer sind. Damit wird die Frage, ob der Mann Jesus sie repräsentieren kann, überflüssig. Natürlich kann er das – gewissermassen als theologische Version des generischen Maskulinums: Im Männlichen ist das Weibliche «mitgemeint», andersrum aber nicht.
Sex im Paradies?
Ein drittes Thema, bei dem das frühe Christentum über Sexualität und Geschlecht diskutieren musste, war die Frage nach einer christlichen Neuinterpretation von Adam und Eva und der Paradiesgeschichte. Viele Jesus-Anhänger*innen verstanden die Lehre vom Reich Gottes und die jesuanische Ethik so, dass sie den Menschen einen Weg zurück in paradiesische Zustände eröffnet – zur Erlösung.4 Das Paradies führt aber direkt zu Adam und Eva und damit zur Frage nach der Entstehung und Bedeutung der Geschlechterdifferenz selbst. Die Vertreibung aus dem Paradies wird in der Genesis so geschildert, dass sich die Menschen ihrer Geschlechtlichkeit bewusst wurden und nicht mehr «unschuldig» nackt im Garten herumgingen. Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies wurden also religiöse und gesellschaftliche Regeln und Grenzen in Bezug auf Sexualität notwendig. Wenn die Menschen nun aber durch Jesus zurück ins Paradies kommen, sind sie dann immer noch an diese Regeln und Grenzen gebunden? Sind wir als Menschen dann wieder eins, so wie Adam, das geschlechtslose Menschenwesen? Oder bleiben wir geschlechtlich markiert, aber die Unterschiede spielen keine Rolle mehr? Anders gefragt: Gibt es im Paradies überhaupt noch Sex?