Ausgabe 2020/4

Wie der Sex ins Christentum kam

Das Christentum ist besessen von Sex.

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© Sarah Wimmer
Text: Antje Schrupp / 28.05.2025

Teilweise ist das zu erwarten, denn Religionen haben immer auch die Funktion, Regeln und Orientierungen für das gesellschaftliche Leben zu geben. Deshalb machen sie Vorschriften darüber, wer mit wem, wann und unter welchen Umständen Sex haben darf, und wer auf welche Weise für die Versorgung der daraus entstehenden Kinder zuständig und dazu berechtigt ist. Da nicht alle Menschen schwanger werden und Kinder gebären können, gibt es objektiv einen gesellschaftlichen Regelungsbedarf dazu, wie Verantwortlichkeiten von Erwachsenen gegenüber Kindern geregelt werden. Die meisten Kulturen unterscheiden entlang der reproduktiven Differenz zwischen Frauen und Männern und entwerfen Normen für Familienformen und Geschlechterbeziehungen.1

Restriktives Christentum

Doch die christliche Beschäftigung mit dem Thema Sex scheint über diese pragmatische Notwendigkeit, reproduktive Regeln zu schaffen, hinauszugehen. Christliche Positionen erscheinen obsessiver und restriktiver als in anderen Religionen und als es aufgrund der menschlichen Fortpflanzungsbiologie notwendig und sinnvoll wäre. Wieso? Am Neuen Testament kann es nicht liegen, denn die Themen Sex und Kinderkriegen spielen in den Texten keine sonderlich prominente Rolle – anders als zum Beispiel Fragen von Armut, Gerechtigkeit, Frieden, Arbeit, Macht, Gewalt und Ähnliches. Warum wurde das Christentum dennoch zu einer besonders mit sexuellen Fragen beschäftigten Religion?

Sex in den Apokryphen

Möglicherweise gibt es noch andere Erklärungen, und zwar solche, die zu den Anfängen der christlichen Gemeinden zurückreichen. In dem kürzlich erschienenen Sammelband «Antike christliche Apokryphen. Marginalisierte Texte des frühen Christentums»2, herausgegeben von Outi Lehtipuu und Silke Petersen, sind Texte versammelt, die in den ersten drei christlichen Jahrhunderten geschrieben wurden, es aber nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben. Schriften wie zum Beispiel das Thomasevangelium oder das Evangelium der Maria, die Thekla- oder Johannes-Akten oder auch die Hypostase der Archonten lassen es in mehrfacher Hinsicht plausibel erscheinen, dass sich die frühen Gemeinden von Jesus-Anhänger*innen nach dessen Tod ausführlich mit dem Thema Sex beschäftigten.

Von heute aus gesehen erscheint das Christentum als eine relative kohärente Religion mit zumindest einigen klaren Grundprinzipien. Bei der Lektüre der apokryphen Texte wird jedoch klar, dass die Bandbreite von Ansichten und Themen, die in den frühen christlichen Gemeinschaften diskutiert wurden, sehr viel breiter war als das, was heute als christlich gilt. Der etablierte christliche Kanon bildete sich erst im 4. bis 6. Jahrhundert heraus, oder besser gesagt: jene Interpretation von Jesu Leben und Tod, die in diesen Auseinandersetzungen letztlich «gewonnen» hat. In den ersten Jahrhunderten stand hingegen noch kaum etwas fest, sondern es gab das, was die Autorinnen des Buches treffend «viele alternative Christentümer» nennen.

Göttlicher Jesus blutig geboren?

Bei diesen Diskussionen darüber, wie genau Christentum zu verstehen sei, spielte aber nun gleich in mehrfacher Hinsicht die Auseinandersetzung um Sex und Geschlechterdifferenzen eine wichtige Rolle. Erstens bei der Frage, was genau es eigentlich bedeutet, dass Gott ein Mensch ist. Die Frage nach der Natur Christi war bekanntlich in der frühen Christenheit sehr umstritten und wurde erst beim Konzil von Chalcedon im Jahr 451 mit der Formel «wahrer Mensch und wahrer Gott, unvermischt und unteilbar» entschieden. Allerdings machte den Gemeinden in den ersten früh-christlichen Jahrhunderten noch etwas anderes zu schaffen. Und zwar die Tatsache, dass im Alten Israel blutende Frauen und damit auch das Blut bei der Geburt als unrein galt. Durch den Einfluss der hellenistischen Philosophie wurde Geburt zu etwas irdisch-materiellem, also geradezu zum Gegenpart der geistig-spirituell-erhabenen Sphäre des wirklich Religiösen. Vor diesem Hintergrund war die Vorstellung einer gleichzeitigen Gott-Mensch-Wesenheit sehr beunruhigend: Wurde das Göttliche in Jesus nicht verunreinigt, wenn er als Fötus sich durch einen Geburtskanal quetschen musste und voller Blut und Schmiere das Licht der Welt erblickte?

Die saubere Geburt

Das Geschlechtliche, die Rolle von Maria, die Gebürtigkeit Jesu und wie sie zu verstehen sind, waren wichtige Themen, die in der Anfangszeit des Christentums theologisch und philosophisch geklärt werden mussten. Manche Erzählungen versuchten, das Geschehen weniger eklig und feucht darzustellen, etwa indem Maria an sich herunterschaut und überrascht feststellt, dass das Baby Jesus ohne Schmerz und Schmutz quasi aus ihr herausdiffundiert ist. Andere bemühen sich, Maria theologisch «reinzuwaschen», indem man zwar zugibt, dass sie als Schwangere und Gebärende irgendwie mit etwas Sexuellem in Kontakt gekommen sein muss, aber dass es in ihrem Fall nicht so richtig zählt, sondern «unschuldiger» abgelaufen sein mag. Jedenfalls erforderte der Glaube an eine zweifache göttlich-menschliche Natur Jesu eine Revision antiker Vorstellungen von Sexualität, Geschlechtlichkeit und Geburtlichkeit.

Geschlechtsneutraler Christus

Eine zweite Frage, die die frühe Christenheit zu beantworten hatte (und, wenn man es genau nimmt, bis heute diskutiert) ist die, was es bedeutet, dass Jesus ein Mann war. Insofern Gott in Christus Mensch wird, wird er eben auch ein geschlechtlich markierter Mensch – Jesus war ein Mann und keine Frau. Es musste also geklärt werden, in welchem Verhältnis diese Männlichkeit der Person von Jesus zur letztlich «geschlechtsneutralen» Bedeutung Christi für alle Menschen steht. Dazu gibt es gleich mehrere interessante apokryphe Texte, in denen versucht wird, Jesu Männlichkeit zu relativieren und gewissermassen aufzuweichen, wie zum Beispiel in einer Vision der Märtyrerin Priscilla, der Christus als Frau erschienen ist (geschildert im «Panarion» des Epiphanius von Salamis). Offenbar hatte man verstanden, dass eine männliche Konkretisierung in der Person Jesu die Figur des Erlösers tendenziell partiell und weniger universell macht: Ein Mann ist eben nur eine von mehreren Varianten an Menschen. Wie kann der Mann Jesus für alle Menschen sprechen und relevant sein, auch für Frauen? Eine mögliche Antwort geben Texte, in denen Christus mit weiblichen Attributen ausgestattet wird, wie etwa bei Clemens von Alexandria, der in seinem «Paidagogos» den christlichen «Logos» mit Brüsten vergleicht, die Milch geben.3

Im Mann ist die Frau mitgemeint

Die offizielle christliche Doktrin wurde jedoch in eine andere Richtung entwickelt. Statt eine Androgynität Jesu herauszustellen, löste die Kirche das Problem patriarchal und schloss sich damit der in der Spätantike und im Mittelalter vorherrschenden Auffassung an, wonach Frauen lediglich unvollständige und minder ausgestattete Männer sind. Damit wird die Frage, ob der Mann Jesus sie repräsentieren kann, überflüssig. Natürlich kann er das – gewissermassen als theologische Version des generischen Maskulinums: Im Männlichen ist das Weibliche «mitgemeint», andersrum aber nicht.

Sex im Paradies?

Ein drittes Thema, bei dem das frühe Christentum über Sexualität und Geschlecht diskutieren musste, war die Frage nach einer christlichen Neuinterpretation von Adam und Eva und der Paradiesgeschichte. Viele Jesus-Anhänger*innen verstanden die Lehre vom Reich Gottes und die jesuanische Ethik so, dass sie den Menschen einen Weg zurück in paradiesische Zustände eröffnet – zur Erlösung.4 Das Paradies führt aber direkt zu Adam und Eva und damit zur Frage nach der Entstehung und Bedeutung der Geschlechterdifferenz selbst. Die Vertreibung aus dem Paradies wird in der Genesis so geschildert, dass sich die Menschen ihrer Geschlechtlichkeit bewusst wurden und nicht mehr «unschuldig» nackt im Garten herumgingen. Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies wurden also religiöse und gesellschaftliche Regeln und Grenzen in Bezug auf Sexualität notwendig. Wenn die Menschen nun aber durch Jesus zurück ins Paradies kommen, sind sie dann immer noch an diese Regeln und Grenzen gebunden? Sind wir als Menschen dann wieder eins, so wie Adam, das geschlechtslose Menschenwesen? Oder bleiben wir geschlechtlich markiert, aber die Unterschiede spielen keine Rolle mehr? Anders gefragt: Gibt es im Paradies überhaupt noch Sex?


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© Sarah Wimmer

Sexlosigkeit als Befreiung

Diese Debatte führt direkt weiter zur Frage der Reproduktion. Im Paradies werden keine Kinder geboren, das muss Eva erst nach der Vertreibung aus dem Paradies. Ursprünglich erwarteten viele Menschen, die sich der Jesusgemeinschaft anschlossen, das Ende der Zeiten für die nahe Zukunft. Da in den frühen Gemeinden ausserdem die Orientierung an «jenseitigen» Massstäben (und eine Abwertung «irdischer» Verhältnisse) verbreitet war, wurde die Ehelosigkeit und damit auch Sexlosigkeit und ein Leben ausserhalb heteronormativer Paarbeziehungen generell zu einem Ideal. Gerade auch für Frauen war das interessant, die in den frühen christlichen Gemeinschaften eine Alternative zur Position der weitgehend rechtlosen Ehefrau in einer patriarchalen Kultur fanden.

Notwendigkeit zur Fortpflanzung

Als sich aber herausstellte, dass die Weltgeschichte doch noch länger dauert als nur ein paar Jahre, kehrte auch die Notwendigkeit der menschlichen Reproduktion zurück. Auch Christinnen mussten also weiterhin Kinder bekommen, und diese «Rückabwicklung» früherer Ideale hat sicherlich schwierige Diskussionen mit sich gebracht. Auf jeden Fall war es notwendig, zwischen den sexuell enthaltsamen Ursprüngen und der mittel- und langfristigen Etablierung des Christentums einen Ausgleich zu finden und diesen theologisch zu begründen: sich also erneut mit dem Thema Sex zu beschäftigen. Das führt schliesslich zwangsläufig zum letzten Aspekt, der zu heftigen Debatten über Geschlechterverhältnisse führte, nämlich die Notwendigkeit, die Rolle von Frauen in der entstehenden Kircheninstitution zu definieren. Die Antike war eine patriarchale Zeit, sowohl das Judentum als auch das Römische Reich hatten weitgehend männlich dominierte Strukturen und Institutionen. Die Vorstellung, dass «Frausein» mit politischen, gesellschaftlichen und religiösen Machtpositionen innerhalb fester Institutionen unvereinbar sei, war kulturell fest verankert.

Kann man Frauen glauben?

Das heisst freilich nicht, dass Frauen gesellschaftlich einflusslos waren, ihr Betätigungsfeld lag aber im informellen Bereich, in Netzwerken, Nachbarschaften, Bewegungen.

Auch in der Jesusbewegung waren etliche Frauen aktiv, wie man in den Evangelien nachlesen kann: Die erste Auferstehungszeugin und «Apostelin der Apostel» Maria von Magdala war eine Frau. Die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe geben darüber hinaus Zeugnis von mehreren Gemeinden, die von Frauen gegründet, geleitet und finanziert wurden. Doch dies alles stand nicht im Widerspruch zu zeitgenössischen Gepflogenheiten, da es sich um informelle Aktivitäten handelte. Wenn sich die neue Glaubensgemeinschaft nun aber als Religionsgemeinschaft institutionell organisieren wollte, auch noch mit staatlicher Anerkennung, mussten die frühen Gemeinschaften entscheiden, welche formale Position Frauen dabei mittel- und langfristig einnehmen würden. Das betrifft nicht nur den Streit um Ämter und Institutionalisierung. Es betrifft auch die Frage der Lehrautorität – ganze Evangelien beschäftigen sich mit der Frage, welche Autorität etwa Maria von Magdala oder Maria, die Mutter Jesu hatte. Musste man ihnen glauben, auch wenn sie Frauen waren? Und wie sollte das gehen?5

Überwinden von Sexfeindlichkeit

Es gibt also starke inhaltliche Gründe, warum das Thema Sexualität im Christentum eine so grosse Rolle spielt. Historisch hat das leider zu einer Tradition von Frauenhass und Sexfeindlichkeit geführt, zu den Hexenprozessen ebenso wie zur Legitimation von Eingriffen in die körperliche Selbstbestimmung von Frauen und zu reproduktiver Ungerechtigkeit. Aber heute liegt vielleicht gerade hier auch eine Chance. Angestossen von der Frauenbewegung und vom Feminismus sind Themen rund um die Geschlechterdifferenz heute wieder von grosser gesellschaftlicher Bedeutung, sowohl in Bezug auf die Reproduktion (Leihmutterschaft, Familienrecht, Abtreibung) als auch in Bezug auf die Definition von Geschlecht (Transgender, Intersexualität, geschlechtliche Diversität). Ein ideengeschichtlicher Hintergrund, der diesem Themenfeld eine grosse Bedeutung zuspricht, sich seiner eigenen schuldbehafteten Wirkungsgeschichte bewusst ist und von daher für eine Überwindung von Sexfeindlichkeit eintreten kann, ist da von Vorteil.

1 Vgl. dazu Antje Schrupp: Schwangerwerdenkönnen. Essay über Körper, Geschlecht und Politik, Rossdorf 2019.

2 Outi Lehtipuu, Silke Petersen (Hg): Antike christliche Apokryphen. Marginalisierte Texte des frühen Christentums, Stuttgart 2020.

3 Silke Petersen: The Female Side of Christ, Vortrag am 21.1.2020 in Frankfurt / Handout.

4 Vgl. Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker: Saving Paradies. How Christianity Traded Love of This World for Crucifixion and Empire, New York 2008.

5 Speziell zur lange wenig untersuchten Rolle von Maria, der Mutter Jesu, als Autoritätsfigur in den frühen Gemeinden vgl. Ally Kateusz: Mary and Early Christian Women, Pallgrave Macmillan (open Access), 2019.