Ausgabe 2020/4

«Es gibt nur richtig und richtig!»

Reden über Sexualität ist auch Sexualität

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© Sarah Wimmer
Aufzeichnung und Zusammenfassung: Simone Rudiger / Interviewee: Laura Méritt / 28.05.2025

FAMA: Laura, beim Stöbern auf deiner Webseite ist mir ein Begriff aufgefallen: «sexpositiv» …

Laura Méritt: Dieser Begriff ist in den 1970er-Jahren in der Diskussion um Pornografie entstanden. Es wurde in der Frauenbewegung heftig diskutiert, wie gewaltvoll die Strukturen in der Gesellschaft sind, wie sich das auf jede einzelne Person auswirkt, und wie wir gegen diese Strukturen vorgehen können. Ein zentraler Punkt war die Wirkmacht von Bildern im Allgemeinen und im Speziellen von pornografischen Bildern. Vor allem in der Mainstream-Pornografie wird viel Diskriminierendes, Sexistisches, Rassistisches und Gewaltvolles gezeigt. In jener Zeit wurde das volle Ausmass für die Gesellschaft thematisiert und es gab einen Flügel der Frauenbewegung, der sagte: «Wir wollen das gar nicht mehr sehen!» Als Reaktion darauf hat sich auch ein Standpunkt herausgebildet, der Pornografie als Darstellung von Sexualität definierte, die diese nicht als positiv oder negativ wertete und nicht per se als gewaltvoll. Das war auch der Punkt, an dem klar wurde: «Wir brauchen positive Bilder, wir brauchen positive Worte, eine positive Sprache.»

Sexpositiv heisst, dass die Frauenbewegung sich in allen gesellschaftlichen Bereichen dafür einsetzt, eine positive Beziehung, einen positiven Zugang zum eigenen Körper zu bekommen. Das war etwas, worin sich alle Flügel der Frauenbewegung einig waren. Und die Frauengesundheitsbewegung hat z.B. alle sexuellen Organe des weiblichen* Körpers benannt, die ja bisher entweder nicht vorkamen oder negativ besetzt waren.

FAMA: Gibt es auch «sexnegativ»?

LM: Diese Frage höre ich in den letzten Jahren öfters, aber das ist eine falsche Umkehrung. Sexpositiv bezieht sich auf unsere Schwerpunktsetzung, andere Flügel fokussieren sich auf andere Themen wie z.B. Spiritualität, Ökonomie, Umwelt etc. Unsere Gesellschaftsmoral war lange sexnegativ, manche Gesellschaften sind sexnegativ. Sexnegativ ist auch eine bestimmte Form der Darstellung von Sex oder die Normierung von Sexualität.

In jüngster Zeit erfolgte eine Vereinnahmung des Begriffes sexpositiv durch die Wirtschaft und die Industrie. Aber der feministischen Bewegung geht es um konkrete politische Forderungen und um Vielfalt, auch um Sichtbarkeit von alten, dicken, eingeschränkten Körpern und dass LGBTIQ* und BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) selbstverständlicher dargestellt werden und nicht als Fetisch oder Sonderkategorie eingeordnet werden. Mit PorYes – dem Feminist Porn Award – präsentieren wir solche feministischen Darstellungen. Wir müssen uns Körper in ihrer Vielfalt genauer anschauen, wir wollen die Klitoris komplett benennen und nicht nur Perle, Lippen, Loch. Wir wollen Wörter ändern und präzisieren, auch neue Bezeichnungen wie KlitCock oder Penoid aufnehmen, die für trans* und andere Menschen zutreffen können. Moralisierende Scham- und ideologische Begriffe wie «Jungfernhäutchen» führen ins Leiden und sollten aus dem Vokabular gestrichen werden. Und wir wollen lernen, wie unsere Körper funktionieren und was wir auch sexuell alles tun können, in einer achtsamen und konsensuellen Weise.

FAMA: Was sind aus deiner Sicht die Meilensteine dieser Bewegung?

LM: Seit den 1970ern ist sehr viel passiert: Es wurde analysiert und formuliert, was im Argen liegt, und danach gefragt, was wir tun können. Etwas Grundlegendes ist die Anatomie und hier auch die sexuelle. Es ist enorm wichtig, dass wir sie schon in der Schule lernen. Momentan hat die Klitoris ja ein Coming Out und das ist grossartig. Da haben wir lange darauf hingearbeitet, dass die Klitoris nicht als kleiner Punkt gesehen wird, sondern als riesiges Schwellgewebe, als grosser sexueller Komplex. Frauen* haben Potenz, jede Person hat Potenz, wir alle sind potent. Vor allem die Frauengesundheitsbewegung hat viel ganzheitliche Aufklärungsarbeit geleistet, in physischer, psychischer und geistiger Hinsicht. Es wurden Bücher dazu geschrieben, unter anderen das von mir aktualisierte und erneut herausgegebene «Frauenköper neu gesehen». Es ist nach wie vor eines der wenigen Nachschlagewerke, in der die komplette weibliche* Anatomie abgebildet ist.

Es gibt immer noch viel zu tun, gleichzeitig kennen vor allem jüngere Menschen sich viel besser aus, auch weil im Internet mehr Angebote gemacht werden und Informationen für alle erreichbarer sind.

Sexualität im Allgemeinen ist immer noch sehr stark in einem binären (zweipoligen) System männlich-weiblich und in einer binären Begehrensstruktur verhaftet: Als «normal» gilt Heterosexualität, und dieser «Fortpflanzungssex» (Schwanzpenetration in Möse und andere Öffnungen) wird in Büchern, Medien und (Mainstream-)Pornos permanent wiederholt. Die Werbung ist voll davon. Es ist eine sehr normierte Sexualität, die uns da berieselt, und die Bilder prägen stark, wie wir uns ver-halten. Gerade jungen Menschen, die sich dieser medialen Beeinflussung noch stärker aussetzen, fordert es sehr viel Bewusstseinsarbeit ab, sich zu befreien. Ich beobachte das natürlich auch bei mir und bin immer wieder erstaunt, wie stark Sozialisiertes im Körper, im Verhalten, in der Sprache festsitzt.

 


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FAMA: Ist das auch eines der Themen, das im Modul «Sprache und Sexualitäten» vorkommt?

LM: Ja, natürlich, Sprache ist etwas sehr Wichtiges. Da spielerischer zu werden, also weg von festen Identitäten, weg von Kategorien und hin zu Lust und dem Reichtum an Möglichkeiten, das ist das Ziel. Wir könnten so frei sein, dass es eigentlich keine Rolle mehr spielt, wie Körper aussehen, und wirklich in Fluss kommen, also gucken, was alles möglich ist. Da haben wir durch die queerfeministische und die Trans*bewegung oder den Trans*feminismus – dieses Wort finde ich ganz schön, weil es darauf hinweist, dass es jenseits von Geschlechtsidentität den Regenbogen zu entdecken gilt – schon ganz viel erreicht, und da ist noch viel zu gewinnen! Normierungen sind immer auch Zwangssysteme, aber letztendlich ist die Vielfalt die Norm. Das herrschende kategorisierende System schafft vermeintliche Sicherheit, ist vor allem aber ein Instrument zur Kontroll- und Machtausübung.

FAMA: Ist deshalb Sexualaufklärung politisch?

LM: Jede Gesellschaft in einer bestimmten Zeit definierte die menschliche Anatomie so, wie sie machtpolitisch gebraucht wurde. Deswegen gab es einen Frauen*körper, der Jahrhunderte lang keine Prostata und keine Schwellkörper hatte, und bei dem keine Ejakulation erfolgte; also eher eine Negativbeschreibung eines männlichen Menschen war. Im Moment ist es noch weitgehend so, dass der Mann als Norm konstruiert wird und dazu eine Frau, in die er passt. Sie hat eine Komplementärfunktion und ist vor allem dazu da, ihn zu befriedigen. Auf jeden Fall ist sie das Pendant, der Hauptakteur ist der Mann. Das sind ideologische Definitionen. Heute heisst es: «Diese Körper sind konstruiert!» Und diese Konstruktion machen wir nicht nur täglich auf einer individuellen Ebene, Konstruktionen sind auch etwas Strukturelles. Das Gute daran ist die Erkenntnis, dass wir sie de-konstruieren und ändern können.

FAMA: Was ist in dem ganzen Themenkomplex dein Herzensanliegen?

LM: Mir ist besonders wichtig, wie wir Lust zurückerobern, neu oder anders gestalten und in unserer Gesellschaft leben können. Sexpositiver Feminismus heisst zu lernen, positiv zu denken und natürlich positive Wörter zu finden wie «Viva la Vulva» oder «Wir spritzen zurück». Das sind lustige, lustbetonte und potente Ansätze, um uns selbst diese positive Kraft zu geben und anderen auch. Und es bedarf weiterer, auch öffentlicher Orte, die wir für unsere Sexualität einnehmen, wo wir Raumaneignung betreiben. Ein positiver Bereich ist die BDSM-Community, die grossen Wert darauf legt, dass vorher besprochen und verhandelt wird. Dass man sich vorher überlegt: «Was will ich eigentlich? Wie kann es denn gehen?» Dann gibt es die aktuelle Konsensdebatte. Sie führt uns genau dahin, worauf die Frauenbewegung schon lange hinweist: Finde heraus, was du willst und fasse den Mut zu sagen: «Das möchte ich, das geht grad nicht oder vielleicht ein anderes Mal, aber heute nicht … – Das hier fühlt sich jetzt toll an!» Es ist wichtig, bei dem «Nein» auch zu überlegen, wo ist denn das «Ja».

Seit dreissig Jahren führe ich die freitäglichen Freuden-Salons durch, mittlerweile eine kulturelle Institution. Ich empfehle in jeder Stadt, sich Leute einzuladen, um regelmässig am Thema Sex, Politik und Gender dran zu bleiben. Das erweitert den Horizont und alle üben das Reden über Sexualität, das vielen schwer fällt. Wir sehen das oft bei den Feminist Porn Salons zu PorYes, wo es um Austausch geht: Was seht ihr gerade, was sehe ich, was wollten die Filmemachenden sagen? Was ist feministisch daran, welche Kriterien gibt es? Die Leute, die mehrmals kommen, ändern ihre Betrachtungsweise und sie ändern auch ihre eigene Sexualität. Die eigene Konditionierung wird bewusst. Und das ist Übung! Fingerfertigkeit wie Maulfertigkeit, sexuelle Eloquenz lässt sich lernen. Reden über Sexualität ist ja auch Sexualität. Es gilt, die Definition von Sexualität zu erweitern und nicht zu werten: «Dieser Sex ist das einzig Richtige!» Es gibt nur richtig und richtig. Das ist es: Sich wirklich erlauben, zu experimentieren. Da können alle so viel lernen und Schönes erfahren, an sich selber und mit anderen zusammen.