Ausgabe 2020/4

Sexuelle Selbstbestimmung und Frauenhass | Von der Notwendigkeit neuer Männlichkeitskonzepte

In der traditionellen Geschlechterordnung schulden Frauen der Gesellschaft, der Familie, den Männern Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Sex.

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© Sarah Wimmer
Text: Franziska Schutzbach / 28.05.2025

Wenn Frauen zunehmend selbst über ihr Leben und auch über ihre Sexualität bestimmen, ruft das bei vielen Männern Aggression und Hass hervor. Wie hängen aber sexuelle Selbstbestimmung, Frauenfeindlichkeit und bestimmte Männlichkeitskonzepte zusammen?

Am 23. Mai 2014 tötete der 22-jährige Elliot Rodger in Santa Barbara, Kalifornien, sechs Menschen (und danach sich selbst). Das Motiv seiner Tat war Frauenhass. In seinem im Netz veröffentlichten Manifest gab er an, er habe diese Menschen stellvertretend aus Rache dafür getötet, dass er nicht das bekommen habe, was ihm von Frauen als Mann zustehe: Liebe, Sex, Anerkennung. In seinem Video sagte der Attentäter, er habe Menschen getötet, «weil die Weibchen dieser Welt unfähig waren, meinen Wert zu erkennen». Elliot Rodger war in den Jahren vor seiner Tat in verschiedenen frauenfeindlichen Internetnetzwerken wie der Pick Up Artist-Szene und der so genannten Incel-Bewegung unterwegs gewesen und hatte sich dort radikalisiert. Incel steht für «involuntary celibate», also für «unfreiwilliges Zölibat», und bezeichnet eine mittlerweile international aktive Bewegung von Männern, die «unfreiwillig enthaltsam» leben. Sie behaupten unter anderem, keine Frauen «abzukriegen», weil heutige Frauen sich bedauerlicherweise selbst aussuchen können, wie sie leben, mit wem sie Sex wollen – und mit wem nicht.

Die Incels verachten dabei nicht nur Frauen, die ihnen versagen, was ihnen als Männern angeblich zusteht. Sie sind auch voller Selbsthass und beklagen ihre eigene Unmännlichkeit. Sie sehen sich als Opfer einer zu weit gegangenen Emanzipation, die angeblich dazu führt, dass Männer «wie sie» keine Chancen mehr haben. Die Incel-Bewegung zelebriert dabei einen (selbst)destruktiven Ansatz. Es geht nicht darum, aus dem Leid hinauszufinden. Die Kommunikation in den Foren dreht sich darum, sich gegenseitig als Versager zu bestätigen, die eigene Hässlichkeit und die Hässlichkeit der anderen zu betonen und sich in Ausweglosigkeit zu suhlen. Als einzige Handlungsoptionen gelten folglich der Suizid oder die Aggression gegen Frauen, auch in Form von Anschlägen. Das alles klingt sehr extrem, aber die bei den Incels verbreiteten Ansichten und Gefühle geben ungeschönt und exemplarisch Einblick in grundlegende Muster misogyner Weltanschauung und die damit eng verbundenen Männlichkeitsbilder. Diese Verachtung von Frauen können wir nur verstehen, wenn wir uns mit bestimmten Männlichkeitskonzepten befassen, beziehungsweise mit deren Destabilisierung.

Wir müssen uns mit Männlichkeit befassen

Über Männlichkeit lässt sich zunächst, etwas zugespitzt formuliert, folgendes sagen: Das in der bürgerlichen Gesellschaft vorherrschende Männlichkeitsideal entsteht in einer hierarchischen Abgrenzung zu Weiblichkeit: Männlich ist, was nicht weiblich ist. Und unmännlich ist, was Anzeichen von Weiblichkeit aufweist. Beobachten lässt sich diese hierarchische Abgrenzung etwa bei männlichen Kindern und Jugendlichen, unter denen die Redewendung «wie ein Mädchen» klar negativ konnotiert ist: «Er rennt wie ein Mädchen» bedeutet: Er ist kein richtiger Junge. Wer ein richtiger Junge und später Mann sein will, darf keinesfalls weibliche Attribute haben. Eine abwertende Positionierung gegenüber Weiblichkeit ist also nicht nur ein Merkmal frauenverachtender Extremisten, vielmehr ist sie dem ganz ‹normalen› bürgerlichen Männlichkeitsideal inhärent eingeschrieben. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte wurde die hierarchische Positionierung von Männern gegenüber Frauen in der wirklichen Welt allerdings immer mehr infrage gestellt. Frauen holten und holen auf, sie dringen in ehemals männliche Domänen vor, und sie reklamieren zunehmend Gleichwertigkeit und Selbstbewusstsein. Gleichzeitig sind zentrale Quellen von männlichem Selbstwert und Überlegenheit wie etwa das Ein-Ernährermodell – dass also ein Mann eine Familie ernähren können muss – im Zuge ökonomischer Prekarisierungen erodiert. In vielen Ländern können es sich immer weniger Familien überhaupt leisten, dass die Frau zuhause bleibt. Damit geraten zentrale Bereiche des männlichen Selbstwerts und der Vormachtstellung zunehmend unter Druck.

Frauen wollen nicht mehr verfügbar sein

Auch die Bewegung «Me Too» ist Ausdruck dieses Wandels. Frauen haben deutlich gemacht, dass sie bestimmte übergriffige Verhaltensweisen nicht länger in Kauf zu nehmen bereit sind. Die Irritation darüber zeigte sich umgehend in den Statements zahlreicher Männer, die nun angeblich nicht einmal mehr wissen, «wie sie flirten sollen». Übergriffiges oder zumindest ein stark offensives sexuelles Verhalten war und ist für viele Männer offenbar so selbstverständlich, dass ein Verhalten jenseits davon schier undenkbar ist. Die Forderung, sich beim Flirten oder während dem Sex über Konsens zu verständigen, scheint so unfassbar, dass in Bezug auf Me Too häufig lieber Argumente wie «Erotik-Killer» oder «Sexzensur» ins Feld geführt werden, als ernsthaft zu erwägen, eigene Ansprüche und Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich auf die Bedürfnisse anderer, namentlich von Frauen, einzustellen.

An den Aggressionen der Incels und anderer reaktionärer Bewegungen wird gleichzeitig deutlich, wie sehr manche Männer mit dem gesellschaftlichen Wandel hadern, wie sehr das männliche Selbstverständnis ins Wanken geraten ist und sich zunehmend als fragil erweist. Viele Männer hadern ernsthaft damit, dass Frauen heute nicht nur Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik oder in zivilgesellschaftlichen Debatten sind, sondern dass sie auch zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben und ihre Sexualität leben. Die heftigen Aggressionen sind, wie ich argumentieren möchte, auch Ausdruck eines wankenden Patriarchats, einer im Kern destabilisierten Männlichkeit. Das heisst nicht, dass diese Destabilisierung, wie das Beispiel von Elliot Rodger zeigt, nicht gefährlich wäre. Die realen Gewaltakte gegen Frauen zeigen, dass der «schwächelnde» Mann besonders grossen Schaden anzurichten in der Lage ist.

Frauenhass im Internet hat zugenommen

Dabei zeigen sowohl die neuen maskulistischen organisierten Internetszenen als auch der alltägliche Hatespeech gegen Frauen frauenverachtende Muster, die keineswegs neu sind, die aber in den vergangenen Jahren durch das Internet vermehrt öffentlich sichtbar und auch aggressiver wurden. Das Internet ist – neben seinem durchaus auch emanzipatorischen Potential – ein Resonanzverstärker für Frauenhass, wie eine Studie der ETH Lausanne zeigt, die 28 Millionen Posts auf frauenfeindlichen Foren untersuchte. Die Resultate machen deutlich, dass frauenfeindliche Online-Gruppierungen in den letzten 14 Jahren stark gewachsen sind. Ferner sind die Diskussionen in diesen Foren heute klar hasserfüllter als noch vor wenigen Jahren. Frauenhass kann grundsätzlich alle Frauen treffen. Besonders betroffen sind allerdings Frauen, die sich nicht weiblichkeitskonform verhalten, die traditionelle Geschlechterrollen unterwandern, etwa indem sie laut sind, männliche Vorherrschaft kritisieren, öffentlich Aufmerksamkeit, Deutungshoheit, Einfluss und Macht beanspruchen. Die also Güter beanspruchen, die traditionell Männern zustehen. Frauen, die, wie Kate Manne in ihrer Abhandlung über Misogynie schreibt, nicht die Rolle der Gebenden erfüllen, sondern sich anmassen, zu nehmen, werden verachtet. Mehr noch: Frauen beanspruchen heute selbst Güter, die sie traditionell eigentlich Männern, der Gesellschaft, der Familie schulden: Anerkennung, Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Wenn die Zweitrangigen aufholen

Wenn ausgerechnet diejenigen, denen traditionell die Position der Schwachen und Unterlegenen zugewiesen wird, etwas beanspruchen, wird das schnell als anmassend empfunden oder gar als Umkehrung der Verhältnisse. Studien zeigen, dass Männer in einer Gruppe einen 1/3-Frauenanteil bereits als «Überzahl» wahrnehmen, ähnliches gilt für Wortmeldungen: Wenn Frauen gleich oft das Wort ergreifen wie Männer, wird das als «Frauendominanz» wahrgenommen. Mit anderen Worten: Wenn Frauen aufrücken, Raum einnehmen und ihre eigenen Wege gehen, wird das nicht als gerecht empfunden, sondern als unangemessen. Wenn die Zweitrangigen, die «Schwachen» aufholen, dann wird das nicht als gerechter Ausgleich, sondern als Anmassung empfunden. Von den Schwachen «besiegt» zu werden ist eine Schmach. Sie wird meist damit erträglich gemacht, dass die Aufholenden zu heimlich Mächtigen stilisiert werden, zu «Tugendterroristinnen», «Genderdiktatorinnen», «Schwanzabschneiderinnen» oder «Kampfemanzen».

Die Täter-Opfer-Verkehrung ist ein uraltes Muster misogyner Agitation: Frauen werden im Zuge ihrer Emanzipationsbestrebungen zur Gefahr stilisiert, zu scheinbar übermächtigen Täterinnen, zur Bedrohung. Dadurch werden Hass und Beschimpfungen gegen sie legitim, werden sie zum Abschuss freigegeben. Aggressoren wie die Incels stellen sich als die eigentlichen Opfer dar und geben damit vor, aus Notwehr zu handeln. So heisst es zum Beispiel, Frauen wollten Männer entmännlichen, oder Feministinnen werden als «Feminazis» bezeichnet. Wenn es «Nazis» sind, dann ist auch jedes Mittel legitim, gegen sie zu agieren, dann muss man sich wehren und darf schweres Geschütz auffahren. Und genau das wird gemacht. Viele der frauenverachtenden Angriffe kommen verpackt im Kleid der angeblichen Gegenwehr. Es ist eine Inszenierung, die wir nicht nur von Misogynie, sondern auch von Antisemitismus, von Rassismus und anderen Feindlichkeiten kennen: Menschen, die strukturelle Nachteile und Angriffe erfahren, werden zu den eigentlichen Täter*innen erklärt. Diese Strategie erlaubt es nicht nur, Ressentiments und Abscheu ungefiltert freien Lauf zu lassen. Sie macht auch möglich, dass Hass als eine Tugend erscheint.

Ein weiterer Aspekt ist hier zentral: Wenn Frauen ihre zugewiesenen Plätze verlassen, können sich Männer der weiblichen Fürsorge, Zuneigung und Anerkennung nicht (mehr) sicher sein. Das macht Männern schmerzhaft ihre eigene Abhängigkeit und Bedürftigkeit bewusst. Frauen rücken dadurch aus der männlichen Sicht tatsächlich in eine Machtposition; sie können Liebe entziehen, Fürsorge verweigern und Ansprüche stellen. Frauen machen deutlich, dass sie nicht (mehr) einfach zur Verfügung stehen, dass sie, im Sinne von konsensueller Sexualität, auch beanspruchen, diese zu verweigern. Manche Männer verachten Frauen, so der Sozialpsychologie Rolf Pohl, weil sie ihnen das spiegeln, was sie qua Männlichkeitsnormen nicht sein dürfen, aber permanent fühlen: ihre eigene Abhängigkeit und Fragilität.