Ausgabe 2020/4

Sexuell aktiv – von der Kirche gebremst? | Frauen erzählen

Spielt die religiöse Erziehung im sexuellen Leben heutiger Frauen noch eine Rolle? Gibt es kirchenkulturelle Tabus im Bereich der Sexualität, die Frauen im kirchlichen Umfeld nach wie vor beeinflussen?

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© Sarah Wimmer
Text: Béatrice Bowald, Sabine Scheuter / 28.05.2025

Diesen Fragen sind wir in sieben Gesprächen nachgegangen. Da die Kirchen Sexualität ausserhalb von Ehe oder fester Beziehung besonders kritisch bewerten, interessierte uns, von welchen Grundsätzen sich jene leiten lassen, die ihre Sexualität unabhängig von einer Paarbeziehung leben.

Streiflicht auf gelebte Sexualität

Die Gespräche sind durch Vermittlung zustande gekommen und daher völlig zufällig. Sie geben einen momentanen Eindruck, wie drei Frauen in den 50igern, eine Frau Ende 60, eine Frau Mitte vierzig, eine weitere Mitte dreissig und eine 19jährige ihre Sexualität leben. Gemeinsam ist diesen Frauen, dass sie einen Bezug zum kirchlichen Umfeld haben. Vier von ihnen sind römisch-katholisch, eine ist christ-katholisch und zwei sind reformiert.

Wir danken allen Gesprächspartnerinnen für ihre Offenheit und ihr Vertrauen.

Single oder in Beziehung

Zur Zeit des Interviews waren vier Frauen Single, eine am Anfang einer neuen Beziehung und zwei in einer festen, monogamen Beziehung (eine davon heterosexuell). Die Mitdreissigerin meinte, es sei schwieriger, einen Partner zu finden, wenn frau älter geworden ist. Viele seien in diesem Alter verheiratet. Sie beobachte aber auch, dass gerade in diesem Alter Beziehungen wegen der Kinderfrage auseinanderbrächen. Die Devise «lieber keinen Partner, wenn es nicht stimmt» haben auch andere unserer Gesprächspartnerinnen. Bei der Generation «sich nicht festlegen», wie die 19jährige ihre Altersgruppe kennzeichnet, schrecke bereits die Vorstellung einer Beziehung ab, weil das mit Verpflichtung verbunden sei. Bei ihr ist vor kurzem eine zweijährige Beziehung zu Ende gegangen. Nach einer Zeit des Trauerns und Verarbeitens findet sie es momentan «schön, mit niemandem gar nichts zu haben».

Sexualität (er)leben

Sexualität ist mehr als Geschlechtsverkehr. Wir hätten meist ein sehr männliches Bild von Sexualität, meint eine. Sexualität umfasse aber viel mehr. Aus den Gesprächen wird deutlich, dass Sinnlichkeit und Körperlichkeit in verschiedenen Facetten dazugehören. Die Frauen berichten, dass ihnen Nähe, Streicheln, Küssen, Umarmen, Kuscheln, Zärtlichkeit oder Massage wichtig sind.

Sich zu begegnen, zu berühren und mit einem Gegenüber auszutauschen fehle als Single. So suchen und finden sie Sinnlichkeit in anderer Form: beim Tanzen, barfuss Gehen oder im Rhein Baden. Beim Tanz sprechen der körperliche Austausch, die darin liegende Erotik und das Begehren an. Unsere Gesprächspartnerinnen berichten davon, dass sie es sich gerade in Single-Zeiten bewusst gut gehen lassen: Sie gönnen sich eine Ayurveda-Kur, Shiatsu oder eine erotische Massage. Eine Frau praktiziert Tantra – mit und ohne Partner. Was man empfinde, könne man jemandem losgelöst von einer Beziehung schenken. Das helfe ihr in der Partnerschaft und auch für sich selbst.

Selbstliebe

Wo es angesprochen wurde, gehört sich selber zu befriedigen, mit sich selber sexuelle Lust zu erleben, selbstverständlich dazu. Während dies bei den jüngeren Gesprächspartnerinnen schon immer unhinterfragt Bestandteil der eigenen Sexualität zu sein scheint, musste ein Teil der älteren erst zu einem unbelasteten Umgang mit Selbstbefriedigung finden.

Die Frau im Pensionsalter berichtet beispielsweise, dass sie sich bereits während ihrer Ehe selber gestreichelt habe, es jedoch anfänglich mit Scham verbunden war. Der Weg zu mehr Freiheit in der Selbstliebe war gleichzeitig ein Weg zu einem neuen Gottesbild: «Mein Gott ist grosszügig und möchte, dass es den Menschen gut geht. Es ist nicht ein Gott der schaut, was wir alles falsch machen.»

Entwicklungsprozess

Vier der Gesprächspartnerinnen haben früh geheiratet. Da fehlte der Raum, um vorher auszuprobieren, die eigene Sexualität und das eigene Begehren richtig kennenzulernen. Davon, dass sie durch Erfahrung zu einem befreienderen und offeneren Umgang mit der Sexualität gefunden haben, sprechen auch die Jüngeren: ausprobieren, dem nachspüren, was Lust bereitet und für eine stimmt. Die jüngste Gesprächspartnerin tauscht sich mit ihren Freundinnen über Sexualität aus. Das gäbe zusätzliche Impulse. Ihr dreissigster Geburtstag markierte für die eine einen deutlich spürbaren Übergang: Mit dreissig wisse frau besser, was sie wolle. Nicht nur sich und die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben besser zu kennen, ist Teil des Entwicklungsprozesses, sondern auch, diese mit Selbstbewusstsein durchzusetzen.

Normvorstellungen

Das interessierte uns: Gibt es moralische Vorstellungen, welche das Ausleben der Sexualität beeinflussen? Oder, wenn frau diesen nicht entspricht, ein schlechtes Gewissen verursachen? Wir fragten dabei insbesondere nach religiös geprägten Normvorstellungen.

Die Regel «kein Sex vor der Ehe» hat die Frauen der älteren Generationen zumindest noch soweit beeinflusst, dass sie nur mit schlechtem Gewissen vor der Heirat sexuell aktiv waren. Das Sakrament der Ehe hatte bei der ältesten Frau einen so hohen Stellenwert, dass sie ihre schwierige Ehe lange ausgehalten und ihrem Mann auch weit über Trennung und Scheidung hinaus die Treue gehalten hat. Eine Frau hat den Eindruck, ihre Mutter habe sie «bewusst freier und moderner zu erziehen versucht, als sie es im römisch-katholischen Milieu ihrer Kindheit erlebt hatte». Interessant ist, dass diese jüngere Frau sich weniger von kirchlichen oder bürgerlichen Normvorstellungen beengt fühlte, sondern von der Normierung sexuellen Befreit-Seins, was beinhaltet, eine bestimmte Menge Sex pro Woche zu haben, One-Night-Stands oder Polyamorie (mehrere Beziehungen nebeneinander) zu pflegen.

Sex mit und ohne Liebesbeziehung

Für die älteste Frau in der Runde gehört Sex in eine Liebesbeziehung. Das sehen andere Gesprächspartnerinnen lockerer: Jedenfalls hatte die eine Frau nie den Anspruch, dass Sexualität an eine Beziehung gebunden sein sollte. Für die meisten anderen hat Sexualität in einer Beziehung nach wie vor einen hohen Stellenwert. Aber frau passt sich auch an die Situation an. Zum Beispiel erhält sie nach dem Ende einer Beziehung mit dem ehemaligen Partner noch eine Weile eine Sexbeziehung aufrecht oder hat eine «Affäre fürs Bett». Eine Gesprächspartnerin hat darüber berichtet, wie es für sie ist, eine Sexbeziehung zu führen. Sie habe keine Mühe mit den geplanten Treffen. Die Sexualpartner_innen würden sich bewusst Raum fürs Sexuelle nehmen. Doch es komme keine Anregung hinein wie in einer Beziehung, die sich dadurch weiterentwickeln könne und das Interesse flache langsam ab. Eine Frau sprach über ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit One-Night-Geschichten: «Da gab es tief beglückende Begegnungen, aber auch eher oberflächliche, die ein schales Gefühl hinterliessen.» Ob dies einer internalisierten reformierten Strenge geschuldet oder einfach der Situation angemessen war, wusste sie nicht zu sagen.

Orientierungsmassstab?

Für die Frauen, die Sex mit einer_m Partner_in haben, gilt als Grundsatz, dass beide einverstanden sein müssen, wobei dieses Einverständnis auch jederzeit widerrufen werden könne, wie die jüngste Gesprächspartnerin festhält. Fast schon ein wenig poetisch drückt es die lesbische Gesprächspartnerin aus: «Sexualität ist etwas Gemeinsames, ein Raum, den wir zusammen erleben, ausloten, geschehen lassen. Die Grenze ist klar: Wenn einer der beiden dabei nicht wohl ist.» Die jüngste Gesprächspartnerin spricht in diesem Zusammenhang von gleichberechtigtem, respektvollem Umgang, wo beide aufeinander hören. Sie meint, beim Sex zeige sich, ob ein Mensch generell rücksichtsvoll oder rücksichtslos sei. Wichtig ist für sie auch, dass sich beide um die Verhütung kümmerten und zum Beispiel der Partner einen Teil der Kosten für die Pille übernehme.

Neben «Konsens, Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt» gehört bei unserer lesbischen Gesprächspartnerin «ein Gefühl von Leichtigkeit» dazu». Sie «findet es wichtig, beim Sex auch mal lachen zu können.»

Bestehende Beziehung – ein Tabu?

Während eine jüngere Gesprächspartnerin meint, mit einem verheirateten Mann würde es nur kompliziert, und für eine andere eine Aussenbeziehung per se nicht in Frage kommt, haben andere diesen Grundsatz durchbrochen. Bei einer war es die Rettung in ihrer kriselnden Beziehung. Sie hat in der ausserehelichen Beziehung neue Lebensfreude gewonnen und hatte dabei keine Skrupel. Demgegenüber hatte eine andere ein schlechtes Gewissen, als sie bei zwei längeren Beziehungen noch Nebenbeziehungen pflegte. Sie fand, diese Hemmung, den Partner zu verletzen, habe ja durchaus auch ihren Sinn. Allerdings habe sie sie mehr bei Frauen als bei Männern angetroffen.

Kirchenkulturelle Tabus?

Unsere Gesprächspartnerinnen lassen sich kaum von kirchlichen Vorgaben beirren. Doch obwohl sie ihre Sexualität verantwortlich gestalten, würden einige im kirchlichen Umfeld nicht offen darüber sprechen wollen. Eine Frau war in jungen Jahren davon überzeugt, dass «lesbisch, feministisch und links» nicht mit «religiös» kompatibel seien. Daher ist sie zur römisch-katholischen Kirche ausgetreten. Erst später hat sie wieder zur Kirche gefunden, zur christkatholischen. Auch wenn sie keine negativen Erfahrungen gemacht hat, ist sie immer noch daran, im Hinblick auf ihre Lebensform Vertrauen gegenüber kirchlich geprägten Menschen zu gewinnen.