Ausgabe 2020/4

Tempel des heiligen Geistes sein | Sexualität und Spiritualität verbinden

«Das Religiöse und das Geschlechtliche sind die beiden stärksten Lebensmächte. Wer sie für ursprüngliche Widersacher hält, lehrt die ewige Zwiespältigkeit der Seele. Wer sie zu unversöhnlichen Feinden macht, zerreisst das menschliche Herz. Und es ist zerrissen worden!»

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© Sarah Wimmer
Text: Hildegard Schmittfull / 28.05.2025

Das hat Walter Schubart bereits 1941 auf den Punkt gebracht und seine Aussage hat heute nichts an Gültigkeit verloren. Es geht um Versöhnung zwischen Sexualität und Spiritualität und um ihre Verortung in unserem menschlichen Leben. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Sexualität tabuisiert und dämonisiert wurde. Ich habe die 1968er Jahre erlebt und muss rückblickend sagen: Die sexuelle Befreiung hat uns nicht zu ganzheitlich integrierten Menschen gemacht. Durch die Entmythologisierung ist auch etwas vom Geheimnis der Sexualität verloren gegangen. Vielleicht wurde gar noch nie so viel abgespaltene Sexualität gelebt wie heute. Ich bin der Überzeugung, dass die Geistkraft am Werke ist, wenn in unserer Zeit das Verdrängte und Unterdrückte sichtbar wird und das Tabuisierte nicht mehr unter der Decke gehalten werden kann. Ich habe da besonders unsere römisch-katholische Kirche im Blick, die einerseits durch eine Jahrtausende lange Abwertung belastet und gleichzeitig durch einen spirituellen Überbau überfrachtet ist. Beides befähigt offensichtlich nicht dazu, ein gesundes Verhältnis zur Sexualität zu finden, wie uns die unzähligen Missbrauchserfahrungen in den letzten Jahrzehnten in erschütternder Weise gezeigt haben.

Sexualität, Quelle menschlichen Lebens

Sexualität ist eine Lebensenergie, die den ganzen Körper durchströmt, nicht nur die Genitalien. In der hinduistischen Tradition wird sie Prana genannt, ein Sanskritwort, was mit absoluter Energie übersetzt werden kann. Sie ist eine universelle Lebenskraft, die Urquelle aller Energieformen, die alles belebt. In den Upanishaden heisst es, dass Prana das Prinzip von Leben und Bewusstsein ist. Über unseren Atem werden Körper, Seele und Geist verbunden, und darüber hinaus verbindet sich unser individueller Atem mit dem kosmischen Atem. Prana ist die kreative Intelligenz, die das Universum auf allen Ebenen der Schöpfung durchdringt. Diese Energie ist physikalischer, sexueller, seelisch-geistiger und kosmischer Natur (Maruscha Magyarosy, Intelligenz des Herzens durch die fünf Tibeter, 39f ). Der sexuelle Impuls ist eine der überwältigendsten Kräfte für uns. Der Trieb zur Fortpflanzung ist der körperliche Ausdruck des evolutionären Impulses, der im gesamten Universum wirkt. «Wenn jemand diese Kraft des sexuellen Impulses in seinem Körper und Geist empfindet, dann spürt er auf einer biologischen Ebene die gleiche Energie, die vor 14 Milliarden Jahren dafür sorgte, dass Etwas aus dem Nichts heraus explodierte.» (Andrew Cohen und Ken Wilber in: EnlightenNext, 2009)

Evolution der Liebe

Diese ganzheitliche Sichtweise auf Sexualität entspricht meinem Zugang. Für mich ist sie eine göttliche Liebes- und Schöpferkraft, die die materielle Basis ist für alles Neue, das in unserem Leben und in der Welt auftaucht, sowie für alle Vereinigungsprozesse auf der individuellen, partnerschaftlichen und kollektiven Ebene. Einer meiner wichtigsten Lehrer für den Umgang mit der Sexualität ist Teilhard de Chardin, der schreibt: «Die beste Weise, die Evolution zu beschreiben, besteht darin, eine ‹Evolution der Liebe› nachzuzeichnen. (…) Liebe ist die universellste, die ungeheuerlichste der kosmischen Energien. Sie schliesst die Liebenden enger zusammen, ohne sie zu verschmelzen, und weckt in ihrer Tiefe die mächtigste und schöpferischste Eigenständigkeit.» Konkret meint er damit, dass die Energie der Sexualität im Dienst der Personalisation des Menschen und der Menschheit steht. (Teilhard Lexikon II)

Sexualität und Transformation

Ich lebe zölibatär. Obwohl der Zölibat einen so hohen Stellenwert einnimmt, ist in unseren Kirchen kein Übungsweg entwickelt, der hilft, die eigene Sexualität zu entfalten und zugunsten einer grösseren Liebesfähigkeit und Lebendigkeit zu integrieren bzw. zu transformieren. Von daher bin ich unendlich dankbar, einer Gemeinschaft anzugehören, in der dieses Thema nicht tabuisiert wird. Pia Gyger, die frühere Leiterin meiner Gemeinschaft, des Katharinawerkes, hatte das Charisma, mit diesem Thema völlig unbefangen umzugehen und es in die spirituelle Ausbildung sowohl für Singles als auch für Ehepaare zu integrieren. Ein Schwerpunkt ihrer spirituellen Ausbildung war die Transformation der Materie, wovon ein Aspekt die Sexualität ist. Sie schreibt: «Die sexuelle Energie kann in andere Energiestufen transformiert werden. In Energien, die die Zellen durch hohe Energiefrequenz beleben und in Psyche und Körper der Betroffenen Kraft und Vitalität erhöhen. (…) Die Verbindung des ‹heiligen Feuers› mit den Kräften des Herzens lässt uns immer tiefer erfahren, dass wir Tempel des Heiligen Geistes sind. (…) Die Transformation des Herzens geht auch in unserer Zeit weiter und scheint durch den grossen Übergang beschleunigt zu werden. Viele Menschen erfahren dieses Erwachen als physischen, psychischen und geistigen Wandlungsprozess. Das erwachende Herz öffnet in vielen Menschen den Sinn für die Einheit allen Lebens.» (Pia Gyger, Hört die Stimme des Herzens, 93–95)

Schlangenkraft

Pia Gyger selbst reflektierte ihre Erfahrungen mit der Kundalinikraft, deren Erwachen in ihrem Körper zeitweise mit beängstigenden Prozessen verbunden war, sehr offen. Kundalini wird in der tantrischen Lehre als Schlangenkraft bezeichnet, die allen Menschen gegeben ist. Normalerweise liegt sie zusammengerollt im ersten Chakra am unteren Ende der Wirbelsäule. Sie wird symbolisch als schlafende Schlange bezeichnet, deren Kraft von den meisten Menschen nicht explizit spürbar ist. Durch Yoga oder Meditation kann sie jedoch plötzlich erwachen und in jedem der sieben Chakren als spezifische Energie wahrgenommen werden: als sexuelles Bedürfnis, Herzensenergie, Intuition oder spirituelle Einheitserfahrung. Eindrücklich beschreibt Gopi Krishna dieses Geschehen: «Sobald ein solches Erwachen stattfindet, erfährt der normale biologische Rhythmus des Körpers unmittelbar eine drastische Veränderung, die sich völlig der Kraft und Kontrolle des Menschen entzieht. Sein Körper ist jetzt in ein Mini-Laboratorium verwandelt, das Tag und Nacht mit höchster Geschwindigkeit arbeitet.» Als feinstoffliche Essenz strahlt es in Wirbelsäule, Gehirn und Nerven aus, überschwemmt die Zeugungsorgane und regt die anderen Organe dazu an, ihre Funktionen dem neuen Leben anzupassen. Das Erwachen der Kundalini zeigt das Phänomen der Wiedergeburt, das in den religiösen Überlieferungen der Menschheit ausgedrückt wird. (Carl Friedrich von Weizsäcker, Gopi Krishna, Die biologische Basis der religiösen Erfahrung, 85 – 87)

Sexualität als Gabe und Aufgabe

Was hier beschrieben wird, widerfährt nicht vielen Menschen. Ich bin dankbar, dass ich auf meinem Weg sanftere Transformationsprozesse erleben konnte. Gobi Krishna blieb es jahrelang aufgegeben, diese Erfahrung – zeitweise mühsam – zu integrieren. Wer einen spirituellen Weg geht, sollte sich aber meines Erachtens über die Möglichkeit der Transformation Kenntnisse aneignen und wissen, dass die Integration der Sexualität ein Prozess ist. Zur Formation im Umgang mit meiner eigenen Geschlechtlichkeit und Sexualität waren der Austausch in der Gruppe, sowohl mit zölibatär Lebenden als auch mit Paaren, ein unverzichtbarer Bestandteil. Die innersten Sehnsüchte teilen zu können, auch alles Mühevolle, Verletzte und Lustvolle, das waren kostbare Geschenke von grosser Intimität.

Fülle im Schweigen

Hilfreich für die Integration meiner Sexualität empfand ich manche energetische Übung, doch die stärkste Unterstützung war für mich die Schweigemeditation. Das Sitzen auf dem Kissen, die Konzentration auf den Atem, leer zu werden und Energie aufzubauen, um die Gegenwart Gottes zu erfahren – nicht selten war das Erfahrung von Leben in Fülle.

Für mich persönlich ist es wichtig, bewusst die sexuelle Kraft wahrzunehmen, die mir zur Verfügung steht: in wesentlichen Begegnungen mit anderen Menschen, in so mancher empfangener Zärtlichkeit, in so vielen wunderbaren Erlebnissen in der Natur, im Lesen eines Gedichtes, das mein Herz anrührt, oder im Kreieren eines Textes, der mir besonders gelingt. Es macht mir Freude, diese Lebensenergie als göttliche schöpferische Kraft zu erkennen und als Geist in Aktion.

Literatur: Pia Gyger, Hört die Stimme des Herzens, München, 2006.