Endlich!
Obwohl die Schweiz meine Heimat ist – ich bin hier geboren und aufgewachsen – durfte ich mich zunächst nicht an den Entscheidungen beteiligen, deren Ergebnisse mich betreffen. Obwohl meine Familie seit zwei Generationen in der Schweiz ansässig ist, war ich trotz Geburt in der Schweiz eine Ausländerin. Zur Schweizerin wurde ich formell durch meine Heirat. Von einer Teilnahme an Wahlen war ich jedoch noch weit entfernt. Das politische Geschehen habe ich in Radio und Fernsehen schon immer aufmerksam verfolgt, auch mit meinem Mann viel diskutiert. Das Thema des Frauenstimmrechts war für mich ein wichtiges. Da im Kanton Baselland bereits seit Mitte 1968 das Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler und kommunaler Ebene galt, war 1969 die Abstimmung über den Zusammenschluss von Basel-Stadt und Baselland meine «Premiere». Am 1. Februar 1971 wurde dann endlich die Zustimmung zum eidgenössischen Frauen-Stimm- und Wahlrecht erreicht. Erschreckend fand ich damals Äusserungen von Männern, die von einer sehr herablassenden Haltung zeugten. Und so hat es mich sehr gefreut, dass es dann doch schweizweit geklappt hat und ich zum ersten Mal an den eidgenössischen Wahlen am 31. Oktober 1971 teilnehmen konnte! Mein erster Urnengang mit dem Stimmcouvert ins Wahllokal war für mich ein besonderes Erlebnis. Stolz und Freude erfüllten mich auf dem Heimweg, hatte ich doch einen wichtigen Beitrag für das Land geleistet. Und ich überlegte, ob ich wohl mit meinem Entscheid der Mehrheit angehörte. Damals wie auch heute nehme ich aus Überzeugung an Abstimmungen und Wahlen auf allen politischen Ebenen regelmässig teil und betrachte dies eigentlich auch als Pflicht.
Rita Furrer
In anderen Umständen
Meine Hände lagen zittrig auf der Bettdecke. Ich wusste nicht, ob mir warm oder kalt war. Meine Stirn jedenfalls war heiss. Weg von meiner Heimatstadt Zürich, im Austausch bei meiner Schwester in Lausanne, mit Fieber im Bett. Dienstagabend. Der letzte Abend, an dem man brieflich abstimmen konnte. Und es sollte meine erste Abstimmung sein. Das Couvert lag schon bereit, ausgefüllt hatte ich es längst. Natürlich. Wie lange hatte ich auf diesen Moment gewartet? Und jetzt, da ich endlich meine Stimme einsetzen durfte, jetzt sollte ich die Abstimmung verpassen, nur wegen einem dummen Fieber? Für diesen Text musste ich die Abstimmungsthemen nochmals nachschauen: Nachrichtendienstgesetz, AHVplus, grüne Wirtschaft. Und ich weiss nicht einmal mehr, wozu ich Ja und wozu Nein gesagt habe. Doch ich erinnere mich noch genau an den Gesichtsausdruck meiner Schwester, als sie mich verzweifelt in meinem Zimmer sah. In meinem Fieber hatte ich nicht daran gedacht, dass sie den Briefumschlag zum Briefkasten bringen konnte. So simpel: Sie warf ihn für mich ein, auf dem Weg zum Einkaufen. Und wenn ich jetzt Nachrichten höre, aus anderen Ländern, in denen die Hürden zur Demokratie manchmal unüberwindbar scheinen, dann denke ich an mein erstes Mal zurück. Keine komplizierten Registrationsprozesse. Keine Grenzen, die verschoben werden, um Resultate zu verfälschen. Keine Stimmen, die «verloren gehen», oder Minderheiten, die aktiv von Abstimmungen ausgegrenzt werden. Wie einfach doch für uns der Zugang zu Mitbestimmung ist. Nicht einmal Krankheit kann uns vom Abstimmen abhalten. Alles, was man tun muss, ist, einen Zettel auszufüllen und die Schliessung der Wahllokale nicht zu verpassen.
Salomé Perret
Ergriffen
Etwas ungläubig schaute ich irgendwann Anfang November auf den dicken Umschlag, der mich aus meinem Briefkasten anstarrte. Sehen so Abstimmungsunterlagen aus? Am 29. Oktober 2014 war ich über den Erhalt des «zürcherischen Kantonsbürgerrechts und des Schweizer Bürgerrechts» informiert worden sowie über die «Aufnahme ins Bürgerrecht der Stadt Zürich». Bis zur ersten Abstimmung sollte doch eine «Karenzfrist» von einigen Wochen gelten? Ich war ziemlich aufgeregt. Die Abstimmungsunterlagen zu «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen», kurz «Ecopop», waren die ersten, über die ich mich als «Stimmbürgerin» beugte. Für mich war es ein sehr bewusster, besonderer Akt des Staates, mir Vertrauen und Anerkennung als Bürgerin entgegenzubringen. Vertrauen, dass dieses Recht der politischen Beteiligung nach bestem Wissen und Gewissen ausgeübt wird. Ich war wirklich ergriffen, denn als (auch) Deutsche bin ich in einem demokratischen System aufgewachsen, das aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit nicht in erster Linie Bürgerinnen und Bürgern, sondern Institutionen und dem Rechtsstaat das Vertrauen ausspricht. Dass ich nun als Bürgerin zu öffentlichen und sehr komplexen Angelegenheiten um meine Meinung gefragt werde – für mich ist und wird dies in jedem Moment einer Abstimmung zu einer besonderen Verantwortung. Auch bei meiner ersten Nationalratswahl habe ich übrigens versucht, alles richtig zu machen. Sprichwörtlich stundenlang habe ich kumuliert und panaschiert, was das Zeug hält. Mit dem Ergebnis, dass sich das wichtige Wahlkuvert nach zwei Tagen wieder in meinem Briefkasten befand – die Karte mit der Adresse hatte ich falsch herum eingesteckt.
Jeannette Behringer