Ausgabe 2021/1

"Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen" | Eine feministische Protestgeschichte

Einblicke in die beineindruckende Geschichte des klugen Protests gegen frauenfeindliche Bibelsprüche.

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©Parlamentsdienste 3003 Bern
von Tania Oldenhage / 23.06.2025

«Frauen in der Politik, meine Damen, das ist schlichtweg gegen die göttliche Ordnung.» Es ist 1971 im Appenzeller Land. Was die göttliche Ordnung betrifft, scheinen die meisten Frauen im Raum derselben Meinung zu sein. Nichtsdestotrotz sieht man zwei von ihnen einige Zeit später entschlossen auf dem Weg zum Büro des Gemeindeschreibers. Sie brauchen einen Raum für das lokale Aktionskomitee für das Frauenstimmrecht. Der Gemeindeschreiber lehnt ab: «‹Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen.› So steht’s in der Bibel.» Die Frauen – nicht auf den Mund gefallen – drehen den Spiess um: «In der Bibel steht auch: ‹Du sollst nicht ehebrechen.›» Mit diesem Schlagabtausch erinnert Petra Volpes Film «Die göttliche Ordnung» (2017) für einen kurzen Moment an die höchst ambivalente Rolle der Bibel im Kampf für das Frauenstimmrecht.

Kostprobe

«Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen», ist ein Zitat aus dem 1. Korintherbrief (1. Korinther 14,34). In der neuen Zürcher Bibelübersetzung klingt der Satz ein wenig freundlicher: «In den Gemeindeversammlungen sollen die Frauen schweigen.» Was sowohl im Film als auch in vielen aktuellen Diskussionen vergessen geht, ist die Tatsache, dass der Protest gegen solche Bibelsätze innerhalb der Frauenbewegung eine lange und beeindruckende Geschichte hat. Es gibt eine ganze Palette an Relektüren und Parodien von sexistischen Bibelversen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Manche können uns bis heute erfrischen. Hier eine Kostprobe: Die Kirchengemeinde von Korinth neigte besonders zu Zerstreuung und zu Streitgesprächen; und Frauen hatten grosses Talent, dabei mitzumachen und viele schwierige Fragen zu stellen; deshalb wies man sie an, ihre Ehemänner zu Hause zu fragen. Der Apostel nahm es als gegeben hin, dass alle Männer weise genug waren, den Frauen die notwendigen Informationen in allen Fachgebieten zu geben.

Parodie

Auf den ersten Blick mag frau sich fragen, was uns hier genau entgegenkommt. Will uns jemand die historischen Hintergründe des 1. Korintherbriefs erklären? Schliesslich ist es das, was die meisten Bibelkommentare zum 1. Korintherbrief für ihre Leser*innen tun: Sie rekonstruieren für uns, wie es damals in der Gemeinde zu und her ging, um den scharfen Satz des Apostels etwas plausibler zu machen. Wenn ich die Zeilen ein wenig auf mich wirken lasse, spüre ich allerdings einen anderen Geist als den der historisch-kritischen Exegese. Denn das grosse Talent von Frauen, schwierige Fragen zu stellen, ist eine feministisch-rhetorische Figur und keine historische Rekonstruktion. Auch der Hinweis, dass die Männer damals weise genug waren, den Frauen keine Informationen vorzuenthalten, ist bereits voller politisch engagierter Ironie. So geht der «Kommentar» weiter: Andere wiederum weisen die Ehefrauen an, niemals verzwickte Punkte mit ihren Ehemännern zu besprechen; denn sollten sie einmal voneinander abweichende Meinungen haben, könnte diese Tatsache viel häusliches Unglück heraufbeschwören. In dieser Angelegenheit unterscheiden sich die Meinungen der weisen Männer so sehr voneinander, dass es vielleicht genauso sicher wäre, die Frauen ohne Hilfe der Führung ihres eigenen gesunden Menschenverstandes zu überlassen. (Ursula I. Meyer (Hg.) Elizabeth Cady Stantons Frauenbibel. Übersetzt von Petra Altschuh-Richter. Aachen 2007, S. 389– 390.) Spätestens an dieser Stelle verliert sich der Eindruck, dass wir es hier mit einer konventionellen Bibelauslegung zu tun haben. Stattdessen wird der Vers aus dem Korintherbrief ad absurdum geführt. Denn welchen Sinn hat ein Schweigegebot, wenn die Männer untereinander nicht wissen, was sie den Frauen zu sagen haben?!

Frauenbibel

Der feministische Kommentar stammt aus The Woman’s Bible. Dieses Buch wurde erstmals in den 1890er Jahren in New York veröffentlicht und ist seit 2007 auf Deutsch zugänglich. Die Frauenbibel besteht aus einer Sammlung feministischer Kommentare zu ausgewählten biblischen Texten von Genesis bis zum Buch der Offenbarung. Ausgewählt wurden Texte, in denen Frauenfiguren auftauchen, sowie Passagen, in denen Geschlechterverhältnisse reglementiert werden. Jeder Bibelstelle folgt ein kritischer, manchmal auch frommer, humorvoller, bissiger und oft explizit politischer Kommentar. Herausgeberin der Frauenbibel war Elizabeth Cady Stanton, eine der grossen amerikanischen Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht. Wer heute ihrem Namen nachgeht, stösst auf Portraits einer konventionell gekleideten gut situierten Dame mit Rüschen, Dutt und Perlenketten. Doch der Schein trügt. 1815 im Bundesstaat New York geboren und Mutter von sieben Kindern gehörte Stanton zu der Generation von Frauen, die sich über Jahrzehnte als Rednerinnen, Publizistinnen, Aktivistinnen und Netzwerklerinnen für das Frauenstimmrecht engagierten. Stanton starb 1902, knapp zwei Jahrzehnte bevor das Frauenstimmrecht in den USA in Kraft trat.

Kehrseite

So erfrischend sich Stantons Kommentare in der Frauenbibel heute lesen, gibt es eine Kehrseite zu ihrem Engagement. Denn Stantons Publikationen sind nicht nur ein Beispiel für beharrlichen feministischen Aktivismus, sondern sie illustrieren auch die rassistischen Untertöne, die der Kampf weisser Mittelstandsfrauen für das Frauenstimmrecht zuweilen annehmen konnte. Viele Jahre vor der Veröffentlichung der Frauenbibel wurde Stanton in einen Konflikt verwickelt, der zwischen der Bewegung für das Frauenstimmrecht und dem Kampf für die Rechte ehemals versklavter Menschen entstand. Der Konflikt entzündete sich u.a. an der Frage, ob schwarze Männer vor den Frauen das Stimmrecht erhalten sollten. Stanton selbst war dagegen: Denken Sie an Patrick und Sambo und Hans Yung Tung, die den Unterschied zwischen einer Monarchie und einer Republik nicht kennen, die nicht imstande sind, die Unabhängigkeitserklärung oder Websters Rechtschreibwörterbuch zu lesen, aber Gesetze machen dürfen für Lucretia Mott, Ernestine L. Rose und Anna E. Dickinson. (Übersetzung Tania Oldenhage)

Rassistische Vorurteile

Diese Zeilen wurden erstmals 1868 im Editorial der Revolution veröffentlicht und sind inzwischen berühmt-berüchtigt. Lucretia Mott, Ernestine Rose, Anna Dickinson – bekannte, erfolgreiche, auch privilegierte Frauen und Frauenrechtlerinnen – dürfen nicht abstimmen, nur weil sie Frauen sind. Und wer sind Patrick, Sambo, Hans Yung Tung? Stanton beschreibt hier in verächtlichen Worten die Ignoranz von Männern, die im sozialen Gefüge Nordamerikas nicht denselben Bildungsgrad besitzen wie Stanton und ihre Mitkämpferinnen. Stanton ist empört über die Vorstellung, dass Frauen das Wahlrecht verweigert wird, während ungebildete Männer wählen dürfen und damit das Leben von Frauen mitbestimmen. Die Vornamen, die Stanton hier auflistet, sind geladen mit klischeehaften Vorurteilen: Patrick und Hans beschwören das Bild armer irischer bzw. deutschstämmiger Einwanderer herauf, Sambo steht für den schwarzen Ex-Sklaven, Yung Tung für den Einwanderer aus Asien. Stanton war bei all ihrem bewundernswerten Engagement auch eine Komplizin des Rassen- und Klassensystems, in dem sie lebte. Historiker*innen versuchen heute, die rassistische Rhetorik Stantons einzuordnen. Was bedeutet es zum Beispiel, dass Stanton im selben Zusammenhang auch über die Situation schwarzer Frauen schreibt? Was ist mit den schwarzen Frauen der Südstaaten, fragt sie, die ohne Stimmrecht doppelt unterjocht sind und nicht nur von weissen, sondern auch von schwarzen Männern bevormundet werden? (Vgl. Jen McDaneld, White Suffragist Dis/Entitlement: The Revolution and the Rhetoric of Racism. Legacy, Vol. 30, No. 2 (2013), pp. 243–264.)

Eine Schweizer Frauenbibel?

Als sich Stanton gegen Ende ihres Lebens der Bibel annahm, stand sie von vielen Seiten im Kreuzfeuer der Kritik. Längst nicht alle Mitstreiterinnen teilten ihr Interesse an einer «Frauenbibel». Es sei der Mühe nicht wert, sich mit reaktionären Bibelstellen auseinanderzusetzen. Andere befürchteten, dass sich frömmere Leserinnen auf Grund der stellenweise recht provokanten Kommentare von der Bewegung für das Frauenstimmrecht distanzieren würden. Stanton jedoch war überzeugt davon, dass es keinen Weg an der Auseinandersetzung mit dem biblischen Erbe vorbei gab, jedenfalls nicht, solange Tausende und Abertausende Bibeln überall auf der Welt gedruckt würden. Springen wir vorwärts ins Jahr 1971 und zurück auf den europäischen Kontinent, dann stellt sich die Frage, wie säkularisiert bzw. wie religiös aufgeladen die damaligen Debatten in der Schweiz waren. Spielten kirchliche oder biblische Argumente überhaupt noch eine Rolle? Oder war der Blick auf die Bibel bereits damals höchstens eine Glosse wert? «Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen», sagt ein Mann im Appenzeller Land. Evelyne Zinsstag und Dolores Bertschinger haben in ihrem kürzlich erschienenen Buch festgestellt, dass die religiöse Ansage des Filmtitels «Die göttliche Ordnung» kaum in den Medien besprochen wurde. Sie schreiben: «Unsere kollektiven Erinnerungen bezüglich der Verbindung von Religion und Politik, gerade in der Schweizer Geschichte, scheinen auffällig kurzlebig zu sein – auch in der Frauenbewegung selbst.» (Evelyne Zinsstag und Dolores Zoé Bertschinger, Aufbruch ist eines und Weitergehen ist etwas anderes. Wettingen 2020, S. 13.) Ich denke an die Bibeln in den Wohnstuben meiner Mutter, meiner Tanten und deren Nachbarinnen. Wenn wir uns die Mühe machten, vielleicht gäbe es – in alten Briefen, Archiven und unveröffentlichten Werkstatt-Berichten – auch eine «Schweizer Frauenbibel» zu entdecken.