Seit sieben Jahren besteht eine Partnerschaft zwischen der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn und der Presbyterianischen Kirche in Ägypten, Synod of the Nile. Ein Kernstück dieser Partnerschaft ist der Austausch zwischen der Women’s Union der Ägyptischen Kirche und einer Gruppe von Pfarrerinnen aus der Schweiz. Dabei geht es um die Stärkung von Frauennetzwerken und die Förderung von Frauen in Leitungsfunktionen. Während im ägyptischen Staat das Frauenstimm- und Wahlrecht schon fast 20 Jahre früher als in der Schweiz eingeführt wurde, gibt es in der Nilsynode noch immer keine Frauenordination.
Nur nicht Esther!
Als wir bei unserem Vorbereitungstreffen für die Reise nach Ägypten die Frauenfiguren für die Bibelarbeiten verteilten, waren meine Präferenzen klar. Unsere ägyptischen Partnerinnen hatten vier Frauengeschichten vorgeschlagen, zu denen wir uns austauschen wollten: Abigajil, Esther, Mirjam und Martha. Ich war flexibel, aber eine kam für mich nicht in Frage. Seit der Sonntagschulzeit hatte ich eine Abneigung gegen die Esthergeschichte, diese lange, komplizierte Erzählung, in der die schöne und brave Esther wie im Märchen durch einen Schönheitswettbewerb den König von Persien gewinnt und dadurch das jüdische Volk retten kann. Die Abneigung hielt auch meinem Theologiestudium stand. Zum Glück schienen die Professoren (!) in Zürich und Berlin sie zu teilen und war das Buch kaum Gegenstand einer Veranstaltung oder Prüfungsstoff. Ich wählte also Abigajil, die kluge Frau des Nabal, die hinter dem Rücken ihres Mannes den jungen David und seine Krieger fürstlich bewirtet und dadurch einen Krieg verhindert. Noch in der Schweiz bereitete ich meinen Input dazu vor und freute mich auf die Gespräche mit den ägyptischen Frauen.
Waschti als Vorzeigefeministin
Gerne hätte ich auf dem Flug übers Mittelmeer aus dem Fenster geschaut oder in einem Reiseführer geschmökert. Doch auf dem Tischchen vor mir lag ein Stapel mit Kopien zum Buch Esther. Eine der Schweizer Kolleginnen hatte wenige Tage zuvor die Reise abgesagt, weil ihr Vater im Spital lag. So war der Beitrag zum Buch Esther doch noch bei mir gelandet! Und da sass ich nun und las etwas widerwillig die Geschichte, die ich aus der Bibel in gerechter Sprache kopiert hatte. Da war also König Xerxes, Herrscher des Perserreiches. Mit einem grossen Festmahl stellt er seine Macht und seinen Reichtum vor den Fürsten im Lande zur Schau. Als Höhepunkt will er auch seine Frau, die schöne Königin Waschti, vorführen. Aber Waschti weigert sich, vor dem König und seinen Saufkumpanen zu erscheinen. In der Sonntagschule damals eher eine unbeliebte Nebenfigur, gewinnt sie beim Wiederlesen der Geschichte sofort meine Sympathie. Genau das ist die richtige Reaktion auf die unmögliche Forderung des Königs. Dass Waschti mit ihrer emanzipierten Verweigerungshaltung das ganze patriarchale System in Frage stellt, merken auch der König und die versammelten Fürsten. Der feministische Virus könnte auch andere Frauen infizieren. Darum muss ein Exempel statuiert werden: Waschti wird verstossen. Im ersten Kapitel also kein Erfolg für diese frühe Feministin, dafür eine erstaunlich hellsichtige Analyse des patriarchalen Systems.
Esthers Chance
Nun braucht der König eine neue Königin. Es kommt die Stunde der Esther. Der König lässt im ganzen Land schöne junge Frauen einsammeln. Im Palast werden sie erst ein Jahr lang gepflegt, dann dürfen sie ihre Reize für eine Nacht dem König vorführen. Was auf den ersten Blick wie ein fröhlicher Wettbewerb à la Germany’s next Topmodel wirkt, ist auf den zweiten Blick ein brutales System, in dem junge Frauen aus ihren Familien geholt, nach langer Vorbereitung vom König eine Nacht lang ausprobiert und dann im Harem entsorgt werden. Esther hat Glück. Mit ihrer Schönheit und Bescheidenheit gewinnt sie die Gunst des Königs und wird zur neuen Königin. Lange spielt sie das höfische Spiel mit, hält sich an die Regeln und schmeichelt dem König. Bis sie eines Tages von einer bösen Intrige gegen die Jüdinnen und Juden erfährt und ihre Position nutzen kann, um ihr Volk zu retten. Meine Sympathie hat sie immer noch nicht. Aber im Anflug auf Kairo hat mich die Geschichte gepackt.
Feministische Konkurrentinnen
Die beiden Frauen, Waschti und Esther, konkurrieren nicht nur um den persischen König, sondern auch um den richtigen Feminismus. Waschti gilt bei vielen feministischen Interpretinnen als Vorbild. Die aus der Karibik stammende feministische Theologin Princess O’Nika Auguste setzt dahinter ein grosses Fragezeichen. Sie hält Waschti für eine First World Feministin, während Esther in ihren Augen einen Post-Colonial Feminism vertritt, der heute vor allem in Ländern des globalen Südens für Frauen die adäquatere Form ist, sich in diesem Kontext behaupten zu können. «Esther mag für viele Frauen in der ersten und zweiten Welt keine feministische Ikone sein, aber Esther ist eine feministische Ikone für viele Frauen in Ländern der Dritten Welt und viele Frauen aus Minderheitengruppen – Frauen, die trotz unbeschreiblich schwieriger Umstände ihren Weg finden mussten, um zu überleben und stark zu bleiben.[…] Es ist einfach für uns zu sagen, dass Esther wie Waschti sein und sich gegen den König und seine Berater hätte stellen sollen, aber wenn sie es getan hätte, wie hätte sie ihr Volk retten können? Esther befand sich in derselben Situation wie viele Frauen in der postkolonialen Welt. Am Ende tun sie wie sie, was sie tun müssen, um zu überleben. Und manchmal gelingt es, durch Subversion, Klugheit oder Ausnutzen unerwarteter Möglichkeiten Einfluss zu nehmen, der über das Überleben hinausgeht und Veränderungen bewirkt.» (Princess O’Nika Auguste, Was Esther a Post-Colonial Feminist? In: Christian Feminism Today, 2017; zuletzt aufgerufen am 25. November 2020 auf www.eewc.com.) In Assiut wurden wir herzlich empfangen. Die Gespräche wurden allerdings behindert durch die Tatsache, dass unsere Übersetzerinnen nicht erschienenen waren. Unsere ägyptischen Partnerinnen hatten zwei professionelle Dolmetscherinnen samt Technik für die Simultanübersetzung organisiert. Doch genau an diesem Wochenende besuchte der Präsident der Nilsynode mit einigen ausländischen Gästen die Region von Assiut. Er hatte die beiden Dolmetscherinnen kurzerhand von unserer Konferenz abgezogen und für sich beansprucht. Willkommen im Patriarchat, dachten wir Schweizerinnen, und hegten Waschti-Gefühle. Die Ägypterinnen trauten sich nicht ganz so laut, gegen ihren Präsidenten zu schimpfen. Sie beauftragten zwei Frauen aus ihrem Kreis, die Gespräche zu übersetzen, Technik und Zeitplan ade.
Esther-Strategien heute
Am Nachmittag war die Esthergeschichte an der Reihe. Am Anfang verlief die Diskussion etwas zäh. Die Ägypterinnen hatten teilweise Mühe, sich von der Sonntagschulvariante der Geschichte zu verabschieden und sich vorzustellen, was die Nächte beim König von Persien für die jungen Frauen wirklich bedeuteten. Die Reaktionen der Ägypterinnen auf Waschti und Esther als zwei Typen von Feministinnen waren dafür umso lebhafter. Die Typologien inspirierten sie, sich über ihre eigenen Strategien auszutauschen. Besonders zum Vorgehen von Esther sprudelte es von Beispielen. Dass Esther wie auch Abigajil dabei hinter dem Rücken ihrer Ehemänner eine Hidden Agenda führten, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, war eine Selbstverständlichkeit für sie. In einer vertraulichen Runde wurde über ein Fallbeispiel diskutiert: Stell dir vor, eine Nachbarin berichtet dir, dein Sohn hatte einen Streit mit einem anderen Jungen, er hat zugeschlagen und ihn dabei verletzt. Würdest du deinem Ehemann davon erzählen? Selten war die Meinung der Gruppe so einhellig und klar, dass das keine kluge Strategie wäre, sondern die Sache direkt mit dem Sohn und ansonsten unter den beteiligten Frauen und Müttern geregelt werden müsste. Wir Schweizerinnen staunten. Überhaupt haben wir an dieser Konferenz viel gelernt. Noch nie hatten wir so lebendig über biblische Frauengestalten diskutiert wie in Assiut. Die postkoloniale feministische Brille der karibischen Theologin und die Lebensrealität der Ägypterinnen haben uns diese Geschichten auf eine ganz neue Weise erschlossen und unseren bisherigen Interpretationen einen heilsamen Spiegel vorgehalten. Wer sind wir, dass wir die Methoden, wie diese Frauen um ihre Rechte kämpfen, be- oder gar verurteilen könnten? In den Begegnungen mit den ägyptischen Partnerinnen haben wir seither mehr Geduld und Verständnis für ihr langsames und vorsichtiges Vorgehen und ihre Hidden Agendas, die meist auch uns verborgen bleiben.
Waschti-Strategien in den WANA-Staaten
Gewachsen ist auch unser Respekt vor den Frauen, die in den patriarchalen Gesellschaften der WANA(Westasien und Nordafrika)-Staaten den Waschti-Weg beschreiten. An dem Tag, an dem ich diesen Bericht schreibe, lese ich in der Zeitung, dass die saudische Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul, die sich seit vielen Jahren für Frauenrechte in Saudiarabien einsetzt und dafür seit 2018 im Gefängnis sitzt, vor ein Sondergericht gestellt wurde. Am gleichen Tag nennt die Zeitschrift Frauensicht vier weitere Frauen, die im Jahr 2020 unsere Aufmerksamkeit verdienen. Sie haben sich in Libyen, Afghanistan, im Irak und in Algerien für Frauenrechte eingesetzt und dafür Morddrohungen erhalten und wurden ins Gefängnis gesteckt, überfallen oder gar erschossen. Einige von ihnen haben andere Frauen angesteckt, sie zu Protesten und Demonstrationen ermutigt. Auch diese Frauen und viele weitere unbekannte gehen grosse Risiken ein und verdienen unseren grössten Respekt. Sie rufen uns auf, hier in unseren Ländern, wo wir dies nicht unter Lebensgefahr tun müssen, unseren Spielraum zu nutzen und uns mit noch mehr Mut und Engagement für die Rechte der Frauen weltweit einzusetzen.