Einen neuen Himmel und eine neue Erde: Dafür hat Dorothee Sölle gearbeitet, gesungen, gedichtet, geliebt und gelacht. Sie war eine leidenschaftliche Lehrerin, erfahrungsgebunden, verwundbar, streitbar. So habe ich sie damals als Studienleiterin an Tagungen im RomeroHaus erlebt. Die Fragen, das Leben und die Welt des Menschen sind der Ausgangs- und der Zielpunkt ihrer Theologie seit ihrer ersten Publikation 1965. Darin liegt eine Umkehrung jener theologischen Tradition, die von Gott und seiner Herrschaft ausgehend die Rolle des Menschen zu beleuchten versucht. Ein Ansatz, für den sich die spätere feministische Theologie stark machte und auch heute noch einsetzt.
«Feministin avant la lettre»
Sich selbst bezeichnete Dorothee Sölle erst Anfang der 1980er-Jahre als Feministin. Rückblickend fand sie, dass alle ihre Bücher und Entwürfe auch vor der ausdrücklichen Beschäftigung mit dem Feminismus feministisch waren – «avant la lettre». Politisierung und Feminismus sind für sie miteinander verwoben. Auf ihrem theologischen Weg als Frau hätten ihre Erfahrungen geholfen, die sie in den USA gemacht habe. Zum Feminismus sei sie durch ihre amerikanischen Freundinnen gekommen. 1975 bekam sie den Ruf an das Union Theological Seminary in New York, wo sie 12 Jahre lang lehrte. Das war Beverly Harrison zu verdanken, der Professorin für Sozialethik am Union. Sie und viele jüngere Frauen am Union hätten sie immer wieder gefragt: «Was hat deine Theologie mit deinem Frausein zu tun?» Später sagte Sölle darauf: «Mir fiel nicht viel dazu ein. Dann ist mir aber, je mehr ich darüber nachgedacht habe, sehr, sehr viel klarer geworden, dass etwa mein theologischer Widerstand gegen ein von männlichen Zügen bestimmtes Gottesbild und mein Protest gegen einen Gott, der im Wesentlichen Macht verkörpert, im Grunde ein feministischer Protest war.» (Ursula Baltz-Otto/Fulbert Steffensky (Hg.), Dorothee Sölle, Gesammelte Werke 2. Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, Stuttgart 2006, 191, ursprünglich aus: Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Stationen Feministischer Theologie, München 1987.)
«Wir haben keine Zeit mehr, Gott zu verschweigen»
Dorothee Sölle hat von Gott nicht in statischen Begriffen geredet, sondern in Tätigkeiten: Gott denken, Gott suchen, Gott lieben. Mit dieser sinnlich, poetisch und kämpferischen Art, Theologie zu treiben, hat sie provoziert. Sie formuliert keine Theorie über einen abstrakten, sich selbst genügenden Gott, sondern geht hauptsächlich von menschlichen Erfahrungen aus. Sie glaubt nicht – wie man so sagt – «an Gott», «aber ihm verstehst du kann ichs schlecht abschlagen», schreibt sie in einem ihrer Gedichte. Auf diesen Dativ kommt es an; sie glaubt Jesus seinen Gott. Wie er es getan hat, geht es für uns darum, Gott zum Leben zu erwecken. Die Menschwerdung Gottes war für sie kein einmaliger, abgeschlossener Vorgang, sondern ein weiter wirkender Prozess. Gott wird immer mehr Mensch – und Gott wird immer wieder Mensch. Aber auch dies: «Gott stirbt, wenn der Mensch umgebracht wird.» Gottes Abhängigkeit von uns ist eine ihrer zentralen theologischen Botschaften, einen Gedanken, den wir später bei Carter Heyward und anderen feministischen Theologinnen finden.
Ganz gegenwärtig sein
Es gibt kaum eine Theologin wie Dorothee Sölle, deren Werk so eng mit ihrer Gegenwart verknüpft ist. Nichts lag ihr ferner als eine Theologie im Elfenbeinturm, ein Glasperlenspiel fernab von Schmerz und Ungerechtigkeit der Welt. Von ihr zu lernen heisst, ganz gegenwärtig zu sein – in der mehrfachen Bedeutung dieses Wortes: gegenwärtig Zeitgenossin sein, politisch und gesellschaftlich engagiert. Dabei die Welt nicht akzeptieren, wie sie ist. Stattdessen für möglich halten, dass Jesu Seligpreisungen heute gelten, genau jetzt – nicht den Etablierten, Gebildeten, Privilegierten, nicht der Kirche in ihrer verfassten Form, sondern denen am Rand. Und schliesslich: im Augenblick gegenwärtig sein und Gott darin finden, Mystikerin werden, verbunden sein mit allem. Dorothee Sölle war sensibel, klar, zäh, unbequem, streitbar und konsequent (manche sagen auch: ideologisch und aggressiv). Insbesondere inspirierte sie, die Dinge neu zu sehen, Neues zu sehen und das eindrücklich und eindringlich zu formulieren. Sie schlug Brücken: zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht ist, zwischen dem, was uns droht, und dem, was die Hoffnung nähren kann – trotz allem.
Weltverbunden, leidenschaftlich und parteilich
Feminismus ist vorrangig bedacht auf das Leiden, das Glück und die Kraft von Frauen. Aber Feminismus ist nicht nur Thema, sondern auch eine Art zu sprechen, zu denken und der Gleichgültigkeit zu entkommen. Diese feministischen Momente finden sich in der Theologie von Dorothee Sölle, zuvorderst in deren Weltverbundenheit. Man kann auf Dauer nicht denken, was man nicht auch tut. «Ein Gebet ohne Handlung ist eine Heuchelei», so hat es Dorothee Sölle im ersten Politischen Nachtgebet in Köln formuliert und dafür viele Prügel bekommen. Zu ihrem Gebet für den Frieden gehörten daher ihre Reise 1972 in die Bombengebiete von Vietnam, ihre Blockaden vor dem Giftgaslager in Waldfischbach und vor dem Lager der Massenvernichtungswaffen in Mutlangen in Deutschland – und ebenso, dass sie vor Gericht kam und verurteilt wurde. Sie war da, wo Menschenrechte verletzt wurden, ob es in Nicaragua, Argentinien oder in den USA war. In ihrem Handeln zeigt sich ein Grundzug feministischer Theologie: die Abkehr von der theologischen Gleichgültigkeit, die Konkretion und die Einmischung. Erkennbar wird in ihrem Denken und Handeln, was ich für ein Grundanliegen feministischer Theologie ansehe, nämlich die Aufmerksamkeit für alle, die um ihr Leben betrogen werden: die Frauen in den Barrios von Peru, die Arbeiter am Fliessband, die Kinder in den Pariser Obdachlosensiedlungen, die Flüchtlinge in den Wäldern von Bihac. Die Themen der verwundeten Frauen hatten einen Vorrang in ihrem Denken und Handeln, aber keine Ausschliesslichkeit. Sie liess eine Konkurrenz der Opfer untereinander nicht zu. Die Option für die Frauen wird im solidarischen Kontext mit anderen Optionen begriffen. Der gemeinsame Grund beruht im Hunger nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Ausschliessendes Denken und Handeln erregten ihren Zorn. Dieser war Teil ihres Feminismus. Zorn nannte sie die Eigenschaft eines gebildeten Herzens, das sich empört, wo Menschen um ihr Leben betrogen werden.
Poesie der Leidenschaft
Dorothee Sölle hat nie eine Professur an einer deutschen Universität bekommen. Man hat ihr Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Ihre Sprache passte in der Tat nicht ganz in die Abstraktionsverliebtheit, die an deutschen Akademien herrscht. Sie hat oft den Gang ihrer Themen in Vorträgen mit Gedichten und Liedern unterbrochen; sie hat oft auch selbst gesungen. Ihre Sprache war streng, aber eher poetisch als nur analytisch. Vielleicht ist das der Grund, warum sie viel stärker von Frauen aufgenommen und geliebt wurde als von universitären Männern; sie fand eher in Gemeinden ihren Platz als in Hörsälen. Wegen der Freiheit und Poesie ihrer Sprache haben nicht-kirchliche und nicht-christliche Menschen ihre Bücher gelesen, während diese an theologischen Fakultäten wenig bekannt waren. Gerne sprach Dorothee Sölle die alte biblische Sprache und machte sie lebendig, indem sie diese in ungewohnten Kontexten brauchte. Beispielhaft nenne ich das Wort Bekehrung: Teschuwa war für sie «das Recht, ein anderer zu werden». Umkehr hat sie also nie nur individualistisch und nur innerlich verstanden, sondern immer auch politisch: Bekehrung von unserer Art, im Überfluss zu leben, die Ressourcen und die Arbeitskraft anderer auszubeuten. Sie hat – eingebunden in die jüdische Tradition – darauf bestanden, dass es keinen Tag und keine Stunde gibt, in der Umkehr unmöglich ist. So hat sie an vielen Stellen die alte Sprache hörbar gemacht. Dass wir unsere Sprache an ihrer Sprache schärfen und zum Leben bringen können, ist eines ihrer Vermächtnisse.
Einseitig und voreingenommen
Oft wurde ihr theologische und politische Einseitigkeit vorgeworfen. Auch diese Einseitigkeit ist ein Zug ihres Feminismus. Demgegenüber wird viel eher die affektfreie Neutralität gelobt, von der man sagt, sie trübe den Blick nicht und fälsche das Urteil nicht. Der Annahme, dass man in emotionaler Neutralität ein klareres Urteil habe, setzte Dorothee Sölle dezidiert entgegen: «Die grössten und perfektesten Mörder in unserem Jahrhundert sind nicht emotional reichbegabte und leidenschaftliche Menschen gewesen, sondern affektarme Bürokraten, die emotionsfrei Befehle ausführten.» (Dorothee Sölle, Sympathie. Theologisch-politische Traktate, Stuttgart 1978, S. 88) Es gibt für sie eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet: Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, wie kann ich dann das Leiden wahrnehmen? Voreingenommenheit ist Herzensbildung, die uns das Recht vermissen lässt.
«Mystik und Widerstand»
Die Verknüpfung zwischen Kontemplation und Aktion bzw. zwischen Mystik und Widerstand ist eine der grundlegenden Einsichten von Sölles theologischem Wirken insgesamt, wird aber noch zu wenig gewürdigt. Diese Verbindung erscheint bereits in ihrem Tagebuch von 1944, das mit einem Text der Mystikerin Mechthild von Magdeburg beginnt. Der Mönch und Mystiker Heinrich Seuse wird in ihrem Buch «Die Hinreise» von 1975 bedacht. Als ihr wichtigstes Buch hat sie ihr Alterswerk angesehen: «Mystik und Widerstand» von 1997. Daran hat sie über 20 Jahre immer wieder gearbeitet. Könnte es sein, dass wir für eine theologische Grundfarbe von Dorothee Sölle blind sind? Wir kennen sie als Feministin, Revolutionärin und kämpfende Frau. Als Mystikerin bleibt sie eher fremd. Aber sie war nicht nur zu Hause in ihrer Arbeit. Unentbehrlich waren ihr auch die nutzlosen Köstlichkeiten wie das Gebet, die Lieder, die Stille, die Gedichte. Sie hat Klavier gespielt bis zum letzten Tag, sie hat gebetet und die Gottesdienste besucht. Ihr letzter Vortrag ein Tag vor ihrem Tod hiess «Gott und das Glück», der letzte Satz darin lautet: «Wir beginnen den Weg zum Glück nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.» (Dorothee Sölle/Fulbert Steffensky, Wenn du nur Glück willst, willst du nicht Gott, https://shop.auditorium-netzwerk.de, CD 2003.) Das ist die eindrückliche Formulierung dessen, was wir Gnade nennen.