Ausgabe 2021/1

Welche Kraft treibt an? | Vom Verbreiten einer Idee gegen alle Widerstände

Priska erläutert in Apostelgeschichte 18 einem Gelehrten das rechte Christusverständnis. Paulus lässt sie in zweien seiner Briefe grüssen. Auf den Spuren einer Pionierin.

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Text: Moni Egger / 19.06.2025

Wieder einmal sitze ich vor dem Bildschirm und habe Tränen in den Augen. Der Film «De la cuisine au parlement» (Von der Küche ins Parlament) skizziert 150 Jahre Kampf ums Frauenstimmrecht in der Schweiz. Es sind Tränen der Wut. Aber auch Tränen der Dankbarkeit. All ihr Frauen, die ihr gekämpft habt, listig und klug und ausdauernd: Ich danke euch! Das war ja wohl nicht einfach, dieses Kämpfen. Nur schon die schier unendliche Dauer von sechs Generationen! Das Einstehen für die eigene Überzeugung, mitten in einer zutiefst patriarchalen Umwelt. Anfeindungen in Kauf nehmen. Streit auch untereinander, wenn es um die notwendigen Schritte und Methoden ging. Leise mit Überzeugungsarbeit an die Sache herangehen oder lautstark mit Protestaktionen? Auseinandersetzungen um unterschiedliche Auffassungen, unterschiedliche Schwerpunkte. Zuallererst mussten Strategien gefunden werden, die Bewegung erst einmal aufzubauen, miteinander in Kontakt zu sein. Dann einander immer wieder stärken in den widrigsten Umständen. Dranbleiben. Trotz Gefährdung von Freundschaften und familiären Beziehungen. Trotz so lange ausbleibendem Erfolg.

Danke, ihr Vorkämpferinnen

Bis die Schweizer Männer dann endlich ja sagten, gnädigerweise ihre bisher alleinige Macht mit der anderen Hälfte der Bevölkerung zu teilen. Bis die ersten Frauen gewählt wurden. Bis Elisabeth Kopp und ihre Mitstreiterinnen 1988 endlich eine Erneuerung des Eherechts erreichten und damit verheirateten Frauen erst Selbstbestimmung ermöglichten. So gesehen ist es eigentlich ganz unglaublich, was sich in den letzten fünfzig Jahren alles verändert hat. Dass ich hier auf dem Balkon sitze und schreibe, während mein Mann drinnen kocht und putzt und räumt. Dass ich mein eigenes Konto habe, meine eigene Versicherung, meinen eigenen Beruf, meine eigenen Pläne. Dass wir miteinander unser Leben gestalten. Danke, ihr Vorkämpferinnen! Auch wenn es noch viel zu tun gibt – es tut gut zu sehen, wie viel schon geschah.

Priska, Vorkämpferin im 1. Jahrhundert

Ich arbeite an einer Erzählung zu Priska. Die Apostelgeschichte erzählt im 18. Kapitel von ihr, wie sie dem Gelehrten Apollos das rechte Christusverständnis beibringt. Und zweimal wird sie von Paulus erwähnt. In seinem Brief an die Gemeinschaft in Rom lässt Paulus sie grüssen, und in seinem Brief an die Gemeinschaft in Korinth schickt er Grüsse mit von Priska und ihrem Mann Aquila. Beide Male erwähnt Paulus auch, dass sich die Christusgläubigen in Rom oder Korinth jeweils bei Priska und Aquila treffen. Aus diesen drei Bruchstücken skizziere ich eine Frau in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts. Sie lebte in Rom, in Korinth und in Ephesos. In der Bibel wird Priska stets zusammen mit ihrem Mann Aquila erwähnt, wobei ihr Name fast immer vor seinem steht. Das ist auffällig. Sie mag also die treibende Kraft gewesen sein, wenn sie wieder einmal in eine neue Stadt zogen, wenn sie wieder neue Leute um sich scharten im Glauben, dass das Ende der Zeit bald kommt und dann eine bessere, eine gerechtere Welt anbricht.

Gemeinsam kraftvoll

Was mag sie angetrieben haben? Überhaupt, was war das für eine Kraft, die den Messiasglauben rund ums Mittelmeer verbreitete? Das war ja wohl nicht einfach. Das Einstehen für die eigene Überzeugung, mitten in einer zutiefst patriarchalen und kaiserzentrierten Umwelt. Anfeindungen in Kauf nehmen. Streit auch untereinander, wenn es um die notwendigen Schritte und Methoden ging. Es mussten Strategien gefunden werden, die Bewegung erst einmal aufzubauen, miteinander in Kontakt zu sein. Dann einander immer wieder stärken in den widrigsten Umständen. Dranbleiben. Trotz Gefährdung von Freundschaften und familiären Beziehungen. Trotz Gefahr für Leib und Leben. Auch Priska bekam die Anfeindungen zu spüren. In Apostelgeschichte 18,2 heisst es lapidar: «Sie waren kürzlich aus Italien gekommen, weil Klaudius angeordnet hatte, dass alle Juden und Jüdinnen Rom zu verlassen hätten.» Dahinter steckt das sogenannte Klaudius-Edikt. Es ist kaum anzunehmen, dass die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt Rom damals vertrieben wurde, denn je nach Schätzung lebten im ersten Jahrhundert 30 000 bis 60 000 jüdische Menschen in Rom. Beim römischen Schriftsteller Sueton lesen wir: «Er hat die Juden aus Rom vertrieben, die, von Christus angestiftet, unablässig für Unruhe sorgten.» Es wurden also jene vertrieben, die durch ihre Glaubensauffassung Tumulte provozierten. Es gab wohl Auseinandersetzungen um unterschiedliche Auffassungen, unterschiedliche Schwerpunkte. Unter den Vertriebenen ist Priska. War sie vielleicht etwas gar überschwänglich im Verkünden ihrer neuen Überzeugung und dem Versuch, auch andere zu begeistern? Priskas Spur führt weiter nach Korinth und Ephesos und wieder zurück nach Rom. So war sie Paulus immer einen Schritt voraus. Gut möglich, dass sie und Aquila an diesen Orten als erste die Christusbotschaft verkündeten. Immerhin schreibt Paulus über sie in seinem Brief an die Gemeinschaft in Rom: «Grüsst Priska und Aquila – Mitstreiterin und Mitstreiter im Messias Jesus, die für mein Leben ihren eigenen Hals hingehalten haben. Nicht nur ich bin ihnen dankbar, sondern auch alle Gemeinden aus den Völkern. Die Grüsse gehen auch an die Gemeinde, die sich um ihr Haus schart.» (Röm 16,3-5)

Pionierin der Christusbewegung

Priska, eine Pionierin der Christusbewegung. Und sie war längst nicht allein. In den Paulusbriefen und in der Apostelgeschichte tauchen unzählige Frauen auf, viele werden gar mit Namen genannt, wenn auch ihre Geschichten kaum überliefert wurden. Aber im antiken Umfeld, das durch und durch patriarchal geprägt und strukturiert ist, ist allein das schon aufsehenerregend. Und dann erst das Propagieren einer prinzipiellen Gleichheit, wie sie im Galaterbrief im dritten Kapitel anklingt. Wer das Christusgewand anzieht, wird gleich. Unabhängig von Status, Geschlecht, Herkunft, Religion. Wer sich also ganz in diese Überzeugung hineinbegibt, in den Glauben an eine gerechtere Welt, in der der Tod besiegt ist, wer diesen Glauben sich anzieht wie eine zweite Haut, wer alle eigenen Handlungen darin integriert, die und der hat Teil an dieser Gleichheit.

Gescheiterter Versuch

Jedoch: Der Versuch, die alten Binaritäten und Hierarchien aufzubrechen, scheitert. Nicht nur gegen aussen, auch im Inneren bleiben die christusgläubigen Männer den Frauen vorrangig, die Freien den Sklavinnen und Sklaven, die Reichen den Armen. Allein schon durch ihren viel grösseren Handlungsspielraum. Auch den gelernten Habitus wird man nicht so einfach los. So sehen wir in den bis heute überlieferten Briefen aus jener Zeit nur noch die Spuren des Versuchs. Vielleicht mag er in der grossen Energie und Aufbruchstimmung des Anfangs da und dort Wirklichkeit geworden sein. Vielleicht gab es sie tatsächlich, Gemeinschaften von Gleichen im gleichen Gewand. So jedenfalls stelle ich mir Priskas Arbeit vor, immer im Ringen um diese gleiche Wertigkeit aller. Ich kann mir aber auch denken, wie fast unerreichbar schwierig das ist, als kleine Minderheit in einer durch und durch ungerechten Welt, die ihr ganzes System auf der Ungleichheit aufbaut. Und wenn dann die Geistkraft des Anfangs dem Geist des Alltags Platz machen muss, dann kommt es wieder darauf an, wer auf die besseren Strukturen zurückgreifen kann, wer die besseren Beziehungen hat, wer auf weniger Widerstand stösst und dadurch weniger Reibung auslöst. Angesichts zunehmender Bedrohung durch Verfolgung wird Unauffälligkeit zur Strategie. In der Krise liegt der Griff nach Altbekanntem nahe. Und wenn sich der Wind dann dreht, das Christentum zur Staatsreligion erhoben wird, dann ist damit plötzlich Macht verbunden. Die will mann nicht teilen.

Freiheit erzählen

Schade, schade, schade! Aber bevor mich schon wieder die Tränen überkommen, denke ich lieber weiter an meiner Priska herum. Denn es ist für mich fast therapeutisch, mich mit ihr zu beschäftigen. Indem ich ihr eine Geschichte gebe, sie denken, handeln, glauben, zweifeln, sprechen lasse, eigne ich mir die Geschichte ein Stück weit an. Ich denke mich in sie hinein – und bin nicht mehr nur ausgeliefert. Stellvertretend für mich wird Priska in dieser Geschichte zum handelnden Subjekt. Das ändert nicht, was passiert ist und wie sich das auswirkt bis heute. Und doch bin ich fest überzeugt: Wenn wir von Freiheit erzählen, kann Freiheit auch werden. Zweitausend Jahre später hat eine ganz andere Aufbruchsbewegung – zum grossen Glück für mich – mehr Erfolg damit, alte Binaritäten aufzubrechen und Hierarchien langsam aber sicher abzuschleifen. Bis sich alle Frauen und Männer wirklich frei für Küche oder Parlament oder beides entscheiden können, wird es zwar noch eine Weile dauern. Aber, so zuversichtlich bin ich: Der Weg dorthin ist eingeschlagen.